Die Umfaller: Sportlobbyisten im Bundestag

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Auch auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen. Aber der BDR-Freispruch im Bundestags-Sportausschuss ist mir noch einige Bemerkungen wert. Ich mache es diesmal ganz kurz (ein Nachtrag folgt am Wochenende) und entscheide mich für die Form eines Bilderkommentars. Liebe Abgeordnete, ich wiederhole: Dies ist ein Kommentar.

1) Ladies first: Das da unten ist Dagmar Freitag von der Surrealistischen Partei Deutschlands (SPD). Sie ist u. a. Vizepräsidentin des Deutschen Leichtathletikverbandes (DLV).

2) Das da unten ist Peter Danckert (ebenfalls SPD). Er leitet den Sportausschuss und fungiert u. a. als Präsident des Landesverbandes Pferdesport Berlin-Brandenburg e.V., außerdem gibt er sehr gern Interviews, in denen er eine knallharte Dopingbekämpfung und geeignete parlamentarische Maßnahmen einfordert. Es sind so viele zusammen gekommen, dass ich lieber auf eine Verlinkung verzichte, ihm zuliebe, sonst würde es peinlich. Nur noch eins: Kann es sein, dass der deutsche Reitsport derzeit auch etwas unter Druck gerät?

3) Das da unten ist Detlef Parr von der freidemokratischen Partei, der auch das UDIOCM angehört, das über seinen Freund Parr gern mal sagt: „Mit dem Mut eines Löwen hat sich Detlef Parr für die Belange des Sports eingesetzt.“ Parr ist u. a. Vizepräsident der Special Olympics Deutschland. 

4) Das da unten ist Klaus Riegert, der CDU-Sportobmann im Ausschuss. Er ist u. a. Vizepräsident des Schwäbischen Turnerbundes. Er verwechselt mitunter – unbeabsichtigt – Ursache und Wirkung und verwischt, wenn er schon mal was sagt, mitunter – unbeabsichtigt – die Unterschiede zwischen Dichtung und Wahrheit: So wie in diesem Fall.

5) Das da unten ist Eberhard Gienger (CDU), Vizepräsident Leistungssport des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB). Wir zwei haben erst am Dienstagabend besprochen, dass wir uns mal unterhalten sollten. Ach, ich weiß irgendwie nicht, ich finde Taten ja wichtiger als wiederholte leere Worte. Jedenfalls, der DOSB, insofern ist das wenigstens kein verdeckter, sondern ganz offener Lobbyismus, taucht auf der 720 Seiten umfassenden Lobbyliste des Bundestages auf: Als Nummer 966, als Dachverband von 95 Sportverbänden und deren Untergruppen, also auch der in diesem Bilderkommentar sonst noch aufgeführten.

6) Das da unten ist Peter Rauen (CDU), einst Chef des Sportausschusses.

Peter Rauen hat vor vier Wochen im Sportausschuss übrigens energisch vorgebracht:

Ich habe die große Faszination erlebt, die vom Radsport für die Eifel ausging, die Begeisterung der Menschen und auch, was der Radsport durch seinen Bekanntheitsgrad geworden ist. Ich war auch immer der Auffassung, dass es einer ehrlich meint im Dopingsumpf. Herr Holczer hat dagegen angekämpft und ist immer dieser Auffassung gewesen. Wenn ich in diesen Tagen erlebe, wie verzweifelt dieser Mann ist, dass aus seinem Team Stefan Schumacher und Bernhard Kohl definitiv des Dopings überführt wurden, dann ist das offenbar in diesem Sport ein Sumpf, dem man als Parlamentarier versuchen muss, etwas entgegen zu setzen, was wirklich Aufschreie gibt. Herr Holczer hat, ich gehe jetzt aus dem Radsport raus, erkennbar alles getan, er hat auch daran geglaubt, dass in seinem Team nichts passiert. Wenn man auch sieht, dass von der Leitung der Gerolsteiner-Gruppe, die wirklich immer alles getan haben gegen Doping und die riesige Angst hatten davor, dass die ganze Werbung dahin ist, wenn sie in den Sumpf hineingezogen würden, dennoch von Sportlern, obwohl der Sponsor und der sportliche Leiter Wert darauf gelegt haben, mit Füßen getreten wird, dann ist das nicht zu akzeptieren. Offenbar hat sich das Doping in diesem Sport so eingenistet über Jahrzehnte, so dass ohne Doping gar nicht mehr die Möglichkeit besteht, Erfolge zu feiern. Ich wäre persönlich auch dafür, dass wir als Sportausschuss ein ganz klares und deutliches Zeichen, ohne wenn und aber, setzen. (…)

Eine Haushaltssperre ist nicht die Streichung von Mitteln sondern vielmehr eine Sperre, die man auch wieder aufheben kann. Wir wollen aber hierzu ganz gerne erst einmal Klarheit haben, was da im BDR läuft und hören sie uns hierzu noch einmal hier an. Sie sollen aber im vornherein schon einmal wissen, dass der Sportausschuss und die Verantwortlichen hierzu irgendwann einmal die Schnauze voll haben und dann sagen, wenn alles nicht reicht, werden die Mittel eben gesperrt. Hier muss man erkennen, dass hier ernst gemacht wird.

Ich verzichte auf weitere Beispiele. Sie haben also ernst gemacht im Sportausschuss. Wieder einmal.

Ich finde Entscheidungen wie die des MdB Ditmar Staffelt, um mal nur das aktuellste Beispiel zu nehmen, irgendwie, wie soll ich sagen: ehrlicher? Glaubwürdiger? Konsequenter? Vermittelbarer? Demokratischer?

Mein Gott, ich bin ein Träumer. Was für Begriffe.

Flink noch ein Lesebefehl – Andreas Rüttenauer in der taz über den Mittwochnachmittag: „Der Radsport hat eine verlässliche Lobby: Fürsorgliche Befragung“ – und eine Antwort auf die möglicherweise naheliegende Frage, warum manche Abgeordnete (1, 2, 6) Kopf stehen, aber andere (3, 4, 5) nur zur Seite gekippt sind. Ich fand halt die Kapriolen der Kopfsteher noch etwas wilder, von den anderen bin ich nichts anderes gewöhnt. Im übrigen bin ich der erste, der die MdB’s wieder aufrichtet, sollten sie dereinst Bahnbrechendes in der Dopingbekämpfung zustande bringen. In einem Radiointerview habe ich zum Beispiel gehört, dass Peter Danckert (2) ankündigte, es könne durchaus passieren, dass sich, wenn er seine Fragen an den BDR schriftlich nachgereicht habe, noch neue Anhaltspunkte ergeben könnten, die möglicherweise dazu führen könnten, dass sich der Sportausschuss noch einmal mit der Thematik der Fördermittel befassen könntemüsstehabensollte. So etwa.

Nachtrag, das ist mir peinlich: Habe ich etwa nicht erwähnt, welche Bundesfördermittel der Leichtathletikverband, der DOSB, die Reiterliche Vereinigung, der Deutsche Turnerbund, die Special Olympics und einige andere erhalten? Ich hole es nach.

Stefan #1

Danke! So muss Sportjournalismus aussehen. Sarkastisch ironisch direkt, mit einer leichten Zurückhaltung aber in der Sache ehrlich und direkt. Finde sowas sollte öfter größer und überhaupt mal der breiten Masse zugänglich gemacht werden. Traut sich keine „große“ Zeitung im Print sowas zu veröffentlichen? Wo gab es das in gedruckter Form? Online zählt für mich nicht wirklich, da imho (auch wenn dafür Schläge bekomme) die Zahl der Leserschaft zu gering ist bzw. im Verhältnis zur Papier-Fraktion deutlich geringer ist. Außerdem wird „Normalo“ Zeitungsleser von nebenan, eher das Papier in die Hand nehmen als das „moderne“ „Internetz“ zu benutzen. Wie gesagt, meine Einschätzung und Meinung.

Bitte bitte Herr Winreich, ab in die SZ´tten, FAZ´tten, TAZ´en, WAZ`en und sonstigen überregionalen großen Prints!

Jens Weinreich #2

Herr Winreich sagt: Stefan, bleib auf dem Teppich, warum erwähnst Du die WAZ? Google mal.

sternburg #3

Sind Riegert und Giegner denn wirklich „Umfaller“? Nicht eher allenfalls „Liegenbleiber“?

Wer mir übrigens nach einmaligem Lesen schlüssig erklären kann, was der erste Absatz von Rauens Gestammel da auch nur von der Tendenz (Mittelsperre oder nicht) aussagen soll, der bekommt ein Extralob.

Jens Weinreich #4

@ sternburg: Hast mich schon wieder bei einem Fehler ertappt. Es ist auch schwierig mit diesen Journalisten: können nicht mal Umfaller von Liegenbleibern unterscheiden.

ha #5

@sternburg
Ich glaube, genau deshalb liegen sie. Gienger hängt ja überdies diese kleine Anabologos-Klümper-Affäre an. Riegert – jw kennt den Menschen und wird schon seine Gründe haben, diese Pressemitteilung als „unbeabsichtigt“ zu deklarieren …

Stefan #6

Verzeih mir im Anflug der ganzen Z`tten das ich das „Blatt“ erwähnte. Auch für die „kreative“ Schreibweise des Nachnamens möchte ich mich entschuldigen. Es ist Freitag. Ich sollte Feierabend machen, bevor ich noch was kaputt mache!

Jens Weinreich #7

Stefan, war nicht böse gemeint, echt nicht. Nur damit wir uns nicht wieder missverstehen, falls wir uns missverstanden haben sollten – guckst Du hier: http://www.medienmoral-nrw.de/

Enno Aljets #8

Danke. Weiter so!

Ralf #9

Winfried Hermann in der SZ: „Es gibt keine kritische Distanz zum Radsport“
http://www.sueddeutsche.de/256384/151/2634039/Es-gibt-keine-kritische-Distanz-zum-Radsport.html

SZ: „Dass der Sportausschuss öffentlich tagt, gilt als großer Fortschritt – hat aber wohl auch den Preis, dass jeder mitbekommt, wenn es peinlich wird.“

Hermann: „So weiß wenigstens jeder: Außer den Grünen finden im Bundestag jetzt alle den BDR wieder prima.“

Ralf #10

Ralf Meutgens: „BDR muss seine Vergangenheit aufarbeiten“

„Und genau da muss angesetzt werden: In der Aufarbeitung, in der Aufklärung und in der nur dadurch möglichen Änderung des momentanen Zustands. Dazu muss der Bund Deutscher Radfahrer durch zweckgebundene Mittel zur Aufarbeitung gezwungen werden. […] Diese Chance ist nun vertan.“

http://www.radsport-news.com/sport/sportnews_53722.htm

Badische Zeitung: So biegt sich Scharping die Dinge zurecht
http://www.badische-zeitung.de/sport/radsport/so-biegt-sich-scharping-die-dinge-zurecht

Ralf #12

dpa: Grüne beantragen erneut Mittelsperrung für den BDR

„Wie der Grünen-Abgeordnete Omid Nouripour in Berlin erklärte, habe er als Berichterstatter seiner Fraktion für die sogenannte Haushaltsbereinigungssitzung die Aufnahme eines entsprechenden Haushaltsvermerks beantragt.“

http://www.rad-net.de/index.php?newsid=16230

Ralf #13

Ein interner Bericht zeigt: Vor allem im Radsport und im Eishockey wird zu wenig gegen Doping getan
http://www.tagesspiegel.de/sport/;art272,2665348

trebor #14

„Liegenbleiber“ Detlef Parr und DOSB-Vesper am 25.11. gemeinsam auf dem Gesprächspodium in Köln

„Die Erfahrung von Beijing – auf dem Weg nach London“
http://www.fdp-koeln.de/index.php?l1=8&l2=0&l3=1&tid=2710

Jens Weinreich #15

Das wird sicher sehr spannend.

trebor #16

Meine Rede. Wild, dass jetzt auch der DOSB-Sekretär…upps General natürlich…mit den UDIOCM-Sportfreunden der FDP „diskutieren“ darf.

Ralf #17

Thomas Kistner (SZ): Das Schweigen der Wölfe

„Dabei helfen sportaffine Handlanger in der Politik; beeindruckend zu erleben war der ständige Doppelpass jüngst im Sportausschuss, als der im Pharmasumpf dümpelnde Radverband mit Mittelkürzung bedroht werden sollte – und fast mit Stehapplaus verabschiedet wurde.“

http://www.sueddeutsche.de/358380/801/2649852/Das-Schweigen-der-Woelfe.html

Jens Weinreich #18

Ralf: Ich kann mich getäuscht haben, aber ich meine, Applaus und Klopfen vernommen zu haben … Aber nun gut, Stehapplaus ist sicher etwas ganz anderes. Und ehrlich gesagt: Das ging ja gar nicht, da sie alle – siehe oben – quer lagen oder Kopf standen.

Ralf #19

Herr Kistner sprach ja auch von „fast“…

Eines steht wohl außer Frage: Der einzige, der am Ende noch aufrecht stand, dürfte wohl kaum applaudiert haben.

Herr Holle #21

Also mich interessiert nach wie vor drängend, ob die Meinung des DOSB-Vize, Dopingexperten* und Sportausschuss-Mitglied Gienger (der vor einer Woche ein Dopingvergehen im Bundestag als „Dummheit“ bezeichnete) jetzt die offizielle Haltung des DOSB ist. Ich befürchte: Nein, nur die inoffizielle. Zumindest bei einigen Leuten.

@Ralf: Vielen Dank für die „Presseschau“!

* ich meine es natürlich nicht so wie man es auch verstehen könnte. Ein DOSB-Vize ist es natürlich ex officio!

Ralf #22

sid: Bremer geht gegen Bundestagsabgeordnete vor

[Peter Danckert] betonte […], die Aussage habe er als Privatperson und nicht als Ausschussvorsitzender gemacht. […] In die Offensive geht dagegen [Winfried] Hermann: „Ich habe die Unterlassungserklärung nicht unterzeichnet und empfinde sie als Angriff auf meine Meinungsfreiheit.“

Ralf #23

dpa: Das Team Steinmeier

DAGMAR FREITAG (56): Sportpolitische Sprecherin der SPD-Bundestagsfraktion. Aus Nordrhein-Westfalen. Als Vizepräsidentin des Deutschen Leichtathletikverbands im Kampf gegen Doping aktiv. Außerdem überzeugte Tierschützerin. Kümmert sich um den Sport.

freitag.de: Dagmar wer?

Ralf #24

SPD: Dagmar Freitag: SPD steht für eine verantwortungsvolle Sportpolitik

Wir wollen ein eigenständiges Anti-Doping-Gesetz.

Ralf #25

Sportlobbyisten im österreichischen Sportausschuss…

Die Presse: Sportförderung? Abschaffen!

So funktioniert eben das allseits beliebte System: Parlamentarier sind zugleich auch Vertreter der Partei-Interessen und der Verbände. Sie verlangen Reform und verteidigen in der nächsten Sekunde die Begehrlichkeiten ihrer Klientel. Ausschussmitglied Peter Wittmann (SP) ist Präsident des zentralen Sportverbandes Österreichs, der Bundessportorganisation und Präsident des BSO-Mitglieds Askö (SPÖ). Sein Kollege Peter Haubner (VP) präsidiert die Sportunion, den schwarzen Spiegel des roten Askö, und ist Generalsekretär des Wirtschaftsbundes, in dem die großen Sponsoren ihre Anliegen bündeln.

Ralf #26

ABC: Sports Minister calls for Cycling Australia review

Federal Minister for Sport Kate Lundy has called for an exhaustive review of Cycling Australia and is considering giving Australia’s anti-doping agency enhanced investigative powers to clean up the sport.

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