Tokio, was vom Tage übrig bleibt (24. Juli 21): Gruß von der iranischen Revolutionsgarde

TOKYO. Und nun zum Sport, dem nicht apolitischen aber politisch neutralen – wie es in der IOC-Diktion heißt. Da hatte der erste Tag der Corona Games doch einiges zu bieten.

Zum Beispiel gleich drei Goldmedaillen für China, Gastgeber der Winterspiele 2022 und Betreiber von Internierungslagern für Uighuren – sagen wir besser Konzentrationslager. Als ich Thomas Bach Ende 2019 in Lausanne, nicht apolitisch aber politisch neutral, mal nach diesen Konzentrationslagern gefragt habe, hat er mich nicht korrigiert. Ich fand das erstaunlich, denn normalerweise reagiert der deutsche IOC-Präsident von der FDP bei derlei unbequemen Fragen routiniert, wenn er sachliche Unstimmigkeiten oder gar Fehler ausmacht, da ist er gedanklich sehr behände. In diesem Falle kam nicht etwa dieses Was erzählen Sie denn da, das mit den Konzentrationslagern ist doch gar nicht bewiesen!, was man sonst so oft hört von irgendwelchen Propaganda-Heinis, gekauften Lobbyisten, Spindoktoren oder wichtigen Sportfunktionären. Er hat den Begriff erduldet oder erdulden müssen.

Dreimal Gold für China – läuft also für Xi Jinping, den Geschäftspartner des IOC, der übrigens mit seinen weisen Ratschlägen und Anordnungen ganz allein dafür verantwortlich ist, dass es so glänzend vorangeht mit den Vorbereitungen auf die Winterspiele 2022, auf die Human Rights Abuse Games. Dafür fällt mir bis 2022 bestimmt ein besserer Titel ein. Aber dass Xi Jinping persönlich alles auf Kurs bringt, das hat auf der IOC-Session vor ein paar Tagen das Pekinger Organisationskomitee (POCOG) berichtet – und zwar genau so. Die Direktorin für Internationale Beziehungen, Zhang Qian, die offenbar vom nordkoreanischen Staatsfernsehen ausgeliehen ist, hat jedes ihrer Worte hochoffiziell und energisch rausgepresst, wie mit der Pistole geschossen, sagt man so? Ach, sehen Sie selbst, eine halbe Minute reicht:

Die Formulierung “wie mit der Pistole geschossen” war natürlich ein billiger verbaler Kniff, um endlich zum Schießen zu kommen und zu einem Weltverband (ISSF), der von einem russischen Milliardär geleitet und finanziert wird, Wladimir Lisin. Zu den drei Siegen für China zählte nämlich die erste Goldmedaille in Tokio, für die Luftgewehrschützin Qian Yang. Wenn ich Sie nun fragen würde, wer wohl diese erste Goldmedaille überreicht hat? Es war jener Mann, den Zhang Qian kürzlich auf der IOC-Session als großen Leader bezeichnet hat, der sich Xi Jinping ziemlich hingezogen fühlt, gewiss aber nicht von einer engen Freundschaft sprechen würde (wie damals bei Vlad Putin), und der in Tokio kürzlich öffentlich von Chinesen sprach, aber Japaner meinte, was nicht so gut ankam bei den Olympiagastgebern.

Hier also ein Schnappschuss von der Siegerehrung. Ja klar, IOC-Präsidenten ehren traditionsgemäß die ersten Goldmedaillengewinner:

Gemeinsam! Qian Yang, Thomas Bach. (Foto: Imago / Xinhua)

Im Schießen gab es zudem einmal Gold für ein NOK, das niemals dabei sein dürften bei den Spielen der XXXII. Olympiade, würde es das IOC ernst nehmen mit seiner Olympischen Charta und dem Geschwurbel von Brüderlichkeit, Menschlichkeit, Weltfrieden und überhaupt:

Das National Olympic Committee of the Islamic Republic of Iran.

Nicht nur in Deutschland gibt es Sportsoldaten. Andere Länder, andere Sitten. Im Iran dienen Sportler zum Beispiel in der berüchtigten Revolutionsgarde, der Iran’s Islamic Revolution Guard Corps (IRGC). Diese verteidigt das Regime nicht nur im Inland, sie treibt auch regelmäßig im Ausland ihr Unwesen, in enger Abstimmung mit dem nicht weniger berüchtigten Geheimdienst VEVAK. IRGC-Kräfte waren beispielsweise jahrelang in Syrien im Einsatz, um die blutige Diktatur von Baschar Hafiz al-Assad zu stützen.

Morde gehören in dieser Branche zum Tagesgeschäft. So wie im Iran Exekutionen zum Tagesgeschäft gehören. Es hat doch sicher niemand die Ermordung des Ringers Navid Afkari (und 1.500 anderer Protestierender) vergessen.

Mit dem bald 42-jährigen Javad Foroughi ist nun ein Vertreter dieser mörderischen Revolutionsgarde, der zwei Jahre in Syrien stationiert war, Olympiasieger mit der Luftpistole geworden.

Die Journalistin und Aktivistin Masih Alinejad hat auf Twitter darauf hingewiesen:

Natürlich hat der Elitesoldat Javad Foroughi seine Goldmedaille dem Religionsführer und Revolutionsführer Ali Khamenei gewidmet. Das ist dann kein Verstoß gegen die vieldiskutierte Rule 50. Das ist eher so etwas wie diese nicht apolitisch aber politisch neutrale Diktion von Bach und IOC. Die Iranerin Alinejad sagt dazu:

“Sport being used to normalize dictatorship. An affront to the Olympic ideals!”

Ach ja, olympische Ideale. Die haben es echt schwer in diesen komplizierten Zeiten.

Interessant übrigens, wie die Jobbeschreibung des Pistolero-Olympiasiegers bei den Revolutionsgarden lautet, jedenfalls jene Jobbeschreibung, die iranische Staatsmedien so verbreiten: hospital nurse, male nurse, medical staff.

Nurse bei den Revolutionsgarden in Syrien. Medical staff klingt in der Pandemie besonders raffiniert, soll heißen: Javad Foroughi kann nur zu den Guten gehören, die unentwegt Menschenleben retten. Irgendein Dreh findet sich immer.


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Wie unterschiedlich die Wahrnehmung sein kann.

Das IOC:

United for Navid:

„United for Navid said the IRGC ‚as a history of violence and killing not only of Iranian people and protesters there, but also innocent people in Syria, Iraq and Lebanon. The IRGC is a designated foreign terrorist organization by the United States.'“

Corona-Zahl des Tages

Gemäß TOCOG sind weitere 17 Personen positiv auf Covid-19 getestet wurden. Die Gesamtzahl der positiven Fälle unter den für diese Olympischen Sommerspiele akkreditierten Personen stieg damit seit 1. Juli 2021 auf 123.

Gewinner des Tages

Maxim Agapitov hat vor der Ad-hoc-Kammer des Welt-Sportschiedsgerichts CAS seine Teilnahme an den Spielen erstritten. Das IOC muss dem Gewichtheber-Funktionär aus Russland die Akkreditierung zurückgeben, die ihm erst vor wenigen Tagen entzogen worden war. Viele Entscheidungen, in der Sportpolitik und im Leben, sind ja so absurd, dass sie schon wieder lustig sind. 

Agapitov wurde u.a. vom Kanadier Richard McLaren unterstützt, der in den vergangenen Jahren mit zahlreichen Ermittlungsberichten und seiner Firma McLaren Global Sport Solutions viel Geld verdient hat und nicht nur zum russischen Staatsdoping, sondern auch zum Weltverband IWF aktiv war. Maxim Agapitov gehört dem IWF-Vorstand an und amtiert derzeit als Präsident des europäischen Verbandes EWF. Im Fall Agapitov entschied das CAS-Panel unter Leitung von Carine Dupeyron (Frankreich) mit Manfred Nan (Niederlande) und Francisco Müssnich (Brasilien) wie folgt:

“The Panel found that the evidence submitted by the parties was sufficient to demonstrate that Mr Agapitov did meet the criteria established by the IOC to receive an accreditation (in the sport of weightlifting) in relation to the Olympic Games Tokyo 2020, despite an anti-doping rule violation (ADRV) committed in 1994, at the time of his athlete’s career. The Panel considered that the criteria in case of any ADRV committed at any time in an athlete’s life was clearly disproportionate.”

Schon albern, dass ein Vergehen aus dem Jahr 1994 für die Suspendierung herhalten sollte.

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