Was vom Tage übrig bleibt (65): BT-Grüßausschuss, PR-Ergüsse von Sepp Hosni Ben Ali Blatter

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Der Grüßausschuss: Welche Funktionen hat der Sportausschuss des Bundestages noch und was haben die Abgeordneten vor – bzw haben sie noch was vor?

Sportgespräch des Deutschlandfunks, von Grit Hartmann und Robert Kempe.

:

Viele Abgeordnete, man muss es fairerweise sagen: nicht nur aus den Reihen der Union und der FDP, fielen durch körperliche und geistige Abwesenheit auf, und auch die, die da waren, waren nicht immer auf Ballhöhe, was sich dann an Fragen von großer Ahnungslosigkeit offenbarte. Insofern war es eigentlich nur eine Frage der Zeit, wann sie mit dieser Selbstentblößung Schluss machen wollten, die Mitglieder des Ausschusses.

Michael Reinsch, FAZ

Nachtrag, 12.52 Uhr: Jetzt auch als Text online.

Einige Zitate. Zunächst erneut Michael Reinsch, weil er mich mit seinen Beispielen an einige Sitzungen erinnert, die ich auch erlebt und protokolliert habe:

Ich werde nie vergessen – in öffentlicher Sitzung – den Auftritt des Generaldirektors Michael Vesper, der, von den Abgeordneten gebeten, die Zielvereinbarungen, die der DOSB mit seinen Fachverbänden abschließt, offen zu legen, sich geweigert hat. Und tatsächlich verlangte, dass diese Vereinbarungen, in denen also abgemacht wird, was so ein Verband sich vornimmt für die nächsten Olympischen Spiele und was er dafür für Unterstützung erhält, dass so etwas die Sportorganisationen wie ein Staatsgeheimnis behandelt wissen wollen. Und die Abgeordneten haben das so hingenommen. Der Sportausschuss hätte da natürlich eine Kraftprobe daraus machen können. Aber wenn man keine Kraft hat, lässt man es auch auf eine Probe nicht ankommen.“

Ich denke mal, Michael Reinsch hat diese Sitzung gemeint:

Ich empfehle wirklich, diese zweidreiviertel Jahre alten Notizen zu überfliegen, sich aber die Aussagen (soweit sie in verständlichem Deutsch formuliert wurden) von Klaus Riegert (CDU) etwas gründlicher anzusehen. Da wird dann schon eine große Leere deutlich. Kein Wunder, dass dieser Mann die Öffentlichkeit ausgeschlossen hat – und im Deutschlandfunk nun tönt irrlichtert:

Ich hab darauf hingewiesen, dass es bestimmte Veröffentlichungen gibt – nicht die Öffentlichkeit im Sportausschuss, sondern bestimmte Veröffentlichungen -, die man mal in der Sprache und im Inhalt nachlesen muss und in den Bewertungen.

Das können Sie sich selber – Sie werden ja eh das dann wieder kommentieren und hin und her auslegen, wie Sie wollen. Ich bleibe dabei, es gibt öffentliche Szenarien, die man einfach mal in der Sprache, darauf habe ich hingewiesen, von der Sprache her nachprüfen muss. Und da bin ich ganz deutlich der Meinung, die zielen nicht darauf hin, Parlamentarismus zu stärken, sondern ihn zu untergraben. Da können Sie in bestimmten Foren einmal selber nachlesen.“

Man muss das wirklich endlich mal von der Sprache her nachprüfen, ob so ein Blog, äh, bestimmte Foren, den Parlamentarismus untergraben will oder öffentliche Szenarien, äh, wollen und überhaupt.

Das können sie selber nachlesen, empfiehlt der Herr Abgeordnete Riegert.

* * *

Um Sprache geht es auch beim zweiten Thema meiner kleinen Medienauslese:

Die PR-Kampagne des FIFA-Präsidenten Sepp Hosni Ben Ali Blatter ist ja nun ziemlich verreckt, wie man vergangene Woche unschwer an Schlagzeilen in aller Welt nachlesen konnte. Sepp kämpft also „aktiv gegen Rassismus“.

Ein weiterer Round Table mit ausgewählten Journalisten, der für vergangenen Freitag angesetzt war, wurde deshalb kurzfristig abgesagt. Sepp gibt aber weiter Interviews, in denen er ungehindert die Wahrheit beugen, seine Welt schönen kann und/oder seine Dialoge mit Gott wiedergeben kann, wie etwa in der Aargauer Zeitung, in der BBC, gestern in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung

… und morgen gewiss anderswo.

Womit will Blatter sich eigentlich durchleuchten lassen?

Mit einem Nacktscanner?

[Hinweis an Sepp: Zu viele Röntgenstrahlen sind der Gesundheit abträglich.]

Es handelt sich bei derlei Veröffentlichungen meist um weitgehend keimfreie FIFA-PR: „Ich, Sepp, räume jetzt aber auf! Ich hätte schon viel früher aufgeräumt, aber ich muss leider, leider, leider mit denen arbeiten, die mir im demokratischen FIFA-Gebilde an die Seite gestellt werden :(„

Die FIFA-Propagandisten verkaufen das FAS-Gespräch sogar auf der eigenen Webseite:

Blatter wolle sich ethisch durchleuchten lassen, behauptet also die FAS.

So ein Unsinn.

Blatter ist längst durchleuchtet worden. Und sollte auch weiter durchleuchtet werden. Nein, eher nicht von Interpol, die hat er ja gerade mit 20 Millionen bestochen denen hat er ja gerade 20 Millionen „gespendet“.

Sepp Blatter ist das Oberhaupt einer mafios strukturierten Familie.

Blatter zu durchleuchten, das war und ist und wird bleiben: die Aufgabe von Journalisten.

[Wogegen eine Darstellerin von Transparency International, einst eine angesehene NGO, deren Mitglied ich immer noch bin, nicht als Aufklärerin, sondern – gemäß Blatter – als Beraterin des FIFA-Präsidenten agiert. Oh Gott, wie schlimm ist es bestellt.]

Richtig ärgerlich wird es, wenn man sich anschaut, wie die FAS dieses PR-Stück verkauft, was Nachrichtenagenturen daraus machen und wie das dann im medialen Kreislauf verwertet wird (simple Google-News-Suche).

Da heißt es dann eben:

  • … Blatter wolle sich selbst ethisch durchleuchten lassen …
  • … Blatter gebe persönliche Fehler zu …
  • … Blatter will Exekutive entmachten …

oder:

  • „Blatters Dilemma: Zwischen FIFA-Reform und Skepsis“

So ein Nonsens. Mediales Versagen.

Blatter gibt Fehler zu?

Lächerlich.

Im Original liest sich das so:

In einer Kolumne im Internet haben Sie aber schon geschrieben: Es sind schreckliche Fehler gemacht worden. Von Ihnen?

Es ist so: Wer viel arbeitet, macht ab und zu Fehler. Eines aber würde ich nie mehr machen: dass die Exekutive zwei Weltmeisterschaften gleichzeitig vergibt. Da muss es ja zu Interessenskonflikten kommen, denn es konnte jeder mitstimmen, auch wenn sein eigenes Land Kandidat war. Das war ein Fehler.

Ein persönlicher Fehler?

Ja, auch.

Wow! Ja! Auch!

Blatter will sich „durchleuchten“ lassen?

Im Original liest sich das so:

(…) Unter anderem werden diese Leute die neuen Exekutivmitglieder ethisch und moralisch durchleuchten. Die Fifa wird ein Leumundszeugnis verlangen.

Und die alten Mitglieder?

Das ist eine juristische Frage. Aber ich bin überzeugt, dass sich alle Mitglieder einer solchen Überprüfung stellen werden.

Und Sie selbst?

Ja sicher.

Wann?

Im ersten Quartal des nächsten Jahres.

Wow! Ja! Sicher! Im ersten Quartal des nächsten Jahres!

Noch einmal: Journalisten sind dazu da, Blatter und seine Kumpane zu durchleuchten, aber es gehört nicht zur Aufgabe von Journalisten, seine Wahrheitsbeugungen und die Ergüsse seiner Spin Doktoren nahezu ungebrochen zu verbreiten.

Btw, ich weiß, dass Blatters neue Berater (die fürstlich entlohnten Herren de Gregorio, Fisa, Alexander) noch nicht ganz auf der Höhe des Geschehens sind, dazu fehlen ihnen einfach zu viele Hintergründe. Aber vielleicht könnten sie Ihrem Chef – ich habe das gelegentlich schon von deren Vorgängern erbeten – mal sagen, dass er weniger Unsinn erzählen soll.

Zum Beispiel erklärt er:

Diejenigen, die mich jagen und sagen, Sepp Blatter steht auf der [ISL-]Liste, irren sich.

Sepp, mein Freund, das hat doch gar niemand behauptet. Es geht aber, zum Beispiel, darum, ob der einstige FIFA-Generalsekretär Joseph Blatter jene 1,5 Millionen, die für den damaligen Präsidenten Havelange bestimmt waren, aber versehentlich auf einem FIFA-Konto ankamen, auf Havelanges Konto transferiert hat.

Ganz davon abgesehen, dass Sepp Blatter stets eine zentrale Rolle im von seinem alten Kumpel Horst Dassler, der ihn auch in der FIFA installierte, begründeten ISL-Korruptionssystem gespielt hat. Ganz davon abgesehen, dass Sepp sich vom Emir von Katar und von Mohamed Bin Hammam 1998 und 2002 inthronisieren ließ. Ganz davon abgesehen …

… aber ich will nicht die gesamte Korruptionsgeschichte der FIFA ausbreiten.

Übrigens: Andrew Jennings hat wieder publiziert, basierend auf langjähriger, hartnäckiger Recherche und auf Dokumenten.

Ganz ohne Körperscanner.

Ralf #1
Johan Petersen #2

Am schlimmsten war die BBC. Trompeten groß vom exklusiven Interview mit Blatter, in dem er aber vorformulierte Statements ablesen darf. Anschließend sendet er auf allen Kanälen.

Jens Weinreich #3

Wie gut, dass ich das nicht allein so sehe.

Danke, JP!

Christoph #4

Joseph Blatter kann mittlerweile sagen, was er will: Es wird ihm – besonders in England – negativ ausgelegt.

Wie gut, dass es David Bond und die FAS gibt!

Denn:

Hinter all dem Getöse geht allerdings verloren, dass Blatter sich unter dem Druck der massiven Korruptionsaffären tatsächlich bewegt hat.

Christoph #5

Zitate sind aus dem von Jens verlinkten FAS-Artikel, natürlich …

Jens Weinreich #6

Komm schon Christoph, da steht auch was, nun ja, Kritisches, gerade erst entdeckt, als ich Dir nacheiferte und den Vorspann las:

er muss als der Vater und Dulder des Systems angesehen werden.

Ist doch mal ein Wort.

Direkt geht es weiter:

Sein Machtbewusstsein und seine persönliche Prachtentfaltung empören zusätzlich seine Kritiker

Den Satz verstehe ich nicht.

Ralf #7

Gerd Langguth für den DLF: Spielwiese sportbegeisterter Abgeordneter – Politikwissenschaftler analysiert die Bedeutung des Bundestag-Sportausschuss

Es wird Zeit, den Touristik- und Sportausschuss in einen Unterausschuss – letzteren zum Innenausschuss gehörig – umzuwandeln.
[…]
Kritik etwa an der Arbeit des DOSB wurde nie geübt. Faktisch gibt es im Sportausschuss eine schwarz-rote Koalition aus Unionsparteien und SPD – und innerhalb des DOSB eine gelb-grüne Allianz aus Thomas Bach (FDP), Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes und seinem Generaldirektor Michael Vesper (Die Grünen).
[…]
Der Sportausschuss gehört grundlegend reformiert – oder abgeschafft.

Jens Weinreich #8

Woher weiß der Autor Langguth das alles? Nennt er Quellen? Hat er abgeschrieben? Fragen über Fragen.

Ralf #9

Wolfgang Hettfleisch in der FR: Handgestoppte 17 Minuten Redezeit

Richtig ist wohl, dass sich, seit die Vertreter der Regierungsfraktionen die Daddeln-und-dösen-Affäre eskalieren ließen, kaum noch ein Journalist die Mühe macht, die aktuelle sportpolitische Agenda in Berlin abzufragen.
[…]
Die Ausschussvorsitzende Dagmar Freitag (SPD) musste die Glocke bedienen, um Mayer zu bremsen. Niemand kann sich erinnern, dass sie das jemals zuvor getan hatte.
[…]
Union und FDP haben einen wortgleichen Antrag formuliert. Am 8. Februar soll öffentlich über Gewalt im Fußball gesprochen werden, aber gefälligst auf ihre Initiative hin.

mb #10

Mein großer Favorit für die „Verschlossene Auster 2011“ ist der Sportausschuss des Deutschen Bundestages.

Alles Gute für 2012 in die Runde dieses Blogs.

ha #11

Kaum wacht Sportfreund Steffel mal kurz auf, schafft ers zu Bild. Kürschnergate: email-chaos im Bundestag

Das Büro von Frank Steffel (CDU) kommt auf die Idee, die E-Mail-Schlacht für eine Verlosung zu nutzen. Zwei Karten für ein Handballspiel der Berliner Füchse werden angeboten, berichtet „bild.de“. Steffel ist Präsident des Bundesliga-Clubs.

Ralf #12

Alexander Ludewig im ND: »Law and Order hilft nicht« – Verstärkte Repression gegen Fußballfans führt zu Solidarisierung

Unter der Überschrift »Maßnahmen gegen Gewalt in und um Fußballstadien weiter verschärfen« hatte die Pressestelle der Bundestagsfraktion von CDU und CSU kurz nach 16 Uhr schon eine Pressemitteilung herausgegeben. Da lief die Anhörung erst eine Stunde, die Sachverständigen hatten kaum ihre Statements beendet und die Unions-Politiker ihre Fragen noch nicht einmal gestellt.

[Viola von Cramons] Verärgerung ist verständlich. Die Politik wollte sich ein Bild machen – vom Fußball, den Ursachen für Gewalt und möglichen Lösungsansätzen. Wie aber die Pressemitteilung von CDU/CSU zeigt, ging es teilweise mehr um sture Parteipolitik statt unvoreingenommener Meinungsbildung.

ha #13

Neues von Joachim Günther, dem bestfrisierten deutschen Sportpolitiker, Medienboykotteur, im Fensehen:

ZDF Heute-Show – Martin Sonneborn interviewt Joachim Günther (FDP) trotz Medienboykott

Beinahe hätte man gedacht, Günther versteht vielleicht gar nichts von „Vorfeldorganisationen“, sondern bloß vom Skatspielen und sorgt für tolles Koalitionsklima, indem er das dem Kollegen Klaus Riegert beibringt … laut Protokoll der 40. Sitzung:

Deswegen erkläre er für das Protokoll, dass sich beide Arbeitsgruppen zu Beginn dieser Periode sehr kritisch mit dem Thema der öffentlichen Ausschusssitzungen auseinandergesetzt hätten, weil man der Meinung sei, dass sowohl von der Qualität als auch von der Quantität der Berichterstattungen der Mehrwert nicht unbedingt
erkennbar gewesen sei. … Als Abgeordneter bringe er klar zum Ausdruck, dass er sich auch in Zukunft nicht rechtfertigen werde, wenn er zur Tür rausgehe, weil er einen anderen Ausschuss oder Fragestunde, Aktuelle Stunde und all die Dinge, die mittwochs auf dem Terminkalender stünden, habe. Da gehe es nicht darum, parlamentarische Demokratie zu stärken und zu unterstützen, sondern es sei letztendlich ein Kampf gegen parlamentarische Demokratie. Dem werde er nicht auch noch Vorschub dadurch leisten, dass er die Leute belohne, die uns zugucken könnten, wenn der Kollege Günther ihm zeige, wie sein Skatspiel auf dem i-Pad gehe.

Herbert #14

Da hat er dem ramponierten Ansehen der FDP einen Bärendienst erwiesen. Ja, wenn zur Selbstüberschätzung noch die Eitelkeit kommt, …

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