Gericht rügt Fifa: „täuschendes Verhalten“

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„Im Rechtsstaat“, sagte einst Marc Siegwart, „gibt es keine Moraljustiz.“ Siegwart ist Richter am Strafgericht des Kantons Zug. Und er hat im Frühjahr dieses Jahres fast ein wenig bedauert, dass es keine Moraljustiz gibt; jedenfalls klingt seine Aussage bis heute in meinen Ohren so nach. Man wird doch mal träumen dürfen.

Ich habe den größten Korruptionsprozess der Sportgeschichte hier im Blog recht ausführlich dokumentiert. Es geht um Schmiergeldzahlungen von bestätigten 138 Millionen Franken an höchste Sportfunktionäre aus jenen Verbänden, mit denen der einstige Weltmarktführer ISL/ISMM Milliardengeschäfte machte.

Ach ja, das hier unten links ist übrigens Jean-Marie Weber, der Geldbriefträger und Geldkofferträger, der als einziger die Namen aller Schmiergeldempfänger kennt. Der Herr daneben, Joseph Blatter, ist ein alter Kampfgefährte und Vertrauter des ISL-Barons Weber, auch er ist Stammgast in diesem Blog. Jean-Marie war einmal der große Impressario des Weltsports. Er konnte alles.

jmw-sepp

Stammgäste: Jean-Marie & Joseph

Wenn ich mich recht erinnere, war es auch Weber – um nur mal ein Beispiel zu nennen –, der für den 50. Geburtstag von Robert Louis-Dreyfus mal eben die Eremitage in St. Petersburg buchte, einen Jumbo charterte und die rauschende Sause in der Zarenstadt ausrichten ließ. Ich habe gelegentlich schon erwähnt, dass ich Jean-Marie, seine irren Geschichten und seine Kultiviertheit ziemlich mag.

Es ist nur so, und das weiß er auch: Die besten Geschichten kenne ich leider nicht. Und die vielen Millionen, mit denen er Sportfunktionäre schmierte, verhindern eine echte Freundschaft. Ich würde gern ein paar Namen mehr erfahren, doch Jean-Marie nimmt, nachdem er nun den ISL-Prozess glimpflich überstanden und wieder unbeschwert für etliche Sportverbände arbeitet, seine Geheimnisse mit ins Grab.

Eine hintergründige Summary dieses Prozesses habe ich Anfang Juli für den Deutschlandfunk produziert. Wer mag, kann reinhören, bevor es aktuelle Weiterungen gibt.

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Am 6. November hat das Strafgericht nun endlich die schriftliche Version des Urteils verschickt. Für die Fifa und Blatter, die ja auch im Visa-Mastercard-Streit vor Gericht eine unglaubliche Abreibung erhalten hatten, ist das Urteil einmal mehr peinlich. Der Text ist ein paar Tage alt und bearbeitet u.a. in der Süddeutschen Zeitung („Ohne Treu und Glauben“) und der Neuen Zürcher Zeitung („138 Millionen Franken Schmiergeld“) erschienen. Normalerweise hätte ich das gleich mit vielen Links gebloggt, aber ich muss mich erst wieder an Normalität gewöhnen.

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Das Urteil im größten Korruptionsprozess der Sportgeschichte ist zwar bereits Anfang Juli ergangen. Doch erst jetzt hat das Strafgericht des Kantons Zug die mit Spannung erwartete, 179 Seiten umfassende schriftliche Version vorgelegt. In Zug hatten sich sechs Manager der ISL/ISMM-Gruppe, ehemals die Nummer eins im weltweiten Sportmarketing, unter anderem wegen Veruntreuung, Betrug und Konkursverschleppung zu verantworten. Drei Personen wurden freigesprochen, drei Manager um den einstigen Geldkofferträger Jean-Marie Weber erhielten Geldstrafen.

Das Urteil ist ein sporthistorisches Dokument, das belegt, wie über Firmen, Stiftungen und Schwarzkonten des ISL-Konglomerats 138 Millionen Schweizer Franken Schmiergeld an hohe Funktionäre des Weltsports gezahlt wurden. 18 weitere Millionen waren als Schmiergeld vorgesehen, mussten aber 2001 in den Konkurs-Wehen vom Konto einer Schmiergeldstiftung zurückgebucht werden.

Der Fußball-Weltverband Fifa war 2001 ursprünglich Privatklägerin in dieser Sache, erklärte aber 2004 überraschend und in aller Stille sein Desinteresse an einer weiteren Strafverfolgung. Dies sei nie begründet worden, rügt nun das Gericht. Die Fifa müsse sich zudem „täuschendes Verhalten, welches die Untersuchungen teilweise erschwerte, vorhalten lassen“. Die Zusammenarbeit mit dem Untersuchungsrichter sei „nicht immer nach besten Wissen und getragen vom Grundsatz von Treu und Glauben erfolgt“. Die Fifa habe, internes Wissen „verschwiegen“ und eine gezielte „verwirrliche“ Argumentation betrieben. Deshalb wurden dem Weltverband ein Teil der Untersuchungs- und Entschädigungskosten auferlegt.

Anwälte der Angeklagten hatten im Verlauf des Prozess schwere Vorwürfe der Mitwisserschaft erhoben. So hätten zwei Fifa-Präsidenten, der aktuelle Verbandschef Joseph Blatter und dessen Vorgänger Joao Havelange, ultimativ verlangt, den Schmiergeldboten Jean-Marie Weber im Amt zu belassen. Andernfalls wären keine Verträge mit der ISL mehr abgeschlossen worden. Die Zahlungen hätten dadurch den Status von „verbindlichen vertraglichen Abmachungen“ erlangt. Im offiziellen Sprachgebrauch hießen diese Zahlungen „Rechteerwerbskosten“. Das Betrugssystem wurde mit Hilfe der Schweizer Steuerbehörden und renommierter Anwaltskanzleien installiert. All diese Sachverhalte, die bei der Verhandlung im Frühjahr publik wurden, hält das Strafgericht in seinem Urteil ausdrücklich fest.

Indes stand Bestechung von Privatpersonen, als solche gelten Sportfunktionäre, nach damaligem Schweizer Recht, im Zeitraum von 1989 bis 2001, nicht unter Strafe. Um die milliardenschweren Marketingverträge der ISL mit zahlreichen Sportverbänden (neben der FIFA u.a. IOC, UEFA, FINA, FIBA, ATP, IAAF) als sittenwidrig deklarieren zu können, hätten Verträge zwischen Gebern und Nehmern der Schmier- und Schwarzgelder vorliegen müssen. Doch zum Wesen der Korruption gehört, dass keine Verträge geschlossen werden. Deshalb werden nur maximal fünf Prozent aller Korruptionsfälle bekannt. Und deshalb haben die 138 Millionen der ISL keine strafrechtlichen Konsequenzen.

Die Namen aller Empfänger kennt nur Jean-Marie Weber, der immer noch für etliche Föderationen arbeitet (etwa für den Leichtathletik-Weltverband IAAF und den afrikanischen Fußballverband CAF) und bei den Olympischen Spielen in Peking vom IOC akkreditiert war. Doch Weber hat mehrfach beteuert, er werde sein Wissen mit ins Grab nehmen. Gegenüber Vertrauten soll gesagt haben, sein Leben wäre gefährdet, würde er auspacken.

Das Urteil fasst die mündlichen und schriftlichen Bestätigungen der Korruptionspraktiken von vier der sechs Angeklagten zusammen. Ergänzend mit der Anklageschrift der Staatsanwaltschaft wird ein System beschrieben, mit dem die ISL zwanzig Jahre lang den Weltsport dominiert hatte. Das Urteil wiederholt, was einer der Richter bereits im Frühjahr ausgeführt hatte: „Im Rechtsstaat gibt es keine Moraljustiz.“

Aufklärungsbedarf besteht akut bei jenen Verbänden, mit denen die ISL gedealt hatte. In sämtlichen Organisationen war der ISL-Prozess mit Spannung beobachtet worden. Obgleich die meisten der in den Prozessunterlagen genannten Empfänger der Schmiergelder noch in Amt und Würden sind – etwa die beiden Fifa-Exekutivmitglieder Nicolas Leóz (Paraguay) und Ricardo Teixeira (Brasilien) – hat kein Verband aufklärende Initiativen unternommen.

Das Gesamtverfahren ISL ist noch immer nicht abgeschlossen. Es laufen zwei weitere Untersuchungen. So sollen die Empfänger der Schmiergelder ausfindig gemacht werden. Außerdem soll geklärt werden, ob die Fifa für den Geldkofferträger Weber 2,5 Millionen Franken aufgebracht hat, um einen so genannten Korruptionsverdunklungsvertrag zu schließen – eine Untersuchung läuft zum Thema ungetreues Geschäftsgebaren zum Nachteil der Fifa.

Peter Danckert, Vorsitzender des Bundestagssportausschusses, hatte im Juli angekündigt, er wolle über die Konferenz der europäischen Sportminister Druck auf die Sportorganisationen ausüben. Dem Versprechen folgten jedoch keine Maßnahmen. Die Sportverbände schweigen ohnehin. Bislang hat sich keine der mit viel PR-Getöse etablierten so genannten Ethik-Kommissionen dem ISL-Komplex angenommen.

sternburg #1

Faszinierend. Insbesondere der DF-Beitrag aus dem Juli, den man in bezug auf Dankert heute mit noch größerem Vergnügen hört. Hach, der Dankert. Wenn der nur halb so aschneidig handeln würde, wie er reden tut, dann hätte man eine interessante Front mehr.

Was ich mich damals schon gefragt habe: gibt es eigentlich irgendwo irgendeine personelle oder sonstige Konsequenz aus der Geschichte?
Ich meine, man müsse sich nur mal vorstellen, das Ding wäre in der CSU oder bei Siemens geplatzt. was hätte das für einen lustigen Aufruhr gegeben. Aber wenn es sich um öffentliches _und_ privates Geld handelt, interessiert es (entschuldige die Wortwahl) echt absolut keine Sau.

Genau wenig darf ich wahrscheinlich darauf hoffen, dass man das Urteil irgendwo zu lesen bekommt, oder? Die Gerichte des Kantons geben sich ja auch sonst recht zugeknöpft.
Wer Moabit gewöhnt ist, kann das btw kaum glauben: ein ganzer Kanton (= zwei Instanzen) kommt mit gerade einmal zehn Strafrichtern aus. Auch wenn die für nur gut Hunderttausend Einwohner zuständig sind. 22 Staatsanwälte wirkt da ja fast schon üppig. Von denen übrigens genau einer für Jugendkriminalität zuständig ist. In Zug wird einem wohl eher nicht so schnell die Handtasche geraubt. Die Nummernschilder abgeschraubt wohl schon eher…

Ach, und eines noch: Dreht sich die Welt jetzt etwa weiter? Darf ich dann mal wieder lüften?

JW #2

Wusste ich es doch, dass Dir das gefällt. Das Urteil darf „man“ leider nicht lesen. Genau so wenig wie die Anklageschrift, in der ja auch rudimentäre Bestechungslisten aufgeführt sind. Leider liegt Zug nicht in Amerika. Berichterstatter laufen Gefahr, ins Zuchthaus zu wandern, wenn sie 1:1 aus den Gerichtsakten veröffentlichen bzw. davon Teile ins Internet zu stellen – so jedenfalls habe ich die Anweisungen in Erinnerung.

Aber ich bin Kumpel, und wie gesagt: Zug liegt nicht in Amerika. Ein wunderschönes Urteil ist das aus dem Visa-Mastercard-Streit der Fifa. Ein unglaubliches Dokument, und da es sich um einen United State District Court handelt, darf man das alles lesen und zitieren und überhaupt. Viel Spaß dabei!

Aus den interessantesten Passagen habe ich im vergangenen Jahr mal diese Texte gebastelt:

23.06.2007, BLZ

Nichts als Lügen

Dies ist keine geschönte Geschichte aus dem PR-Arsenal eines Milliardenkonzerns. Dies ist eine wahre Geschichte über den Fußball-Weltverband Fifa. Es ist ein übles Gaunerstück, ein Wirtschaftskrimi und ein neuerlicher Beweis für den Mangel an Kompetenz und Moral. Es ist die Geschichte darüber, wie mal eben 100 Millionen Dollar verbrannt werden können.

Im Kern geht es darum, dass die Fifa wie ein lumpiger kleiner Geschäftemacherverein zwei konkurrierende Kreditkarten-Multis narrte: Der langjährige Partner Mastercard hatte ein Vorkaufsrecht für die WM-Turniere 2010 und 2014, zugleich aber schloss die Fifa einen Kontrakt mit dem Mastercard-Rivalen Visa. Dabei wurden Dokumente rückdatiert, Unterschriften und Tonaufzeichnungen verfälscht und anderweitig gelogen. Lässt sich alles nachlesen im Urteil eines New Yorker Gerichts, das Ende 2006 entschied, die Fifa habe unredlich gehandelt. Ein amüsanter Beweis für dieses Urteil lag den Akten bei, eine interne Mail aus der Züricher Fußballzentrale, in der gefragt wurde: „Was müssen wir tun, dass es wenigstens ein bisschen so aussieht, als habe die Fifa Geschäftsethik?“

100 Millionen Dollar Schaden

Geschäftsethik? Die Fifa? Das passt nicht zusammen. Jedenfalls: Seit diesem Urteil lagen die Verträge auf Eis. Knapp zwei Millionen Dollar Sponsoreneinnahmen entgingen der Fifa deshalb monatlich. Am Donnerstag nun einigte man sich mit Mastercard auf einen Vergleich: Auflösung des Vorkaufrechtes, Einstellung der Gerichtsverfahren und Kompensationszahlung von 90 Millionen Dollar seitens der Fifa. Zusammen mit den bisherigen Ausfällen, ungeachtet der beträchtlichen Rechtskosten, summiert sich der Schaden auf etwa 100 Millionen. Für die Verursacher dieses Schadens, die Sportkameraden in der Fifa-Zentrale und im Exekutivkomitee, bleibt alles beim Alten. Wie hieß der alte Slogan der Fifa nochmal? „Dem Fußball zuliebe.“ Und wie heißt der neue Slogan? „Für das Spiel! Für die Welt!“ Schade eigentlich, denn mit 100 Millionen Dollar hätte man so viel Gutes tun können.

Fifa-Papst Joseph Blatter hatte seinem Völkchen kürzlich beim Kongress in Zürich natürlich keine Schadenssumme genannt, stattdessen nur kryptisch zugerufen: „Es wird uns etwas kosten. Aber es wird Sie überhaupt nichts kosten. Sie müssen nichts aus der eigenen Tasche zahlen. Wir werden es woanders wieder reinholen.“ Auch Blatter, über dessen Tisch Verträge dieser Größenordnung laufen, muss den Schaden nicht aus der eigenen Tasche begleichen, natürlich nicht. Das Exekutivkomitee hatte auf Vorschlag von Blatter übrigens drei Mal entschieden: Zwei Mal für Mastercard, ein Mal für Visa. Warum und weshalb, das verstehen die Götter.

Vor Gericht in New York hatte Jérôme Valcke, Direktor der Fifa Marketing AG, den Vertragsbruch als „normales Gebaren in diesem Geschäft“ zugegeben. Valcke wurde daraufhin als Bauernopfer entlassen. Ein halbes Jahr und 100 Millionen Schadenssumme später wird er wohl zurückkehren: Nächste Woche entscheidet die Fifa-Exekutive über die neue Besetzung des Generalsekretariats. Valcke gilt als einer der Favoriten. Dem Fußball zuliebe.

28.06.2007, BLZ
Zurück von der Reservebank
Jerôme Valcke ist neuer Generalsekretär der Fifa

BERLIN. Eine der wichtigsten Positionen des Weltsports ist neu besetzt worden: Der Franzose Jerôme Valcke (46) wird Generalsekretär des Fußball-Weltverbandes Fifa. Als sein Stellvertreter fungiert nach Beschluss des Fifa-Exekutivkomitees der Deutsche Markus Kattner. Er war bislang Finanzdirektor. Jerôme Valcke ist Nachfolger des Schweizers Urs Linsi.

Erst vor einem halben Jahr hatte sich die Fifa von Valcke, damals war er noch Marketingchef, und drei weiteren Mitarbeitern „mit sofortiger Wirkung getrennt“. Sie waren für das Finanz- und Vertragsdesaster mit dem Sponsor Mastercard verantwortlich. Die Fifa hatte das Vorkaufsrecht für einen Achtjahresvertrag mit Mastercard missachtet und einen Vertrag mit dem Konkurrenten Visa abgeschlossen, den ein New Yorker Gericht für nichtig erklärte. Dazu teilte die Fifa am 12. Dezember 2006 mit: „Den Fifa-Mitarbeitern, die mit Visa und Mastercard verhandelt haben, wurde wiederholte Unehrlichkeit bei den Verhandlungen und auch Falschinformationen vorgeworfen“, die Fifa könne „ein solches Verhalten ihrer eigenen Mitarbeiter nicht einfach hinnehmen“. Valcke hatte vor einem Gericht den Vertragsbruch als „normales Gebaren in diesem Geschäft“ bezeichnet.

Vielfach-Lügner

Am Mittwoch, kurz nachdem die Fifa gegen Zahlung von 90 Millionen Dollar einen Vergleich mit Mastercard geschlossen hatte, behauptete Präsident Joseph Blatter, Valcke sei „nie gefeuert worden, nur suspendiert“. Sein Vertrag laufe bis 30. Juni. Ab 1. Juli erhält er einen neuen Kontrakt, sicher besser dotiert als zuvor. „Wenn jemand auf der Auswechselbank sitzt, ist er nicht aus dem Team“, sagte Blatter. Den finanziellen Verlust im Mastercard-Desaster spielte Blatter plötzlich auf angeblich 60 Millionen Dollar herunter und wertete das sogar als Erfolg, weil Mastercard eine Kompensationszahlung von mehr als 270 Millionen verlangt hatte. Valcke sei eine „dominierende Persönlichkeit“, sagte Blatter. Es passiere „in jeder Firma der Welt, dass manchmal ein Geschäft nicht so läuft“.

Das New Yorker Gericht hatte in seinem Urteil auch interne Besprechungen von Valckes Team zitiert, das darüber rätselte, wie man es so aussehen lassen könne, als habe die Fifa „wenigstens ein bisschen Geschäftsethik“, und wie es anzustellen sei, damit der „Fuck-up“ für die Fifa besser aussehe. Für den Franzosen Jerôme Valcke, in der Mastercard-Sache Vielfach-Lügner und Verursacher eines Gesamtschadens von etwa 100 Millionen Dollar, sieht es jetzt besser aus: Er ist Fifa-Generalsekretär und damit wichtigster Mitarbeiter des Chef-Ethikers Blatter. Wie sich die Zeiten ändern.

02.07.2007
Im Reich der Lügen
Der Fall Mastercard zeigt: Der Fifa fehlen Kontrolleure

GUATEMALA-CITY. Tue Schlechtes und rede darüber! So lässt sich ein bemerkenswertes Interview der Züricher Sonntagszeitung mit dem neuen Fifa-Generalsekretär Jérôme Valcke beschreiben. Sonntagszeitungs-Reporter Jean François Tanda zählt zu den wenigen Journalisten, die versuchen, die obskuren Praktiken im Reich des Fußball-Weltverbandes zu beleuchten. Dazu gehört das jüngste Finanzdesaster der Fifa: Die Trennung vom Sponsor Mastercard kostet die Fifa rund 100 Millionen Dollar. Dies ist eine der höchsten selbstverschuldeten Schadenssummen in der Geschichte des Weltsports. Der Hauptverantwortliche dafür war Jérôme Valcke, seinerzeit Fifa-Marketingchef – nun Fifa-Generalsekretär.

Mastercard war als Sponsor mit einem Vorkaufsrecht für den Zeitraum von 2007 bis 2014 ausgestattet. Die Fifa aber wollte aus dubiosen Gründen lieber mit dem Konkurrenten Visa ins Geschäft kommen, der ein paar Millionen Dollar mehr zu zahlen bereit war. Also wurde Mastercard auf rechtswidrige Weise ausgebootet. Perfekt dokumentiert sind die geschäftlichen Usancen der Fifa in einem Urteil eines New Yorker Gerichts. Mit dem Ethik-Code der Fifa lassen sich diese Praktiken nicht vereinbaren. So hat Valcke während der Verhandlungen wiederholt gelogen und stellte das vor Gericht gar als normale Verhaltensweise dar. Am Ende schlossen die Fifa und Mastercard einen Vergleich, der den Weltverband 100 Millionen kostet. Valcke dementiert diese Hochrechnung nicht. „Für Vertragsverhandlungen gelten andere Regeln als für ein Fußballspiel“, behauptet er. Er sei „nicht alleine verantwortlich für das Sponsoring-Debakel“ gewesen.

Verkennung der Tatsachen

Jawohl, Valcke spricht von einem Debakel, und er nennt die Mitverantwortlichen: „Der Verwaltungsrat der Fifa Marketing AG und das Fifa-Exekutivkomitee wurden, wenn auch nicht in allen Einzelheiten, zumindest über die großen Linien der Verhandlungen informiert.“ Im Exekutivkomitee hat aber auch niemand Konsequenzen aus dem Desaster gezogen. Joseph Blatter, der Fifa-Präsident, erklärte vorige Woche in Verkennung der Tatsachen, es passiere „in jeder Firma der Welt, dass manchmal ein Geschäft nicht so läuft“. Den Verlust in der Affäre bezifferte Blatter auf nur 60 Millionen Dollar und wertete das sogar als Erfolg, weil Mastercard, hintergangen von Valcke & Co., ursprünglich eine Kompensationszahlung von 270 Millionen verlangt hatte.

Die Vorgänge beweisen erneut, dass es in Blatters Reich keine Kontrollinstanzen gibt. Es wird gelogen, bis sich die Balken biegen. „Manchmal geht es nicht ohne eine Notlüge“, behauptet Valcke und greint: Er sei „nur angefeindet“ worden, seine Familie habe sehr darunter gelitten. Unter „Anfeindung“ versteht er die seriöse Berichterstattung über den Mastercard-Krimi. „Ich kann Ihnen sagen: Erst seit einem Monat schlafe ich wieder durch. Zuvor bin ich jede Nacht aufgewacht und habe mir unzählige Fragen gestellt.“

So hart wird die Selbstbefragung nicht gewesen sein. Zumal er auf nahe liegende Fragen keine Antworten hat: Wie glaubwürdig ist ein Fifa-Generalsekretär, der in wichtigen Geschäften wiederholt gelogen hat? „Die Fifa hat nicht nur dunkle Seiten“, behauptet Valcke. „Ob ich der richtige Mann bin, weiß ich nicht. Das wird sich noch zeigen.“

B.Schuss #3

wie kommt man rein in die FIFA ? Scheint eine gute Möglichkeit zu sein, ne Stange Geld zu machen..^^

Jens Weinreich #4

Oh, B.Schuss, Du könntest den DFB übernehmen, das wäre ein erster Schritt. Oder Du könntest auf irgendeinem Eiland, das gerade aus den Meeresgestaden empor wächst, flink einen Fußballverband gründen. Das klappt dann auch. Eines meiner Lieblingsbeispiele ist die wunderschöne Karibikinsel Anguilla, wo mein Freund Raymond Guishard seit Urzeiten als Präsident der FA fungiert. Generalsekretärin war einige Jahre seine Frau. Es hat halt nicht so große Ressourcen auf Anguilla mit seinen knapp 13.500 Einwohnern. Es gibt mehr Traumstrand-Meter dort als Einwohner.

Aber Raymond hat natürlich eine Stimme beim Fifa-Kongress, wie Texeiras CBF und TZ’s DFB.

sternburg #5

Könnte dann die mit dem menschgemachten Klimawandel einhergehende Erhöhung des Meeresspiegels nicht zu einer gewissen Marktbereinigung führen?

Jens Weinreich #6

Klar, irgendwann muss ich mir eine andere Umschreibung einfallen lassen. Aber noch funktioniert es so.

Die Cook Islands, die Cayman Islands und die U. S. Virgin Islands sind alle erst einige Jahre Fifa-Mitglieder. Es gibt weitere Beispiele. Okay, die Inseln existieren länger als einige Jahre, aber einen Fußballplatz muss man beispielsweise auf den drei Hauptinseln der U.S.V.I. lange suchen. Ich habe dort mal einen Amerikaner kennen gelernt, der mich gleich fragte, ob ich mit der Nationalmannschaft trainieren wolle, Training war immer dienstags irgendwo auf St. John.

Der Typ, ein Architekt, ist u. a. wegen dieser vielfältigen Sportmöglichkeiten dorthin gezogen – er spielte in einigen Nationalmannschaften und nahm im Winter – 1988 und 1992, wenn ich mich recht erinnere – als Abfahrer an den Olympischen Spielen teil.

Nachtrag: Die Frage hast Du natürlich blendend formuliert!

sternburg #7

… irgendwann erzähle ich dir dann die Geschichte, wie ich tatsächlich beinahe mal für Taiwan nach Salt Lake City gefahren bin. Im Bobfahren. Wenn die verdammte Kuomintang nicht gerade diese Wahl verloren hätte (oder so, man weiss ja so wenig).

Jens Weinreich #8

Das will ich natürlich wissen. Und zum Bobfahren, eine hab‘ ich noch: Auf den U.S.V.I. konnte ich natürlich auch nicht Urlaub machen, ohne zu arbeiten. Also habe ich den dortigen NOK-Generalsekretär angerufen und nach Adresse und Telefonnummer einiger olympischer Bobfahrer gefragt. Der Mann war ganz freundlich, er wollte wissen, wo ich gerade bin. Ich sagte: Maho Bay. Er: Okay, dann geh jetzt mal die Holztreppe runter zum Strand, dann guckst Du rechts, da sitzt einer, der Surfbretter verleiht – das ist ein Bobfahrer.

Er war es tatsächlich. Er sitzt immer am Strand. Wenn er nicht gerade durch den Eiskanal rauscht.

Linksaussen #9

hätte meine frau doch bloß nicht mit 18 ihren anderen paß abgegeben, dann wäre ne olympiateilnahme für vietnam drin gewesen. und ich hätte mir schon irgendnen posten gesichert. notfalls hätte ich halt gesagt, ich bin aus der ddr.

Herr Holle #10

Hat Nike eigentlich auch eine „sportpolitische Abteilung“ und entsprechende Gefolgsleute bei der FIFA und dem IOC? Interessant ist, dass Nike nicht bei der FIFA als Sponsor anklopft, obwohl die FIFA finanziell enorm davon profitieren würde (wie der DFB letztes Jahr) und sich die Herren ja sonst kein Geld durch die Lappen gehen lassen.
Für das letztjährige Angebot an den DFB hat Nike hoffentlich ein paar Dauerfreikarten fürs Pokalfinale bekommen. Oder mehr? …

Montana #11

„Die Zahlungen hätten dadurch den Status von ‚verbindlichen vertraglichen Abmachungen‘ erlangt.“

Gibt es bei Schmiergeldern eigentlich so etwas wie „Gewohnheitsrecht“?

Mir fällt nämlich gerade mein Weihnachtsgeld ein. Mein Arbeitgeber fügt jedes Mal den Hinweis hinzu, dass es sich um eine freiwillige Leistung handle, bla bla. Ich hörte, das habe den Hintergrund, dass, sollte diese in den kommenden Jahren ausbleiben, ich nicht auf Zahlung klagen könne. (Hätte ich eh nicht gemacht, bin doch kein Prozesshansel.)

Deshalb lasst Milde walten! Ohne Verträge auch kein Passus, in dem der Rechtsanspruch auf Schmierung verneint wird. Es gibt also eine gefühlte Pflicht dazu, allein schon moralisch. Und wer will schon Sportverbände mit Unmoral in Verbindung bringen?!?

Gut, dass es keine Moraljustiz gibt. Stellt euch vor: „Gericht verurteilt FIFA zur Zahlung von Schmiergeldern“. Undenkbar!

Jens Weinreich #12

@ Herr Holle: Eine sportpolitische Abteilung (zu der zwischen 1985 und 1987 übrigens auch das UDIOCM gehörte, das aber Wert darauf legt, nie etwas von unsauberen Machenschaften mitbekommen zu haben) diesen Zuschnitts hat Nike nicht. Nike arbeitet anders. Aber jetzt bitte nicht fragen: wie?

sternburg #13

Wie?

Jens Weinreich #14

@ Montana: Echt lustig am ISL-Prozess war, dass während der Verhandlung herauskam: Jean-Marie Weber, der Schmiergeldbote, hat nie einen Arbeitsvertrag besessen. Die Richter nahmen das amüsiert zur Kenntnis. Einer fragte sinngemäß in die Runde: Aber Herr Weber will uns jetzt nicht weiß machen, er sei nie für ISL tätig geworden?

Jens Weinreich #15

@ sternburg: Kannste nachlesen. Ich empfehle :))

Das Milliardenspiel

Teil 3: Krieg der Schuhe

die Kapitel:

– Die Fußsoldaten: Nike und sein Fußball-Feldzug
– Der virtuelle Held: Ronaldo – der beste Schuhverkäufer der Welt
– Der Herausforderer: Adidas und sein neuer Chef
– Der 30tägige Krieg: WM 1998 – Schlacht der Schuhgiganten

außerdem:
Strasser, J. B.; Becklund, Laurie: Swoosh – the unauthorized story of Nike and the men who played there, San Diego 1991.

Schon etwas länger her, ich weiß. Aber etwas längeres Aktuelles ist mir nicht so geläufig.

sternburg #16

Achja.. eines der Bücher, die ich schon lange mal erwerben und lesen wollte. Obwohl: „er weist Überlängen und Wiederholungen auf, Übertreibungen zudem und auch einzelne Passagen, die einer Überprüfung möglicher Weise nicht standhalten und schwer zu beweisen sind“ – also, dafür kann ich aber auch in meinen Gesetzeskommentaren lesen. :)

Sehe ich das eigentlich falsch , oder ist das Buch gerade nicht lieferbar?

Jens Weinreich #17

Dieser Rezensent meinte wohl vor allem die Passagen zum ISL-Komplex, die sind allerdings nicht über-, sondern untertrieben formuliert. Oder anders ausgedrückt: Die Wirklichkeit hat übertrieben. Immer wieder diese verdammte Wirklichkeit, der ist einfach nicht zu trauen.

Meine Lieblingskapitel sind neben den ISL- und Leo-Kirch-Passagen die Passagen, in denen wir darlegen – anhand von Dokumenten, die ich demnächst bestimmt mal blogge, wenn es sich anbietet – wie Sepp & Co. Sepps einstigen Schwiegervater, den damaligen Fifa-Generalsekretär Helmut Käser aus dem Amt gemobbt haben, um Platz zu machen für den Schwiegersohn.

Mail mir Deine Adresse, ein paar Exemplare stehen hier noch im Regal.

Andreas #18

@jens: biete doch ein paar der paar exemplare bei ebay an. Ich suche nämlich auch schon eine weile nach Büchern wie diesen.

Herr Holle #19

@andreas:
auf http://www.zvab.de werden drei Exemplare angeboten. Eines aus einem Zürcher Antiquariat – wer räumt da seinen Bücherschrank aus? …

Jens Weinreich #20

… die Exemplare aus Zürich sind aber unsigniert! Jedenfalls kann ich mich nicht erinnern, für Sepp mal unterschrieben zu haben.

Ich könnte die Diskussion ja abkürzen, doch wenn ich hier etwas zum Verkauf anbiete, kommt sternburg sofort daher und sagt: Jetzt wissen wir’s, diese Journalisten bloggen nicht wirklich, die wollen nur Geld verdienen :)

Andreas #21

herr holle: gab es nichtmal Diskussionen, dass einer der Verbände das Kanton wechseln will? hmm … wenn es schon wichtige Männer in den Händen hielten, führt ja fast kein Weg daran vorbei … wahrscheinlich ist es sogar andersweitig signiert (mit Bissspuren, oder Angstschweißflecken) …

@Jens: Aber wie wäre es denn, wenn du die Bücher sozusagen in einer Tombola oder Ebay-artigem Verkauf bei sowas
http://jensweinreich.de/?p=2082
veräußern würdest. In meinen Augen ein sehr schöner Anlass.

sternburg #22

Allerdings. :)

Wobei ich das natürlich nicht sagen, sondern nur zitieren würde. Und die korrekte Formulierung lautete, glaube ich, in etwa wie folgt: „Ihr seid gar keine richtigen Blogger! Blogger stehen immer auf der Seite der Schwachen und versuchen nicht, Geld abzuzocken!“
Wie immer gilt: Bitte fleißig klemmende Schifttasten, plenken, klemben und vor allem Mehrfachsatzzeichen dazu denken, danke.

indykiste #23

mal etwas zur Außenwirkung des Hausherren: http://www.woz.ch/artikel/2009/nr04/schweiz/17395.html

Bar und ohne Quittung
Im vergangenen März sah man einen ganz anderen Blatter: finster, verärgert, beleidigt. An einer Pressekonferenz des Weltfussballverbands Fifa tönte die Frage über die Lautsprecher: «Herr Blatter, haben Sie heute im Exekutivkomitee über die ISL-Sache geredet?» Der Fifa-Präsident erkannte die Stimme sofort. Sie gehörte dem hartnäckigen deutschen Journalisten Jens Weinreich.

Blatter blickte auf, sah den Fragesteller kurz an, begann am Übersetzungsgerät zu fummeln und grübelte sich die Kopfhörer aus den Ohren. Er hatte verstanden.

Gibt es hier auch evtl. Neuigkeiten?

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