Von Olympia-Verlierern, Schein und Sein, West-Paketen und Corona-Toten

Die ersten Medaillen sind vergeben. Nun also zum Sport! Mal schauen, ob es mir gelingt, diesen Text halbwegs akzeptabel ins Englische zu übersetzen. To my English-speaking readers: Below you will find an attempt at a translation. Only this time I am not sure if it will be reasonably comprehensible. Perhaps you need to know a little more about German history and East-West German sensitivities.

Mit Olympischen Spielen ist es wie mit der Musik oder mit dem Geruch von West-Paketen: Die Erfahrungen der Jugend prägen. Psychologen haben das Feld der Erinnerungsfilter recht gut erforscht. Sollte es Ihnen gelegentlich ähnlich ergehen wie mir, können Sie sich beruhigen. Sinnlos, sich dagegen wehren zu wollen. Es wird mit dem Alter immer schlimmer.

Ich muss mich also nicht schämen, wenn ich manchmal tagelang peinliche 1980-er Jahre Songs im Kopf habe und einfach nicht abstellen kann. Oder wenn ich im Supermarkt stehen bleibe und schnüffele, weil mich diese Duftmischung an etwas erinnert. Als Schüler habe ich sechs Jahre lang zu Weihnachten Pakete ausgeliefert und mir gute Trinkgelder verdient. Die Leute waren glücklich, wenn ihre gelben Westpakete komplett ankamen. In der Garage der Deutschen Post in Wolmirstedt, wo ich damals wohnte, wurde die kostbare Fracht allerdings von den Lastkraftwagen gekippt. Manche Pakete platzten auf, viele waren von der Stasi geöffnet worden. Es roch wie im Intershop. 

Surreale Erinnerungen. Wer kennt sie nicht? Einfach geschehen lassen. Sie verschwinden so plötzlich, wie sie gekommen sind, um demnächst garantiert wieder aufzutauchen.

So ähnlich ist es mit Olympia. Und deshalb ging mir in den vergangenen Wochen der Name Anatoli Aljabjew nicht aus dem Sinn, wann immer ich an Frank Ullrich denken musste.

Komisch, nicht? Aber erklärbar.

Der Maaßen-Besieger

Frank Ullrich aus Trusethal wurde 1980 in Lake Placid Olympiasieger im Biathlon über die 10-Kilometer-Distanz. Der Russe Aljabjew gewann damals über 20 Kilometer und mit der Staffel. Ullrich war gewissermaßen einer der Helden meiner Kindheit, ein Botschafter im Trainingsanzug, wie es damals hieß. Major der Nationalen Volksarmee, später Bundestrainer, seit Herbst 2021 mit einem neuen Parteibuch (SPD) im Bundestag. Dort wurde er auf den Posten des Vorsitzenden im Sportausschuss gehievt, weil er seinen Wahlkreis gegen den Ober-Schwurbler Hans-Georg Maaßen gewonnen hatte. (Habe ich unten mit right-wing liar and hate preacher übersetzt. Korrekt? Oder soll ich noch nazi dazuschreiben?)

Wenn ich also an Ullrich denke, was beruflich zu meinen Routinen und Pflichten gehört, fällt mir automatisch Aljabjew ein, und zwar seit jenen Februartagen des Jahres 1980, seit 42 Jahren. Da kann man nichts machen.

Ullrich holte neben seiner Goldmedaille zweimal Silber – jeweils hinter Aljabjew. Ein zweiter Platz bei Olympia war im DDR-Sport mitunter wie eine Niederlage.

Lake Placid, 1980, Siegerehrung 20 km: Frank Ullrich, Anatoli Aljabjew, Eberhard Rösch (von links). Foto: IMAGO/Werek

Während sich für viele im Westen sozialisierte Deutsche mit den Winterspielen in Lake Placid der Ruf des Fernsehreporters Bruno Moravetz verbindet („Wo ist Behle?“), blieb mir bis heute die Frage hängen:

Wo ist Siebert?

Denn es war Klaus Siebert, der als Weltmeister in der DDR-Staffel überraschend eine Minute auf die sowjetischen Waffenbrüder verlor. Diesen Rückstand konnte selbst Ullrich nicht aufholen. 

So war das 1980. Inzwischen weiß ich aus Akten des Deutschen Turn- und Sportbundes (DTSB) und des SED-Politbüros, die ich Mitte der 1990er Jahre studiert habe, dass der DDR-Sportchef Manfred Ewald sogar den Wettbewerb mit den sowjetischen Kameraden als unerbittlichen Klassenkampf bezeichnet hatte.

Inzwischen weiß ich vieles besser, weil prägende Kindheits-Erinnerungen am Radio und Schwarzweiß-Fernseher von drei Jahrzehnten Olympia-Journalismus überlagert wurden. Oder sollte ich korrekter sagen: ergänzt wurden?

Bei Olympischen Spielen geht es stets um die Macht der Bilder, um die Dramen, mit denen das IOC Milliardenumsätze generiert, um den Verkauf von Emotionen und die ewig aktuelle Frage, was wir glauben können. Das versuche ich seit Ewigkeiten zu beschreiben. Man kann in dieser Bilderflut versinken, im Digitalzeitalter mehr denn je. Das IOC sendet auf allen Kanälen und unternimmt alles, um der Vergreisung seiner Kundschaft entgegen zu wirken. Meine Generation war wohl die letzte, die von den Olympischen Spielen geprägt wurde, zumal hinter dem Eisernen Vorhang. Olympia und die Medaillenproduktion mit allen Perversionen gehörten zur Staatsdoktrin in jenem Land, in dem ich aufgewachsen bin – so wie jetzt in China.

Ich habe viele der größten Heldinnen und Helden, aber auch viele der größten enttarnten Betrügerinnen und Betrüger der olympischen Geschichte erlebt und beschrieben (einige Notizen dazu auch in meinem Tokio-Newsletter: „Wenn die Kraft nicht mehr zum Weinen reicht: über Zahnspangen, Ruinen, Drogen und Caipirinha in Eimern“). Sportler jeglicher Couleur, aus allen Himmelsrichtungen und Zeitrechnungen, mit leichtem Fokus auf den Winterspielen: Jens Weißflog, Bjørn Dæhlie, Johann Olav Koss, Michael Phelps, Johann Mühlegg, Larissa Lasutina, Olga Danilowa, Kostas Kenteris, Katarina Witt, Usain Bolt, Antje Misersky, Franziska van Almsick, Ljubow Jegorowa, Claudia Pechstein, Carl Lewis, Georg Hackl, Heike Drechsler, Gunda Niemann-Stirnemann, Kristin Otto, Cathy Freeman, Ben Johnson, Sven Hannawald, Michael Johnson, Simon Ammann, Britta Steffen – ich kann nur wenige nennen.

Eine wilde Aufzählung, nicht? So ist das, wenn man versucht, in Erinnerungen zu kramen. Tausend Geschichten dazu finden Sie in diesem Theater.

Sie werden bei einigen Namen aufhorchen und protestieren, erkläre ich gleich. Jedenfalls: Da wurden einige entzaubert, da sind viele Geschichten als verlogene Märchen enttarnt worden. 

Ich habe seit 1992 intensiv von acht Olympischen Sommerspielen und fünf Winterspielen berichtet, sowie von mehr als 40 Vollversammlungen des Internationalen Olympischen Komitees – letzteres dürfte Weltrekord sein unter den aktiven Berichterstattern. Meistens war ich drei bis vier Wochen bei den Spielen. Insgesamt habe ich also etwa ein Jahr meines Lebens bei Winter- und Sommerspielen verbracht und vielleicht weitere zwei Jahre bei anderen olympischen Terminen und Recherchen im Ausland, auf allen Kontinenten – da zähle ich noch nicht einmal die vielen Weltmeisterschaften in Fußball, Leichtathletik oder Schwimmen, von denen ich ebenfalls berichtet habe. Es kommt also ein winziges Bisschen Olympia-Erfahrung zusammen. 

Es war und ist ein ständiger Kampf zwischen der Magie großer Momente, der natürlichen Komplexitätsreduktion von Erinnerungen und den Anforderungen meines Berufes, Komplexität eben nicht bis ins Unkenntliche zu reduzieren, sondern wenigstens ansatzweise korrekt zu beschreiben. Ein ewiger Kreislauf. 


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Ich habe mich dabei selten gegen die Macht des Augenblicks gewehrt. Die wirklich großen Momente sind selten. Viel seltener, als es uns die Marktschreier unter den Reportern glauben machen wollen. Wenn man dabei ist, in irgendeiner Arena, aber manchmal auch nur an großen Bildschirmen in Pressezentren nebenan, dann weiß man sehr wohl, wann so ein seltener Moment gekommen ist. Man spürt es. Man zittert. Goose bumps, jetzt mal wirklich. Atemlosigkeit. Offener Mund. Stille mitten im bebenden Stadion (Cathy Freeman!). Feuchte Augen.

Campen bei 20 Grad minus

Zuletzt musste ich 2018 in PyeongChang beim Olympiasieg von Aljona Savchenko und Bruno Massot weinen – ein Traum einer Kür -, ein Triumph nach langem Leiden. Emotionen, so wichtig. Doch ich habe mich zugleich darum bemüht, trotzdem genauer hinzusehen und hinter die Kulissen zu blicken. Wenn beides zusammen kam, hat es immer am meisten Spaß gemacht. Dann war es ein Fest. Dann war es brutale, harte Arbeit, einfach großartig.

1994 war ich in Lillehammer erstmals bei Winterspielen. Einen Teil der Zeit verbrachte ich, bei 20 Grad minus, in einem Wohnwagen an der Bob- und Rodelbahn Hunderfossen. Zu Toilette und Dusche mussten wir durch meterhohen Schnee stapfen. Nachts ließ ich mich von Busfahrern mitten in der Dunkelheit absetzen, um über den gefrorenen Lågen zum Campingplatz zu wandern. Wunderbar. Zwei Kollegen vom Fernsehen hatten den Caravan gemietet. Vierter Gast im Wohnwagen war eine Frau, die kurz zuvor die Olympiaqualifikation verpasst hatte und die Rodel-Wettbewerbe nur unter Schmerzen verfolgte: Von Silke Kraushaar-Pielach habe ich also einiges gelernt über Olympia und den verzehrenden, oftmals verzweifelten Kampf von Sportlern, dorthin zu kommen, über Entbehrungen und Enttäuschungen auf dem Weg zu den seltenen Momenten von Glück und Ruhm. 

Denn Silke Kraushaar-Pielach hat es nach der Enttäuschung von Lillehammer dreimal zu Winterspielen geschafft.

1998 traf ich sie wieder, in Nagano, da war sie gerade Olympiasiegerin geworden.

Wir haben in Japan kurz über Hunderfossen gesprochen. Bronze und Silber holte sie 2002 und 2006. Es wurde ein erfülltes olympisches Leben.

Natürlich ist es eine Binsenweisheit, dass Sieg und Niederlage eng zusammen hängen. Sie bedingen einander. Mir sind vor allem die Geschichten jener Sportler unvergessen, die beides auskosten mussten und durften, in und außerhalb der Arenen. Das war faszinierend. Davor hatte ich immer Respekt. Meine Kritik setzte anderswo an, meistens beim Umfeld.

Ein Beispiel: Jens Weißflogs beiden Olympiasiege in Lillehammer, allein und mit dem Team, zehn Jahre nach seinem ersten Sieg in Sarajewo und nur zwei Jahre nach den Demütigungen in Albertville. Weißflog hatte seine Sportart neu erlernen müssen, vom Parallelstil zum V-Stil waren es Welten. Ich stand unten an der Schanze, als ihn Hunderttausend Norweger niederbrüllen wollten. Der blasse, schmächtige Sachse aber war in jenen Stunden der coolste Typ der Welt.

Oder Heike Drechslers zweiter Olympiasieg im Herbst 2000 in Sydney, acht Jahre nach Barcelona, vierzehn Jahre, nachdem Sie World Athlete of the Year geworden war, unter gänzlich anderen Vorzeichen. Was war das für ein schweres Jahrzehnt gewesen, mit Doping-Enthüllungen, mit anderen schlechten Schlagzeilen, mit der Abkopplung vom alten Umfeld und der ersten Heimat, mit Umwälzungen jeder Art. Dann gewann sie wieder. Atemraubend. Ihr damaliger Lebensgefährte Alain Blondel rief mir zu: „Ein Wunder! Ein Wunder der Natur!“

Entschuldigung, wenn ich gleich noch zwei Sommersportler nenne, beide wurden gar nicht Olympiasieger. Rein zufällig, vielleicht aber auch nicht, kreuzten sich beider Wege zwischenzeitlich.

Franziska van Almsick wurde die erste und wohl einzige Schwimm-Millionärin Deutschlands. Was oft vergessen wird: Sie hat bei vier Olympischen Spielen zehn Medaillen gewonnen. Zehn! Nur eben nicht diese eine Goldene. Manche sagen deshalb, sie sei gescheitert. Was für ein dummes, bösartiges Zeug. Mich bewegte besonders ihre letzte olympische Etappe 2004 in Athen, wir haben das spätabendliche Finale über 200 Meter Freistil damals in der Berliner Zeitung auf mehr als zwei Seiten aktuell aufbereitet. Weil wir es wollten, nicht weil es jemand von uns verlangt hatte. Weil es uns faszinierte. „Die Unvollendete“ lautete die Überschrift meiner Reportage auf der Seite 3. Ein Rennen wie ein ganzes sportliches Leben.

Dann wäre da Stefan Kretzschmar. Noch eine Episode aus Athen. Die deutschen Handballer hatten das Finale gegen Kroatien verloren. In der Kabine flossen Tränen und Alkohol. Frustsaufen. Bald aber kamen diese mächtigen Kerle raus in die Mixed Zone zu den Journalisten. Sie weinten, aber sie jammerten nicht. Ich habe selten so reflektierte, stolze, schwer getroffene und tapfere Verlierer erlebt wie Kretzschmar & Co (Henning Fritz und Christian Schwarzer stellten sich ebenfalls). Entschuldigen Sie bitte dieses Wort – sie sahen sich ja als Verlierer. Sie waren es nicht wirklich. 

Manche mögen sagen, es gehöre halt dazu, dass man sich in schweren Momenten stellt. Ich sage: Wer von uns könnte das? Wer von uns ist in Minuten größter Enttäuschung, wenn Träume zerstört wurden, reflektiert und geduldig? 

Das hatte Größe, die ich über die vielen weltberühmten Seriensieger und Legenden stelle, über die ich intensiv berichtet habe.

Verknappung und Überfluss

Erinnerungsfilter habe ich eingangs geschrieben. Von den gefühlt tausend Goldmedaillen von Michael Phelps, Usain Bolt oder Ole Einar Bjørndalen, die ich live vor Ort erlebte, blieb mir nichts so intensiv hängen, wie diese oftmals stillen Momente olympischer Niederlagen. Frustsaufen, Verzweiflung, Tränen, mal ordentlich Wut – so wie im richtigen Leben.

Vielleicht ist das Beispiel Biathlon gar nicht so schlecht, um kurz noch eine Thematik zu streifen, die unser Bild von Olympischen Spielen natürlich auch prägt: Die Frage von Verknappung und Überfluss.

Damals, 1980, gab es drei Entscheidungen, nur für Männer. Der Weltcup wurde kurz zuvor eingeführt. Heute gibt es jeweils sechs olympische Entscheidungen für Männer und für Frauen. Dazu die Weltmeisterschaften in den nicht-olympischen Jahren und die zu TV-Events hochgejazzten zehn Weltcups pro Saison. Ein vermeintlicher Höhepunkt jagt den nächsten. Wer weiß schon, wie viele Siege Wunderläufer wie der Norweger Bjørndalen oder der Franzose Martin Fourcade geholt haben bei Olympia, bei Weltmeisterschaften und im Weltcup?

In anderen Sportarten, nicht in allen, ist das ähnlich.

Und das hat nichts zu tun mit nationalen Präferenzen oder mit dem Alter des Betrachters. Wettbewerbe sind beliebig geworden, künstliche Highlights dominieren, Namen und Zahlen sind austauschbar. Insofern hat Olympia einiges vom Zauber verloren. (Insofern sind übrigens auch vermeintliche Argumente in der allgegenwärtigen Boykottdiskussion von vorgestern, wenn es stets heißt: Die armen Sportler! Man darf sie nicht bestrafen! Unsinn. Viele, nehmen wir Biathleten oder Eisschnellläufer, haben Trilliarden an Höhepunkten. Nur wenige andere nicht.)

Der Vollständigkeit halber dieser Nachtrag, um das Kapitel Lake Placid 1980 abzuschließen:

Klaus Siebert ist 2016 verstorben, mit nur 60 Jahren.

Anatoli Aljabjew starb vor dreieinhalb Wochen, am 11. Januar, im Alter von 70 Jahren am Coronavirus.

Da sind wir also endgültig angekommen im Jahr 2022 und bei den Winterspielen von Peking, die ich wahlweise als Corona-Spiele, als Genozid-Spiele oder als Propaganda-Spiele bezeichne. Erstmals seit 1992 habe ich freiwillig entschieden, nicht zu Olympischen Spielen zu reisen. Sie kennen vielleicht meine Begründung, hier nochmal die Kurzfassung: COVID spielte eine Rolle in meinen Überlegungen, aber nicht die entscheidende. Ich habe mich seit zwei Jahren vorsichtig und angemessen verhalten, bin nur einmal geflogen (zu den Sommerspielen nach Tokio), habe kein Dutzend Mal das Berliner Umland verlassen, ganz bewusst, und bin selbstverständlich dreimal geimpft – und weiß, wie Sie alle, dass das kein Schutzschild ist. Mehr kann man nicht tun, Angst vor einer Infektion aber war unerheblich für meine Absage.

Entscheidend war vielmehr, dass im olympischen China die Presse- und Bewegungsfreiheit weiter eingeschränkt wurde. Unter den strengen Auflagen in der Corona-Blase ist Journalismus nur bedingt möglich. Das gefällt den Geschäftspartnern Thomas Bach und Xi Jinping. Ich aber traue weder den chinesischen Doping-, noch den chinesischen COVID-Kontrollen. Unter dem COVID-Deckmäntelchen lässt es sich noch besser arrangieren, tricksen, lügen, spionieren, kontrollieren, propagieren und betrügen. 

Ich kenne das IOC wie weltweit nur wenige, und ich habe meine chinesischen Lektionen gelernt bei einigen Reisen im Vorfeld der Sommerspiele 2008, damals in Peking, und bei der Berichterstattung über die Bewerbung für die Winterspiele 2022 inklusive jener bizarren Momente, als mich als Journalisten getarnte chinesische Geheimdienstler attackierten. Kurzum: Ich wollte mich einfach nicht in diese Blase begeben, ich wollte nicht innerhalb einer olympischen COVID-Mauer eingepfercht sein. Es ekelt mich. Und kommen Sie mir jetzt bitte nicht mit Whataboutismen.

Während ich diesen Text überarbeite, in genau diesem Moment, ruft der TV-Reporter: „Das! Ist! Der! Worst! Case!“, weil eine Biathletin beim ersten Schießen in die Strafrunde muss. Nun gut. Ich habe nur für Sie eingeschaltet und werde gleich wieder abstellen. 

Vielleicht habe ich genug gesehen. Mag sein, dass ich irgendwann wieder hinschaue. Ich habe schon Wunder-Weltrekorde erlebt und sofort meine Tasche gepackt und die Arena verlassen. Zuletzt 2016 in Rio de Janeiro, als der Südafrikaner Wayde van Niekerk im Rundenlauf den unglaublichen Weltrekord eines Michael Johnson auslöschte, der wiederum den unwirklichen Doping-Weltrekord des Dopers Harry Butch Reynolds ausgelöscht hatte. Sie verstehen, was ich meine? Auch mit Harry Butch-Reynolds hatte ich mich mal unterhalten, einst in New Orleans. Und bei Johnsons Weltrekord in Sevilla saß ich neben Marie-José Pérec. Wir blickten uns für Momente tief in die Augen – ich sah, dass sie diese Zeit ebenso wenig glaubte, wie ich. Und sie war die absolute Expertin.

Anyway, zu viel Sommersport, es ist aber ein Thema. Ich will nicht abschweifen. Es ist schlicht so: Wer sie sich anschauen möchte, diese Propagandaspiele von Xi Jinping und Thomas Bach, dem wünsche ich viel Vergnügen.

Vielleicht schaffen Sie es, sich nicht nur von der perfekten Inszenierung und den schönen Bildern berieseln zu lassen. 

Wir diskutieren dann gern in 42 Jahren darüber, woran Sie sich erinnern.

Eine Version dieses Textes ist heute in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen.


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About Olympic losers, appearance and reality, Western gift parcels and Corona deaths

The first medals have been awarded. Now let’s move on to the sport!

The Olympic Games are like music or the smell of West German gift parcels in East German noses: The experiences of youth leave their mark. Psychologists have researched the field of memory filters quite well. Should you occasionally feel the same way as I do, you can put your mind at rest. It’s pointless to try to defend yourself against it. It gets worse with age. 

So I have nothing to be ashamed of when I sometimes have embarrassing 1980’s songs stuck in my head for days and just can’t turn them off. Or when I stop and sniff in the supermarket because that blend of scents reminds me of something. As a schoolboy, I delivered these famous Westpakete (gift parcels sent from West Germans to their East German relatives and friends) at Christmas time for six years and earned good tips. People were happy when their yellow parcels arrived complete. However, in the Deutsche Post garage in the small city of Wolmirstedt, where I lived at the time, the precious freight was tipped off the trucks. Some parcels burst open, many had been opened by the Stasi. It smelled like an Intershop

(And that also has to be explained to non-Germans: These were shops where you could buy products from the West in the GDR for West money, good old Deutschmark but not GDR-Mark, that were not available in the East. The income from these shops kept the GDR regime going a little longer).

Surreal memories. Who doesn’t know them? Just let them happen. They disappear as suddenly as they came, only to reappear again soon, guaranteed.

It’s a bit like that with the Olympics. And that’s why the name Anatoly Alyabyev has been on my mind for the past few weeks whenever I’ve had to think of Frank Ullrich.

Strange, isn’t it? But explainable.

Frank Ullrich from Trusethal became Olympic biathlon champion over the 10-kilometre distance in Lake Placid in 1980. The Russian Alyabyev won over 20 kilometres and in the relay at that time. In a way, Ullrich was one of the heroes of my childhood, an ambassador in a tracksuit, as it was called back then. Major in the East German National People’s Army, later national coach in the re-united Germany, since autumn 2021 with a new party card (SPD) member of parliament, in the Bundestag. There he was hoisted to the post of chairman of the sports committee because he had won his constituency against Hans-Georg Maaßen, a right-wing liar and hate preacher.

So when I think of Ullrich, which is part of my professional routines and duties, I automatically think of Alyabyev, and I’ve been thinking of him since those February days in 1980, for 42 years. There’s nothing you can do about it.

In addition to his gold medal, Ullrich won silver twice – both times behind Alyabyev. A second place at the Olympics was sometimes like a defeat in GDR sport.

While many Germans socialised in the West associate the Winter Games in Lake Placid with the quote of the TV reporter Bruno Moravetz („Where is Behle?“), the question still sticks with me today:

Where is Siebert?

Because it was Klaus Siebert who, as World Champion in the GDR relay team, surprisingly lost one minute to the Soviet brothers-in-arms. Even Ullrich was unable to make up this deficit. 

That’s how it was in 1980. In the meantime, I know from files of the German Gymnastics and Sports Federation (DTSB) and the SED Politburo, which I studied in the mid-1990’s, that the GDR sports chief Manfred Ewald had even described the competition with the Soviet comrades as relentless class warfare. In the meantime, I know a lot better because formative childhood memories on the radio and black-and-white TV have been overlaid by three decades of Olympic journalism. Or should I say more correctly: supplemented?

The Olympics are always about the power of images, the dramas that generate billions for the IOC, the sale of emotions and the eternal question of what we can believe.

That’s what I’ve been trying to describe for ages.

You can get lost in this flood of images, in the digital age more than ever. The IOC broadcasts on all channels and does everything it can to counteract the greying of its clientele. My generation was probably the last to be shaped by the Olympic Games, especially as it was behind the Iron Curtain. The Olympics and medal production with all its perversions were part of the state doctrine in the country where I grew up – just as they are now in China.

I have experienced and described many of the greatest heroes and heroines, but also many of the greatest exposed cheats in Olympic history (some notes on this also in my Tokyo newsletter: „When the strength is no longer enough to cry: about braces, ruins, drugs and caipirinha in buckets“). Athletes of all stripes, from all points of the compass and time periods, with a slight focus on the Winter Games: Jens Weißflog, Bjørn Dæhlie, Johann Olav Koss, Michael Phelps, Johann Mühlegg, Larissa Lasutina, Olga Danilova, Kostas Kenteris, Katarina Witt, Usain Bolt, Antje Misersky, Franziska van Almsick, Lyubov Yegorova, Claudia Pechstein, Carl Lewis, Georg Hackl, Heike Drechsler, Gunda Niemann-Stirnemann, Kristin Otto, Cathy Freeman, Ben Johnson, Sven Hannawald, Michael Johnson, Simon Ammann, Britta Steffen – I can only name a few. A wild list, isn’t it? That’s how it is when you try to rummage through memories.

You’ll prick up your ears and protest at some of the names, I’ll explain in a moment. In any case, some of them have been disenchanted, many stories have been exposed as mendacious fairy tales. 

Since 1992, I have reported intensively from eight Summer Olympic Games and five Winter Games, as well as from more than 40 plenary sessions of the International Olympic Committee. Most of the time I was at the Games for three to four weeks. So, in total, I have spent about a year of my life at the Winter and Summer Games and maybe another two years at other Olympic appointments and research abroad, on all continents – I am not even counting the many World Championships in football, athletics or swimming that I have also covered. So it adds up to a tiny bit of Olympic experience. 

It was and is a constant struggle between the magic of great moments, the natural reduction of complexity in memories and the demands of my profession not to reduce complexity beyond recognition, but to describe it at least to some extent correctly. An eternal cycle. 

I have rarely resisted the power of the moment. The really great moments are rare. Much rarer than the puffery among reporters would have us believe. When you are there, in any arena, but sometimes also just on big screens in press centres next door, you know very well when such a rare moment has come. You feel it. You tremble. Goose bumps, for real. Breathlessness. Open mouth. Silence in the middle of the quaking stadium (Cathy Freeman!). Wet eyes.

The last time I had to cry was in 2018 in PyeongChang at the Olympic victory of Alyona Savchenko and Bruno Massot – a dream of a free skate – a triumph after long suffering. Emotions, so important.

But at the same time I made an effort to look more closely and to look behind the scenes. When both came together, it was always the most fun. Then it was a celebration. Then it was brutal, hard work, just great.

In 1994, I was at the Winter Games for the first time in Lillehammer. I spent part of the time, at 20 degrees below zero, in a caravan at the Hunderfossen bobsleigh and luge track. We had to trudge through metres of snow to get to the toilet and shower. At night, I had bus drivers drop me off in the middle of the dark to hike across the frozen Lågen to the campsite. Wonderful. Two colleagues from television had rented the caravan. The fourth guest in the caravan was a woman who had missed the Olympic qualification shortly before and only followed the luge competitions in pain: So I learned a lot from Silke Kraushaar-Pielach about the Olympics and the consuming, often desperate struggle of athletes to get there, about hardships and disappointments on the way to the rare moments of happiness and glory. 

For Silke Kraushaar-Pielach made it to the Winter Games three times after the disappointment of Lillehammer. I met her again in 1998, in Nagano, when she had just become Olympic champion. We talked briefly about Hunderfossen. She won bronze and silver in 2002 and 2006. It became a full Olympic life.

Of course, it is a truism that victory and defeat are closely related. They are interdependent. What I remember most are the stories of those athletes who had to and were allowed to savour both, in and outside the arenas. That was fascinating. I always had respect for that. My criticism started elsewhere.

For example, Jens Weißflog’s two Olympic victories in Lillehammer, alone and with the team, ten years after his first victory in Sarajevo and only two years after the humiliations in Albertville. Weißflog had to relearn his sport, it was worlds from parallel style to V-style. I was standing at the bottom of the hill when one hundred thousand Norwegians wanted to shout him down. But the pale, lanky Saxon was the coolest guy in the world in those hours.

Or Heike Drechsler’s second Olympic victory in Sydney in autumn 2000, eight years after Barcelona, 14 years after she had been World’s Athlete of the Year, under completely different circumstances. What a difficult decade that had been, with doping revelations, with other bad headlines, with the disconnection from her old environment and her first home, with upheavals of every kind. Then she won again. Breath-taking. Her partner at the time, Alain Blondel, exclaimed to me, „A miracle! A miracle of nature!“

Excuse me if I mention two more summer athletes right away, neither of them became Olympic champions at all. Purely by chance, or perhaps not, both paths crossed in the meantime.

Franziska van Almsick became Germany’s first and probably only female swimming millionaire. What is often forgotten: She won ten medals at four Olympic Games. Ten! Just not this one golden one. That’s why some say she failed. What a stupid, vicious thing to say. I was particularly moved by her last Olympic leg in Athens in 2004; we covered the late-evening final of the 200-metre freestyle in the Berliner Zeitung on more than two full pages. Because we wanted to, not because someone asked us to. Because it fascinated us. „The unfinished“ was the headline of my report on page 3. A race like a whole sporting life.

Then there was Stefan Kretzschmar. Another episode from Athens. The German handball team had lost the final against Croatia. Tears and alcohol flowed in the dressing room. Frustration drinking. But soon these mighty guys came out into the mixed zone to the journalists. They cried, but they didn’t whine. I have rarely seen such reflected, proud, hard-hit and brave losers as Kretzschmar & Co. Please excuse this word – they saw themselves as losers. They weren’t really. 

Some might say that it’s part of the game to face up to difficult moments. I say: who of us could do that? Who among us is reflective and patient in minutes of greatest disappointment, when dreams have been shattered? 

That had greatness, which I place above the many world-famous serial winners and legends about whom I have written intensively.

Memory filter I wrote at the beginning. Of the thousands of gold medals won by Michael Phelps, Usain Bolt or Ole Einar Bjørndalen, which I experienced live on site, nothing stuck with me as intensely as these often silent moments of Olympic defeat. Frustration, despair, tears, sometimes a good deal of anger – just like in real life.

Perhaps the example of the biathlon is not such a bad one to briefly touch on another topic that naturally also shapes our image of the Olympic Games: The question of scarcity and abundance.

Back then, in 1980, there were three decisions, only for men. The World Cup was introduced shortly before. Today there are six Olympic events each for men and women. Plus the World Championships in the non-Olympic years and the ten World Cups per season that have been hyped up to TV events. One supposed highlight follows the next. Who remembers how many victories wonder skiers like Norway’s Bjørndalen or France’s Martin Fourcade have achieved at the Olympics, at World Championships and in the World Cup? In other sports, not in all, it’s similar. And that has nothing to do with national preferences or the age of the observer. Competitions have become arbitrary, artificial highlights dominate, names and numbers are interchangeable. In this respect, the Olympics have lost some of their magic.

For the sake of completeness, this addendum to close the chapter on Lake Placid 1980: Klaus Siebert died in 2016, aged only 60. Anatoli Alyabyev died three and a half weeks ago, on 11 January, at the age of 70, of coronavirus.

So here we are, finally, in 2022 and the Beijing Winter Games, which I choose to call the Corona Games, the Genocide Games or the Propaganda Games. For the first time since 1992, I have voluntarily decided not to travel to the Olympic Games. You may know my reasoning, so here is the short version again: COVID played a role in my deliberations, but not the decisive one. I have behaved cautiously and appropriately for two years, have only flown once (to Tokyo for the Summer Games), have not left the Berlin environs a dozen times, quite deliberately, and am of course vaccinated three times – and know, as you all do, that this is not a protective shield. You can’t do more than that, but fear of infection was irrelevant to my refusal.

The decisive factor was rather that in Olympic China, freedom of the press and freedom of movement were further restricted. Under the strict conditions in the Corona Bubble, journalism is only possible to a limited extent. This pleases the business partners Thomas Bach and Xi Jinping. But I trust neither the Chinese doping controls nor the Chinese COVID controls. Under the COVID cover, it is even easier to arrange, trick, lie, spy, control, propagate and cheat. 

I know the IOC like few others in the world, and I learned my Chinese lessons during some trips in the run-up to the 2008 Summer Games, then in Beijing, and during the coverage of the bid for the 2022 Winter Games, including those bizarre moments when Chinese intelligence agents disguised as journalists attacked me. In short, I just didn’t want to get into that bubble, I didn’t want to be crammed inside an Olympic COVID wall. It disgusts me. And please don’t give me whataboutisms now.

As I’m revising this text, at this very moment, the TV reporter shouts, „This! Is! The! Worst! Case!“ because a biathlete has to ski a penalty loop in the first shooting. Very well. I was just tuning in for you and I’ll turn it off in a minute. 

Maybe I’ve seen enough. Maybe I’ll look again sometime. I’ve seen miracle world records before and immediately packed my bag and left the arena. Most recently in Rio de Janeiro in 2016, when South African Wayde van Niekerk obliterated the incredible world record of one Michael Johnson in the lap race, who in turn had obliterated the unreal world record of doper Harry Butch Reynolds. You see what I mean? I also had a conversation with Harry Butch-Reynolds, once in New Orleans. And at Johnson’s world record in Seville, I sat next to Marie-José Pérec. We looked deeply into each other’s eyes for moments – I saw that she didn’t believe that time any more than I did. And she was the absolute expert.

Anyway, too much summer sport. I don’t want to digress. It’s simply this: If you want to watch them, these propaganda games by Xi Jinping and Thomas Bach, I hope you enjoy yourself.

Perhaps you will manage not only to let yourself be swayed by the perfect staging and the beautiful pictures. 

We’ll be happy to discuss what you remember in 42 years‘ time.


5 Gedanken zu „Von Olympia-Verlierern, Schein und Sein, West-Paketen und Corona-Toten“

  1. Jens Weinreich

    War gar nicht schmerzhaft, Tobias. Macht mir immer Spaß, so ein bisschen im Hirn zu kramen. Schön, mal wieder eine Zeile von Dir zu lesen/hören!

  2. „Schmerzhaft“ für mich! Weil Du den Verlust meiner eigenen Faszination am Leistungssport so gut erklärt hast. Dein Hirn ist ja doch noch eine Schatzkammer mit den kleinen Ecken der Emotionen. Denke auch an die Kür der beiden. Salute!

  3. Rainer Kirmse , Altenburg

    GEDANKEN ZU OLYMPIA

    Wenn der Rubel rollt und das Geschäft blüht,
    Man über Menschenrechte hinwegsieht.
    Da tut auch der Umweltfrevel nicht weh,
    Olympische Rennläufe auf Kunstschnee.

    Die Jugend der Welt im fairen Wettstreit
    An einem Ort, wo es fehlt an Freiheit;
    Gigantismus neben menschlichem Leid,
    Geschund’ne Natur statt Nachhaltigkeit.

    Olympia im Zeichen der Pandemie,
    China setzt auf No-Covid-Strategie;
    Impfen, Testen, Quarantäne-Hotel,
    Hohe Hürden vorm sportlichen Duell.

    Die Show unter olympischen Ringen
    Soll ablenken von häßlichen Dingen;
    Bei allem Glitter und Medaillenglanz
    Eine fragwürdige Erfolgsbilanz.

    Der olympische Gedanke schwächelt,
    An allen Ecken der Mammon lächelt.
    Es gilt, die Grundidee zu beleben,
    Saub’rem Sport ein hehres Ziel zu geben.

    Rainer Kirmse , Altenburg

    Herzliche Grüße aus Thüringen

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