Was vom Tage übrig bleibt (97): Sportminister, gekürzter McLaren-Bericht, Tokio 2020, Isinbajewa

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Einige Notizen und Leseempfehlungen, die nicht in Vergessenheit geraten sollten.

Statement from European Sports Ministers relating to the fight against doping in sport

1) Sportminister aus 19 europäischen Nationen haben eine Erklärung verabschiedet, in der sie die strikte Einhaltung der UNESCO-Konvention und der WADA-Regeln zum Doping fordern. Russland wird darin nicht genannt, das IOC auch nicht. Interessant für mich auf den ersten Blick: Deutschland ist natürlich wieder nicht dabei. Hallo, BMI, halle Herr de Maizière? Mal wieder etwas verpasst?

Klar doch.

Ob es gegen Doping oder gegen Korruption geht: Deutschland gehört traditionell nie zu den Vorreitern, im Gegenteil, es zählt fast immer zu den Schlusslichtern. Daran ändert auch die Ausrichtung der MINEPS V Konferenz 2013 in Berlin nichts. Deutschland gehört zu den Blockierern, offenbar will man einem deutschen IOC-Präsidenten ohnehin nicht im Wege stehen, wenn der seine Putin-Nummer durchzieht.

Die Erklärung im Wortlaut, nicht sehr ergiebig, aber immerhin:

Statement from European Sports Ministers relating to the fight against doping in sport

We, the ministers responsible for sport in the following countries: Austria, Belgium (the three Communities of Belgium), Bulgaria, Croatia, The Czech Republic, Denmark, Estonia, Finland, Ireland, Latvia, Lithuania, Luxembourg, Malta, The Netherlands, Norway, Poland, Portugal, Sweden and United Kingdom, while respecting the autonomy of the sports movement, and in relation to recent events, consider it important to restate our support for the work of the World Anti-Doping Agency in the global fight against doping in sport and our support for the rights of clean athletes to perform in a doping-free environment.

Doping continues to be one of the biggest threats to the integrity of sport and, in this context, we call upon all States Parties that have signed the UNESCO International Convention against Doping in Sport to fully, through evidence, comply with the Convention’s requirements.

Furthermore, we call upon all relevant Sports Organisations to use their existing rules and regulations to fully comply with their obligations in line with the World Anti-Doping Code; to proactively promote initiatives and measures to protect the integrity of sport, the credibility of WADA and the vast majority of clean athletes performing to their maximum potential without the use of prohibited performance enhancing methods or substances.

2) Gestern Abend noch ein sehr interessanter Artikel von Andy Brown auf der Webseite Sportsintegrityinitiative.com. Er weist daraf hin, dass der McLaren-Report inzwischen leicht verkürzt wurde und ein Brief von Rodschenkow entfernt wurde, in dem dieser auf die dubiose Rolle des Lausanner Labors und dessen Leiter Saugy hinweist.

Lausanne, Lausanne, immer wieder Lausanne – da liegt der Schlüssel zu einem Betrug, dessen Ausmaß wir noch nicht erahnen können.

Die pdf-Datei des Berichts heißt in der Tat „20160718 Ip Report Newfinal“. Vorher: „20160718_ip_report_final“.

Es geht, wenn ich das korrekt sehe, um diese Seiten, dieses aus dem Russischen übersetzte Schreiben:

Andy Brown schreibt dazu u.a.:

The World Anti-Doping Agency (WADA) has published a new version of its Independent Person (IP) Report into allegations of corruption within the Sochi 2014 Winter Olympics laboratory, which omits a January 2015 letter written by Dr. Grigory Rodchenkov, Director of the Sochi 2014 and Moscow anti-doping laboratories. The document now numbers 89 pages and is 695.93kb rather than the 97 pages and 2.6mb of the original. The Sports Integrity Initiative has asked WADA why it has posted an amended version, and if any other changes have been made to the document.

One of the reasons the letter may have been removed is that names and contact details had been clumsily erased. Another reason the letter may have been removed could be due to the interesting claims made by Rodchenkov.

In the letter, Rodchenkov warns of the ‘danger’ from samples of blood and urine stored at the University of Lausanne laboratory (CHUV) from the Beijing 2008 Olympics. He says that re-analysis of those samples would be a ‘disaster’, because prior to 2015, oral turinabol could only be detected for five to seven days. From 2015, it could be detected for four to six months. (…)

In the letter, Rodchenkov suggests that Russia should start working with the Lausanne laboratory, as ‘Professor Martial Saugy is still working as Director, and is very well related to Russia’. He mentions that Saugy ‘and his five employees worked at the Sochi Winter Olympics’ and that Saugy ‘is close to many functionaries at the IOC and Medical Director Richard Budgett’.

As previously reported by The Sports Integrity Initiative, Saugy and his five employees worked as paid consultants to the Sochi 2014 laboratory. A photo posted on Professor Arne Ljungqvist’s blog (screenshot below) confirms Saugy’s presence at Sochi and shows him standing next to Natalia Zhelanova and Budgett.

3) Das IOC hat mit etwas Verspätung die Empfehlungen der Programmkommission und des OK der Sommerspiele 2020 in Tokio zur Aufnahme neuer Sportarten und Disziplinen veröffentlicht. Das IOC-Exko hat die Entscheidung im Juni bereits gefällt, die Session segnet kommende Woche ab.

4) Auch in Rio de Janeiro dürfen die Olympiateilnehmer wieder ihre Vertreter in die IOC-Athletenkommission wählen. Die acht Sportler mit den meisten Stimmen werden sogar IOC-Mitglieder. Turnusgemäß scheidet Claudia Bokel (u.a.) nach acht Jahren in der Athletenkommission und vier Jahren als Vorsitzende der Kommission und damit automatisch Mitglied des IOC-Exekutivkomitees aus dem IOC aus. Claudia Bokel hat sich gemeinsam mit Beckie Scott und anderen für die Aufklärung (und für Sanktionen) des russischen Staatsdoping eingesetzt.

Statt Claudia Bokel könnten demnächst Jelena Isinbajewa, kein Witz, oder das Thomas-Bach-und-Peking-Fangirl Britta Heidemann im IOC sitzen. Die Liste der Kandidaten.

Zufall oder nicht: Als Bach nach seiner Ankunft in Rio zum PR-Termin ins olympische Dorf marschierte und sich mit Sportlern ablichten ließ, saß ihm im Speisesaal (natürlich) Britta Heidemann gegenüber. Dieses Foto erschien in der ersten PR-Meldung des IOC („IOC President settles in at the Olympic Village“).

Kurz darauf wurde das Foto ausgetauscht. (Kann mir das mal jemand aus dem Google Cache holen? Ich bin zu blöd dafür. Hatte zunächst die Original-Meldung mit dem Foto dort gefunden. Jetzt aber nicht mehr. Es findet sich alles in diesem Internetz.)

Foto: IOC Media/Ian Jones

Foto: IOC Media/Ian Jones

Bei Gymnastic Australia (Twitter) gibt es noch eine Aufnahme (Foto unten, die Dame im gelben Sweatshirt) – der IOC-Shot war links:

Wenn man nicht wüsste, dass im IOC immer alles korrekt zugeht, könnte man beinahe auf den Gedanken kommen, der IOC-Präsident oder seine Propaganda-Bediensteten wollten lieber nicht, dass man Bach (zu oft) mit Heidemann sieht, weil das ja den Eindruck erwecken könne, er sei ihr, dem Fangirl, besonders zugetan.

5) In eigener Sache: Der olympische Geist machte mich gestern darauf aufmerksam, dass dieses Blog in gewissen Gegenden als „politisch extrem“ eingestuft wird und deshalb auf öffentlichen Servern (auf wie vielen?) gesperrt wird.

Die Zensurbehörde heißt „Time for kids“. Mein Test ergab:

"Time or kids" Screenshot

Die geprüfte Seite „www.jensweinreich.de“ fällt in folgende Themenbereiche:

Politisch Extrem / Hass / Diskriminierung

In dieser Kategorie sind Seiten mit extremistischen Ansichten, sowohl von Links- als auch von Rechtsextremisten zu finden. Dazu gehört auch Sexismus, Rassismus und die Unterdrückung von Minderheiten.

Ich habe „Time for kids“ um eine Stellungnahme und natürlich um sofortige Aufhebung der Sperre und der Einstufung gebeten.

[UPDATE, 10.08.2016: „Time for kids“ hat sich die Zeit genommen, die Seite (nochmals?) anzuschauen — und ist zu dem Schluss gekommen, dass es sich hier wohl doch nicht um eine Hetz- und Hasspostille im klassischen Sinne handelt, und die Website nunmehr in den Rubriken „Sport“ und „sonstiges Gedöns“ einsortiert.]

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If you are interested in genuine coverage, if you’d like to read more stories like this (The IOC, the olympic family and the absolutely impeccable reputation of KGB/FSB agents), consider to support investigative journalism, freelance journalism, when booking the Rio 2016 coverage ticket or an Annual ticket for my blog „Sport and Politics:

Neu: Olympia-Pass buchen! Recherche finanzieren.

Ich werde vom 1. bis 21. August, in hoffentlich alter Frische und bester Tradition, nahe an 24/7 aus Rio de Janeiro bloggen – wie zu anderen Großereignissen und während vieler anderer Reisen.

Das ist gerade die richtige, schwer durchschaubare Krisen-Atmosphäre für so ein Projekt. Für die sogenannte olympische Bewegung geht es ums Überleben.

An Ideen und Lust mangelt es nicht, ich bin in einem magischen olympischen Dreieck zwischen IOC, Deutschem Haus und Olympiapark in Barra da Tijuca einquartiert, erlebe meine 25. IOC-Session, wenn ich richtig zähle, habe als einer von nur wenigen Dutzend Journalisten weltweit Zugang zum IOC-Hotel, werde die Olympia-Bosse beobachten, interviewen, debattieren, werde recherchieren und Ihnen/Euch darüber aus erster Hand berichten. Das traditionelle Live-Blog von der olympischen Eröffnungsfeier gibt es natürlich auch – hoffentlich wieder mit dem unvergleichlichen Kollegen G neben mir. Ob meine Kraft reicht, muss der olympische Geist entscheiden.

Sagen Sie es gern weiter.

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