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Das Olympische Bildungsmagazin

IOC fordert NOKs auf, bei Sportministern zu intervenieren

Es bleibt spannend: Heute (13.02.23) um 17.00 Uhr war Deadline für Vorschläge zum gemeinsamen Papier von drei Dutzend Regierungen in der Russland-Paris-2004-Frage. Frankreich wird angeblich nicht unterschreiben, höre ich. Mal schauen. Wundert aber nicht, denn Macron hat seinen Standpunkt mehr als deutlich gemacht. Anne Hidalgo ist allerdings die eigentliche Geschäftspartnerin des IOC – mehr dazu weiter unten im Text.

Was in den vergangenen Tagen passierte, ein erhellendes Schreiben des IOC dazu habe ich am Wochenende exklusiv veröffentlicht:

Das Internationale Olympische Komitee (IOC) hat führende Sportfunktionäre dazu aufgerufen, die Allianz von 36 Staaten zu brechen, die sich am Freitag zur Nichtteilnahme von Russland und Belarus an den Olympischen Sommerspielen 2024 in Paris verständigt haben. Hier mal die Email, die am Sonnabend (11.02.23), einen Tag nach der bemerkenswerten Videokonferenz von Ministern und Staatssekretären aus drei Dutzend Ländern, von der IOC-Administration an die betreffenden Nationalen Olympischen Komitees (NOK) verschickt wurde.

Email von IOC-Direktor James Macleod vom 11. Februar 2023 an führende NOK-Vertreter weltweit

Das IOC will damit eine Resolution beeinflussen, an der die Vertreter demokratischen Nationen unter Federführung von Großbritannien, Polen und den baltischen Staaten noch arbeiten.

In der Email an die NOK unterstellt James Macleod, IOC Director Olympic Solidarity & NOC Relations, Teilnehmern der ministerialen Konferenz Falschaussagen. McLeod nennt keine Namen, behauptet aber: „Nach dem gestrigen Treffen der Sportminister wurden wir auf viele falsche Kommentare aufmerksam gemacht, die während des Treffens und anschließend in den Medien gemacht wurden und die Ergebnisse des Treffens selbst falsch darstellten.“

Der Nebelschleier des IOC-Vokabulars ist schnell gelüftet:

Die von Macleod behaupteten „falsche Kommentare“ sind nichts anderes als von der IOC-Doktrin abweichende Standpunkte.

Sehr klar hatten sich beispielsweise die für die Konferenz federführende neue britische Staatssekretärin Lucy Frazer, die kanadische Sportministerin Pascale St-Onge und der polnische Sportminister Kamil Bortniczuk geäußert. 

Lucy Frazer schrieb auf Twitter: „Es war ein sehr produktives Treffen. Ich habe den Standpunkt des Vereinigten Königreichs sehr deutlich gemacht. Solange Putin seinen barbarischen Krieg fortsetzt, dürfen Russland und Belarus nicht bei den Olympischen Spielen vertreten sein.“ Auch Pascale St-Onge erklärte: „Russische und belarussische Sportler müssen von den Olympischen Spielen 2024 ausgeschlossen werden. Ich habe dies gegenüber meinen internationalen Kollegen und Präsident Selenskyi bekräftigt.“ 

Bortniczuk hatte auf und nach dem Meeting den Vorschlag erläutert, nur jene Sportler aus Russland und Belarus zuzulassen, die sich eindeutig gegen den Krieg ausgesprochen haben – und zwar in einem Team von Dissidenten und Flüchtlingen.

Diese Idee hatte vor einigen Tagen die Pariser Bürgermeisterin Anne Hidalgo erstmals vorgebracht, die sich inzwischen ebenfalls gegen die Teilnahme der Russen ausspricht. Im Gegensatz dazu liegt Frankreichs Präsident Emmanuel Macron auf IOC-Linie. Auch hier sind die olympischen Details spannend: Denn Geschäftspartner des IOC für die Sommerspiele in Paris ist nicht etwa Macron, sondern Hidalgo – sie hat satzungsgemäß den seit Ewigkeiten umstrittenen Host City Contract mit dem IOC unterschrieben. Insofern war schon das Umschwenken von Anne Hidalgo eine Niederlage für das IOC und wird zur dauerhaften politischen Belastung im olympischen Joint Venture.

Die Idee, Russen und Belarussen als Dissidenten in einem Flüchtlingsteam einzugliedern, würde das Problem für jene belarussischen Sportler lösen, die seit Jahren gegen den Diktator Alexander Lukaschenko kämpfen und ins Exil gegangen sind. Die Idee ist sportpolitisch auch deshalb als grandios einzuschätzen, weil das IOC seit 2016 sein eigenes Flüchtlingsteam bei Olympischen Spielen formiert und diese Initiative seither mit gewaltigem Aufwand promotet. Inzwischen gibt es mit dem aus Südsudan stammenden Yiech Pur Biel sogar ein Flüchtlings-IOC-Mitglied. Argumentativ dürfte es das IOC in die Bredouille bringen.


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Die IOC-Zentrale in Lausanne will unbedingt verhindern, dass Vorschläge wie von Hidalgo und Bortniczuk in die Resolution des Gipfeltreffens der Sportminister aufgenommen werden. IOC-Direktor James Macleod, der als Cheforganisator der European Games 2015 einst dem aserbaidschanischen Diktator Ilham Alijew diente, appellierte an die Nationalen Olympischen Komitees:

„Wir wissen jetzt, dass an diesem Wochenende eine endgültige Erklärung ausgehandelt wird, und wir möchten Sie dringend bitten, sich mit Ihrem Minister in Verbindung zu setzen, um sicherzustellen, dass er die Erklärung entweder nicht unterzeichnet oder zumindest dafür sorgt, dass der Wortlaut die Position der Olympischen Bewegung so weit wie möglich widerspiegelt.“ (komplette Email s. o. im Original)

NOK-Vertreter sollen also dafür sorgen, dass Minister eine politische Erklärung negieren oder im Sinne des IOC verändern. Dazu sagt Mahmut Özdemir (SPD), der als Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesinnenministerium an der Konferenz teilgenommen hat: „Das finde ich extrem bemerkenswert, um mich diplomatisch korrekt auszudrücken.“ 

Laut Özdemir habe es auf dem virtuellen Treffen, zu dem insgesamt 20 MinisterInnen und zahlreiche Staatssekretäre zugeschaltet waren, keinerlei Stimmen für eine Teilnahme von Russland und Belarus an den Olympischen Spielen gegeben. „Es gab keine Einwände“, sagt Özdemir. „Alle haben sich eingereiht.“

Neben 30 europäischen Nationen waren Kanada, die USA, Japan, Südkorea, Australien und Neuseeland beteiligt. Einziger Tagesordnungspunkt war die Erklärung des IOC-Exekutivkomitees vom 25. Januar. Eine derartig hochrangige Zusammenkunft von Politkern demokratischer Nationen, die sich allein mit einem umstrittenen Plan des IOC beschäftigen, hat es noch nie gegeben. Zumal das IOC dazu ausdrücklich nicht eingeladen wurde.

Der ukrainische Sportminister Vadim Guttsait, auch NOK-Präsident seines Landes, verfolgt inzwischen eine weniger konfrontative Taktik als noch vor wenigen Wochen. In einem Brief an IOC-Präsident Bach und die gesamte sogenannte olympische Familie legte er am 8. Februar eine beeindruckende Dokumentation über die vielen russischen Sportler und Funktionäre vor, die den Angriffskrieg unterstützen – und über die gewaltigen Schäden an der Sportinfrastruktur in der Ukraine. Guttsait stimmt sich mit eng mit Sportministern zahlreicher Länder ab. Ein Olympia-Boykott bleibt aber eine Option für die Ukraine.

Ein möglicher Boykott war kein Thema auf dem Treffen der 36 Nationen, das von einer Rede des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj eingeleitet wurde. Mit Boykottdrohungen lassen sich derzeit keine wirksamen Allianzen schmieden. Und gerade dieses diplomatische Vorgehen ist die große Gefahr für das IOC und könnte die Pläne von Thomas Bach durchkreuzen. Das von mir im SPIEGEL veröffentlichte Schreiben des IOC-Direktors James McLeod ist ein erhellendes Detail in dieser Auseinandersetzung. Es folgt dem klassischen IOC-Muster. Es geht um Deutungshoheit, Meinungshoheit, Lobbyismus und Propaganda. 

„Es ist ein deutliches Zeichen, wenn sich drei Dutzend Staaten verständigen und ein gemeinsames Vorgehen anstreben“, sagt Staatssekretär Özdemir. Auf der Konferenz hat er den Standpunkt der Bundesrepublik erneuert: Russland und Belarus sollen weiter von internationalen Sportveranstaltungen ausgeschlossen werden. Es gebe derzeit keinen Anlass, den Sport dieser Länder zu einer Rückkehr in die olympischen Arenen einzuladen. 

Kein Vertreter der 36 teilnehmenden Nationen hat sich ausdrücklich für die Teilnahme von Russen und Belarussen an den Sommerspielen in Paris ausgesprochen. Auch nicht jene vier Nationen, die seit Freitag in internationalen Medien als angebliche Abweichler genannt werden: Frankreich, Australien, Japan und Griechenland. 

Es ist kein Zufall, dass es sich mit Frankreich (Paris 2024) und Australien (Brisbane 2032) um künftige Olympiagastgeber handelt. Japan hatte gerade die Spiele in Tokio und hat das Projekt Winterspiele 2030 immer noch nicht endgültig eingestellt. Und in Griechenland ist das IOC-Mitglied Spyros Capralos sehr einflussreich. Capralos, einst in dubioser olympische Ticketgeschäfte verwickelt, hat IOC-Präsident Bach viel zu verdanken. 2025 richtet Capralos in Athen jene IOC-Vollversammlung aus, auf der Bach nach zwölf Jahren Präsidentschaft entweder abtritt oder – dieses Gerücht bekommt immer neue Nahrung – mit einer Änderung der Olympischen Charta weitere vier Jahre amtiert. 

Capralos nimmt auch als Präsident der Vereinigung European Olympic Committees (EOC) eine Schlüsselrolle ein. Sein EOC unterstützt in Sachen Russland voll die Linie des IOC und arbeitet also auf eine Teilnahme der Russen und Belarussen in Paris hin. Gleichzeitig aber werden diese beiden Nationen bei den dritten European Games des EOC im Juni 2023 in Krakow nicht zugelassen. Diesen Widerspruch kann Capralos nicht auflösen.

Während Vertreter demokratischer Nationen derzeit um eine gemeinsame Resolution und ein einheitliches Vorgehen ringen, versuchen das IOC und Russland, diese noch jungfräuliche Allianz aufzubrechen. Das IOC will Sportminister umstimmen. Russlands Sportminister Oleg Matytsin bezeichnete die Konferenz natürlich als „absolut inakzeptabel“ und sang einmal mehr das Hohelied auf die angebliche Unabhängigkeit von Sportorganisationen.


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