Notizen vom Sportausschuss (7): Dopingkontrollen und Datenschutz

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Mal wieder live aus dem Bundestag. Heute aus dem Reichstag, 3. Etage, CDU/CSU-Fraktionssaal. Interessantester Tagesordnungspunkt:

TOP 8 – Bericht zur Vereinbarkeit des Wada-Codes und des Adams-Systems mit Datenschutzbestimmungen

Die Sitzung hat gerade mit einer Schweigeminute für Holger Schück begonnen.

Chef im Ring ist heute Peter Rauen (CDU), der ehemalige Chef des Sportausschusses. Der amtierende Ausschusschef Peter Danckert (SPD) ist wegen „wichtiger Gespräche auf Bitte von Parteichef Müntefering und Ministerpräsident Platzeck“ entschuldigt, Winfried Hermann (Bündnis/Grüne) ist krank, damit dürfte es weniger turbulent zu gehen – schade eigentlich für rund 60 Studenten, die heute zuhören. Rauen hat noch Probleme, sich an die neue Sitzordnung im ungewohnten Ambiente zu gewöhnen. Das wird schon.

Während noch diverse TOP durchgewunken werden, hier schon mal Lektüre: Die Stellungnahme des Bundesbeauftragten für den Datenschutz und die Informationsfreiheit (pdf-Datei) zur Vereinbarkeit von Wada-Code und Adams mit den Datenschutzbestimmungen.

Kurze Erklärung: ADAMS = Anti-Doping Administration and Management System.

Rauen macht aus der Fraktion B90/Die Grünen mal eben: „Bündnis 90/Die Linken“. Dann kommt er „zu einem sehr spannenden Thema“.

Peter Rauen (CDU)
Das Thema betrifft die Dopingbekämpfung in ihrem Kern:

Sollten Persönlichkeitsrechte wesentlich verletzt sein, wäre das Dopingkontrollsystem seiner Grundlage beraubt.

Christian Breuer (Vorsitzender des Beirats der Aktiven im DOSB)

Wir möchten vorweg stellen, dass wir eigentlich uns natürlich grundsätzlich freiwillig diesem System unterwerfen.

Wir wollen den sauberen Sport, das geht nur über eine hundertprozentige Kontrollmöglichkeit. Historischer Exkurs: Als Aktiver, Eisschnellläufer, hat er mit einer fünftägigen Frist begonnen, später drei Tage, jetzt drei Monate im Voraus. Unterstreicht:

Sauberer Sport geht anscheinend nur, in dem wir uns immer kontrollieren lassen können.

Vergleicht Adams, das Informations- und Meldesystem der Nada/Wada, mit Amazon und diversen Onlinebestellungen – diese Daten werden auch gespeichert, und da ist man sich auch nicht immer sicher, wo diese Daten gespeichert werden, wo sie liegen und was damit passiert. Spricht über einen umfassenden Datenvorhalt – umfangreicher Datensatz über Adressen, Telefonnummern des Sportlers und anderer Personen. Muss gewährleistet sein, dass das unter Datenschutzbestimmungen sauber abläuft.

Breuer mit Powerpoint-Präsentation. „Es geht uns gar nicht darum, dass die persönlichen Daten gespeichert werden und in dem Adams-System liegen (also auf Servern in Montreal, dem Wada-Hauptsitz), sondern was mit den Daten geschieht.“ Welche Kontrolleure haben zum Beispiel umfassenden Einblick und speziellen Zugriff/Leserechte in den kompletten Kalender des Sportlers. Es sollte auf das beschränkt werden, was für eine Kontrolle wirklich nötig ist – dazu präsentiert Breuer einen fiktiven Kalender für drei Tage. Offenbar aber haben Kontrolleure leicht einen Ausdruck über einen kompletten Monatskalender der Sportler parat. Darf er das?

Das Ziel der Sportler ist laut Breuer: Nur der Tag, an dem die Kontrolle erfolgen soll, soll einsehbar für Kontrolleure sein.

Leserechte sollen sich nicht über den ganzen Monat erstrecken.

Nun präsentiert er die Adams-Oberfläche.

(Wer einen Outlook-Kalender oder Kalender über Google und andere Anbieter nutzt, weiß, wie so etwas aussieht.)

Wir wollen es für die Sportler so angenehm wie möglich machen, so dass es ein Prozess ist von fünf Minuten täglich, die Angaben zu machen, wenn sich der Aufenthaltsort ändert.

Christian Schreiber (Ruder-Weltmeister, Aktivensprecher)
Früher galt: Wer betrügt, fliegt raus. Als er begann, gab es lebenslange Sperre bei Ruderern, sagt er. Irgendwann musste man sich per Fax abmelden; dann per Brief oder Fax an Verband und Weltverband ausführliche Angaben. „Wir haben das immer weiter so hingenommen.“ Tour-de-France-Skandale „haben uns gewisser Maßen auch an den Pranger gestellt“.

Spricht über Umsetzung des neuen Codes zum 31. Dezember 2008 – davon war hier im Blog oft die Rede.

Als Sportler hat man natürlich ein gewisses Gerechtigkeits- und Ungerechtigkeitsempfinden. Sagt:

Lex Fifa geht Sportlern gegen den Strich. Das können wir nicht hinnehmen!

Wer überprüft, dass unsere persönlichen Daten sicher sind – und was passiert bei Verstößen?

Roland Bachmeier (Leiter der Dienststelle beim Bundesbeauftragten für den Datenschutz)
Sein Chef spricht heute in Großbritannien mit den Kollegen aus anderen Ländern über das Thema. Bachmeier sagt: Für die Nada ist die Landesbeauftragte für den Datenschutz in NRW zuständig.

Wir meinen, dass der Wada-Code in einigen Punkten dringende einer Nachbesserung bedarf. Hier wird noch Spielraum sein. In einigen Fragen gibt es mehr Fragen als Antworten.

Ich werde Ihnen heute nicht sagen, dass der Wada-Code gegen europäisches Recht verstößt. Aber es bedarf einer dringenden Diskussion miteinander.

Zum Beispiel eine Wada-Anhörung im Juli Juni.

Datenübermittlung ins Ausland ist ein Thema, dass man erörtern muss. Nicht nur Informationen in Montreal gespeichert, die Wada muss diese Daten Veranstaltern im Ausland zugänglich machen – was also, wenn ein Sportveranstalter in Teheran derartige Daten erhält, also ein so genannter Verfolgerstaat?

(Bachmeier macht einen sehr coolen Eindruck, keinesfalls festgelegt, sondern diskutiert sehr offen und plastisch.)

Gibt eine Kurzfassung der schriftlichen Stellungnahme, die er als Opinion bezeichnet.

Göttrik Wewer (Nada-Geschäftsführer, ehemals Schilys Sport-Staatssekretär)
Die Diskussion ist in weiten Teilen aufgebauscht. Das Niveau der Diskussion sei bescheiden. Die eruopäische Artikel-29-Gruppe – ein Beraterorgan der EU-Kommission – kritisiert er scharf, die erst einen Bericht fertigstellt – und viel später die Wada hören will. Viele Diskussionsteilnehmer würden nicht verstehen, worüber sie reden.

Die Kritik der Nada richtet sich weniger gegen Datenschutz als vielmehr auf die Bedienung des Adams-Systems, die einfacher werden müsse. Erinnert daran, dass deutsche Vertreter (Nada, BMI, Athleten) gemeinsam gegen die Einstundenregelung des Wada-Codes gekämpft haben (u.a. auf der Antidopingweltkonferenz 2007 in Madrid).

Ist jemand gegen das Adams-System oder wird der Datenschutz einfach mal vorgeschoben, weil die Meldepflichten lästig sind?

Man dürfe Ursache und Wirkung nicht verwechseln. Solange betrogen wird, braucht es ein solches System.

Erinnert daran, dass das Adams-System mal „ein dringender Wunsch der Athleten war“. Die sagten: „Könnt ihr uns das im Zeitalter der Elektronik nicht vom Hals nehmen?“ (Die vielen verschiedenen Meldemöglichkeiten). „Die Antwort darauf ist Adams.“

Nicht jeder Hans und Franz kann da reingucken! Ich darf es zum Beispiel nicht.

Bei der Wada sind es insgesamt sechs Leute. Standards für Meldepflichten bleibt bestehen, unabhängig davon, ob wir es per Brieftaube, per Fax oder per SMS machen. Dieser Standard gilt weltweit. Die Wada sagt: Ihr könnt nicht erwarten, dass ihr deutschen Datenschutzstandard nach Burkina Faso exportiert. Es bleibt also ein Mindesstandard, der kompatibel gemacht werden muss mit den jeweiligen Datenschutzrechten. Wir sind also frei, auf diesen Mindeststandard etwas draufzusatteln. Wir haben auch nicht alles gemacht, was die Wada uns vorgeschrieben hat, weichen gelegentlich ab, etwa bei der Frage der Dopingkontrollen von Sportlern unter 16 Jahren.

In Deutschland stimmt jeder Athlet mindestens dreimal zu, dass seine Daten für Dopingkontrollen genutzt werden können. Erinnert an den Standard für Datenschutz (bitte nachsehen, kann man auf der Nada-Webseite runterladen).

  1. Wer sich einer Organisation, einem Sportverband anschließt, unterwirft sich gewissen Regeln. Sportverbände verpflichten sich, den Wada/Nada-Code zu übernehmen. Wer also einem Verband beitritt, unterwirft sich diesen Regeln.
  2. Zusätzlich individuelle Athletenvereinbarung. Der Athlet stimmt dem zu.
  3. Wenn sich der Athlet das erste Mal ins Adams-System einloggt, muss er ebenfalls sagen, dass er einverstanden ist. Er kann das auch verneinen. Dann unterliegt er dennoch dem Kontrollsystem.

Er muss sich melden bei uns. Aber er muss nicht Adams nutzen. Er kann es auch per Fax oder Brieftaube tun. Wir haben sogar Angebote von Athleten gehabt, dass wir sie per Handy oder elektronischer Fußfessel orten sollen. Das haben wir nicht getan.

Zur Lex-Fußball: „Wir sind sehr dankbar, dass die Wada am Montagabend auf ihrer Homepage klargestellt hat: Es gibt keine Lex Fußball.“

Noch einmal zur Artikel 29 Gruppe der EU-Kommission. Die Kommission habe ein Problem, sagt Wewer, denn sie habe mehrfach bestätigt, dass das kanadische Datenschutzrecht (wg Montreal, Wada-Sitz) dem europäischen adäquat ist. In vielen Punkten sogar konsequenter.

Die Nada will einen Datenschutzbeauftragten installieren, der als Ombudsmann für die Athleten fungieren kann. Bislang habe es kein Leck gegeben. Aber auch hier gilt der Standard: Vielleicht kann man das noch narrensicherer machen.

Vielleicht kriegen wir die Aufgeregtheit ja allmählich in ein normales Maß kanalisiert.

Christoph Bergner (CDU, parlamentarischer Staatssekretär)
Sagt, Grundlage des Handelns sei immer und bleibt immer: Stärkung von Nada und Wada. Wundert sich über Gespräche zwischen Wada und Fifa: Selbst der Rückzieher per Internet deutet Reformbedarf an. „Unabhängig von der Frage, wie nun das letzte Wort in dieser Lex Fifa lauten wird.“

(Für seine Verhältnisse: grantig, stellt Rolle von Wada-General Howman in Frage.)

Aufnahme des Standards für Datenschutz (siehe auch Wada-Webseite) sei ein wichtiger Erfolg der Europäer bei der 3. Weltkonferenz 2007 in Madrid gewesen. (Da saß er im Wada-Board.) Im Moment nehmen 50 Prozent der europäischen Nada’s nicht an Adams teil! Datenschützer halten sich mit abschließendem Votum zurück.

An anderer Stelle erlebe ich Datenschützer nicht so zurückhaltend.

Wir respektieren die Entscheidung der Nada, sich dem System voll anzuschließen. Zum Burkina-Faso-Zitat von Wewer: Das Adams-System hat seinen Sinn darin, dass es überall gelten muss. Man kann nicht einfach darauf verweisen, dass die Welt geteilt und das Niveau unterschiedlich ist. „Wir müssen für ein internationales Verbundsystem auch mit der nötigen Datensicherheit sorgen.“ Wir wollen sicherstellen, dass die Arbeit der Wada mit möglichst großer Rechtssicherheit und einem „möglichst großen Maß an Klarheit und Sicherheit“ betreiben kann. Auch bei der Wada soll es einen Ombudsmann geben – für Datenschutz und Persönlichkeitsrechte der Athleten.

Klaus Riegert (CDU)
Er muss gleich wieder weg zum nächsten Termin, wie er sagt, und versucht sich an kurzen Fragen. Sagt, er habe Sorge, dass die Wada hinter die Standards zurückfällt – die Sache aus Spanien, dass zwischen 23 und 8 Uhr nicht kontrolliert wird, beunruhigt. Fragt danach und nach der Lex Fifa, die ihn ebenfalls beunruhigt.

Frage an Wewer:

Was passiert denn, wenn der Christian Schreiber demnächst wie der Michael Ballack Urlaub beantragt?

Christian Breuer
Zur spanischen Regelung: Das halte ich nicht für sinnvoll. Was, wenn ein Mittel um 23.30 Uhr mit einer Nachweisbarkeit von vier Stunden kontrolliert werden muss? Sagt aber auch: Wer nachts um eins jemanden aus dem Schlaf klingelt – das findet er abwegig. „Damit ist ja ein Familienleben verbunden.“ In der normalen Strafprozessordnung braucht man ab 21 Uhr eine Ausnahmeregelung.

Der Sportler bleibt normaler Mensch. Wir sind nicht im offenen Vollzug. Wir sind Sportler, die sich freiwillig kontrollieren lassen.

Christian Schreiber
In Deutschland gilt Bereitschaft zwischen 6 bis 23 Uhr. Viele Sportler legen sich ihre 60 Minuten-Angabe auf 6-7 Uhr und sagen: Mal sehen, ob der Kontrolleur so früh schon wach ist. Dann kritisiert er erneut die Wada-Fifa-Gespräche. Schon der Ort der Gespräche, das Fifa-Hauptquartier, sage vieles.

Göttrik Wewer
Spricht von verdrucksten Pressemitteilungen von Fifa und Wada. Man habe tagelang versucht rauszukriegen, was wirklich stattfand: Das war nicht sehr einfach.

Wir waren richtig erleichtert und froh durch die Klarstellung der Wada. Herr Schreiber, ich kann Ihnen sagen: Herr Ballack hat dieselben Regeln wie Sie.

Habe bislang keine Signale vom DFB empfangen, die sagen: Das muss man jetzt kündigen oder ändern. Zu Spanien: Neun Stunden sind sehr viel, da kann man sehr viel machen. Zu Breuer: Wir sind gut erzogen, wir kommen in der Regel nicht nachts um zwei. Wir haben aber einige Sportler auf dem Radarschrim, da würde ich gern mal nachts um eins hingehen, dass müsse er auch sagen. Aber für 99 Prozent der Athleten gelte das nicht.

Anja Berninger (Nada-Justitiarin)
Problematisch an der Wada-Fifa-Vereinbarung waren kontrollfreie Zeiträume. Jetzt haben wir das klare Signal, dass es das nicht geben wird! In Deutschland gelten für alle Sportler, ob Ballack oder Nowitziki, dieselben Recht und dieselben Pflichten. Es gibt keine Urlaubszeit, die für kontrollfreie Zeit genutzt werden könne.

Dagmar Freitag (SPD, Vizepräsidentin des DLV)
„Ich hoffe sehr, Frau Berninger, dass sich das auch umsetzen lässt.“ Fordert Bergner und die Bundesregierung auf, die Lex Fifa bzw. die Klarstellung der Wada zu überprüfen.

Wenn es eine Lex Fifa geben sollte, wäre das ein Dammbruch. Das wäre der Einstieg in das Ende der internationalen Dopingbekämpfung.

Sagt, der autonome Sport mit seiner Dopingbekämnpfung hat sich nicht als Erfolgsmodell erwiesen.

(Und schon meldet sich Detlef Parr, der Queen-Fan und Freund des UDIOCM, und verteidigt vehement den Sport.)

Detlef Parr (FDP)
Warnt davor, dem Staat zu viel Macht zu überlassen.

Möchte nachhaltig dafür plädieren, die Autonomie des Sports nicht in Frage zu stellen.

Putzig: Parr trägt dann in Vertretung von Katrin Kunert (Die Linke) zwei Fragen vor, u.a.: Wer kontrolliert eigentlich den Datenschutz?

Eberhard Gienger (CDU, DOSB-Vizepräsident für Leistungssport)
Fragt, ob man sich auch telefonisch abmelden kann. Ein Nicken von Wewer – Gienger: „Danke, dann ist das für mich geklärt.“ Fragt Bachmeier, wer iegentlich die Nada oder die Wada überprüft. Fragt nach Zeitraum der Datenspeicherung von über acht Jahren.

Peter Rauen (CDU)
Was muss der Kontrolleur wissen? Rauen findet es ausreichend, wenn der Kontrolleur nur das an die Hand bekommt, was er am Tage der Kontrolle braucht. „Herr Wewer, wie schnell kann man so was umsetzen?“

Christoph Bergner (CDU, BMI)
Adams ist nur ein Werkzeug, mit dem sich allerdings die Frage des Datenschutzes verschärft hat. Sagt, Datenschutz sei immer berücksichtigt worden bei Erstellung des neuen Codes.

(Er war damals nicht nur Wada-Vorstand, er hatte auch zeitweise die Präsidentschaft unter den EU-Sportministern)

Kontrollinstanz für das Datenrecht? Wenn die Datenschutzbeauftragte von NRW der Meinung wäre, die Nada-Entscheidung sei falsch, könnte sie der Nada ein Bußgeld verhängen. So ist im Moment die Rechtskonstruktion.

Roland Bachmeier (Leiter der Dienststelle des Datenschutzbeauftragten)
Die Einbindung der Datenschutz-Institutionen wurde nicht beachtet bei der Erstellung der Wada/Nada-Codes. Die NRW-Beauftragte hat jetzt erst einen Fragebogen an die Nada geschickt. Zum kanadischen Datenschutz und zum Datenschutzgesetz sagt er, anders als Wewer: Wir wissen das gar nicht. Ich habe den Eindruck, es gibt niemanden im Moment, der die Wada kontrolliert, es gibt niemanden, der ein Auge drauf wirft. Das Datenschutzgesetz in Kanada gelte nur für die Wirtschaft. Er sagt: Ich weiß nicht, ob die Wada in Kanada als Wirtschaftsunternehmen geführt wird. Geht auf Stellungnahme der Wada zum Papier der 29er EU-Gruppe ein: Die Reaktion sei ja nun nicht sehr freundlich. Er hoffe, dass sich die Fronten nicht verhärten, sondern eher aufweichen.

Meldepflicht geht den Datenschutz nichts an, dringt aus dem Wada-Schreiben. Er aber sagt: „Die Meldepflicht ist eine der wesentlichen Datenschutzfragen.“ Vor allem: Übermittlung von Daten in Drittstaaten. „Wir sind uns einig, dass es in der Welt so viele Rechtsstaaten nicht gibt.“

Spricht über Menschenrechte und Verhältnismäßigkeit. „Entspricht das, was man im Wada-Code verankert hat, der Verhältnismäßigkeit?“ Oder muss hier überarbeitet werden.

Christian Breuer (DOSB-Aktivensprecher)
Zu Parrs Lieblingsfrage der SMS-Abmeldung: Das dient nur für den Notfall. Das kann keine Ausrede sein. Adams-Online ist der Maßstab, nichts anderes. Zur Grünen-Frage der Überbrückung von Netzwerk-Problemen wie gestern beim T-Mobile-Ausfall: „Da reden wir über ein Luxusproblem.“ Der Sportler muss nicht ständig online sein, er muss auch bei keinem normalen Einkauf seinen Aufenthaltsort in Adams ändern.

Ballack-Debatte finde ich einen Witz und einen Hohn gegenüber allen anderen Sportlern. Ein Herr Ballack oder andere, könnten sich drei, vier Assistenten leisten, die täglich ihren Kalender führen. Das ist ein Schlag ins Gesicht aller anderen Sportler, aller Amateursportler. Das würde ich Herrn Ballack auch persönlich sagen, aber das Gespräch findet nie statt.

Zu Giengers-Frage nach den acht Jahren Aufbewahrung der Daten: Das sei auch im Interesse der Sportler, Sauberkeit zu beweisen, nicht nur im Interesse derjenigen, die Betrüger erwischen wollen. Es geht u.a. um die Erstellung von aussagekräftigen und wirksamen Profilen.

Christian Schreiber (Ruder-Weltmeister)
Zu Ballack: „So etwas zu sagen, ist ein Unding!“ Er hätte sich gewünscht, dass sich prominente Sportler wie Ballack offensiver zum sauberen Sport äußern und nicht nur durch derartige Bemerkungen auffallen.

Zu Wewers Bemerkung: „Freiwillige Unterwerfung? So freiwillig ist das nicht! Wer sich allein das DOSB-Regelwerk für Peking anschaut, das war so dick wie ein Schönfelder!“ (Juristen-Lehrbuch)

Göttrik Wewer (Nada-Geschäftsführer)
Wir schlagen uns auch mit der Wada rum, sind auch nicht mit allem einverstanden, was die Wada macht. Das vergangene Jahr, der neue Code: ein wahnsinniger Aufwand. Behauptet, die Nada hätte als einige der wenigen Antidopingagenturen der Welt den Wada-Code vorbildlich umgesetzt.

Die Wada ist ein kleiner Laden, der für die ganze Welt zuständig ist. Ich möchte mit meinem Kollegen Howman nicht tauschen!

Man muss sich mal angucken, welche Länder bei Adams nicht mitmachen wollen.

Warum kommt diese Debatte jetzt auch? Ich würde sagen, wegen der Einstundenregelung. Die betrifft in Deutschland ja nur einen Teil der Athleten – ungefähr 500 Top-Athleten. Als die Athleten das gemerkt haben, auch die Athleten, die geglaubt haben, sie seien betroffen, aber nicht betroffen sind, haben sie gedacht: Das ist ja wirklich lästig. „Das bestreiten wir aber auch nicht.“

Und noch etwas Beruhigendes zur Datenweitergabe, als hübsches Schlusswort.

Die Nada gibt die Daten nur an die Wada und damit nach Montreal, sagt Göttrik Wewer:

Wir würden natürlich nicht den Chinesen die Daten unserer Athleten geben.

indykiste #1

Parr fordert Aufnahme des Sports ins Grundgesetz:

Denn: Der Worte sind genug gewechselt, nun lasst uns endlich Taten sehen! Wie bereits in 15 Landesverfassungen verankert, gehört der Sport ins Grundgesetz.
Die Wechselwirkung von Spitzen- und Breitensport dokumentiert sich auch in den Leistungen des Profisports für den Staat (z.B. Steuern) und das Allgemeinwohl (z.B. Stiftungen), die verstärkt öffentliche Anerkennung finden müssen.

http://www.fdp-kleinmachnow.de/portal.presse.php?id=12212

spirou #2

Zu Ballack: “So etwas zu sagen, ist ein Unding!? Er hätte sich gewünscht, dass sich prominente Sportler wie Ballack offensiver zum sauberen Sport äußern und nicht nur durch derartige Bemerkungen auffallen.

Glauben Schreiber und Breuer tatsächlich daran, dass dieses Kontrollsystem (oder Polizeistaat wie ein Funktionär aus dem Basketball anmerkte) zu einem sauberen Sport beiträgt? Es sind doch immer noch Dutzende Substanzen/Methoden nicht nachweisbar. Bei mir hat sich das Gefühl durchgesetzt, dass man nur die erwischt die sich den neuesten Stoff nicht leisten können. Der Rest dopt munter vor sich und verweist lächelnd auf 160 negative Dopingkontrollen.
Ich würde mir eher mehr Sportler wie Ballck wünschen, die mal die Kritikpunkte dieses Systems öffentlich ansprechen, anstatt auch noch Fußfesseln oder Handyortung zu fordern. Hätte man sich in den letzten 20 Jahren eine umfassende Präventionsarbeit geleistet und mal dafür gesorgt das Hintermänner aus dem System ausscheiden, hätte man mE einen saubereren Sport.

nocheinjurist #3

Danke fuer die schoene Dokumentation. Bin manchmal erstaunt, wieviele Dinge unbekannt bleiben, selbst wenn man sich vorbereitet, konkret, wie wenig der Datenschutzbeauftragte ueber Kanada weiss. Scheint auch keiner bei der WADA mal nachgefragt zu haben, welchen gesetzlichen Bestimmungen sie unterliegen.

Auch schoen, dass tatsaechlich mal jemand die Frage der Verhaeltnismaessigkeit gestellt hat. Wieviele Berufe gibt es, in denen die Entstehung des Erfolges so kritisch unter die Lupe genommen wird und so regelementiert ist wie beim Sport? Derzeit ist es ja so, dass ein Sportredakteur fuenf Kaffee trinken kann, bevor er die Meldung verfasst, dass jemand wegen zuviel Koffein gesperrt wurde. Und jeder, der den Weg zum beruflichen Erfolg ebenfalls mit Medikamenten unterstuetzt, kann sich beim Lesen der Meldung empoeren, was sich die Sportler so erlauben und dass ja garnix mehr sauber ist. Ist der einzige Grund fuer diese ziemlich starke Ueberwahung, dass der Erfolg mit (oder dank) Steuermittel(n) erzielt wurde? Oder ist es die Vorbildwirkung fuer die Jugend, die dazu berechtigt, das Leben anderer so „auf dem Schirm“ zu haben?

Und, kleine Korrektur plus Erlaeuterung: Schoenfelder ist kein Lehrbuch, sondern eine Gesetzessammlung und etwa 35 Zentimeter dick.

ha #4

nocheinjurist,
Der Redakteur mit den fünf Tassen Kaffee betrügt nicht andere Redakteure mit fünf Tassen Kaffee und macht keine Millionen-Geschäfte wegen seiner fünf Tassen Kaffee … und würde das auch mit Epo oder Anabolika kaum bewerkstelligen. Der kleine Unterschied, der auch zwischen Spitzensport und Fitnessbereich existiert – zwischen Kriminalität in einem Bereich, der nur mit Fair-Play-Regeln seinen Kern bewahren kann, und dem, wenn man so will, (Freiheits-)Recht auf Selbstzerstörung. Das ist diese seltsame Verwischung, die permanent stattfindet – für wie kritikwürdig man sämtliches Doping auch immer halten mag.

Herbert #5

Ich würde mir eher mehr Sportler wie Ballck wünschen, die mal die Kritikpunkte dieses Systems öffentlich ansprechen, anstatt auch noch Fußfesseln oder Handyortung zu fordern. Hätte man sich in den letzten 20 Jahren eine umfassende Präventionsarbeit geleistet und mal dafür gesorgt das Hintermänner aus dem System ausscheiden, hätte man mE einen saubereren Sport.

Ein kleiner Satz, dessen Verwirklichung umfassende Anti-Doping-Konferenzen hätte ersetzen können.

Walter #6

Nennt man dies jetzt einen unlösbaren Widerspruch?
Wieviel Fußfesseln erträgt Deutschland?
In Deutschland gibt der Sportler 1 Stunde zwischen 6 und 23 UHR für eine Kontrolle vor.
Wenn die Spanier sagen ,dass Kontrollen zwischen 23 und 06 Uhr verboten sind,bricht im sauberen Deutschland gleich eine Hysterie aus,weil Spanier sind nun mal verdächtig;-)

Arnesen #7

ha,
ich sehe den grundlegenden Unterschied, den du ansprechen möchtest, in deinem Text nicht. Warum ist Leistungssteigerung durch Medikamente / Drogen in anderen Arbeitsbereichen weniger unmoralisch?

ha #8

Arnesen,
Einfach gesagt: Es gibt keine selbstgesetzten Anti-Doping-Regeln. Weil nur in einem Bereich Erfolg und wirtschaftlicher Gewinn ausschließlich am Überschreiten körperlicher Leistungsgrenzen messbar ist und gemessen wird: im Sitzensport. Der von der schlichten Klarheit (Sieg/Niederlage)lebt – und dem Bestehen darauf, dass Leistungsgrenzen natürlich überschritten werden, es also in diesem Sinne fair zugeht.
Habe nicht von Moral gesprochen, sondern von Regeln. Sage aber noch dazu, dass ich erwachsenen Menschen (!) ansonsten das Recht auf Selbstzerstörung einräume, wenn sie es denn als Selbstverbesserung/ -gestaltung empfinden – sofern sie mit dem, was sie einwerfen oder wie sie es sich beschaffen, nicht gegen bestehende Gesetze verstoßen. Selbst wenn ich das, was „pharmakologische Selbstoptimierung“ meint, kritisiere und für einen trübseligen Teil des Zeitgeistes halte – aber der moralische Wahn, der da gelegentlich ausbricht und alles unter Kontrolle nehmen will, hat für mich schon wieder diktatorische Züge.

Arnesen #9

Danke für die Erklärung, ha. Sehr weit liegen wir also nicht auseinander, was deinen zweiten Absatz betrifft, sind wir sogar deckungsgleich.

Eine Frage, die ich selbst nicht beantworten kann, weil mir philosophische Kenntnisse und Begrifflichkeiten fehlen, möchte ich aber noch in den Raum stellen: Ist es möglich, dass sich der Spitzensport in einigen seiner Spezialisierungen schon längst über die „schlichte Klarheit“ von Sieg und Niederlage erhoben hat? Dass er entweder zur Artistik oder zum betrachtenswerten Kunstwerk werden kann, in beiden Fällen wenig beeinflusst von der schieren Bestenermittlung?

ha #10

Ergänzend: Was der Börsianer, der Manager oder meinetwegen der Pianist sich einpfeifen, ist mir ehrlich gesagt, ziemlich wurscht – solange er nicht gegen AMG u.a. verstößt. Börsianer, Manager, Pianisten können ohne Chemie erfolgreich sein. Der Sport hingegen als Feld des körperlichen Wettstreits zerstört sich selbst (hat es schon getan), wenn man darin ohne Doping nicht erfolgreich sein kann.

ha #11

d’accord, Arnesen – wenn ich Deine Frage richtig verstehe, ist sie wohl Glaubenssache. Ich glaube an Artistik oder, noch öfter, an Artifizielles. Ob es aber auch Kunstwerke sind?
Mir fehlen da eindeutig auch die philosophischen Kenntnisse ;-)

Ralf #12
kli #13

@nocheinjurist. Die Antwort auf die Kaffeefrage ist relativ einfach. Sport ist Wettbewerb: Zwei treten an, um dieselbe Aufgabe unter den selben Bedingungen (=Regeln) zu bewerkstelligen. (Ist ja im Grunde ein simpler Feldversuch: 100 Meter, keine Kurve, zwei Läufer). Die Regeln sind der legale Rahmen – und sie sind die Voraussetzung, einen von beiden zum legalen Sieger erklären zu können. Wenn hingegen zwei Journalisten am Schreibtisch sitzen und Texte schreiben, ist das kein Wettbewerb. Sie treten nicht gegeneinander an, sie wollen keinen Sieger küren, sie müssen keine gemeinsamen Wettbewerbsregeln erfinden. Deshalb darf der eine seine Flasche Wein leeren oder fünf Tassen Kaffee schlucken und der andere an seinem Wasserglas nippen.

Ob aber die Sportkartelle überhaupt ein faktisches (!) wasserdichtes, strenges Kontrollsystem wollen, ist eine ganz andere Frage. Möglicherweise wollen sie nur den moralischen Anspruch auf ein wasserdichtes, strenges Kontrollsystem aufrecht erhalten.

B.Schuss #14

naja, in der heutigen Zeit, wo Zeitungen um die Gunst der Leser buhlen, und Verlage längst zu Wirtschaftsunternehmen geworden sind, trifft deine These glaube ich nicht mehr ganz zu.

Natürlich stehen auch Journalisten in einem Wettbewerb untereinander, genau so wie Banker, oder Manager in leitender Position. Es geht um Gewinnmaximierung, um Verkaufszahlen, um Abschlüsse, um Kundenbindung.

Mag sein, dass ein Wettbewerbsvorteil in diesen Bereichen durch die Einnahme von leistungssteigernden Drogen nicht so leicht zu erreichen ist, wie im Sport, eben weil der Erfolg von mehr Faktoren abhängt als nur der bloßen körperlichen Leistungsfähigkeit der Akteure.

Nicht desto Trotz gibt es hier einen erheblichen Wettbewerb, und wie einige Reportagen der letzten Zeit gezeigt haben, sind Mittel zur Steigerung der Konzentration, Aufputschmittel oder Beruhigungsmittel anscheined durchaus üblich in vielen stressigen Bürojobs.

nocheinjurist #15

Mein Beispiel sollte schon so ankommen, dass der Sportkollege die Kaffee irgendwie braucht, um seine koerperliche und geistige Leistungsfaehigkeit zu steigern.

@ha: wenn es bei Kuendigungen oder der Verlaengerung von Zeitvertraegen auch um die Leistungen der Redakteure geht, ist der mit der kuenstlichen Leistungssteigerung vielleicht im Vorteil.

Ihre Begruendung, warum es gerade beim Sport fair zugehen muss, kann ich gut nachvollziehen. Da es fuer viele Sportler aber ein Beruf ist (Ist ja nicht mehr das alte Athen), muessen auch Vergleiche mit Regelungen in anderen Berufen erlaubt sein. Fuer mich ist der Beruf Sportler in seiner Ausuebung derzeit am staerksten reglementiert, obwohl er nur von einer kleinen Gruppe ausgebuebt wird, und die Reglementierung ist auch noch recht unbestimmt, da sich das Verbot der Einnahme auch auf derzeit unbekannte oder nicht nachweisbare Substanzen erstreckt.

@kli: Zur Frage, ob zwei Journalisten, die an einem Schreibtisch sitzen, keinen Wettbewerb ausueben, kann vielleicht der Hausherr was sagen. Ich glaube, es laeuft ungefaehr so: Wer keine gute Geschichte hat, der kommt nicht in die Zeitung. Und wenn das laenger anhaelt, fragt vielleicht auch mal der Chefredakteur nach, was eigentlich Redakteur XY so macht…

Jens Weinreich #16

@ nocheinjurist: Jetzt bitte nicht traurig und/oder beleidigt sein. Aber ich muss schon sagen: Selten so gelacht. You made my day! Diese Vorstellung von journalistischer Praxis ist wunderbar. Echt! So jungfräulich. Wie im Lehrbuch.

Natürlich haben Sie völlig recht: So sollte es sein. Setzt voraus, dass ein CR an „guten Geschichten“, die ich vor allem mit „Recherche orientierten Geschichten“ übersetze, die also wirklich einen Mehrwert schaffen und den Menschen den möglichen Nutzen des Zeitunglesens (hoppala) klarmachen, dass also so ein Chefredakteur daran interessiert ist. Ist schon mal die erste Unbekannte. Und weiß jeder Redakteur, was eine gute Geschichte ist, weiß er, was Recherche heißt, was es heißt, dass nicht jede Pressekonferenz und jedes Spiel in welcher Sportart auch immer, eine Geschichte ist? Dass es nicht darum geht, etwas nachzuplappern und PR zu machen? Dass Journalismus mehr ist, als 1:0? Ist also die zweite Unbekannte. Oh je, mir fallen noch viele Unbekannte ein. Deshalb höre ich lieber auf damit.

Verziehen?

Jens Weinreich #17

Achso, noch eins. Ich glaube, Stammlesern muss ich mich nicht als Hardliner outen. Deshalb mal nur von mir die Anmerkung: Die Debatte Kaffeetrinken = Doping mache ich natürlich nicht mit. Die ist einfach dämlich. Sollen das die Bild-Leser diskutieren, soviel Arroganz muss sein. Vielleicht waren die Erklärungsversuche von ha und kli nicht hundertprozentig überzeugend. Egal. Ich meine, mich erinnern zu können, dass wir das Thema gelegentlich in den Kommentarspalten beackert haben. Hier finden sich jedenfalls so viele Hinweise und Geschichten, die diese Debatte ad adsurdum führen. Fragt einfach mal bei Andreas und Ute Krieger nach. Oder bei anderen.

Ich decke jetzt den Tisch auf der Terasse und setze Kaffee auf. Ist dann meine dritte große Tasse heute. Ganz ehrlich.

ha #18

Jens,
ich jedenfalls danke für die „nicht hundertprozentig überzeugenden Erklärungsversuche“ ;-)

Geht aber nicht um BILD-Leser. Ich erinnere mich an viele entsprechende Artikel und sogar Bücher im letzten Jahr, u.a. Thea Dorn, die mit Gentomaten argumentierte, an denen sich schließlich auch keiner störe (im Gegensatz zu gedopten Sportlern) und das ernst meinte, in der WELT.

Jens Weinreich #19

ha, nicht so schnell eingeschnappt, ich habe geschrieben: „vielleicht nicht“. Auch wer mit Gen-Tomaten argumentiert, egal wie er heißt, hat für mich nur Bild-Niveau. Bitte jetzt nicht all die Ahnungslosen und ihre so genannten Essays oder gar Bücher aufführen, die gelegentlich bis hartnäckig ähnlich fabulieren, etwa Gumbrecht & Konsorten sowie zahlreiche ahnungslose und von Detailkenntnis kaum belastete Feuilletonisten.

Gua #20

Jens, ich musste auch gerade lachen. So viel Medienkram auf einmal hier, auch wenn der Grund dafür ein ganz anderer ist.

Walter, gestern:

Nennt man dies jetzt einen unlösbaren Widerspruch?
Wieviel Fußfesseln erträgt Deutschland?
In Deutschland gibt der Sportler 1 Stunde zwischen 6 und 23 UHR für eine Kontrolle vor.
Wenn die Spanier sagen ,dass Kontrollen zwischen 23 und 06 Uhr verboten sind,bricht im sauberen Deutschland gleich eine Hysterie aus,weil Spanier sind nun mal verdächtig;-)

Also ich sehe da schon einen großen Unterschied, zwischen gar keinen Kontrollen zwischen 23 und 8 Uhr und einer Stunde Bereitschaft am Tag, aber mit der theoretischen Möglichkeit auch an den restlichen 23 Stunden kontrolliert zu werden. Da kann man es denn auch gleich als menschenunwürdig erklären, dass der Sportler vor dem Kontrolleur ins Glas pinkeln muss usw. usf.

ha #21

Jens,
och schade. Hatte mir vorgenommen, demnächst mal alle aufzuzählen, die so argumentieren … Headhunter for BILD via jw.

Und übers Eingeschnapptsein sind wir doch hinweg, oder? Da steht so ein Zwinkerzeichen. Ich brauch mal einen echten smiley …

nocheinjurist #22

@jw: Da sehen Sie mal, wie positiv immer noch die Einstellung gegenueber Medien ist. Nett, dass Sie meine Vorstellungen etwas entzaubert haben. Nun bin ich noch etwas erstaunter, dass und warum sich die Zeitungen ueber Bedeutungs- und Auflagenverluste beklagen. Ist aber eher off-topic.

Auch wenn der Konkurrenzdruck etwas abgeschwaechter ist — was schaetzen Sie denn, wie viele Ihrer Kollegen dennoch Hilfsmittel brauchen, sich vllt. nicht krankschreiben lassen wollen, um nicht Gefahr zu laufen, ih Einkommen zu verlieren?

Den „Kaffee“ habe ich wegen meiner medizinischen Unbildung gewaehlt, mir ist einfach nicht bekannt, welche der gaengigen oder staerkeren Kopfschmerztabletten, Antidepressiva, Stimmungsaufheller etc. sogenannte „Dopingmittel“ enthalten. Und weil in Dopingmeldungen vor etwa zwei Jahrzehnten angeblich Ephedrin (Nasentropfen) oder Koffein nachgewiesen wurde und ich annehme, dass die auch heute noch auf Dopinglisten stehen, hab ich einfach mal zugegriffen ;-)

Aber vielleicht koennen Sie auch mal erklaeren, warum Berufssportler anderen gesundheitlichen Regeln unterliegen sollen als Berufsjournalisten, -banker, Bundestagsabgeordnete oder Maurer. Und warum sich die ganze Nation ueber das Thema Gedanken machen darf. Ich hoffe immer, es geht nicht nur darum, Geschichten zu verkaufen und nachzudrehen.

Ralf #23

Thomas Kistner in der SZ: Verlorener Kampf gegen das Doping

Tatsache ist, dass im Sport ein klarer Systemzwang herrscht, speziell in Kraft- und Ausdauersparten muss dopen, wer mithalten will. […] Das Dopinggeschäft lohnt sich. Es ist so lukrativ wie der Drogenhandel und ähnlich dimensioniert. Nur wird es bisher kaum verfolgt. […] 500 Proben werden nachgetestet; jedoch nicht auf alles, was es gibt.

Gua #24

@ha:
Für grafische Smilies wäre ich auch. Oder zumindest für die lockerung gewisser Sanktionen…

Ach ja: Gibt das bei der nächsten Sportausschusssitzung wieder so einen Liveticker? Ich habe das Wachsen des Textes Mittwoch mit viel Freunde mitverfolgt und fand es schade, als es auf einmal vorbei war.

Jens Weinreich #25

Taufrisch, zum Thema Fifa/Wada/Sonderregeln. Eine gemeinsame Presseerklärung von DFB und Nada:

DFB-Pressemitteilung 46/2009 vom 29.04.2009

NADA und DFB setzen intensiven Dialog fort

Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) und die Nationale Anti Doping Agentur (NADA) haben auf einer Sitzung in Frankfurt am Main darüber Einigung erzielt, dass die aktuellen Gespräche zwischen FIFA und WADA über die Meldepflichten für Fußballer nichts an der seit Jahresbeginn für den Bereich von UEFA und DFB geltenden Rechtslage ändern.

Für den DFB folgt daraus, dass der Verband sich uneingeschränkt an den WADA- und NADA-Code hält, so dass die deutschen Nationalspielerinnen und Nationalspieler weiterhin den bekannten, per 1. Januar 2009 in Kraft getretenen Meldepflichten unterliegen, ihren Aufenthaltsort 90 Tage im Voraus angeben müssen und somit das ganze Jahr über für Dopingkontrollen zur Verfügung stehen.

NADA-Vorstandsvorsitzender Armin Baumert erklärte nach dem Treffen: „Es ist sehr erfreulich, dass der DFB ein verlässlicher Partner ist, der im Anti-Doping-Kampf eine Vorreiterrolle übernimmt. Für die Fußballer gibt es keine Sonderbehandlung im Vergleich zu anderen Sportlerinnen und Sportlern. Somit ist klar, dass das Dopingkontrollsystem in Deutschland für alle gleich umgesetzt wird.“

DFB-Vizepräsident Dr. Rainer Koch äußert zur Zusammenarbeit mit der NADA: „Es ist für einen effektiven und glaubwürdigen Anti-Doping-Kampf enorm wichtig, dass wir eine enge und vertrauensvolle Zusammenarbeit pflegen. Gerade die aktuellen Diskussionen um die Meldepflichten haben gezeigt, dass wir gemeinsam eine klare Linie absprechen und vorgeben und dabei natürlich die internationalen Regeln einhalten müssen.“

Weitere Schwerpunkte des Gesprächs waren unter anderem die Vereinbarkeit des WADA-Codes und WADA–Meldesystems mit europäischem und deutschem Datenschutzrecht, die Konsequenzen aus dem vom DFB-Sportgericht verhandelten Verstoß von 1899 Hoffenheim gegen die Anti-Doping-Regeln sowie die Einführung des vom DFB-Präsidium noch zu beschließenden Chaperon-Systems bei Doping-Kontrollen in der Bundesliga, 2. Bundesliga und 3. Liga.

Folgende Positionen wurden bei dem Treffen von NADA und DFB in Frankfurt am Main ausgetauscht beziehungsweise vereinbart:

• Die NADA prüft derzeit, ob und wie ihr nationaler Datenschutzstandard mit Blick auf deutsches und europäisches Datenschutzrecht noch verbessert werden kann. Sie wird das gemeinsam mit dem Bundesdatenschutzbeauftragten und dem Beirat der Aktiven im DOSB überprüfen. An diesen Beratungen wird der DFB durch einen Vertreter teilnehmen.

• NADA und DFB sind sich einig, dass das Meldesystem technisch auf Grund der aktuellen Erfahrungen weiter optimiert werden soll, um die Einträge zu erleichtern, die Angaben auf das für potenzielle Kontrollen erforderliche Mindestmaß zu beschränken und unnötige zu „Strikes“ führende Meldefehler zu vermeiden (nach drei Strikes wegen formaler Meldepflichtverletzungen droht den Athleten eine Sperre).

• Die Vertreter der NADA bestätigten dem DFB, dass dessen Sportgerichtsbarkeit das Verfahren gegen 1899 Hoffenheim juristisch beanstandungsfrei, effizient und schnell abgewickelt hat. Das Urteil des DFB-Sportgerichts ist von der NADA-Justiziarin Anja Berninger, die die Verhandlung beobachtet und alle Akten umfassend geprüft hat, als angemessen erachtet worden. Die NADA hat deshalb auch keine Veranlassung gesehen, gegen das Urteil des DFB-Sportgerichts Rechtsmittel einzulegen.

• Der DFB führt die Wettkampfkontrollen weiterhin in eigener Regie durch und startet mit Beginn der Saison 2009/10 in der Bundesliga, 2. Bundesliga und 3. Liga ein Chaperon-System. Die dazu nötigen Durchführungsrichtlinien werden bis Saisonende durch die Anti-Doping-Kommission des DFB erarbeitet und durch das DFB-Präsidium beschlossen. Einigkeit bestand zwischen NADA und DFB, dass ein Kontrollverfahren mit zwei Chaperons pro Spiel erprobt werden soll. Die NADA wird den DFB bei der Erarbeitung des neuen Kontrollverfahrens unterstützen.

• Der DFB wird die Schulungen für Spieler, Mannschaftsärzte und Vereinsverantwortliche weiter intensivieren und hierbei Unterstützung durch die NADA erhalten. Beabsichtigt sind darüber hinaus spezielle Präventionsveranstaltungen an allen Eliteschulen des Fußballs.

Ulrike Spitz
Leiterin Prävention und Kommunikation NADA

Harald Stenger
DFB-Direktor Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit

Bernd Lange #26

Meine Frau und mich beschaeftigt die ethische Frage nach Rechtfertigung einer genauen Sichtkontrolle bei der Urinabgabe. Wenn man den NADA-Bericht 2007/2008 interpretiert, gab es in diesem Zeitraum 4595 Trainigskontrollen mit einem positiven Ergebnis von 10 oder 11, das sind 0,2%. Fuer dieses Ergebnis werden alle moralischen sowie ethischen Grundsaetze ueber Bord geworfen. Ein Grossteil der Sporler und Sportlerinnen findet die Sichtkontrolle nicht nur unangenehm, sondern auch entwuerdigend, besonders, wenn dabei die Geschlechtsteile der Sportlerinnen mit dem Spiegel ausgeleuchtet werden. (Rolf-Guenter Schulze und Martin Krauss: Wer mancht den Sport kaputt…)

Wer laesst sich bei dieser koerperlichen Taetigkeit schon genauestens auf seine Geschlechtsteile starren. Das sind sicher nur Exibitionisten. Wir kennen keine Situation ausserhalb einer Dopingkontrolle, wo dieses Verfahren praktiziert wird. Selbst bei einer Drogenkontrolle im klinischen Vollzug oder aber in den JVA’s macht man sich darueber Gedanken, wie man diese Kontrollen effizienter und vor allem aber ethisch sauberer gestalten kann, z.B. durch Einsatz von Markern.

Wenn bei einer Trainingskontrolle der Dopingkontrolleur zum Athleten nach hause kommt, dann ja unangemeldet. Koennen Sie sich vorstellen, dass ein Athlet fuer diesen Fall eine 37 Grad warme saubere Urinprobe abgeben kann? Sicher nur in einem aeusserst geringen Fall. Wenn doch schon die Dichte des Urins gemessen wird, warum nicht auch die Temperatur? Alles, was nicht 37 +/- 0,5 Grad hat, gilt dann als manipuliert. Was die Zugabe von Detergenzien betrifft, gilt doch, was im Dopinglabor bei Prof. Schaenzer festgestellt wurde, wenn bestimmte Merkmale im Urin nicht festgestellt werden, gilt es ebenso als manipuliert. Sie sehen also, dass man auf die sogenannte Pee(p)-Show ganz gut
verzichten kann, ohne die wichtige Dopingkontrolle vernachlaessigen zu muessen.

Zu den Wettkampfkontrollen ist folgendes zu sagen: Warum laesst man die Sporler und Sportlerinnen vor einer Kontrolle sich nicht vollstaendig entkleiden um sich zu vergewissern, dass keine Urinflaeschchen oder bei Maennern ein Kunstpenis benutzt wird. Da Sportler kaum ein Problem haben, nackt mit anderen zu duschen, waere das Problem geloest. Nach einem Haendewaschen koennten auch keine Detergentien oder Verduennungmittel eingesetzt werden. Dann gibt es das eventuelle Problem bei Sportlerinnen, dass sie sich ein mit Urin gefuelltes Kondom in die Scheide stecken und damit
ihre Wettkaempfe bestreiten. Das waere nur bei allerbesten fuenf Sportlerinnen angezeigt, aber meine Frau und ich koennen uns das nicht vorstellen. Die mittelmaessigen Sportlerinnen werden so etwas kaum machen, da eine sehr geringe Wahrscheinlichkeit zur Aufforderung zur Kontrolle zu erwarten ist. Manipulationen mit Kathethern sind bei doch sowohl bei Sportlern als auch bei Sportlerinnen als hoechst unwahrscheinlich anzunehmen, da bei Wettkaempfen nur sicher die ersten kontrolliert werden und die Doping Kontrolleure jeden der kontrolliert werden soll, im Auge behalten muessen.

Wir haben die Untersuchung von Fr, Prof. Elbe der Uni Potsdam zum Thema Sichtkontrolle und Urinabgabe gelesen. Danach haben ca. 42 Prozent der Sportler ein Problem, vor einem fremden zu urinieren. Es soll Sportlerinnen geben, die extra nicht siegen wollen, um der entwuerdigenden Prozedur der Urinabgabe vor einem Fremden zu entgehen – nicht etwa, weil sie gedopt sind. Meine Frau und ich koennen uns auch nicht vorstellen, dass Jugendliche keine Probleme bei der Urinabgabe haben.

Ausserdem gibt es ja noch weitere Moeglichkeiten, die Sichtkontrolle zu unterbinden. Man koennte dem zu kontrollierenden Sportler eine Farbtablette zum Einnehmen geben damit sich der Urin faerbt und damit bewiesen ist dass die Probe im Moment abgegeben wurde. Weiterhin koennte man den Marker der Firma Ruma einsetzen wie es schon bei vielen Drogenkontrollen gemacht wird.

Alles in allem laesst sich sagen, das das jetzige Kontrollinstrument der Sichtkontrolle bei der Urinabgabe dem hohen moralischen Anspruch den Sport dopingfrei zu bekommen mit dem ethischen Grundsatz der Intimsphaere nicht in Einklang zu bringen ist.

Meine Frau und ich wuerden eine derartige Kontrolle nicht dulden und dann lieber auf den Sport verzichten, was schade waere.

Bernd und Helene Lange

nocheinjurist #27

Lars Riedel zum Thema „Art der Dopingkontrolle“ und „Menschenwuerde“

http://www.sportswire.de/2009/05/lars-riedel-kontrollen-verstosen-gegen-menschenwurde/#more-1027

AKUK #28

@ nocheinjurist

Ihre Begruendung, warum es gerade beim Sport fair zugehen muss, kann ich gut nachvollziehen. Da es fuer viele Sportler aber ein Beruf ist (Ist ja nicht mehr das alte Athen), muessen auch Vergleiche mit Regelungen in anderen Berufen erlaubt sein. Fuer mich ist der Beruf Sportler in seiner Ausuebung derzeit am staerksten reglementiert, obwohl er nur von einer kleinen Gruppe ausgeuebt wird, und die Reglementierung ist auch noch recht unbestimmt, da sich das Verbot der Einnahme auch auf derzeit unbekannte oder nicht nachweisbare Substanzen erstreckt.

Aber vielleicht koennen Sie auch mal erklaeren, warum Berufssportler anderen gesundheitlichen Regeln unterliegen sollen als Berufsjournalisten, -banker, Bundestagsabgeordnete oder Maurer. Und warum sich die ganze Nation ueber das Thema Gedanken machen darf. Ich hoffe immer, es geht nicht nur darum, Geschichten zu verkaufen und nachzudrehen.

Ist denn noch keiner auf die Idee gekommen, dass gerade vom medial gefeierten Spitzensport seit Jahrzehnten stärkste Impulse ausgehen, die gesellschaftliche Leitbilder und Zeitgeisttendenzen nachhaltig prägen und wirksam fortschreiben?
Da, wie immer, die Medaille zwei Seiten hat, passiert das nicht nur im positiven, gewünschten Sinne, denn dann wären wir nach der X-ten Kampagne alle fleißig dabei, uns zu trimmen und pausenlos mit der Jugend der Welt den Frieden zu feiern.
Vielmehr gehen von der Inszenierung in den Stadien teilweise katastrophale Botschaften in die Welt. Nur wer siegt, ist „oben“, nur der Rekord ( DSV-Qualinorm 2009!) kann eine Fahrkarte zu internationalen Meisterschaften sichern. Das gruselige Werbevideo des IOC zu den Spielen in Peking war wegweisend, wie die Sportler sein sollen. Helden die über Kontinente springen, schneller laufen als galoppierende Pferde, Bälle schlagen, die das Universum durchqueren. Untermalt von einer Symphonie aus Beschwörungsformeln eines Sport-Wort-Schamanen und bombastischer orchestraler Begleitung.
Wer glaubt, die doch recht laxe Behandlung von „erwischten“ Dopern, doping-belasteten Trainern, Ärzten und Betreuern, welche über weite Strecken von hobbypsychologisch und laienhaften „sozialversöhnungspädagogisch“ angehauchten Sportverantwortlichen und Sportpolitikern geprägt ist, hinterlässt keine fatale Botschaft in den Köpfen, ignoriert einfache Grundsätze der Psychologie, Soziologie sowie Kommunikationswissenschaft.

Ach so, bin ganz abgekommen mich zu den unterschiedlichen Regeln zu äußern.
Ich glaube, es gibt gar keinen so großen Unterschied zu anderen Berufen, wenn es um Regeln und Reglementierung geht. Der Busfahrer muss u.U. vor der Arbeit „pusten“, der Dachdecker muss sich auf der Baustelle sichern bzw. angurten, der Bundestagsabgeordnete kann auch nicht zugekifft im Plenarsaal erscheinen und der Berufssportler sollte auch nicht mit bestimmten Substanzen im Körper seinem Tagewerk nachgehen. Es gibt dazu für alle Berufsgruppen geschriebene und ungeschriebene Regeln, und jene die in den Berufsgruppen arbeiten, sind aufgefordert, sich selbst daran zu halten und darauf hinzuwirken, dass sich auch andere an die Regeln halten. Das nennt man Verantwortung sich selbst und anderen gegenüber. Da das offensichtlich im Spitzensport am allerwenigsten klappt, schwappt der Kontrollwahn, will nicht sagen Kontrollzwang über.

nocheinjurist #29

@ AKUK: Ihre Vergleichen hinken etwas, wie ich finde. Der Busfahrer unterliegt einer allgemeinen Strassenverkehrsnorm, keiner besonderen „Busfahrernorm“. Die Sicherung des Dachdeckers dient in erster Linie der Eigensicherung und nicht dem fairen Wettbewerb unter Dachdeckern (dazu soll Anti-Doping auch und wohl in erster Linie beitragen, ausser der Versorgung von Journalisten mit Geschichten). Und zum Thema Bundestag erinnere ich mich ganz dunkel an einen TV-Beitrag ueber das Auffinden von Kokainresten in den BT-Toilettenraeumen (Natuerlich kifft dort keiner.). Soweit ich mich richtig erinnere, reagierte die BT-Verwaltung damals absolut souveraen, mit einem Hausverbot fuer die — Journalisten. Hausrecht und so.

http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,100925,00.html

http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,140335,00.html.

Mir fehlt eigentlich eine weitere Berufsgruppe ausser Sportlern, die freimuetig erklaert: „Wir verzichten jederzeit auf alle leistungssteigernden Mittel, die auf der Dopingliste stehen“. Die sich also dem WADA-Code unterwirft, freiwillig natuerlich. Es koennte sich um eine Berufsgruppe handeln, die mit der Dopingliste aufgrund fachlicher Naehe vertraut ist…

AKUK #30

@ nocheinjurist

ja, ich weiß, meine Vergleiche hinken, jedoch gibt es mittlerweile nichts, was nicht auch schon woanders passiert ist…
Ich finde, dieses Hin-und-her-Gezerre zwischen den „anderen“ Bereichen des Lebens ist sowieso heikel, denn der Sport war und ist stets ein besonders auffälliger Fokus/Spiegel seiner Zeit.
Er lebt vom Mythos der Fairness, des Fair-play, stellt sein ethisches Leitbild als gelebt hin und trägt seine „Sonderstellung“ wie eine Monstranz vor sich her.
Ich bekomme immer nur ein wirklich, wirklich schlechtes Gefühl, wenn der Sport(-funktionär, wahlweise auch -politiker) selbst meint, der Sport könne sich „aus eigener Kraft“, unabhängig, frei und souverän mit diesen gravierenden Problemen auseinandersetzen und diese auch LÖSEN.
Viele wollen wirklich einfach nicht glauben, dass der Betrüger im Sport, ein genau so mit krimineller Energie Ausgestatteter ist, wie der Betrüger in den anderen Bereichen des Lebens. Das ist, ich weiß, vielleicht wieder etwas simpel und hinkend, dennoch die Wahrheit.
Und, lieber nocheinjurist, vergessen Sie nicht, dass es (hoffendlich!)die Mehrheit der Sportler ist, welche den Sport als persönliche Herausforderung und nicht Schlachtfeld um den nächsten Dollar betrachten. So auch im „normalen“ Leben die meisten ihren Job ohne chemische und / oder pharmazeutische “ Helferchen“ ausüben. Hierzu gibts sogar wissenschaftliche Studien, im Gegensatz zum Sport. Alarm wird geschlagen, weil der Prozentsatz jener, welche sich mit Jobdoping pushen, steigt. Na rate mal, wer das vorlebt?

nocheinjurist #31

@ AKUK: Ja, Mythos ist schoen. Vielleicht waren ja auch die Olympioniken im antiken Griechenland „gedopt“ – nur gibt es heute keine Akten. Wer weiss… Ich denke ausserdem, dass viele Zuschauer der Zweikampf interessiert. Deshalb bleiben Tour und Giro gedopt oder ungedopt irgendwie spannend.

Es gibt zwei „Handlungsstraenge“. Der eine ist die kuenstliche Leistungssteigerung der Sportler. Der andere ist die mediale Beschaeftigung damit.

Ich habe zum ersten Komplex halt einfach ne juristische Meinung – freiwillige Selbstgefaehrdung jeder wie er will. Dazu vielleicht ein Risikozuschlag in der Krankenversicherung fuer Vertragssportler, damit die Kosten nicht sozialisiert werden (bisher gibt es Risikoausschluesse fuer Risikosportarten, ich liege aber hoffentlich nicht falsch, wenn ich Dauer-Leistungssport als Risiko einstufe), vielleicht aber auch eine generelle Loesung fuer alle — Drogenkonsum als grob fahrlaessige Herbeifuehrung des Versicherungsfalles. Da kommen dann aber recht viele nicht mehr in den Genuss von bestimmten KV-Leistungen. Etwas irgendwo dazwischen, was moeglichst zu keiner negative Sonderstellung der Sportler fuehrt
Dort, wo es keine freiwillige Selbstgefaehrdung ist („Kinderdoping“), sollte weiterhin viel ueber die Gegenwart geschrieben werden.

Der zweite Komplex interessiert mich weitgehend, um zu sehen, ob „double standards“ vorliegen und zu ueberlegen, warum sie sich manchmal von ihnen so lange halten. Beispiel: Medien kritisieren gern die Sonderstellung des Sports. Ich finde sie auch nicht gut und schlecht begruendbar. Dann aber scheint auch gern durch, dass ein Anti-Doping-Gesetz wichtig und so etwas wie eine Loesung waere (diese Meinung wird meines Erachtens haeufiger zitiert). Dies aber zementierte diese Sonderstellung, denn es wurde nur fuer Sportler gelten. Was halten Sie, AKUK, von dieser „Argumentationskette“? Und mir fehlt manchmal die Frage: Warum schreiben wir ueber kuenstliche Leistungssteigerung im Sport, aber nicht soviel ueber dasselbe Thema in der Politik, der Wirtschaft, im Theater… Auch damit wird die Sonderstellung auch verstaerkt. Um mal einen Aspekt rauszugreifen.

Jobpushing sehe ich eher als das: Eine recht hohe Zahl an Buergern hat keine Arbeit und wuerde gern wieder arbeiten. Sie werden aber nur als Konsumenten gebraucht, um die Infrastruktur weiterhin im bisherigen Mass aufrechtzuerhalten. Einige haben es vielleicht erkannt, andere „tun alles, um wieder Arbeit zu finden“. Und erst recht, um sie zu behalten, weil sie denken, es haenge alles von ihrer Leistung ab (das mag haeufig so sein, aber wenn es um Verschmelzungen und Synergien geht, ist die Leistung eines einzelnen Arbeiters gaaanz nachrangig). Also Leistung steigern. Aber wie. Man wird ja auch aelter. Ob sie sich das von Sportlern abgeschaut haben, denke ich da eher nicht. (Kinder hoeren das vielleicht von ihren Eltern!?) Ist aber off-topic, und ich wollte in dem Bereich keine (!) Diskussion heraufbeschwoeren.

Herbert #32

@nocheinjurist

Die ersten belegten Fälle von ausgesprochenen Doping im Sport sind nachweislich erst in der zweiten Hälfte des 19.Jh. aufgetreten. 1865 gab es einen Dopingfall beim Kanalschwimmen in Amsterdamm. Und der Tod des Radrennfahrers Artur Lintons 1886 gilt als erster aufgezeichneter Dopingfall. Bereits die Berserker nahmen die Droge Bufotein (aus Fliegenpilz) und die Tarahumaras, Indianer aus Nordmexiko, Rauschmittel aus Kakteen zur Leistungssteigerung (200 km Tagesmärsche). Teilnehmer an den alten Olympischen Spiele im 3.Jh. v. Chr. bedienten sich dieser Mittel.
Das eigentliche Problem beginnt in den 20er Jahren und mit der Einführung des Berufssports. Bereits mit der Hinterfragung des Leitsatzes von Coubertin „citius, altius, fortius“ nach seiner Kernaussage könnte man nachdenklich werden und endet bei der immer stärker wahrzunehmenden Diskrepanz zwischen ethisch-moralischem Anspruch an den Sport und der Sportpraxis selbst. Damit wird auch deutlich, dass Doping als Konstellationskonflikt verstanden werden muss, der nicht kurzfristig und nur durch Kontrollen gelöst werden kann.

nocheinjurist #33

@ Herbert: Vielen Dank. Wenn ich davon ausgehe, dass viele Unterlagen von damals heute nicht mehr verfuegbar sind (ein Jammer fuer Historiker – der uebliche Informationsverlust binnen eines Jahrhunderts), darf ich dann auch davon ausgehen, dass die Dunkelziffern (erhbelich?) hoeher gewesen sein duerften?

nocheinjurist #34

@ JW: Sie hatten natuerlich recht und ich war nicht geupdatet. Koffein ist KEIN Dopinmittel MEHR. Entnehme ich dieser Quelle, die mir in dieser Hinsicht vertrauenswuerdig klingt.

http://www.vitalsportshop.de/oxid.php/sid/x/shp/fitlineshop/cl/vdcontent/conid/1d743a7dc0b0ee025.25612327

Ich bin ein bisschen froh, dass Ihnen das auch nicht gleich eingefallen ist.

Bliebe nur die Frage: Was habe die Sportler gemacht, die vielleicht aus diesem Grund mal disqualifiziert worden waren. Gibt es jetzt wieder neue Siegerlisten. Opfer des Anti-Doping-Kampfes, quasi.

Hier habe ich nur reingelesen
http://www.isitech.com/fileadmin/pb/pdf-Dateien/Coffein.pdf

Nicola #35

@nocheinjurist
ich weiß jetzt nicht, ob Ihre Bemerkung zu den Siegerlisten ernst gemeint ist. Ich gehe jetzt einfach einmal davon aus:

der Sport lebt von Regeln, die von den Sportreibenden anerkannt werden müssen. Anders ist der sportliche Wettkampf nicht möglich. Es gelten immer die gerade anerkannten. Diese Regeln beziehen sich auf so ziemlich alles, wie Material, Wettkampfabläufe, Alter, Gewicht usw. und beinhalten auch den Umgang miteinander, das Fairplay und als Teil dessen eben auch Doping. Kommt es zu Regelverstößen, werden diese sanktioniert. Dieses strenge Reglement unterscheidet den Sport und damit auch den Beruf Sport von anderen Berufsgruppen.

Sportregeln sind aber nichts Statisches sondern entwickeln sich ebenso wie sich z. B. das Recht weiterentwickelt. Aus diesem Grund wurden und werden auch Dopingregeln und damit auch die Medikamentenliste ständig diskutiert und verändert. Für die Verbände, Sportler, Ärzte, Trainer usw. gilt immer der aktuelle Code bzw. das aktuelle anerkannte Reglement. Wer also, um zu Ihrem Beispiel zurückzukommen, wegen Koffein gesperrt war, war zu recht gesperrt und hat im Nachhineine keine Möglichkeit, dagegen etwas zu unternehmen – aber letztlich ist dies auch in unserem sonstigen Rechtssystem so.

um sicher feststellen zu können, ob ein Wirkstoff oder Mittel zugelassen ist, empfiehlt es sich hier nachzusehen:
NADA-Medikamentenbank

Herbert #36

Sportregeln sind aber nichts Statisches sondern entwickeln sich ebenso wie sich z. B. das Recht weiterentwickelt. Aus diesem Grund wurden und werden auch Dopingregeln und damit auch die Medikamentenliste ständig diskutiert und verändert. Für die Verbände, Sportler, Ärzte, Trainer usw. gilt immer der aktuelle Code bzw. das aktuelle anerkannte Reglement. Wer also, um zu Ihrem Beispiel zurückzukommen, wegen Koffein gesperrt war, war zu recht gesperrt und hat im Nachhineine keine Möglichkeit, dagegen etwas zu unternehmen – aber letztlich ist dies auch in unserem sonstigen Rechtssystem so.

@nicola

Daraus ergeben sich für mich zwei spontane Fragen.
Gilt auch der Umkehrumschluß ? Wer etwas nimmt, was noch nicht auf der offiziellen Liste stand, dürfte dann ja auch nicht 8 Jahre danach durch das positive Ergebnis eines neuen anerkannten Dopingtests seines sportlichen Erfolges verlustig gehen ? Und wie verhält es sich bei Mitteln, die zum Zeitpunkt des Tests zwar auf der Liste stehen, aber zum aktuellen Zeitpunkt mit dem üblichen Verfahren nicht nachzuweisen waren ?

Gut, wir erleben das gerade immer wieder. Aber trotzdem erschließt sich mir hier keine Logik.

Nicola #37

@Herbert
es gilt der Stand der Kontrolle. Der WADA/NadaCode enthält nicht nur das Verbot von einzelnen Substanzen oder gar Medikamenten, sondern auch von Wirkstoffgruppen und Methoden. Diese sind verboten unabhängig, ob dafür schon ein Nachweis existiert oder nicht.
Z.B. Eigenblutdoping ist seit über 20 Jahren verboten kann aber immer noch nicht nachgewiesen werden. Aber sollte dieses in den der Probe folgenden 8 Jahren nachgewiesen werden können, ist die Probe positiv und es kann sanktioniert werden.
Ebenso ist es z. B. mit Gendoping. Es ist seit einiger Zeit verboten, aber kann noch nicht umfassend in allen Ausprägungen (anerkannt) nachgewiesen werden. Aber jeder der es anwendet verstößt heute schon gegen das aktuelle Reglement. So war es auch mit CERA oder wird es sein mit anderen ähnlichen Mitteln, denn diese sind pauschal verboten.

Neue Substanzen/Medikamente/Methoden, die heute noch nicht bekannt sind oder nicht auf der Liste stehen, können heute angewendet werden, eine Gefahr später dafür sanktioniert zu werden, besteht nicht.

Herbert #38

@nicola

Ich bedanke mich. Aus Ihrem letzten Absatz ergibt sich sozusagen dann ein nicht unwesentlicher Reiz zum Wettlauf zwischen Tester und „Entwickler“.

Walter #39

Wann wird eigentlich die Goldmedaille von M. Jones an Thanou übergeben,oder habe ich etwas verpasst?
Oder habe ich etwas nicht verstanden?

JW #40

Das verstehen ja nicht mal die Herrschaften im IOC-Exekutivkomitee. Und begründen können sie es auch nicht, warum es keine Weiterreichung der Medaille(n) gab. In der Staffel ist das schon geschehen, wurde Bahamas nicht schon zum Sieger erklärt?

Thanou wurde immer wieder vertagt, ich denke, sie werden sie ihr nicht geben – haben nur noch keine passende Argumentation.

nocheinjurist #41

@ nicola: Ja, war schon ernstgemeint. Ich denke einfach, der Gedanke ist gewoehnungsbeduerftig. Es ist aber nicht schwer zu begruenden. Erster Ansatz („Der Sport hat seine eigenen Regeln“): Was wir nehmen koennen, koennen wir auch zurueckgeben, und umgekehrt(-das war unernst-).

Etwas juristischer: Ich finde, dass eine Dopingliste keine Wettkampfregel ist wie „Bahn nicht verlassen“, „nicht mehr als x Fehlstarts“, „Badeanzugsvorschriften“ und soetwas. Mittel und Methoden tauchen nur deshalb auf der Liste auf, weil die Wissenschaft meint, die natuerliche Leistungsfaehigkeit liesse sich durch die dargestellten Massnahmen steigern. Diese Annahme ist die einzige Rechtfertigung fuer die Existenz der Liste, sie ist kein Selbstzweck.
Die Liste dient nur dazu, den fairen Wettbewerb sicherzustellen, mit der Sanktion – Aberkennung der Leistung und Sperre.

Okay, „die Wissenschaft“ hat sich geirrt in Sache Koffein, das ist normal. Ein aufgefuehrtes Mittel/Methode war nicht geeignet, die natuerliche Leistungsfaehigkeit zu steigern. Einige Sportler hatten also trotz hohen Koffein-Wertes objektiv gesehen ihre Leistung nicht gesteigert. Und man kann, nach neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen, auch nicht mehr unterstellen, es haette eine solche Leistungssteigerung vorliegen koennen (das Auffinden eines Dopingmittels fuehrt ja zu dieser Vermutung).

Also hat der, der MIT Koffein gewonnen hat, nicht AUFGRUND des Koffeins gewonnen. Es gibt deshalb keinen Grund mehr, ihm eine kuenstliche Leistungssteigerung vorzuwerfen. Und wenn dieser Vorwurf nicht mehr steht, gibt es keinen Grund, ihm die Medaille nicht zurueckzugeben. Und jener andere Sportler, der aufgrund der Disqualifikation vorgerueckt ist, erleidet auch keinen Nachteil: Er ist besiegt worden, und das von einem, wie wir „heute“ wissen, jedenfalls nicht koffein-gedopten. Denn mit Koffein war (!) Doping zu keinem Zeitpunkt moeglich. Die Liste war schlicht fehlerhaft.

Wie gesagt, der Gedanke ist gewoehnungsbeduerftig, auch im Hinblick auf eine fehlerhafte Dopingliste. Bisher bringt der fehlbare Sportler die Leistung, waehrend der unfehlbare Organisator sie ihm nehmen kann. Beschraenkt man sich weiterhin auf diesen Zweiklang, wird aber vergessen, was eigentlich alle wollen: Der Beste, der seine Leistung nicht kuenstlich steigert, soll gewinnen. Und der Idee traegt ein (zweimal korrigiertes) Ergebnis, das den letzten Besten zum Sieger kuert, am meisten Rechnung (Juristen nennen das dann vielleicht materielle Gerechtigkeit.)

cf #42

@nocheinjurist
geht es nicht eher (oder zumindest: auch) um die Intention? In der Schule ist ja auch schon der Betrugsversuch (a.k.a. „spicken“) „strafbar“ (i.S.v. „wird geahndet“). Insofern: Koffeein stand (ab einer gewissen, nicht geringen Dosis) auf der Liste, weil man nach damaligem Kenntnisstand davon ausging, dass es leistungssteigernd wirke. Wenn der Sportler (mit selbigem Kenntnisstand!) eine entsprechend hohe Koffeein-Dosis aufwies, konnte man ihm also unterstellen, dass er (gewissermaßen: nach bestem Wissen) versuchte, sich dadurch einen Vorteil zu verschaffen (auch wenn der Versuch möglicherweise untauglich war) — was in jedem Fall in massivem Widerspruch zum vom Sport hochgehaltenen Fair-Play-Gedanken steht. Die charakterliche Verfehlung ist also dieselbe und insbesondere unabhängig von der tatsächlichen Wirkung. So wird ein Argumentationsschuh draus. ;-)

nocheinjurist #43

@ cf: Klar, kann man alles auch so sehen. Wenn Sie in der Dopingliste noch eine charakterliche Komponente sehen, dann kann man im Verstoss auch eine charakterliche Verfehlung erkennen. Der Gedanke, dass die Beachtung der Dopingliste zugleich ein Charaktertest ist, ist aber auch ein recht frischer;-).

Die Sache mit dem Versuch ist sicher ueberdenkenswert. Allerdings knuepft die Idee, dass (auch ein untauglicher) Versuch sanktioniert werden soll, an das Strafrecht an. Dem liegt eine andere Legitimierung zugrunde (Parlament entscheidet) und auch eine offenere Diskussion zugrunde. Bei einer Dopingliste sehe ich eine aehnliche Legitimierung nicht. Sie hat keine Gesetzeskraft, es ist ein „Wissenschaftspodukt“, und eine breitere Diskussion darueber, welche Substanzen auf diese Liste sollen, habe ich auch noch nicht wahrgenommen (das ist keine inhatliche Bewertung von Dopinglisten!).

Ich habe eine Dopingliste bisher nur zwei Dinge gesehen: Einerseits eine (nicht-gesetzliche) Einschraenkung der Berufsausuebungsfreiheit, fuer die es einen sachlichen Grund geben muss (Leistungssteigerung). Andererseits als so etwas wie den Ausfluss des Hausrechts, wonach der Hausherr selbst die Bedingungen festlegen darf, nach welchen die „Gaeste“ an seinen Veranstaltungen teilnehmen duerfen. Das ist beides im weiteren Sinne Zivilrecht, und dort sind Versuche, andere zu schaedigen, nicht sanktioniert. Dort guckt man nur auf den eingetretenen Schaden. Da ein Schaden nach neuesten Erkenntnissen nicht eingetreten ist, bleibt auch kein Anknuepfungspunkt fuer eine „Versuchsstrafbarkeit“.

Oder, kurz ausgedruckt: Wissenschaft sollte auch zum Vorteil des Sportlers angewendet werden duerfen ;-)

nocheinjurist #44

Passt nicht ganz, aber den Link zu „Koks-Tom“, wo es eher dazugehoert, kann ich nicht mehr finden (die Suche-Funktion erstreckt sich leider nicht auf Kommentare — liesse sich das vielleicht aendern).

Cricketspieler ganz in weiss

http://edition.cnn.com/2009/SPORT/05/20/cricketer.britain.cocaine.smuggling/?iref=mpstoryview

Herbert #46

Den beiden Datenschutzbeauftragten Thilo Weichert und Edgar Wagner kann an nur dankbar sein, dass sie sich an dieses Thema wagen. Leider wird noch immer sehr gern und leidenschaftlich über die Regelverstöße von Sportlern gesprochen anstatt mal zu beleuchten, unter welches – auch entwürdigendes – Kuratel sich Hochleitungssportler begeben müssen, wollen sie ihren Beruf ausüben.

Hier mal eine „Kostprobe“:

Durchführung der Dopingkontrollen
Während der Dopingkontrolle vom Zeitpunkt der Benachrichtigung bis zum Ende der Probenahme, was mehrere Stunden dauern kann, befindet sich der Sportler unter einer Totalkontrolle des DCO bzw. des Chaperon. Hierzu werden keine Ausnahmen geduldet, etwa Kontakt zu Familie, Sexualpartner, Seelsorger, Arzt, sonstige berufliche oder soziale Vertrauensperson.

Diese Totalkontrolle erstreckt sich zumindest teilweise, etwa bei der Urinkontrolle, bis in den Intim- und Schambereich. Der direkte Blickkontakt bei der Entnahme der Urinkontrolle wird begründet mit der Zielsetzung, die Abgabe von Fremdurin zum Zweck der Täuschung zu verhindern. Es bleibt aber fraglich, ob diese hochinvasive und von manchen Menschen als entwürdigend empfundene Maßnahme für diesen Zweck geeignet, tatsächlich erforderlich und verhältnismäßig ist. Tangiert ist insofern nicht nur das Recht auf informationelle Selbstbestimmung, sondern direkt die in Art. 1 Abs. 1 S. 1 GG garantierte Unantastbarkeit der Menschenwürde.

Die für Minderjährige vorgesehenen Schutzmaßnahmen sind nicht geeignet, die besonderen altersbedingten Belastungen für die Gruppe zu kompensieren. Es ist nicht bekannt, dass von Jugendlichen Versuche zur Abgabe von Fremdurin erfolgten.

Die Eingriffstiefe der Dopingkontrollen entspricht in anderen Lebensbereichen allenfalls hoheitlichen Maßnahmen im Bereich der Strafverfolgung oder im Bereich der Sicherheit von Justizvollzugsanstalten. Persönlichkeitsschützende Vorkehrungen, die in diesen Bereichen vorgesehen sind, sind bei Dopingkontrollen bisher nicht eingeführt.

Sportler müssen anscheinend weniger sensibel als andere Menschen sein. Oder fällt einen da noch eine Berufgruppe ein, die sich das auch gefallen lassen würde ?
Mir fiel bisher nur auf, dass einige bereits aufquicken, wenn man ihnen mal widerspricht. Mit solch einem Nervenkostüm wäre eine Dopingkontrolle schlicht und einfach nicht durchzustehen. Das wäre allerdings dumm, da Verweigerung einem postiven Test gleichgestellt ist. Zum Glück sind die, die permanent über Verschärfung der Kontrollen fabulieren, von all diesem „labidaren Tralala“ nicht betroffen.

ha #48

Ja, man kann wirklich nur dankbar sein: Am deutschen Datenschutzwesen wird der Sport genesen ;-D Die haben ja bestimmt auch durchschlagende Alternativen entworfen, von denen nur leider nicht viel im Papier steht.
Dabei ist es ganz einfach: Wer im Kontrollsystem einen unverhältnismäßigen Eingriff in die persönliche Freiheit/ Grundrechte/Menschenrechte sieht, muss klagen. Ist schon geschehen: 2007 im Fall des gedopten Astana-Profis Andrej Kaschetschkin, vertreten von Bosman-Anwalt Luc Misson. Gescheitert. Derzeit 65 belgische Athleten – bisher in allen Instanzen gescheitert. Beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte, die letzte Adresse, sind sie noch nicht. Abgelehnt worden ist das immer mit derselben Begründung, ob man die nun mag oder nicht: Der Sport habe das Recht, sich Regeln zu geben, die den ihm eigenen Wettbewerb schützen, und diese durchzusetzen. Anders gesagt: Wer sich durch seine Teilnahme am organisierten Leistungssport der Verbandsstrafbarkeit unterwirft, kann nicht nur einen Teil davon akzeptieren.
Und, ja, die Tests sind auch Maskerade eines vorgeblich dopingfreien Sports. Vor allem, weil sie nicht intelligent sind. Das sind sie nicht, weil Antidopingagenturen nicht unabhängig von Sportverbänden agieren können, am allerwenigsten bei uns. Nur ist es etwas abwegig, das Kontrollsystem abzuschaffen (und das täte man de facto mit Verzicht auf die whereabouts), weil es nicht effektiv genug ist.
Verwunderlich auch, dass das Datenschützer-Papier nicht auf Verbesserungen eingeht: die Ein-Stunden-Regel (falls man die für eine solche hält), neue Zugriffsschranken und verkürzte Speicherungsfristen in ADAMS.
Unterhaltsame Debatte, die alle Jahre wieder kommt, von einigen mit dem Kalkül geführt wird, dass der Datenschutz eine Schneise für die Einschränkung der Autonomie des Sports schlagen möge. So wünschenswert die ist, die kommt bestimmt nicht über die von Deutschland ausgehende weltweite Revolutionierung der Dopingtests – für Gesetze, gegen die sich DOSB und Co. mit Händen und Füßen wehren, existieren ja in Europa durchaus gelungene Exemplare.
Die Alternative – staatliche Gesetze, die Dopingkontrollen regeln – brächte den Athleten vermutlich gar nichts. Denn auch dann müssten sie immer noch unangemeldet und jederzeit kontrolliert werden können. Nur von staatlichen Behörden, von Polizisten. Vielleicht wäre das ja der Königsweg zur unabhängigen Dopingbekämpfung – hat nur etwas vom Glauben an den Osterhasen. Oder an den seinerzeit ernstgemeinten Vorschlag der Fumic-Brüder : Fußfessel, bitte.

Herbert #49

ha, mich würde mal interessieren, wie Sie sich fühlen würden, müssten Sie sich derartigen unintelligenten Regeln unterwerfen ?

Ralf #50

FAZ-Kommentar von Christoph Becker: Kritik am Anti-Doping-System: Saubere Verhältnisse?

Stefan #51

Und wieso gibt es diese strengen Überwachungen, auch bei der Dopingprobe? Weil dabei sonst betrogen wird.

Man erinnere sich z.B. an den Fall der irischen Schwimmerin Michelle Smith-De Bruin (mehrfache Olympiasiegerin von Atlanta), deren Urinprobe bei einer Kontrolle 1998 eine derart hohe Alkoholkonzentration aufwies, dass sie unweigerlich an einer schweren Alkoholvergiftung gestorben wäre, hätte sie die dafür nötigen Mengen wirklich konsumiert.
…Hier sei an den Fall Kathrin Krabbe erinnert: Bei einer Dopingkontrolle 1992 waren die Urinproben dreier kontrollierter Sportlerinnen physikalisch identisch – eine medizinische Unmöglichkeit.

Also mögen sich die heutigen Sportler mal bei den Damn de Bruin, Krabbe etc.pp. beschweren.

Ralf #52

Die Herren Annus und Fazekas nicht zu vergessen…

Herbert #53

Also mögen sich die heutigen Sportler mal bei den Damn de Bruin, Krabbe etc.pp. beschweren.

Infantile Argumentation. Auf die ggw. Verhältnisse heruntergebrochen, müssten wir einerseits alle mit Schusswesten und Schiessgewehren herumlaufen und andererseits sollten im öffentlichen Raum ununterbrochen Leibesvisitationen stattfinden.
Eine Übertreibung (Übertretung) kann nicht durch eine andere kompensiert werden. Wobei ich jedem sein Feinbild zugestehe, auch wenn es Sportler heißt. :D
Wenn wir schon über intelligentere Kontrollsysteme nachdenken, dann meinen wir doch nicht etwa repressivere oder zumindest pragmatischere?
Übrigens, wäre es interessant zu wissen, was neue Dopingtests, ob sie nun intellligenter waren oder nicht, eigentlich gebracht haben.
Ja, und permanenter Argwohn ist auch nicht durch intelligentere Kontrollsysteme zu beseitigen. Wer Flugangst hat, hat Flugangst. ;-)

Stefan #54

Wie ha schon gesagt hat: Der Sportler hat sich den Regeln unterworfen. Er kann sich davon befreien, er muss einfach keinen Profisport betreiben. Mit finanziellen Einbußen natürlich.
Da ist das Bild vom öffentlichen Raum völlig deplatziert, denn da gibt es keine Möglichkeit, dem zu entkommen. Ich lasse mich aber gern am Flughafen kontrollieren, wenn dadurch derjenige, der mein Flugzeug in die Luft sprengen will, ertappt wird. Sinnvolle Maßnahmen halt.
Um wieder zum Sport zurückzukommen: Wenn es sich einbürgert, sich Fremdurin in die Harnwege zu injizieren, muss man halt danebenstehen. .Ein sauberer Sportler sollte froh sein, wenn mal wieder jemand ertappt wird, und nicht auf die Kontrolleure schimpfen.

Stefan #55

Und was die inteligenteren Dopingtests betrifft: Schauen wir doch mal, was z.B. die Weichmacheranalyse im Fall Contador sagt. Könnte sein, dass das Kalbsschnitzel besonders gut verpackt war. ;-)

Ralf #56

sid: Datenschützer Lepper nimmt NADA in Schutz

Lepper bezweifelt, dass ein nationales Anti-Doping-Gesetz Sinn ergeben könnte. „[…] Es gibt einen Code der Welt-Antidoping-Agentur WADA, den einzuhalten sich die Bundesrepublik Deutschland verpflichtet hat. Der Schlüssel zur Lösung der Problematik liegt darin, den Code weltweit an die europäischen Standards von Datenschutzrichtlinien heranzuführen“, sagte Lepper und verwies auf verschiedene Projekte unter Federführung des Bundesinnenministeriums.

cf #57

Also hier muss ich mich ehrlich gesagt mal ein wenig auf die Seite von Herbert schlagen. Sich alleine darauf zu berufen, dass die Leute ja keinen Leistungssport betreiben müssen, wenn sie Wert auf ihre Menschenwürde legen wollen, ist mir ein bisschen dünn. Vielmehr kann meines Erachtens auch ein „freiwilliges“ Verzichten nur nach einer sorgfältigen Abwägung vertretbar sein. Insbesondere gilt es dabei stets und immer wieder zu prüfen, ob das gewünschte Ziel sich nicht auch durch geringere Eingriffe in die persönlichen Freiheiten erreichen lässt.

Unstrittig dürfte sein, dass unangekündigte Kontrollen geradezu Voraussetzung für ein effektives Kontrollsystem sind. Die Angabe der whereabouts ist insofern in der Tat unumgänglich — hier ließe sich allenfalls diskutieren, wer diese wann und wie lange einsehen darf. Gerade bei den Modalitäten der Urinproben können einem aber schon ernsthafte Zweifel ob der Verhältnismäßigkeit kommen — durch das mittlerweile übliche Chaperon-System sollte die Möglichkeit des Urinaustauschs (und ähnliche Räuberpistolen) ja eigentlich schon so ziemlich ausgeschlossen sein, auch sollte sich die Herkunft der Proben (zumindest im Zweifelsfall) per DNA-Abgleich klären lassen. Außerdem könnte man die Sportler (ggf. spezielle) Einweghandschuhe tragen lassen (die Radler sollen sich ja dereinst die Hände mit einem Anti-EPO-Enzym gepudert haben).

Ich glaube jedenfalls nicht, dass sich das Schlachtenglück im Antidopingkampf an der Frage entscheidet, ob die Kontrolleure den Sportlern bei der Urinabgabe auf die Genitalien schauen können. Aber wie viele Millionen mehr kriegt die NADA in Zukunft gleich nochmal?

ha #58

@cf
Die Nada bekommt weniger Millionen, jedenfalls ins Stiftungskapital. Und ich kann nicht anders als das richtig finden, so wie sie arbeitet – obgleich das nicht der Grund fürs Kürzen ist, so war’s einfach nur geplant.
Bei der WADA sehe ich es anders.
Was Du sagst, teile ich. Nur findet diese Annäherung ja statt, siehe die neuen Regelungen für Minderjährige.
Die Datenschützer wollen aber anderes, auch der oben verlinkte Lepper, sie stellen die whereabouts generell infrage und damit die Möglichkeit unangekündigter Kontrollen. Was das bedeuten würde, ist klar.
Die WADA hat mehrfach selbst explizit formuliert, dass das herkömmliche Testsystem ausgereizt ist. Nicht umsonst investiert sie einen großen Teil ihres Forschungsetats in die Weiterentwicklung des Biologischen Passes, einschließlich Steroidprofile. Und nicht umsonst versucht sie, anders mit Ermittlern zusammenzuarbeiten. Inwieweit das am Kontrollystem etwas ändern kann, wird sich zeigen.
Allerdings sprechen die Äußerungen vieler Athleten dafür, dass sie Dopingkontrollen, die in der Tat mit Grundrechtsideen nicht sonderlich übereinstimmen, keineswegs als „Strafe“ betrachten, sondern als Notwendigkeit, eine Bringschuld – wenn ihr Sport nicht gänzlich zum Zirkus verkommen soll.
Dass Athletensprecher Breuer aus der schiefen Datenschutz-Diskussion nun aber gleich geradlinig ableitet, sämtliche gesetzliche Regelungen (einschließlich eines Anti-Betrugsgesetzes) würden nichts bringen, quasi die höchst erfolgreiche Selbstreinigung des Sports nur behindern – nun ja: Er ist DOSB-Sprecher. Das zeigt aber auch, wem diese Debatte, die in ihrer Kernforderung bezüglich der whereabouts absurdes Palaver ist (es sei denn, jemand wagt wirklich eine Klage und hat Erfolg), tatsächlich in die Hände spielt.

gun #59

Die Art und Weise der heutigen Dopingkontrollen haben die aktuellen Athleten den Krabbes, De Bruins und deren Doping-freundlichen Trainern, Managern, Ärzten und Funktionären zu verdanken. Der Glaube daran, der unabhängige Sport könnte das Doping-Geschwür zurückdrängen, ist mehr als naiv. Würde der DOSB konsequent gegen Doping vorgehen wollen, müsste er selbst für ein Anti-Doping Gesetz sorgen, um alle Möglichkeiten zu nutzen den Sport zu säubern. Der DOSB tut das nicht. Der Grund: Er will die Kontrolle behalten und setzt sich damit dem Verdacht aus er würde da und dort gerne etwas bremsen, um die Wettbewerbsfähigkeit einzelner Sportarten zu sichern.

Ralf #60

Wolfgang Hettfleisch in der Berliner Zeitung: Sport intim

Wenn das System aber ineffizient sei, so fragt der Mainzer Professor [Perikles Simon], wie lasse sich dann die Datensammelei rechtfertigen? Gar nicht, findet er.

Herbert #61

„Das geht für mich klar in Richtung Athletenverfolgung.“

Sehr wahr, Prof. Simon. Viele scheinen das jedoch noch nicht begriffen zu haben, wie man hier auch im blogg ersehen kann. Da wird noch immer ein System verteidigt, dass sehr marode und Bürgerrechte feindlich ist.

Stefan #62

Da wird noch immer ein System verteidigt, dass sehr marode und Bürgerrechte feindlich ist.

Netter Satz, nur wäre er bei der Täve-Schur-Veranstaltung besser angebracht.

Ralf #63
Ralf #65

dpa: Dopingkontrollen: Debatte um Datenschutz

38. Sitzung (öffentlich)* des Sportausschusses: Tagesordnung

Ralf #66

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