Der Stellvertreter: Gustav-Adolf Schur und die Hall of Fame des deutschen Sports

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Olympiasiegerin Ingrid Krämer, SED-Boss Walter Ulbricht, Weltmeister Gustav-Adolf Schur 1960 nach den Sommerspielen in Rom – damals gab es noch eine gesamtdeutsche Mannschaft. (Bundesarchiv, Bild 183-76277-0016 / Kohls, Ulrich; Weiß / CC-BY-SA 3.0)

Man muss die sogenannte Hall of Fame (HoF) des deutschen Sports nicht gut finden. Vielleicht braucht es so etwas nicht. Vielleicht könnte es aber auch hilfreich sein, eine solche HoF (im angelsächsischen Raum normal) zu unterhalten, wenn sie gut gemacht ist, wenn also Geschichte gelehrt und nicht nur Personen geehrt werden. Dazu gehören Ehrlichkeit, Transparenz und eine offene, unvoreingenommene Diskussionskultur. Leider ist das bei der deutschen Hall of Fame eher nicht der Fall und hat sich im Vergleich zu 2011, als Gustav-Adolf Schur für unwürdig befunden wurde, nur unwesentlich geändert.

Gustav-Adolf Schur, kurz Täve genannt, ist/war der populärste Sportler der vor mehr als einem Vierteljahrhundert verblichenen DDR. Inzwischen ist er 86 Jahre alt und habe nichts dazu gelernt, meinen jene, die jetzt erneut “Skandal” schreien und ihn sogar auf eine Stufe mit Erich Mielke stellen.

Geschmack ist keine Creme.

Täve Schur gehört für mich genauso in eine Hall of Fame – mit all seinen Schwächen, Irrungen und Wirrungen und seinen sportlichen Verdiensten – wie Heike Drechsler, um die es in einzelnen Medien jetzt ebenfalls geht. Oh mein Gott: Ich dachte eigentlich, Heike Drechsler sei spätestens seit ihrem zweiten Olympiasieg, 2000 in Sydney (mein Text damals aus dem Stadium Australia für die Berliner Zeitung), nach einem Jahrzehnt der Auseinandersetzungen und Leiden, angekommen im neuen Deutschland. Und eigentlich möchte ich das Argument, dass in dieser Hall of Fame etliche NSPAD-Mitglieder vertreten sind, gar nicht vor mir her tragen. Ist aber so.

Besser als ich es könnte, hat Grit Hartmann zur sehr bemühten Diskussion um Täve Schur (et al) schon 2011 einen grandiosen Text geschrieben. Veröffentlicht wurden ihre Überlegungen 2012 im von Diethelm Blecking und Lorenz Peiffer herausgegebenen Buch “Sportler im Jahrhundert der Lager” (Werkstatt Verlag).

Der knapp sechs Jahre alte Text ist klüger und ehrlicher als alles, was man seit gestern in den einschlägigen Medien wieder dazu hört und zu lesen bekommt:

* * *
von Grit Hartmann

Über Gustav-Adolf Schur, genannt Täve, muss man Ostdeutschen jenseits der 40 nichts erzählen. Der heute 80-Jährige ist ins kollektive Gedächtnis eingeschrieben wie in der alten Bundesrepublik die Fußball-Weltmeister von 1954 um Fritz Walter. 1955, ein Jahr, nachdem der Westen sein Wunder von Bern erlebte, verschaffte der Radrennfahrer Schur den Ostdeutschen ihre sportliche Erweckungs- und partiell auch Integrationserfahrung. Er gewann als erster DDR-Athlet einen bedeutenden internationalen Sportwettkampf: die Tour de France des Ostens, die Friedensfahrt. Der legendäre Rundfunkkommentar von Star-Reporter Heinz Florian Oertel schon bei Schurs erstem Etappenerfolg:

Wir haben gewonnen! Wir haben gewonnen! Jetzt sind wir glücklich. Jetzt sind wir so glücklich!“ [1]

Schur siegte zweimal bei diesem, rein sportlich betrachtet, längsten und härtesten Amateurradrennen der Welt zwischen Prag, Berlin und Warschau, das dem Ostblock allerdings in erster Linie zum Transport seiner Friedenspropaganda taugte: 1955 und 1959.

Zweimal war er Weltmeister, 1958 und 1959. Er gewann zwei Olympiamedaillen, 1956 in Melbourne und 1960 in Rom. Noch kurz vor dem Ende der DDR wurde er im annus mirabilis 1989 zu ihrem beliebtesten Sportler aller Zeiten gewählt. Obgleich Schur auch noch etwas anderes war: allzeit treuer Parteisoldat der SED, seit 1959 in der Volkskammer, und im Hauptberuf Funktionär des Deutschen Turn- und Sportbundes (DTSB).

Gustav-Adolf Schur, Jan Vesely. Jedes Kind in der DDR wusste, dass Schur seinem Sohn Jan, 1988 Olympiasieger, den Vornahmen seines größten Rivalen gegeben hat. (Bundesarchiv, Bild 183-30592-0002 / CC-BY-SA 3.0)

In die Hall of Fame der Stiftung Deutsche Sporthilfe schaffte es Schur dennoch nicht. Die Jury mit Vertretern aus Wirtschaft, Politik und Sport ließ ihn im Frühjahr 2011 durchfallen, als sie aus dem Sporthelden-Reservoir der Jahre 1945 bis 1972 zu wählen hatte. Eine offizielle Begründung gab es nicht. Vorausgegangen war jedoch ein Protest von Dopingopfern gegen die Aufnahme von Schur und der Jenaer Sprint-Olympiasiegerin Renate Stecher.

Für Stecher, die am Ende vor der Jury bestand, wurde auf Dopingverstrickungen verwiesen; sie gelten durch Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes und Zeugenaussagen als belegt. Ihren Sportkollegen Schur bezeichneten die Dopingopfer in einem Offenen Brief zurecht als „zentrale Propagandafigur des kriminellen DDR-Sports“ und „notorischen Geschichtsverleugner“ auch nach 1990.[2] Ihr Protest berief sich dabei auf das Selbstverständnis der Ahnengalerie des deutschen Sports, die in einer Wanderausstellung durch die Republik tourt und ansonsten bezeichnender Weise nur im Internet existiert – sie definiert sich dort als „bleibendes Forum für Persönlichkeiten, die durch Leistung, Fairplay und Miteinander Vorbild geworden sind“.[3]

Das Unterfangen, Ruhm mit Vorbildfunktionen zu verknüpfen, ist so alt wie der Sport selbst. Das eindrucksvollste Beispiel lieferte dafür in der Nachkriegsgeschichte gewiss der staatstreue DDR-Athlet mit seiner hochpolitischen und zugleich sozialintegrativen Bestimmung. So treffend und scharfsinnig diese Form der Instrumentalisierung auch analysiert wurde – das Phänomen bleibt und ist nicht allein damit zu erklären, dass sich lupenreine Vorbilder besser verkaufen.

Bei der Aufnahme der neuen Mitglieder am 20. Mai 2011 reproduzierte der Festredner im Berliner Adlon-Hotel, der Berliner Philosoph Gunter Gebauer, eigentlich ein kritischer Beobachter des Sports, in Anwesenheit des Bundespräsidenten diese Haltung programmatisch, als Verknüpfung von Vergangenheit und Zukunft: Ruhm, fame, die fama, beziehe sich zwar „auf vergangene Taten: auf das Bild, das aus diesen entstanden ist. Aber es ist nicht nur ein Nach-Bild. Ihr besonderer Sinn ist es, ein Vor-Bild zu sein.“

Die fama gehöre zum Gedächtnis und liege gleichzeitig in der Zukunft, sie sei „eine Aufgabe“. Gebauer meinte, diese Aufgabe bestehe darin, „die Hoffnung all jener zu erfüllen, die die Geschichten ihres Lebens mit der fama berühmter Sportler und Sportlerinnen verbunden haben. Sie wünschen, wir wünschen, dass durch ihre fama der natürliche, der sterbliche Körper jene Größe erhält, die unser Glück ausmacht.“[4]

Ein solches Glücksversprechen mag erstaunlich, auf weniger sportaffine Zeitgenossen vielleicht sogar bizarr wirken, ist aber ein Baustein zum Mythos, an dem zu allen Zeiten intellektuelle Vordenker des Sports gearbeitet haben.

Derlei Überhöhung lenkt ab von den wesentlichen Fragen:

  • In welchem Maß darf der retrospektive Erinnerungsakt den Umdeutungen durch die Gegenwart unterworfen sein?
  • Wann überschreitet die so erinnerte Vergangenheit die Grenze zwischen Re-Konstruktion und nur mehr interessengeleiteter Konstruktion, Täuschung?

Unter dieser Fragestellung ist der Fall Schur interessant.

Schur und seine Erfolge waren der Anfang von dem, was Markenzeichen und vielleicht sogar Alleinstellungsmerkmal der DDR bis zu ihrem Ende blieb: Auf keinem anderen Gebiet gelang diesem Staat eine ähnlich erfolgreiche Selbstdarstellung wie über den Leistungssport. Nach außen, wie man weiß. Aber auch nach innen.

Kein Sportler verkörperte besser als Gustav-Adolf Schur, Jahrgang 1931, aufgewachsen in ärmlichen Verhältnisses als Sohn eines Heizers und einer Hausfrau im kleinen Heyrothsberge östlich von Magdeburg, was sich erst Walter Ulbricht und dann Erich Honecker von ihren willfährigen Staatsamateuren versprachen: Ihnen kam Vermittler- und Integrationsfunktion zu: Die Begeisterung für ihre sportlichen Erfolge sollte sich in Nähe zum SED-Staat übersetzen.

In der stalinistischen Frühphase spielte dieser Aspekt eine größere Rolle als nach der Konsolidierung im Schatten der Mauer, als die „Diplomaten im Trainingsanzug“ die internationale Anerkennung der DDR vorzubereiten hatten, es also stärker um Prestige-Gewinn im Westen ging. Vor dem Mauerbau identifizierte sich nämlich nur ein kleiner Teil der Bevölkerung mit dem SED-Staat, er wurde von der Mehrheit realistisch als von außen oktroyiert gesehen. Das unterschied die DDR von der vorangegangenen NS-Diktatur, in der die Nähe zum Staat eine emphatisch gesuchte war und die Willfährigkeit emotional besetzt.

Schur hat diese Mittlerrolle stets angenommen. In einem Buch zu Ehren Walter Ulbrichts beschrieb er, wie er sich mit seinem Redebeitrag auf einem DTSB-Kongress „zum Dolmetscher der Gedanken“ des SED-Chefs machte. Er diente mit seiner Person und seinen öffentlichen Äußerungen gern als Vehikel und Motor sozialismusfördernder Botschaften:

Alles, was ich geworden bin, verdanke ich der Partei und dem Sport.“

Sätze wie dieser schafften es in ostdeutsche Schulbücher, gefolgt von der Aufforderung, sich an „Verhaltenseigenschaften Täves“ ein Beispiel zu nehmen. 1959 hieß es in einer Biografie namens „Unser Täve“, Autor war der langjährige Sportchef des SED-Zentralorgans „Neues Deutschland“, Klaus Ullrich Huhn (verstorben im Frühjahr 2017/JW), in absichtsvoller Biederkeit: „Sein Aufstieg ist der Aufstieg unseres Staates, an einem tüchtigen und fleißigen Menschen demonstriert.“ Schur fand solche Ableitungen aus Sekundärtugenden auch Ende der Neunzigerjahre noch in Ordnung: „Ich konnte im Club trainieren, mir wurde ein Studium ermöglicht. Ich fragte mich also, wer kümmert sich darum, dass es dir so gut geht und anderen Sportlern auch?“[5]

Der Habitus Täve Schurs – aufrichtig, bescheiden, uneigennützig, dankbar – begründete seine beinahe mythische Wirkung auf den sportinteressierten Teil des DDR-Staatsvolks. Die größte propagandistische Aufblähung des Mythos Schur geistert bis heute als Tatsache durch die Medien: Sein Ruhm wurde 1960 zementiert, als er – angeblich selbstlos – auf den dritten Weltmeistertitel in Folge verzichtete. Bei den Weltmeisterschaften des Radsport-Weltverbandes UCI auf dem Sachsenring, den ersten und letzten in der DDR, gewann Bernhard Eckstein das Einzelrennen der Amateure. Die Legende besagt, dass Schur dem Teamkameraden den Vortritt ließ, um den Belgier Willy Vandenberghen in Schach zu halten und den Titel für die DDR zu sichern, ein Sieg des „sozialistischen Kollektivgeistes“.

Zur Klarstellung rang sich Schur erst 2011 durch: „Ich hätte es natürlich gerne gesehen, wenn ich da aus der Spitzengruppe noch alleine weggekommen wäre. Aber ich wusste genau, ich hatte keine Chance. Und deswegen war ich auch nicht ganz einverstanden, wenn da so gelobhudelt wurde. Andererseits: Wenn viele das so sahen, dann habe ich denen zugestimmt, denn was konnte es Besseres geben als den Gedanken: Mensch guck mal, was wir leisten können, wenn wir gemeinsam in einen Topf arbeiten!“[6]

So skurril Schurs tief verinnerlichtes sozialistisches Evangelium anmutet – sympathisierender Regungen kann er sich bis heute mit solcher „Offenheit“ gewiss sein.

1964 dekonstruierte der Schriftsteller Uwe Johnson in seinem Roman „Das dritte Buch über Achim“ den Mythos Täve auf ein „stellvertretendes Leben“ – eine Denkfigur, die auch die von Gebauer formulierte „Vorbild“-Funktion der Hall of Fame aufnimmt, nur dort affirmativ und mit Pathos verstellt.

Johnson, der 1959 die DDR verlassen hatte, fragt: „Wer war Achim?“ Seine Antwort:

„Er war ein Rennfahrer, denn er fuhr mit anderen auf dem Rade und versuchte schneller zu sein als sie. Aber hatte er nicht Freunde? Er war ein Freund von Leuten.“[7]

Achim/Schur ist keineswegs ein sympathischer, uneigennütziger Kerl.

Mit dem epischen Schlussmonolog seines Achim liefert Johnson im Gegenteil einen luziden Beitrag zu dem, was der Spitzensport durchaus noch aktuell bereit hält in der Verschwisterung von großen Siegen und bemerkenswerter Niedrigkeit. Man muss das nicht nur auf die Jahre beziehen, in denen sich die deutschen Sportbrüder ihren Ersatzkrieg lieferten: „… dazu also sind wir imstande, wir haben mehr als ihr leckt mich doch am Arsch, uns geht es besser und obenauf schwingt der Atem angenehmer, tief unten seid ihr aufgehoben, wir brauchen euch nur noch zum Vergleich, wir haben gekämpft ihr seid unterlegen, ich bin so stolz wie ihr wart, das Fallende stoß ich nicht, das habt ihr nun davon, auf dem Bauch sollt ihr liegen, nicht mehr kriechen können sollt ihr, da bin ich fein heraus, das ist mir doch zu dumm“.[8]

Einige der Versatzstücke in diesem insgesamt zweiseitigen Monolog könnten von Schur stammen – das weiß, wer Redeweise und autoritären Charme des DDR-Idols erlebt hat. Nach der Friedlichen Revolution hätte sicherlich einiges zur Entmystifizierung des „fairen“ Sportsmanns beitragen können, zum Beispiel die Veröffentlichung von IM-Berichten seines Biografen, Ghostwriters, Mentors und steten Begleiters Klaus Ullrich Huhn. Der schildert unter seinem Alias „Heinz Mohr“ in einem „Treffbericht“ von 1961, wie Schur und ein Trainer gemeinschaftlich den Mannschaftskameraden Klaus Ampler denunzierten. Sie unterstellten, er wolle Republikflucht begehen.[9] Ein solcher Vorwurf mündete in der Regel in Repressionen, auch hier: Ampler wurde unter dem Vorwand einer Erkrankung von der WM in Bern ausgeschlossen.

Gegen den Mythos Täve richten solche Enthüllungen indes ebenso wenig aus wie sein politisches Agieren nach 1990. Schur, folgerichtig von 1998 bis 2002 für die PDS im Bundestag, verharmloste auch als Abgeordneter stets das kriminelle Minderjährigen-Doping der DDR.

Seine Autobiografie ist reich an mittlerweile viel zitierten Scheußlichkeiten. Der Ungarn-Aufstand 1956, mit dessen brutaler Niederschlagung sich die Sowjetunion endgültig als imperiale Macht entlarvte, ist für Schur ein „Morden konterrevolutionärer Putschisten“, dem zurecht „ein Ende bereitet“ wurde. „Mauer“ und Stasi“ reduziert er so routiniert wie unbelehrbar auf „Schlagwörter“, die es unmöglich machen, „die Wahrheit über die DDR zu rekonstruieren“.[10] Ohnehin verblassen in Schurs Augen derlei realsozialistische „Fehler“ angesichts kapitalistischer Grausamkeiten wie Lehrstellenmangel u.ä.m. Seine ungebrochene Anhänglichkeit ans gescheiterte System erklärt er so:

Ich bin in der DDR aufgewachsen und habe ihr die Treue bewahrt, auch wenn es heute ‚in’ zu sein scheint, sich erst einmal für alles Mögliche zu entschuldigen, bevor man es wagt, Positives über die DDR zu sagen.“[11]

Bei derlei Bekenntnissen bekommen jene kommunistischen Fossile und Nostalgiker glänzende Augen, die mit der DDR nicht nur Staat, sondern auch Heimat verloren haben.

Friedensfahrt 1960, Siegerehrung DDR-Mannschaft, Schur diesmal ganz rechts. (Bundesarchiv, Bild 183-73225-0005 / CC-BY-SA 3.0)

Friedensfahrt 1960, Siegerehrung DDR-Mannschaft, Schur diesmal ganz rechts. (Bundesarchiv, Bild 183-73225-0005 / CC-BY-SA 3.0)

Sie bilden in Ostdeutschland heute nur noch eine Subkultur. Dennoch findet man es heutzutage auch außerhalb dieser Klientel schon provokativ, Schurs despektierliche Äußerungen überhaupt zu zitieren. Viel lieber wird darauf verwiesen, wie oft der rüstige Rentner noch für diesen oder jenen guten Zweck in den Sattel steigt. Kurz nachdem ihm die Aufnahme in die Hall of Fame verwehrt wurde, prostete Magdeburgs SPD-Oberbürgermeister Lutz Trümper der Rad-Legende mit dem Sektglas zu. Schur durfte sich ins „Goldene Buch“ der Stadt eintragen, gewürdigt wurden „sportliche Leistung und das Engagement für Ideale“.[12]

Schur selbst hat die Ablehnung durch die Deutsche Sporthilfe in einer Schrift mit dem Titel „Der Ruhm und ich“ von Huhn verarbeiten lassen. Schur lässt darin wissen, „so viele Briefe und Anrufe“ seien bei ihm aufgelaufen, dass er „irgendeine Firma hätte beauftragen müssen, um allen eine Antwort zukommen zu lassen“.[13]

Dem darf, gemessen an der erregten Debatte in Internet-Foren und der Leserbriefflut in ostdeutschen Regionalzeitungen, der Wahrheitsgehalt nicht abgesprochen werden. Das Verständnis für Schur, der seine Überzeugungen nicht ablegen mag und sie auch nicht denkend überwinden kann, belegt einerseits wohl die nur noch von wenigen Historikern bestrittene These, dass die meisten DDR-Bürger sich irgendwie in und mit ihrem Staat eingerichtet hatten.

Darin manifestiert sich aber auch etwas anderes: Die schlichte Klammer, die fragwürdige politische Gesinnung zu neutralisieren vermag, ist das manifeste deutsche Bedürfnis nach einem „Wir“-Gefühl. Der Sport füttert es, seine Ruhmeshalle zehrt aus diesem Depot: Auch die NSDAP-Mitgliedschaften von Sportgrößen wie Sepp Herberger, Rudolf Harbig, Gustav Kilian, Willi Daume, Josef Neckermann (der von der Enteignung jüdischer Unternehmen profitierte) waren kein Ausschlusskriterium für die Hall of Fame. Von keiner dieser Persönlichkeiten ist bekannt, dass sie zur Aufklärung ihrer Rolle im NS-Staat entscheidend beigetragen hätten.

Neutral formuliert heißt das: In der historischen Betrachtung wird vorausgesetzt, dass der Sport in der Regel konstitutiv im Sinne des Staates wirkt, der ihn alimentiert.

Eine Ruhmeshalle, die sich dem ambivalenten Faszinosum Täve Schur durch seinen Ausschluss verweigert, reanimiert aber die gegenteilige Botschaft.

Welches Gedächtnis wird damit konstruiert? Ein marktgängiges, selbstverständlich, vor allem aber eines, das dem Sport die Konfrontation mit sich selbst erspart. Mit solcherart retuschierter Geschichte wird auch die Gegenwart um einen wichtigen Aspekt bereinigt, der dem organisierten Sport immanent und für seine Bewertung unverzichtbar ist: seine langmütige Unterstützung für Diktaturen und ihre Repräsentanten.

Der Sport schließt wie kaum ein anderes gesellschaftliches und öffentlich finanziertes Feld Missetäter aller Größenordnungen in die Arme. Die westdeutschen Verbände demonstrierten das beispielhaft nach 1990 mit der täterfreundlichen Kolonialisierung des sportlichen Ost-Erbes im Interesse der gesamtdeutschen Medaillenspiegel. Man blicke nur auf den Schulterschluss des Internationalen Olympischen Komitees mit den kommunistischen Herrschern in Peking, die 2014 sogar die Jugendspiele in Nanjing ausrichten dürfen. Man lese – eines der jüngeren Beispiele dafür, dass auch als Vorbilder gepriesene Athleten selten Berührungsängste kennen – das 2011 erschienene Buch „Mein China“ des deutschen Tischtennis-Europameisters Timo Boll.

Aus dieser Perspektive betrachtet, hieße eine Öffnung der Hall of Fame für Schur und die Darstellung seiner Biografie in diesem Zusammenhang nicht, dass politische Einvernahme von „berühmten“ Athleten und dadurch erzeugte fragwürdige Gemeinschaften als Kavaliersdelikte betrachtet würden. Vielmehr würde der Spitzensport damit auf sich selbst verwiesen, auf eine seiner moralischen Entzündungen. Um die legt der Ausschluss einer populären Figur wie Täve Schur einen cordon sanitaire. Die Frage, woran der deutsche Sport sich erinnern soll, um Zukunft zu gewinnen, wird so nicht beantwortet.

In engerer Perspektive bleibt Gustav-Adolf „Täve“ Schur damit, was er schon immer war: ein Stellvertreter.

Der Stellvertreter einer Debatte, die weder erfolgt ist noch in absehbarer Zeit beginnen soll.

Quellennachweis:

[1] Zitiert in: HELLER, C.: Kopfsteinpflaster und Asphalt. Die Geschichte der Friedensfahrt. MDR-Feature. Leipzig 1998.

[2] OFFENER BRIEF DOPINGOPFER AN STIFTUNG DEUTSCHE SPORTHILFE. 28.4.2011. Archiv d. A.

[3] STIFTUNG DEUTSCHE SPORTHILFE: Hall of Fame des Deutschen Sports. Siehe: http://www.hall-of-fame-sport.de/

[4] In: sporthilfe.de, Das Magazin der Deutschen Sporthilfe 2/2011, 14f.

[5] HARTMANN, G.: Goldkinder. Die DDR im Spiegel ihres Spitzensports. Darin: „Das sagst Du!“ Gespräch mit Gustav Adolf „Täve“ Schur und Jan Schur. Leipzig 1997, 287ff.

[6] „Meine Pflicht ist: Bleiben, da sein, die Leute erinnern“. In: Neues Deutschland, 23.2. 2011.

[7] JOHNSON, U.: Das dritte Buch über Achim. Frankfurt/M. 1964, 89.

[8] Ebenda, 297ff.

[9] BStU: Akte Klaus Ullrich Huhn alias GI „Heinz Mohr“, Hauptabteilung V/6/I, Treffbericht vom 26.8.1961, Blatt 56, Archiv G.H.

[10] SCHUR, G.A.: Täve. Die Autobiografie. Berlin 2011, 106, 31.

[11] SCHUR, G.A.: Täve. Die Autobiografie. Berlin 2011, 8.

[12] STADT MAGDEBURG, Büro des Oberbürgermeisters: Pressemitteilung 19. 5. 2011.

[13] SCHUR, G.A.: Der Ruhm und ich. Berlin 2011, 7.

Herbert #1

An ever lasting story. Leider ist die Bereitschaft, darüber unverklemmt, unvoreingenommen und doch lösungsorientiert zu diskutieren, sehr bescheiden. Politisch korrekt war spätestens seit dem Kinkelschen Delegitimierungsaufruf, auch den Sport in der DDR und in die “Pfanne zu hauen”. Und dessen Protagonisten sowieso, vor allem, wenn sie ihre politische Parteinahme nicht bereuen wollten. Hier mal zu trennen zwischen sportlichem Erfolg und der sich daraus ergebenden Vorbildrolle sowie der gewollten und ungewollten Instrumentalisierung seiner “Goldkinder”, fiel kaum jemanden ein, der über einen Zugang zu den öffentlichen Medien verfügte. Hinzu kam, dass die Deutungshoheit auf einen eher kleinen Kreis begrenzt blieb.
Wenn wir heute seit 2009 auf den Abschlussbericht der Freiburger Evaluierungskommission zur “medizinischen Betreuung” von über 5.500 westdeutschen Kaderathleten warten, und nur eine eher zufällige Dissertation zum Thema Doping in der alten BRD wieder mal etwas Staub auf der ansonsten sauberen Straße aufwirbelt, braucht es nicht mehr besprochen zu werden. Kaum einer will es mehr wissen, ist ja alles klar: Die DDR hat flächendeckend gedopt, die Erfolge wurden unfair erzielt und die BRD wurde betrogen. Ein einziger relativierender öffentlicher Satz des DOSB diesbezüglich würde genügen. Aber wenn Sieger Kleingeister sind …
Ähnlich verhält es sich mit der vermaledeiten Hall of Fame. Kritische Betrachtung oder gar Aufnahmehinderungsgrund für Vertreter des deutschen Sports bei Nähe zu Hitler und seinen Adepten, vor allem zu deren Ideologie und verheerenden Politik, Fehlanzeige. Das war ja die Zeit. ;) Im Falle der DDR und ihrer Sportler sieht man das anders. Da wird “politisch sorgsam” ausgewählt, jedoch auch schon mal eine Ausnahme gemacht. Ja, da hatte Willi Brandt schon Recht; es wächst nicht zusammen, was nicht zusammen gehört. Auf der geographisch und politisch östlichen Seite dachte man da schon eher im Originalzitat; auf der westlichen brauchte man schon die rigorose Trennung für die Erhaltung des Selbstwertgefühls. Das erschreckenden Ergebnis dieser Politik sehen wir heute. BTW, Bereitschaft zur gemeinsamen Lösung war ausreichend vorhanden. Aber was nicht sein kann, das nicht sein durfte. The winner takes it all; die Siege, die Medaillen, die Moral und die Gerechtigkeit. Unsere Nachfahren sollten es besser machen. Auf diesem Konjunktiv vertrau ich. ;)

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