Wolfgang Schäuble oder: vom Umgang mit der Wahrheit und mit Dopingrekorden

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Thomas Bach, Wolfgang Schäuble, Mai 2008

Ich kann der Diskussion über den Umgang mit DDR-Doping- und Stasi-Trainern kaum noch folgen. Weil zu oft Fakten mit Fiktionen und Wahrheitsbeugungen vermischt werden. Ich wähne mich im falschen Film. Da will der DOSB den Trainern nun einen Persilschein ausstellen, da fabuliert ein führender SPD-UmfallerSportpolitiker, mit Wahlkreis tief im Osten, weiter von amnestieartigen Lösungen, da schweigen die Täter und lügen, dass sich die Balken biegen.

So geht das nun im Grunde seit zwanzig Jahren, und darüber ist hier in den vergangen Monaten viel diskutiert worden. Es müsste eigentlich ein weiteres Buch geschrieben werden, um mit all diesem verantwortungslosen Unsinn, mit all diesen haarsträubenden Argumenten, mit Propaganda (immer wieder gern verlinkt: Vortrag von Grit Hartmann zur “Inszenierung von Medienwirklichkeit”) und Legenden aufzuräumen.

Aber wer will sich das antun, will in diesem Sumpf wühlen. Egal. Momentan empfehle ich nur, sich an die Fakten zu halten. Fakten? Ja, so etwas gibt es.

Die Wikipedia schreibt:

Unter einer Tatsache (lat.factum, res facti; engl. fact, matter of fact) versteht man allgemein einen erwiesenen Sachverhalt. Des Weiteren ist es ein Ausdruck, der mit verschiedenen Nuancierungen verwandt wird. Das lateinische factum verweist auf den Charakter des Gemachten oder Geschehenen in dem Ausdruck.

Die Tatsache entzieht sich somit der Phantasie und ist von Fiktion kategorial verschieden. Tatsachen werden in Aussagen konstatiert; jede Aussage benennt einen Sachverhalt, jedoch nur jede wahre Aussage benennt eine Tatsache. Hieran schließt sich die Problematik der Erkenntnis einer Aussage als wahrer Aussage an.

Mit der Berufung auf Tatsachen geht ein Anspruch auf Objektivität einher.

Harter Tobak. Ich will es einfacher machen. Sportminister Wolfgang Schäuble hat kürzlich der FAZ ein Interview zum Thema gegeben: “Straf- wie sportrechtlich sind alle Verjährungsfristen abgelaufen”. Er sagt darin einige interessante Dinge, die sich nicht schlecht anhören und eine sachliche Überprüfung wert wären. Er sagt aber auch Sätze wie diesen:

Wir haben ja ganze Rekordlisten abgeschafft.

Es ist nur ein Satz, eine Behauptung, zugegeben. Doch sie steht durchaus zentral. Und noch einmal: Schäuble ist Innenminister, Sportminister, war das auch schon in der Wendezeit bis November 1991, als man noch hätte Weichen stellen können. Weshalb ich einfach mal frage:

Stimmt diese Behauptung von Schäuble? Kann sich irgendjemand da draußen im anonymen Internet und im nicht-anonymen sportpolitischen Geschäft daran erinnern, dass je eine Rekordliste abgeschafft wurde? In Deutschland und überhaupt?

(Ich meine, wirklich abgeschafft, nicht wie es der Gewichtheber-Weltverband gemacht hat, der seine Gewichtsklassen änderte und damit eine neue Rekordflut auslöste.)

Vielleicht hat sich Wolfgang Schäuble nur versprochen. Vielleicht nicht.

Ich kann mich jedenfalls an keine gelöschte Rekordliste erinnern, nur an Ines Geipel, die Ihren Namen aus der Rekordliste des Deutschen Leichtathletik-Verbandes löschen ließ. Es ging um einen Sprint-Rekord von Klubstaffeln. Die Rekordliste des DLV habe ich kürzlich schon einmal verlinkt. In deren Präambel heißt es immerhin:

In der nachfolgenden Rekordliste stehen nach heutigen Erkenntnissen einige Rekordhalter unter dem Verdacht, während ihrer leistungssportlichen Laufbahn gegen die Antidoping-Regeln verstoßen zu haben. Darüber hinaus wurde ein Teil der Rekorde auf der Basis von Zwangsdoping und Doping in Form von strafrechtlich relevanter Körperverletzung erzielt.

Hinsichtlich der betroffenen Rekorde wird insbesondere auf die hierzu veröffentlichte Literatur und die Urteile staatlicher Gerichte verwiesen. Eine Löschung solcher Rekorde ist aus juristischen Gründen nicht möglich. Der DLV fordert den Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) auf, innerhalb angemessener Zeit eine für den gesamten deutschen Sport umsetzbare Lösung hinsichtlich der unter Dopingverdacht stehenden Rekorde zu entwickeln.

Auf Doping beruhende Rekorde entsprechen nicht den ethischen Werten des Deutschen Leichtathletik-Verbandes e.V. und sind nicht als Bezugssystem für heutige sportliche Leistungen geeignet.

Dazu gibt es einiges zu sagen.

  • Erstens: Ich weiß jetzt nicht, ob sich der DOSB darum je gekümmert hat, oder ob vielleicht, wenn er sich denn gekümmert hat, diese Persilscheine für Trainer auch gleich noch die leidige Dopingrekordfrage entsorgen sollen.
  • Zweitens: Es ist mitnichten so, dass “eine Löschung solcher Rekorde”, die es laut Schäuble ja längst gegeben hat, “aus juristischen Gründen nicht möglich” sei.

Ich möchte gern einmal zwei juristische Gutachten zur Diskussion stellen, die kaum Beachtung gefunden haben, sondern leider Gefahr laufen, in den Aktenschränken des Sports zu vermodern.

  1. Gutachten der Rechtsanwälte Dr. Marius Breucker und Dr. Christoph Wüterich: “Zulässigkeit der Streichung von Rekorden wegen Verstößen von Athleten gegen Doping-Verbote” (pdf, 34 Seiten)
  2. Stellungnahme von Prof. Jens Adolphsen zum Gutachten von Breucker/Wüterich vom Oktober 2007 für den DLV (pdf, 6 Seiten)

Interessant auch dieses Schreiben von Helmut Digel an den DLV-Verbandsrat vom Mai 2006, in dem es u. a. heißt:

(…) Die Leichtathletik ist von all diesen Problemen besonders intensiv betroffen, vor allem ist sie nun mit einer Frage konfrontiert, wie sie sich sportpolitisch und juristisch zuvor noch nie gestellt hat. Gleichzeitig wird wohl schon sehr lange angenommen, dass einige ihrer Weltrekorde auf saubere Weise nicht mehr zu überbieten sind, da die bestehenden Rekorde vermutlich nur nach einer systematischen Dopingmanipulation erreicht wurden.

Unabhängig davon werden gerade bei Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen die Weltrekorde in diesen Disziplinen als Bezugspunkt für das aktuelle Ereignis mittels einer Fahne ausgewiesen. Doch diese Marken sind für die nachrückenden Athleten in unendliche Ferne gerückt. Beispielhaft zeigt dies der Frauenweltrekord über 400 m oder der Diskusweltrekord der Männer, aber auch die Sprintweltrekorde der Amerikaner stehen unter Verdacht. Viele dieser Rekorde liegen lange Zeit zurück und die Diskussion über diese Rekorde wird aus der Sicht von heute aus verständlichen Gründen nur als eine Verdachtsdiskussion geführt.

Dennoch haben diese fragwürdigen Rekorde eine äußerst negative Wirkung. Sie schaden der öffentlichen Präsentation unserer Sportart. Sie widersprechen dem Prinzip des Fairplay. Sie sind ein Betrug gegenüber jenen Gegnern, die damals ihre Leistungen auf regelgerechte, also „saubere” Weise erbracht haben. Sie sind vor allem auch für die nachrückenden jüngeren Generationen ein ungeeignetes und unangemessenes Bezugssystem.

Deshalb hatte ich selbst im Jahr 1999 beim Weltverband den Versuch unternommen, diesem Problem zu begegnen, indem ich einen Antrag an den Kongress richtete, der die alten Rekorde grundsätzlich nicht in Frage stellte. Vielmehr sollte konstruktiv mit einer neuen Rekordzählweise zu Beginn des neuen Jahrhunderts begonnen werden.

Aus politischen Gründen wurde dieser Antrag vom damaligen IAAF-Präsidenten Nebiolo nicht unterstützt, obgleich er ihn von der Sache her als sinnvoll bezeichnet hatte. Eine Mehrheit konnte damit bei den Delegierten nicht erreicht werden. Im Nachhinein bedauern wohl viele IAAF-Mitglieder, dass die einmalige Chance einer derartigen Regeländerung zur Jahrhundertwende verpasst wurde.

Nun hat das damalige Problem die deutsche Leichtathletik erneut eingeholt. Allerdings wird nunmehr die Diskussion viel umfassender und grundlegender geführt. Eine ehemalige Athletin der DDR hat sich an den Deutschen Leichtathletik-Verband mit der Bitte gewandt, dass ihre Leistung aus den Rekordlisten gestrichen wird, da sie annehmen muss (und gerichtsverwertbare Dokumente belegen dies), dass sie zu diesem Zeitpunkt ohne ihr Wissen von Dritten gedopt wurde.

Der DLV hat bis zum heutigen Zeitpunkt dieser Bitte nicht entsprochen. Zunächst wurde vielmehr das von Frau Prof. Geipel vorgetragene Anliegen eher als ein Ärgernis empfunden, die Reaktionen auf ihre Anfrage wurden verschoben, waren widersprüchlich und bis heute ist nicht zu erkennen, was die endgültige Antwort auf diese Anfrage sein wird. Wie immer es in solchen Fällen in Verbänden leider üblich ist, wurde auch im DLV eine Kommission berufen, die sich der Rekorde annehmen sollte, um herauszufinden, welche juristischen und sportpolitischen Möglichkeiten sich dem Deutschen Leichtathletik-Verband in Bezug auf diese Fragen eröffnen.

Für die externen juristischen Experten, die zu einer Kommissionssitzung eingeladen wurden, war die Sache schnell klar. Aus juristischer Sicht ist zu empfehlen, dass die unter Verdacht stehenden Rekorde nicht annulliert werden, da weder die IAAF noch der DLV zum Zeitpunkt der in Frage gestellten Rekorde über die notwendigen Regeln verfügten, auf deren Grundlage eine Aberkennung der Rekorde möglich sein würde. Will der Verband mögliche Schadensersatzklagen gegen sich selbst verhindern, so muss er deshalb aus der Sicht der Experten auch zukünftig mit diesen Rekorden leben.

Es bleibt ihm jedoch die Möglichkeit, über Verbandstagsbeschlüsse für die Zukunft Neuregelungen zu schaffen. Unabhängig von dieser juristischen Expertise bleibt dem Verband jedoch aus sportpolitischer Sicht eine ganze Reihe weiterer Möglichkeiten, über die der Verband autonom befinden kann.

  1. Die erste zeichnet sich dadurch aus, dass der Verband sich dieser juristischen Bewertung entzieht und einzelne deutsche Rekorde aufgrund vorhandener Indizien ungültig erklärt. Auf der Grundlage der Dokumente, die dem Verband vorliegen, würde dies mehrere Rekorde der ehemaligen DDR und wenige Rekorde der ehemaligen BRD betreffen. Die nationalen Rekordlisten des DLV würden auf diese Weise neu geschrieben, wohl wissend, dass möglicherweise die nachrückenden Athleten nicht weniger unter Dopingverdacht stehen als die bislang die Rekordlisten anführenden Athletinnen und Athleten. Allerdings liegen gegen die nachrückenden Athleten keine Indizien der Manipulation vor und so müssen sie als fair und sauber gelten. Sollten einzelne Athleten gegen diese Entscheidung vor ordentlichen Gerichten klagen, so hat der Verband dies sportpolitisch zu verantworten. Unter ethisch-moralischen Gesichtpunkten ist diese Verantwortung angebracht, sportpolitisch könnte das Signal, das der Verband dadurch setzt, wünschenswert sein.
  2. Die zweite sportpolitische Möglichkeit, die sich dem Verband eröffnet, geht zurück auf das Beitrittsjahr des DVfL. Da zu diesem Zeitpunkt, also im Jahr 1989, mit dem Beitritt des ehemaligen Verbands der DDR ein erweiterter DLV gegründet wurde, wäre es möglich, dass mit diesem Zeitpunkt der Neugründung eine Festlegung der nationalen Rekorde neu beginnt und somit die zuvor erzielten Rekorde als ehemalige Rekorde der jeweiligen Teilverbände weiterhin Gültigkeit haben. Die Rekorde werden in ihrer Individualität auf diese Weise nicht in Frage gestellt, wenngleich vorbeugend darauf hinzuweisen ist, dass in manchen Disziplinen neue Rekordhalter an Stelle der ehemaligen treten, deren Leistung aufgrund späterer Verfehlungen in hohen Maße unter Verdacht stehen.
  3. Eine dritte Möglichkeit könnte darin bestehen, dass der DLV auf meinen Antrag aus dem Jahr 1999 zurückkommt, ihn sich zu Eigen macht und für das Hoheitsgebiet der deutschen Leichtathletik mit der Rekordstatistik zum Jahr 2000 neu beginnt. Auch hier stellt sich die Möglichkeit, dass manche Athleten dies als Diskriminierung erachten, dass sie sich nicht als Jahrhundertrekordhalter, sondern als Rekordhalter über alle Zeiten hinweg verstehen. Doch auch diesbezüglich wäre der Verband in einer ethisch-moralischen Position, die Achtung und Respekt abverlangt, denn ihm geht es bei dieser Entscheidung um die Zukunft seiner Sportart und um die nachrückenden Generationen. Und für diese wäre die Beseitigung einer ungerechten Vergleichssituation, die durch die Unerreichbarkeit alter Rekorde erzeugt, wird oberste Priorität.
  4. Schließlich gibt es noch viertens die Möglichkeit, dass der Verbandsrat in der bevorstehenden Sitzung mit einem Beschluss die Rekorde neu regelt, alle bislang zurückliegenden Rekorde zu historischen Rekorden deklariert und mit einem Neubeginn der Rekorde zum Jahr 2006 beginnt.

Viel weiter ist man nicht gekommen im Sport. Weder in Bezug auf ostgedopte noch auf westgedopte Rekorde.

Grit Hartmann hat allein in der DLV-Rekordliste, inklusive der Nachwuchsrekorde, 135 mehr als 130 Dopingrekorde gezählt. Diesen Text aus der Berliner Zeitung habe ich jetzt auf die Schnelle nicht wieder gefunden, den wird aber in den Kommentaren bestimmt gleich jemand verlinken. Grit Hartmann hat die Rekordfrage vor Jahren herausragend bearbeitet. Flink noch einige andere Links zu ihren Artikeln:

Mehr kann ein Journalist nicht machen.

Es wird folgenlos bleiben, wenn sich die Sportpolitiker, ob nun Funktionär, IOC-Lobbyist, Abgeordneter und/oder Minister, nicht wirklich dafür interessieren.

Horst #1

Ist es dieser Artikel vielleicht?

Jens Weinreich #2

Nein, dieser: Die Bastion wankt, vom 9. November 2007

esox #3

wenn jemand lust und langeweile hat koeennte jemensch ja mal das zitat:
“Wir haben ja ganze Rekordlisten abgeschafft.” mal auf abgeordnetenwatch als anfrage zu verifizierung an unseren I(nnen)M(inister stellen.
bin seit heute wieder arbeitslos. vielleicht bin ich jemensch. bin mir aber auch bewusst, das man wackelpudding nicht an die wand nageln kann. aber danke fuer die argumente.

indykiste #4

Hallo Jens, bitte mal den 4. Link austauschen(Balken, dieser führt ebenfalls zur schmutzigen Rekordwäsche.
Leseprobe bestanden?
http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/archiv/.bin/dump.fcgi/2007/0821/sport/0008/index.html

Jens Weinreich #5

Ja, Leseprobe mit Bravour bestanden. Aber ich denke, das lohnt sich. Hat auch viel Arbeit in den Beiträgen von Grit Hartmann gesteckt.

Link ist ausgetauscht. Ist nicht mein Tag der Verlinkungen gewesen.

Walter #6

“Eigentlich müsste das System, in dem wir alle gelebt haben, sich bei den Menschen entschuldigen.”

Kann sich ein System entschuldigen?
Hat eigentlich die DDR auch wie dei Amerikaner in den frühen 80er Jahren mit HGH oder Insulin oder ab 1987 mit EPO gearbeitet?

Glauben Sie, dass die Wada, die internationale Anti-Doping-Agentur, den Weg weisen wird?

Vielleicht, aber erst muss sie sich vom IOK lösen, denn da sitzen Experten der Irrtümer, Experten der Verantwortungslosigkeit. Ein Beispiel für die Verantwortungslosigkeit des IOK: Kurz nach den Olympischen Spielen 1984 in Los Angeles gab einer der amerikanischen Teamärzte, Professor Kerr, zu, dass mehr als die Hälfte aller US-Teilnehmer Wachstumshormone verwendet habe. Das war vor 16 Jahren. Was hat das IOK in diesen 16 Jahren gemacht? Es hat die Suche nach einem – zugegebenermassen schwierigen – Nachweisverfahren in keiner Weise gefördert. Ähnlich sieht das Szenario mit EPO aus: Seit 1988 wissen Insider vom EPO-Gebrauch, das IOK aber hat bis 1994 gewartet, um eine Studie in Auftrag zu geben. Dass der Auftrag an Conconi ging, der nun von der Justiz verdächtigt wird, unter dem Deckmantel des IOK-Mandats flächendeckend EPO verabreicht zu haben, ist nur ein weiterer Beweis dieser eklatanten Verantwortungslosigkeit.

http://www.svl.ch/doping/doping_koll_wahns25032000.html

Das hat Donati schon 2000 gesagt,und keiner hat ihm zugehört,und heute müssen wir uns immer noch mit der DDR beschäftigen?

indykiste #7

ein wichtiger Grund für die “Einzelfall-Theorie”:

Skandalbehaftete Sportarten, so glaubt Marketing-Fachmann Zastrow, müssen nicht per se beschädigt sein: «Erscheint das Problem einer Sportart systematisch und langfristig zu sein, nimmt sie Schaden. Ein Dopingfall und selbst ein Bestechungsvorwurf hinterlassen noch keinen großen Schaden, so lange der Anhänger sie als absolute Einzelfälle wahrnimmt.»

http://newsticker.sueddeutsche.de/list/id/559702

Jens Weinreich #8

Wolfgang Schäuble ist nicht der Einzige, der die Rekordfrage nicht verstanden hat (oder nicht verstehen will). Mir fällt gerade auf, wie die Deutsche Presse-Agentur in ihren heutigen Berichten Ines Geipel bezeichnet: als

“Sprintstaffel-Weltrekordlerin aus Berlin”.

“Berlin” stimmt jedenfalls. Ob die das andere noch hinkriegen? Ich weißt nicht. Habe so meine Zweifel.

trebor #9

Interview mit Peter-Michael Diestel

Wenn Grit Breuer gedopt hätte, dann würde es den Weltrekord vom Marita Koch schon lange nicht mehr geben.

13.55 Minuten “mit Geschmäckle”

Jens Weinreich #10

Trebor, ganz schrecklich. Frage: Hatte dieses Gespräch irgendeinen anderen Sinn als den, mal eben eine Viertelstunde Sendezeit im Inforadio zu füllen? Was wollte uns der Reporter damit sagen? Hatte er irgend etwas im Sinn, bevor/als er Diestel traf und sprach?

Zitat Reporter:

„Ich will jetzt gar nicht darüber diskutieren, ob Grit Breuer auch mit Doping was zu tun hatte“

Zitat Diestel:

„Sie ist nie irgendwie überführt worden, es gibt keine Dopingvorwürfe gegen sie.“

Oh ja. Darauf komme ich gern zurück. Wollte mich des Themas ohnehin annehmen. Also: Danke für den Tip, auch wenn es kein Hörgenuss wurde.

Ralf #11

Nächsten Montag bei sport inside (Leichtathletik-Special vor der Sommerpause): “Noch immer unerreicht” – Viele Rekorde in der Leichtathletik sind auch nach über 20 Jahren noch ungebrochen

Dabei war Doping nicht nur ein Problem des Ostens. Das äußert jedenfalls der ehemalige Hürdenläufer Harald Schmid gegenüber sport inside.

Ralf #12

sportspool.tv: “Noch immer unerreicht”

Die bundesdeutschen Hallenmeisterschaften im Februar 1988 in Dortmund. Auf den Sprintstrecken räumen die Athletinnen der SC Eintracht Hamm die Medaillen ab. Am Ende gibt es bei der 4 mal 200 Meter Staffel gar einen Weltrekord. Zwei Jahre später bekennt der Trainer: er habe den Athletinnen Anabolika gegeben.

Hans-Jörg Kinzel (zur Medikamentenvergabe 1994):
„Die Mittel wurden eingesetzt, die Anabolika. Einmal war es das Präperat Stromba. Und dann ein weiteres Anabolikum namens Anavar. […]

Von den Sprinterinnen der SC Eintracht Hamm hat bis heute keine die Einnahme von Anabolika zugegeben. Der Rekord steht – als deutsche Hallenbestleistung – nach wie vor.

Grit Hartmann #13

Auch wenn es dämlich ist, auf eigene Beiträge zu verlinken – aber die Entwicklung ist seit längerem etwas weiter gediehen. Es ist überflüssig, dass die Sprinterinnen den Anabolikakonsum zugeben. Für Rekordlöschung reicht der Nachweis mit gerichtsfesten Akten, und die enthalten in diesem Fall ein Trainingstagebuch, das erstmals vom Spiegel präsentiert wurde und dann für die Rekorddebatte aufgegriffen:

http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/archiv/.bin/dump.fcgi/2005/1224/sport/0022/index.html

Ralf #15

Herzlichen Dank für den Hinweis, Frau Hartmann! Wissen Sie zufällig, ob aus folgendem Ansinnen etwas geworden ist?

Geht es nach Dietmar Ulrich, dem Vorsitzenden des SC Eintracht Hamm, bleibt es dabei nicht. Er wird dem Vereinsvorstand vorschlagen, die Streichung des Rekords zu beantragen

Grit Hartmann #16

Nein, aber es ist wohl der Nachfrage wert. Ich habe das Thema damals aufgegeben. Am Ende passierte selbst dann nichts, als das einzige Gutachten, das der DLV jemals schriftlich vorgelegt hat (hier auf dem Blog verlinkt), Rekordlöschung für möglich hielt.
Schön, dass es die Kollegen wieder aufgreifen.

Grit Hartmann #17

Ergänzend: Der Grund für das Scheitern der Rekordlöschung kommt ja in dem Beitrag gut rüber – einmal mehr sportpolitische Verantwortungslosigkeit von DLV und DOSB.
Zur Streichung von Dopingrekorden ist der Dopingnachweis für jede einzelne dieser Bestmarken zu führen, das haben die Stuttgarter Sportrechtler Dr. Christoph Wüterich und Dr. Marius Breucker dargelegt. Vielleicht bedeutet das etwas Arbeit für den DLV, wäre aber mit den Aktenüberlieferungen des DDR-Sports und diversen Gerichtsunterlagen für viele Rekorde durchaus machbar, auch für den West-Rekord aus Hamm.

Der Sport scheut diese Anstrengung und dazu den Ärger mit möglichen Klagen der Uralt-Rekordhalter – wenngleich, auch das haben Wüterich/Breucker überzeugend belegt, deren Chancen bei Null liegen.
Was Ex-Sprinterin Geipel sagt, ist völlig richtig: Der Sport, angeblich Hort höherer Moral und unzähliger Vorbilder, hat schlicht nichts dagegen, dass der Nachwuchs sich bis in alle Ewigkeiten an Rekorden misst, die theoretisch als ethisches Gut definiert sind, praktisch aber Resultate von Kriminalität und Betrug.

Herbert #18

@ Grit Hartmann
@ Walter

Die in Ihren Links zum systematischen Doping in der alten BRD aus dem Jahren 1990 nachzulesenden Informationen provozieren ja die berechtigte Frage, weshalb es denn dann im wiedervereinigten Deutschland passieren konnte, eine vor allem ostdeutsch-lastige und damit einseitige öffentliche Diskussion zum Thema Doping im Hochleistungsport mit all den bekannten Konsequenzen zu beginnen ?
War das Zufall oder ist das Absicht ? Sind die Regelbrüche in einem Rechtsstatt diffizieler zu verfolgen und zu bestrafen als in einer zusammengebrochenen Diktatur ?
Wäre es nicht an der Zeit, auch in der öffentlichen Betrachtung des Problems hier Ausgewogenheit und Gleichmass – ohne zu vertuschen – herzustellen ? Hat denn dazu keiner aus den verantwortlichen Gremien den A**** in der Hose ? Ich greife mal vor und nehme an,zu Lebzeiten der namentlich Erwähnten nicht mehr.
Je lauter und häufiger wir uns mit nachgewiesenem DDR-Doping beschäftigen – übrigens schon 20 Jahre – desto argwöhnischer kann man ja werden. Die im Link enthaltenen Informationen bestätigen dies.
Dass in diesem Kontext Rekordlisten nur ein formales Problem darstellen, das übrigens in seiner internationalen Relevanz nicht zu überschauen ist, ist selbstredend.
Aber wir brechen ja gerade wieder en mass Schwimmweltrekorde. So schlimm kann es dann wiederum für die Rekordlisten auch nicht sein.

Gerhard Treutlein #19

Es geht ja nicht nur um Rekordlisten, es geht um die Glaubwürdigkeit des Spitzensports insgesamt, und vor allem auch um die Glaubwürdigkeit seiner politischen und sportpolitischen Vertreter. Die Glaubwürdigkeit wird immer noch zu oft aus Angst vor zurückgehender internationaler Konkurenzfähigkeit und zugunsten parteipolitischer Vorteile geopfert. Wie lange wird es dauern, bis auch bei uns ein Minister Darabos antreten wird und eine ähnliche Gesetzgebung wie in Österreich entwickelt werden wird (verbunden mit dem politischen Willen der Umsetzung)?

Und weiterhin ausgegrenzt werden diejenigen, die kritisches Reflexionspotential einbringen könnten (man beobachte mal, welche Ehrengäste anstatt bei der WM in Berlin auf der Tribüne sitzen und im VIP-Raum zu finden sein werden!). So wird viel unter den Tisch gekehrt, bis es zum nächsten Skandal kommt – und die Verantwortlichen der vergangenen Jahrzehnte auf westdeutscher Seite schweigen weiter – Stichwort: organisierte Unverantwortlichkeit(zu potentiellen Interviewpartnern zu Dopingvergangenheit und Verantwortung vgl. u.a. Singler/Treutlein, Berendonk, Bette/Schimank usw.).

Manche Skandale werden von der Öffentlichkeit gar nicht erkannt, zumindest nicht gleich, weil Wissen und selektive Wahrnehmung hierzu fehlt: Was könnte z.B. das Innenministerium (BMI)zu seiner Beteiligung an der Berücksichtigung der Dopingbrutstätten der DDR, FKS und Dopinglabor Kreischa im Einigungsvertrag von 1990 sagen, dort als einzige erhaltenswerte wissenschaftliche Institutionen genannt (Innenminister Schäuble hätte sich bei der Verleihung der Ehrendoktorwürde in Tübingen eigentlich dazu äußern können)? Aus welchem Beweggrund wurden 1990 z.B. in der Leichtathletik im Hauruck-Verfahren 32 DDR-Trainer hauptamtlich angestellt (ein Grund der Probleme bis heute)? Wie wurde der Kontakt zwischen Dopern Ost und Vertuschern West nach der Wende im November 1989 so schnell hergestellt, dass schon im April 1990 für DLV-Trainerlehrgänge führende Dopingexperten der DDR als Referenten angekündigt waren (gibt da z.B. das DLV-Archiv noch was her – Präsident Prokop, bitte mal nachschauen! Oder wurde schon alles weggeworfen?)? Und, und, und!

Und wer ist geeignet für die Entwicklung eines Dopingpräventionskonzepts für den DLV? Natürlich nicht die bisher Aktiven auf diesem Feld, die (zu) vieles ehrenamtlich geleistet und (zu) viel Erfahrung angesammelt haben (zu Konzeptionen und Materialien siehe http://www.dsj.de)? Auf der Internetseite “www.leichtathletik” -> Antidopingnews war am 1. Mai 2009 zu finden, dass für die Entwicklung eines Präventionskonzepts für den DLV durch diesen 20.000 Euro an seinen ehemaligen präsidenten Helmut Digel nach Tübingen gehen (Digel und Prokop waren sich einst wohl nicht grün). Der Hinweis wurde in der Zwischenzeit gelöscht, das Geld geht nun an den Kollegen von Digel, Ansgar Thiel. Und Prokop bezichtigt mich ungenauer Recherche, weil ich im Vertrauen auf die Genauigkeit eines offziellen Newsletters des DLV den Namen Digel genannt habe; er bezweifelt auf dieser Grundlage, ob angesichts einer solchen mir unterstellten Rechercheschwäche die sonstigen Ergebnisse von Singler/Treutlein belastbar sind (das wäre doch zu schön, wenn man so die Erkenntnisse zum Doping im Westen löschen könnte!).

Es darf geweint oder gelacht werden! Rasche Entwicklungen in Sachen Vertrauens- und Glaubwürdigkeit sind jedenfalls so nicht zu erwarten.

Wer sich schnell zur Vergangenheit sachkundig machen will, der schaue bitte auf der Website http://www.cycling4fans.de nach!

Herbert #20

Es scheint sich, ein strammer Anti-Anti-Doping-Stream etabliert zu haben, der beides sowohl die Anti-Doping-Bemühungen als auch das organisierte Doping überschauen kann. Das macht ersteres umso schwieriger und bereitet günstigen Boden für letzteres.

TobiasL #21

@Herbert

Schön formuliert, aber leider “scheint” es nicht nur so. Gemeinsam mit den wenigen potenten Geldgebern hat das Interesse an wirklicher Bekämpfung des Dopings verloren. Aber was bleibt auf der Strecke?
1.Glaubwürdigkeit des Sportes.(Ist aber sowieso fast verschwunden)
2.Die Gesundheit der Athleten.(Ist aber im Sinne
einer immer leistungsbezogeneren Gesellschaft noch medizinisch “gut” betreut).
3.Der schöne, ursprünglich gesundheitliche Gedanke für Kinder und Jugendliche.(Das ist wirklich verheerend!)

Ralf #22

AS: Alemania aún tiene 21 plusmarcas de la RDA

Y eso no es que se niegue a hacerlo Alemania, es que tampoco se lo plantean ni el Comité Olímpico Internacional ni la Federación Internacional de Atletismo.

Ralf #23

taz: Ein Mensch als Anabolikum

In den Bestenlisten der Leichtathletik-Verbände finden sich etliche Rekorde, die dort nicht mehr hingehören – zum Beispiel die Fabelzeit der Jarmila Kratochvilova.

Ralf #24

SpOn: Ehemalige DDR-Sprinterin lässt Rekorde streichen

Unter ihrem Mädchennamen Gesine Walther hatte die Leichtathletin im Juni 1984 mit der 4×400-Meter-Staffel der DDR einen neuen Weltrekord erzielt. Beim DLV wird diese Zeit noch immer als Deutscher Rekord geführt.

DLV: Deutsche Rekorde

4×400 m
3:15,92
DVfL-Auswahlmannschaft (*, Busch, Rübsam, Koch)
3.6.1984 Erfurt
* Name auf Antrag der Sportlerin gestrichen

sternburg #25

Ich finde “auf Antrag” ziemlich sprechend.
Aber auch die Präambel der Rekordliste ist ein Besuch wert.

Ralf #26

dradio.de (mp3):

Sendezeit: 23.01.2010 19:25
Autor: Rawohl, Astrid
Programm: Deutschlandfunk
Sendung: Sport
Länge: 10:41 Minuten

dradio.de (mp3):

Sendezeit: 23.01.2010 19:22
Autor: Rawohl, Astrid
Programm: Deutschlandfunk
Sendung: Sport
Länge: 03:13 Minuten

Ralf #27

Thomas Purschke für dradio.de (01.07.):

DDR-Olympiasiegerin spricht sich für Aberkennung von Kochs 400m- Weltrekord aus
Sendezeit: 01.07.2010 22:55
Autor: Purschke, Thomas
Programm: Deutschlandfunk
Sendung: Sport
Länge: 04:13 Minuten

Jens Weinreich #29

Die dpa-Berichterstattung ist teilweise nicht korrekt. Natürlich hätte der DLV streichen können. Es gab ein entsprechendes Gutachten – allein, es fehlte am Willen. Grit Hartmann hat das über viele Jahre in etlichen Geschichten dokumentiert.

Wenn Lohre jetzt den internationalen Verbänden die Schuld gibt, ist das nur ein Viertelteil der Wahrheit.

Jens Weinreich #30

Ach Gottchen, so ist das, man muss sich ständig wiederholen: Im Beitrag da oben ist ja sogar das Gutachten verlinkt – und etliche Beiträge von GH, und Lösungsmöglichkeiten, die Digel vorgeschlagen hat.

Außerdem haben wir das Thema u.a. hier diskutiert: Gesine Tettenborn lässt ihren Doping-Weltrekord streichen.

Ralf #31
Ralf #32

Michael Reinsch in der FAZ: Jarmila Kratochvilova – Der letzte Panzer

Der Name Jarmila Kratochvilova steht für den ältesten Weltrekord der Leichtathletik, für den Kalten Krieg im Sport, für die Hoch-Zeit des Anabolika-Dopings. Sie blickt milde zurück auf die Schinderei und will von einer Opferrolle nichts wissen.

Ralf #33

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