Tokio, was vom Tage übrig bleibt (25. Juli 21): „Truer words were never spoken“

TOKYO. Die Spiele laufen passabel an und sie produzieren – auch ohne Zuschauer – jene Bilder, die das IOC braucht. Es geht bei Olympischen Spielen um nichts als die Bilder, das erkläre ich immer wieder. Die Bilder bringen das Geld, die Bilder können verzaubern, die Bilder können täuschen. So ist das seit einem halben Jahrhundert. Und schon melden sich die üblichen Verdächtigen und beschwören den olympischen Geist. So ist das auch immer. Aber wir wollen es gemeinsam besser wissen, oder?

Darf ich deshalb vorstellen: der NBCUniversal-Kolumnist Alan Abrahamson; der ehemalige IOC-Marketingdirektor und Bernie-Ecclestone-Berater Michael Payne, ehemaliger Skilehrer, guter Freund von Thomas Bach (FDP); und der einstige IOC-Mitarbeiter, heutige Berater und mehrmalige Olympic-and-World-Cup-Bid-Winner Terrence Burns. Die Jungs sind außer sich vor Freude. Abrahamson steht während der Spiele beim wichtigsten IOC-Partner unter Vertrag (NBCUniversal), ob Payne und Burns gerade als Berater vom IOC oder anderen an der Organisation beteiligten Parteien Honorar bekommen, weiß ich nicht. Gelegentlich frage ich Michael öffentlich auf Twitter danach, wann immer es mir zu bunt wird. Im Zweifel gibt es da meistens irgendwelche lukrativen Geschäfts-Verbindungen.

Kaum zu glauben: Olympiasieger Ahmed Hafnaoui. (Foto: IMAGO / Xinhua)

Jedenfalls, ihre Tweets zum überraschenden Olympiasieg des 18jährigen Tunesiers Ahmed Hafnaoui über 400m Freistil (das Rennen habe ich heute im Tokyo Aquatic Center beobachtet) ähneln sich wie das sprichwörtliche Ei dem anderen. Das ist natürlich kein Zufall. Und jemand, der Jahrzehnte lang in dieser Branche an exponierter Stelle tätig war, der diese drei bestens kennt, schreibt mir in wirklich genau diesem Moment, glauben Sie mir bitte:

“Ich kann sie nicht mehr lesen, diese olympischen Berufsclaquere.”

Ihnen wollte ich das aber nicht vorenthalten. Ich würde Alan, Michael und Terrence selbstverständlich niemals Berufsclaquere nennen, Pionierehrenwort! Sie müssen das jetzt lesen:

Alan Abrahamson.

Michael Payne.

Terrence Burns.

Wenn Sie nicht in dieser Branche arbeiten, müssen Sie die Herren nicht kennen. Man darf ihren Einfluss auch nicht überschätzen, ihre Reichweite auf einem Social-Media-Kanal wie Twitter ist geringer als meine. Derlei Botschaften verfangen mittlerweile vielleicht weniger bei Journalisten, die auch zur Zielgruppe des Trios zählen, doch viele Funktionäre fühlen sich darin natürlich bestätigt. 

Dale Neuburger (USA), ein Beispiel, einer der Skandalnudeln aus der FINA, Vizepräsident des Schwimm-Weltverbandes, gleichzeitig lange Direktor einer Sportmarketing-Firma gewesen, jetzt Consultant, die üblichen Verflechtungen, you know …

Tatsächlich?

Truer words were never spoken.

Das ist mal eine Ansage. Und vielleicht erinnern Sie sich an vorherige Newsletter und Beiträge aus Tokio, diese hier zum Beispiel …

… da geht es stets um einige Kernfragen.

  • Was darf man glauben?
  • Dürfen wir überhaupt etwas glauben von der Bilderflut, die uns das IOC-Fernsehen serviert?

Wir sind nun mal vernunftbegabte Wesen, wir sollten zunächst gar nichts glauben, was oft schwer fällt, denn wir wollen glauben und Emotionen genießen – da geht es diesen komischen Journalisten wie Ihnen, die Sie nicht in diesem Gewerbe tätig sein mögen.

Ich muss Ihnen nichts über diese Konflikte erzählen, die jeder mit sich selbst ausmachen und für sich beantworten muss. Journalismus und der Versuch einer vernünftigen Berichterstattung beginnt an dieser Stelle. Dabei kann man Schiffbruch erleiden und daneben liegen, doch die Richtung sollte stimmen. Viele Beispiele aus der Vergangenheit habe ich dieser Tage in Erinnerung gerufen, viele olympische Wundertaten, Fabelzeiten und magische Momente – von Smith de Bruin, Kenteris, Johnson & Jones, Flo-Jo, Rezazadeh, Kenteris und anderen.

The Magic! The world needs joy! How great!

Mal zwei Beispiele. Sean Ingle vom Guardian, der heute auch im Tokyo Aquatics Center war, hat diese Fragen in seinem ersten Text (“Shock as Ahmed Hafnaoui of Tunisia powers to gold in 400m freestyle”) zunächst mal so beantwortet:

But Hafnaoui’s dramatic improvement was questioned by journalists who asked how he improved so much after coming eighth in the 2018 Youth Olympics. “I was surprised at first that I was a finalist,” he said. “And now I am surprised I won a gold medal. I just worked hard with my coach, that’s it.”

Hafnaoui also praised his fellow Tunisian, Oussama Mellouli, who returned from an Adderall-related drugs ban to win 1.500m freestyle gold at the 2008 Olympics and 10km marathon gold at London 2012. Mellouli, at 37, will also be back at these Games hoping to add a third gold medal of his career in the open water swim.

“I have a great relationship with him,” explained Hafnaoui. “He wished me good luck before the race. And I wish him well in the 10k open water. He is a legend. I wish to be like him one day.”

Da kommt vieles zusammen, es ist die übliche Gemengelage. Verstehen Sie mich bitte nicht falsch, ich will Hafnaoui nichts missgönnen. Ich versuche nur, Details aufzusammeln und zu verarbeiten.


Für den Newsletter, der aus Tokio bis 10. August täglich erscheint, können Sie sich hier anmelden.
Im Blog veröffentliche ich später eine überarbeitete Variante. Nach den Spielen erscheint der Newsletter wöchentlich. Sie werden den brauchen, um informiert zu bleiben: Denn nach Tokio ist vor den Olympischen Winterspielen in Peking und vor der Fußball-WM in Katar – machen Sie sich auf etwas gefasst! Hier geht es erst richtig los.

Im Shop oder via PayPal können Sie olympische Hintergrundberichterstattung buchen und meine Arbeit unter erschwerten Bedingungen unterstützen – es gibt den Tokio-Pass und für absolute Gourmets und Supporter sogar ein IOC-konformes Tokio-Superpaket „Es werde Licht am Ende des Tunnels“!


Für ihn spricht meiner Meinung nach, dass die Leistungssteigerung nicht so gigantisch ist, es sind keine zwanzig Sekunden, sondern sechs, glaube ich (bitte vernachlässigen Sie an dieser Stelle die Zahlen, ich bin da sonst gern präziser, hier will ich nicht mehr als das Thema anreißen). Gegen ihn spricht die Nähe zum gedopt habenden Nationalhelden. So kann man das dann durchdeklinieren. Und bitte immer schön mit vergangenen spektakulären Fällen (s.o.) vergleichen.

Ich hatte heute auch mit Sean Ingle einen kurzen Austausch. Er lacht ebenso über die üblichen Verdächtigen, die das Wunder Hafnaoui beschreien (The Magic! The world needs joy! How great!). Es braucht da nicht viele Worte. Mein alter Freund Craig LordGrand Seigneur der Schwimm-Berichterstattung, war in seinem ersten brandaktuellen Text vergleichsweise zurückhaltender. Lesen Sie:

Was Craig danach für The Times geschrieben hat, kenne ich noch nicht. Aber glauben Sie mir, der Mann beginnt erst mit der Arbeit. Sie möchten nicht diejenige Person sein, für die sich Craig Lord journalistisch interessiert; seien Sie froh, dass sie nicht schwimmen. Mr. Lord wird uns in den nächsten Tagen, Wochen und Jahren gewiss ausführlich über den neuen Wunderschwimmer Ahmed Hafnaoui aufklären, was für ihn spricht, wird Lord ebenso berichten. Ich hatte in diesem Text auch eine Episode aus Atlanta erwähnt, es ging um die Doperin Michelle Smith de Bruin und um Craig Lord und um einen der seltenen sprichwörtlichen Momente, dass man sich zweimal sah im Leben.

Also, machen Sie es, wie Sie möchten: Freuen Sie sich mit und für Hafnaoui. Stellen Sie Fragen. Ich glaube nicht, dass Sie so hemmungslos und vielleicht sogar wider besseres Wissens jubeln wie die vier Kameraden dort oben. Enjoy the Games.

Am Montag musste Alan Abrahamson ein bisschen nachlegen, an alle Olympic hater addressiert:

Ich habe dann auch ein bisschen nachgelegt:

Corona-Zahl des Tages

Gemäß TOCOG sind weitere 10 Personen positiv auf Covid-19 getestet wurden, darunter zwei Golfer. Die Gesamtzahl der positiven Fälle unter den für diese Sommerspiele akkreditierten Personen stieg damit seit 1. Juli 2021 auf 133.

Und wieder erhalte ich eine Nachricht, justament als ich die Zahl aktualisieren will. Ein aufmerksamer Leser stellt ein paar Fragen:

Mir ist heute die Meldung über Jon Rahm aufgefallen, die meiner Meinung nach etwas untergeht, dafür dass sie so kurios ist: “Weitere Corona-Fälle: Golf-Stars Rahm und DeChambeau verpassen Olympia”. Rahm war im Juni schon mal positiv auf Corona getestet und dadurch fast uneinholbar führend vor der letzten Runde aus dem Turnier genommen worden. Danach gewinnt er direkt die US Open, eins der allerwichtigsten Turniere des Jahres. Nun ist er, nicht mal zwei Monate später, wieder positiv getestet. Und auch kurios: In England wurde er noch direkt davor zweimal negativ getestet. Dadurch verpasst er nun das olympische Turnier.

Ist er so unfähig, sich an präventive Hygienemaßnahmen zu halten? Hat er so wahnsinnig viel Pech? Sind die Maßnahmen im olympischen Dorf ausreichend? Sind die Corona Tests in Japan wirklich zuverlässig? Mir stellen sich so viele Fragen …

Kann ich leider nicht beantworten.

Thread des Tages

Tariq Panja von der New York Times auf Twitter über den Wettkampf der aus dem Iran geflüchteten Kimia Alizadeh.

Natürlich kam der IOC-Präsident zum Wettkampf, das ließ er sich nicht nehmen, war doch Großes geplant.

Die Frage ist, warum Bach dann offenbar nicht die Finals abgewartet hat, sondern wieder verschwand, nachdem klar war, dass Kimia Alizadeh nicht Olympiasiegerin wird.

Gewinner des Tages

Die Geschwister Uta und Hifumi Abe haben beide Judo-Gold im Nippon Budokan gewonnen.

„Together“: Hifumi Abe, Uta Abe. (Foto: IMAGO / Kyodo News)

Zunächst gewann die 21 Jahre alte Uta Abe in der Klasse bis 52 Kilogramm, kurz darauf ihr 23 Jahre alter Bruder Hifumi in der Kategorie bis 66 Kilogramm. Dieses Doppel war ihnen schon einmal bei der WM 2018 in Baku gelungen. 2019 hatte Hifumi bei der WM in Tokio im Halbfinale verloren. Aber nun bei den Olympischen Spielen in ihrer Heimat. Das ist einfach, was soll ich sagen … die beiden beherzigen den neuen Teil des olympischen Mottos: together, gemeinsam …

… The Magic! The world needs joy! How great!

😂🤣😅


Ich berichte bis Mitte August 24/7 von den Corona Games aus Tokio. Im Shop oder direkt via PayPal können Sie olympische Hintergrundberichterstattung buchen und meine Arbeit unter erschwerten Bedingungen unterstützen – analog zu Rio und PyeongChang gibt es jetzt den Tokio-Pass, aber mit mehr Content und einigen Extras wie einen täglichen Newsletter. Für absolute Gourmets und Supporter gibt es sogar ein IOC-konformes Tokio-Superpaket „Es werde Licht am Ende des Tunnels“!

2 Gedanken zu „Tokio, was vom Tage übrig bleibt (25. Juli 21): „Truer words were never spoken““

  1. IOC Marketing – Rule 1: …einfach mal behaupten … „…Congratulations #Tunisia on your first ever swimming gold…“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.