Der Fuchs im Hühnerstall oder: Ehrenmänner, Ehrenworte, Ehrensachen

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Knallharte und totaltransparente Aufarbeitung sieht im Sport eigentlich immer so aus, wie es der Handballfunktionär Dieter Matheis praktiziert. Matheis, ehemals Finanzvorstand von SAP (Hopp, Hoffenheim), ist in Personalunion Aufsichtsratsmitglied der Handball-Bundesliga und Beiratsvorsitzender des Handball-Bundesligisten Rhein-Neckar-Löwen. Er schrieb vergangene Woche jenen Brief, in dem über Bestechungspraktiken des THW Kiel orakelt wurde und der angeblich so begann:

Lieber Uwe, ich bitte um Aufklärung …

Einige Schlagzeilen später und nach Aufklärung durch den – darf man eigentlich sagen: Beschuldigten/Verdächtigten? – lieben Uwe (Schwenker), den Manager des THW Kiel, sagt der Herr Matheis:

Das war eine Sache unter Ehrenmännern, die nun geklärt ist.

— via Frankfurter Rundschau

Was? Welche Sache? Welche Ehrenmänner? Was ist geklärt? Die Ehrenmänner? Die Sache? Die Vorwürfe? Die Gerüchte? Wer kann beweisen, dass etwas geklärt wurde? Auf welcher Grundlage wurde unter Ehrenmännern etwas geklärt? Warum wurde überhaupt etwas unter Ehrenmännern geklärt? Gibt es im Handballbusiness eigentlich nur Ehrenmänner?

Klar, ich hätte es gern etwas überzeugender, nachprüfbarer, transparenter. Und schon nerve ich wieder mit einem meiner Lieblingszitate: Was soll’s, das Leben – auch das von Ehrenmännern – besteht aus Wiederholungen. Und so lässt sich die kategorische Aussage des wunderbaren Joseph Blatter zweifellos auch auf den ehrenwerten Handballsport und seine Funktionäre Ehrenämtler anwenden:

Wenn wir Probleme haben in der Familie, dann lösen wir die Probleme in der Familie und gehen nicht zu einer fremden Familie. Alles, was im Fußball Handball passiert, und alle Schwierigkeiten, die im Fußball Handball sind, sollen innerhalb der fußballerischen handballerischen Gerichtsbarkeit oder Rechtsprechung gelöst werden und nicht vor ordentliche Gerichte gebracht werden. Das ist nicht mehr unsere Familie.

Unter den Top-Ten meiner diesbezüglichen Zitateliste findet sich übrigens auch eine Formulierung von David D’Alessandro, Chef des Ver­sicherungskonzerns John Hancock, der vor ziemlich genau zehn Jahren auf dem Höhepunkt des IOC-Bestechungsskandals, die, nun ja, Aufklärungsarbeit des IOC gerügt hatte. Das IOC hatte seinerzeit Briefe an die Olympiabewerber von 1996 bis 2006 versandt und höflich nachgefragt, ob es irgendwelche Erkenntnisse in Sachen Korruption gebe. D’Alessandro, damals Sprecher der IOC-Sponsoren, spottete in der New York Times:

Genauso gut könnte man dem sprichwörtlichen Fuchs im Hühnerstall einen Brief schicken und ihn fragen, wie viele Hühner er verspeist hat. Wenn der Fuchs einen netten Brief zurückschickt mit der Antwort: Keines, danke schön, veröffentlicht man eine Stellungnahme, in der der Fuchs entlastet wird. Unglaublich.

Mit dem Hinweis, dass die Dinge – auch die Zitate – nichts miteinander zu tun haben, beerdige ich das Thema vorerst. Wo nichts ist, war auch nichts, und wo nichts sein wird, kann auch nie etwas gewesen sein, wo nicht ermittelt wird, weil nichts gewesen ist/sein kann/nie sein wird, ist unweigerlich alles geklärt.

Lektüre:

BV #1

Zugegeben, ich habe mir nur einen kurzen Überblick über die Nachrichtenlage verschafft. Wie es aussieht, dementieren der THW und die Schiedsrichter, was so oder so nicht verwunderlich ist. Aber auch der angebliche Selbstanzeigende hat die angebliche Selbstanzeige dementiert. Weiter wird behauptet, dass es – so ein Gesellschafter des THW in der PM – nicht einmal nachprüfbare Anhaltspunkte gebe. Was bleibt denn eigentlich noch? Die theoretische Möglichkeit, dass im Sport allgemein oder im Handball speziell Manipulationen denkbar sind? Das ist meines Erachtens nicht gerade viel. Will man den THW brandmarken, nur weil es mal ein Gerücht gab? Ist eigentlich dessen Ursprung bekannt? Handelt es sich (nur) um das berühmte Geschmäckle, das bleibt?

Jens Weinreich #2

@ BV: Das sind doch irgendwie auch meine Fragen, oder? Meinen Sie nicht, dass der THW, Matheis, Schwenker, die HBL, der DHB, die EHF u. a. hier lückenlos dokumentieren müsste, was war, was getan wurde, was ist usw. usf.? Oder finden Sie tatsächlich, dass das reicht, zu behaupten: „Wir sind doch alle Ehrenmänner“?

Ralf #3

Verbesserungsvorschlag:

innerhalb der fußballerischen handballerischen Gerichtsbarkeit

„handballerisch“ ist so ein schönes Wort…

Jens Weinreich #4

Schon geschehen. Wie konnte ich das übersehen? Ralf, Du bist wie immer sehr aufmerksam. Oder um in Deinem Metier zu bleiben: Du bist zuverlässig wie eine Festina-Uhr.

Gua #5

Hilfe, ich denke schon wie Jens Weinreich! ;(
Das sind nämlich so ziemlich die Dinge, die ich mir auch die Tage gedacht habe, wobei das bei dem Thema auch nicht schwer war auf die wichtigen Fragen zu kommen. ;)

Ist es eigentlich in Ordnung, das „doch“ („… dann lösen wir doch die Probleme …“) in dem Zitat vom Sepp wegzulassen?

Karsten #6

Zur Ehrenrettung (ich wollte das Wort eigentlich nicht schreiben… nun ist es doch raus ;) ) von Uwe Schwenker muss gesagt werden, dass sein „Ehrenwort“ zumindest laut des Artikels in der [url=http://www.welt.de/sport/article3311187/Neue-Bestechungsvorwuerfe-gegen-den-THW-Kiel.html]Welt[/url] von Herrn Bierschwale lediglich ein Hörensagen-Ehrenwort ist, das Herr Matheis verbreitet hat. Welches dieser selbst wenig später im gleichen Artikel in einem anderen Zitat lediglich als „sein (Schwenkers) Wort“ bezeichnet. Gut, man mag über den inhaltlichen Unterschied zwischen „mein Wort“ und „mein Ehrenwort“ streiten. Vor dem Hintergrund des wohl berühmtesten [url=http://de.wikipedia.org/wiki/Barschel-Aff%C3%A4re]Ehrenwortes[/url] der deutschen Nachkriegsgeschichte besteht jedoch ein nicht zu verkennender semantischer Unterschied.

Ach… ist das Zimmer 317 im Beau-Rivage momentan noch frei? Vielleicht kann das ja ein Stern-Kollege recherchieren.

Karsten #7

Zur Ehrenrettung (ich wollte das Wort eigentlich nicht schreiben… nun ist es doch raus ;) ) von Uwe Schwenker muss gesagt werden, dass sein „Ehrenwort“ zumindest laut des Artikels in der Welt von Herrn Bierschwale lediglich ein Hörensagen-Ehrenwort ist, das von Herrn Matheis verbreitet wurde. Welches dieser selbst wenig später im gleichen Artikel in einem anderen Zitat lediglich als „sein (Schwenkers) Wort“ bezeichnet. Gut, man mag über den inhaltlichen Unterschied zwischen „mein Wort“ und „mein Ehrenwort“ streiten. Vor dem Hintergrund des wohl berühmtesten Ehrenwortes der deutschen Nachkriegsgeschichte besteht jedoch ein nicht zu verkennender semantischer Unterschied.

Ach… ist das Zimmer 317 im Beau-Rivage momentan noch frei? Vielleicht kann das ja ein Stern-Kollege recherchieren.

nedfuller #8

Ich sag nochmal:
Die Renten sind sicher, waren sicher und werden sicher bleiben.

Wenn das ganze absolut haltlos ist, sind die Medien ja ganz schön angesprungen.

Wo ist der gute alte Enthüllungsjournalismus, wenn man ihn mal braucht.

Wil #9

Ach… ist das Zimmer 317 im Beau-Rivage momentan noch frei?
Nee, geblockt durch den deutschen Handball

BV #10

@ Jens Weinrich (#2):
Den Ausdruck mit den Ehrenmännern halte ich in diesem Zusammenhang auch für Quatsch. Es mögen ja Ehrenmänner sein, trotzdem kann man so nicht einen solchen Vorwurf beseitigen.

Mich interessieren aber vor allem die Anfänge. Wenn ich jemanden „vernünftig“ diffamiere, bleibt oft für einige Zeit etwas hängen, ganz egal ob an der Vorwürfen überhaupt nur ein bisschen dran war. Das könnte dem THW doch auch widerfahren sein. Skeptisch macht doch jetzt eher der Umgang mit der Angelegenheit als die Angelegenheit selbst.

Möglich ist letztlich vieles. Handball ist ein Geschäft, wie auch Fußball eines ist, nur etwas kleiner. Natürlich tummeln sich auf dem Gebiet schwarze Scharfe und gerade der THW ist ein Wirtschaftsunternehmen, das möglicherweise nicht immer sportlich handelt. Dagegen ist ja nicht unbedingt etwas einzuwenden, aber es muss eben auch mit rechten Dingen zugehen.

Keine Frage: Etwas mehr Transparenz wäre angemessen und vor allem sinnvoll.

Tobi #11

Wir wollen wirklich Ruhe und Frieden. Der Seegang ist für den deutschen Handball ein bisschen zu heftig im Moment. Daran haben wir auch mit Blick auf unsere eigenen geschäftlichen Aktivitäten kein Interesse

http://www.ftd.de/sport/sportmix/handball/:Sponsor-der-L%F6wen-Wollen-%ABRuhe-und-Frieden%BB/482535.html

Tobi #12

Die HBL hat entschieden bestechung im Handball gebe es nicht.
Schon wieder.

http://www.toyota-handball-bundesliga.de/magazin/artikel.php?artikel=8416&type=2&menuid=42&topmenu=227

BV #13

Und weiter geht’s…

SPON
FAZ

Jetzt sind immerhin die Vorwürfe schonmal eine ganze Ecke konkreter. Ich bin gespannt, was sich so ergibt…

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