Schneller als der Wind? Elaine Thompson-Herah jagt Flo-Jo

TOKYO/OLYMPIC STADIUM. Zwar haben wir heute Morgen schon den Fabel-Weltrekord von Karsten Warholm erlebt, der seine eigene Bestmarke aus dem Juni um 0,76 Sekunden verbesserte, ach was: pulverisierte. Aber ich bin mir nicht sicher, ob es in 72 Minuten, um 21.50 Uhr Ortszeit (14.50 MESZ) nicht noch doller geht. Sie wissen schon, Elaine Thompson-Herah jagt über 200 Meter den Rekord von Flo-Jo.

Alles kaum zu glauben, nicht wahr, Karsten Warholm?

Can you see my emotions? Karsten Warholm. (Foto: IMAGO/Xinhua)

Immerhin rannten im Hürdenfinale nicht nur ein oder zwei Männer persönliche Bestzeiten, sondern gleich sechs. Der Siebte schaffte immerhin eine Jahresbestmarke. Worauf ich hinaus will: Sollte das Gerede von Carbonschuhen und Hightechbahn tatsächlich einen wahren Kern haben, dann müssten die Segnungen ja eigentlich stets allen Wettkämpfern zugute kommen. In anderen Wettbewerben waren es stets Einzelne, mitunter überraschende Bestleistungen, wie am Sonntag über 100 Meter der Männer. Hier war es anders:

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In ein paar Minuten ist es soweit. Ich habe auf Twitter mal tippen lassen:

Die erweiterte Startliste:

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21.56 Uhr: Es ist getan. Elaine Thompson-Herah. 21,53 Sekunden. Alles unspektakulär spektakulär. So ist es, wenn keine 60.000 Menschen im Stadion sind. Dieser Lärm, der sich dann, bei Wunderleistungen, oft auflöst in einem Moment des Innehaltens, der Stille, wenn das Resultat eingeblendet wird, alles starrt auf die Bildschirme, dann ein gewaltiges Raunen, schließlich der Orkan. Das sind schon interessante Mechanismen, die da wirken in der großen olympischen Stadionmasse. Kann fesselnd sein und mitreißend, unabhängig von der Sauberkeit/Glaubwürdigkeit der Performance – obwohl, das fließt schon auch ein in die Reaktion der Masse, das Staunen, skeptisches Brummen, dass sich mit Jubelschreien mischt. Habe das ja bei Bolt auch live erlebt, bei all seinen Wunderläufen, vor allem 2008 in Peking und 2009 in Berlin, all den Weltrekorden und Jogging-Skandalen. Das haben wir damals hier im Blog ständig live diskutiert.

21,53 Sekunden, die zweitbeste Zeit in der Geschichte. Nur Florence Griffith-Joyner war 1988 in Seoul schneller – ihr Weltrekord (21,34) bleibt vielleicht die nächsten hundert Jahre.

Silber für die intersexuelle Christine Mboma aus Namibia, 18 Jahre alt. 21,81 Sekunden. Im vergangenen Jahr noch bei 25,05 Sekunden verzeichnet. Schrieb ich gerade, der Flo-Jo-Rekord werde 100 Jahre bestehen?

Kann natürlich sein, dass World Athletics demnächst die Regeln weiter ändert, und nicht erst ab der 400m-Strecke von Intersexuellen verlangt, ihren Testosteronwert zu senken. Mboma und ihre namibische Gefährtin Beatrice Masilingi (Rang sechs mit persönlicher Bestzeit) wollten eigentlich auch 400m laufen in Tokio.

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Thompson-Herah damit die erste Frau, die bei Olympischen Spielen das doppelte Sprint-Doppel schaffte: Siege über 100m und 200m in Rio de Janeiro und in Tokio.

Auf den Spuren von Flo-Jo. (IMAGO/Agencia EFE)

Und das ist natürlich lustig.

Da ist das IOC knallhart.

5 Gedanken zu „Schneller als der Wind? Elaine Thompson-Herah jagt Flo-Jo“

  1. Karsten Warholm. Ist mir erstmals 2015 bei der Junioren-Gala in Mannheim aufgefallen, so als Beifang (Fokus lag auf den hessischen Athleten, war damals ehrenamtlich für den HLV unterwegs). Er konnte kaum genug kriegen, ist die 100 m und 200 m gelaufen, dazu über die Kurzhürden, im Weitsprung (7,66 m!) und was weiß ich noch angetreten. Und gut war er in allen Diszis. Gut, er war damals auch noch Mehrkämpfer, aber diese Vielstarterei fiel schon auf. Ich dachte mir so, entweder ihn zerreißt’s. Oder er kommt durch und macht irgendwann richtig Radau. Tja, ist wohl Letzteres geworden.

  2. Das sind natürlich Punkte, die für ihn sprechen. Er kann sich glücklich schätzen, diesen irren Einsatz nicht mit Verletzungen bezahlt zu haben. Manche beginnen so – und zerschellen dann.

  3. Nicht wirklich wichtig, aber es war ja kürzlich ein Nebenthema: Der Versand des Newsletters scheint zu klemmen?! War nicht schlimm, sowieso wenig Zeit und Muße gehabt, aber die letzten Tage habe ich jedenfalls gerade manuell nachgelesen. Bis Nr. 13 meine ich klappte das. Nur für den Fall, dass das nicht so, sondern anders sein soll.
    Wichtigstes Fazit dieser Spiele: Inzwischen laufen die 400m Läufer:innen ja schneller als einige PB von 400m Flachspezialist:innen – und Warholm ist nur 0,14 langsamer als Marvin Schlegel gelaufen. Wer nicht hüpft, bleibt hängen. Oder: Was droht uns auf der Flachstrecke – vielleicht läuft ja jemand:in einfach den 200m-WR doppelt (das wären bei den F 42,68 und bei den M 38,38 – Staffelvorlaufzeiten)?

  4. MetaloplastikaCvetković

    °Da ist er wieder! Vielen Dank für die vielen besorgten Emails, die guten
    Wünsche und Fragen, ob es mir gut gehe. Ja. Alles bestens. Unkraut vergeht nicht,
    oder um mit einem Movie-Zitat und ein bisschen blöder Kriegsmetaphorik zu
    kommen: “zäh und kampfeslustig”.°
    Ich vor 10 Minuten noch Postfach und HP aktualisiert und dachte so hmmm, Flieger nach Dt. oder das gruselige Quarantänehotel, da muss man dann schon ein Gladiator sein.

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