Nachrichten aus Absurdistan: Russlands Sportminister Witali Mutko reagiert auf den WADA-Bericht

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Einfach mal anschauen und versuchen zuzuhören. Dubiose Typen wie Witali Mutko zählen zu den mächtigsten Figuren des olympischen Weltsports (und den wichtigsten Unterstützern des amtierenden IOC-Präsidenten). So also reagiert Russlands Sportminister, auch FIFA-Exekutivmitglied, auf kriminelle Doping-Fakten:

Wenn ich mich recht erinnere, dann hat sein alter Kumpel (aus St. Petersburger Zeiten) und Ewig-Boss Wladimir Putin kürzlich auf einer IOC-nahen Veranstaltung in Moskau im Beisein des IOC-Präsidenten Thomas Bach (UDIOCP) die Erweiterung einer UN-Resolution angeregt:

We consistently support the idea that sport is outside politics.“

sternburg #1

Ich kann dem Mann (und seinem Übersetzer) nicht länger als eine Minute folgen. Das ist mir echt zu unentspannt.

Aber ich finde die Inszenierung interessant. Stell Dich doch mal da rüber. Ja, vor das Wappen. Nein, nicht zentral. Auch nicht daneben. So, dass man es gerade noch sieht. Super, da bleiben. Kamera? Wir schießen mit Fokus auf ihn, aber so, dass ein Stück von der Tür im Bild bleibt. Ja, doch. Soll doch so wirken, als wäre er gerade voll im Stress von uns abgefangen worden. Ja, so geht’s. So. Und jetzt bitte das iPhone ans Tor und mindestens 10 Sekunden ganz, ganz wichtig gucken. Dann den Text. Nicht auflegen oder so. Direkt den Text. Und bitte!

Man will nur hoffen, dass der Inszenator sich mit dieser Arbeitsprobe bei keiner Filmhochschule bewerben will.

Ansonsten: Don’t mix, man kann es nur beständig wiederholen.

Thorsten B. #2

In diesem Zusammenhang fällt mir immer ein, daß das Thema Doping im Fußball sehr „stiefmütterlich“ behandelt wird.

Dort gibt es einige Punkte, welche trotz großer Brisanz verhallen: Stefan Matschiner hat in einem Radio-Interview mit dem BR mal die Aussage gemacht, daß ein berühmter Manschaftsarzt in Bayern bei Muskelverletzungen Testosteron spritzt.

Die Geschichte ist einfach so verhallt.

Welche Journalisten recherchieren auf dem Gebiet ? Ich glaube, daß Hajo Seppelt hier viel beschäftigt ist. Aber hier wird mehr auf Sportarten wie Leichtathletik geachtet.

cf #3

Zum Thema Doping im Fußball hat sich gerade erst wieder Arsène Wenger geäußert — Arsène Wenger: Arsenal have ‘played many teams’ that were guilty of doping

Two years ago Wenger said that sport was “full of legends who are in fact cheats” as he called on Uefa to improve its drug testing programme. “Honestly, I don’t think we do enough [on doping tests],” he said. “It is very difficult for me to believe that you have 740 players at the World Cup and you come out with zero problems.”

Andererseits natürlich, gleiche Person, andere Perspektive:

(Zitat Paul Merson)

JW #4

@ Thorsten B. #2

Es ist wenig sinnvoll (hier dennoch gefühlte zehntausend Mal geschehen), Journalisten, die an derartigen Themen arbeiten, vorzuhalten, was sie nicht schaffen.

Ich schaffe zum Beispiel nicht mal mein Pensum DFB/WM2006 täglich, jedenfalls nicht das, was ich alles will/wollte. Ganz zu schweigen von der FIFA und 34 anderen olympischen Sportarten/Verbänden, deren Politik und deren Verfehlungen mich interessieren.

Ein Tipp deshalb: Auf http://fussballdoping.de/ ist schon viel zum Doping im Fußball gesammelt und manches auch recherchiert worden.

Thorsten B #5

Mein Post war nicht als Vorwurf an irgendeinen Journalisten gemeint. Bei den meisten Journalisten bewundere ich deren Mut, Enthusiasmus etc. (Wie bei Ihnen auf dem Gebiet DFB / WM 2006. Da ist Ihnen der Wind teilweise auch heftig ins Gesicht geweht. Trotzdem sind Sie standhaft geblieben.)

Ich wurde nur auf das besagte Interview aufmerksam gemacht.

Wie Sie einmal schon hier schrieben: Man kann nicht jeder Spur nachgehen…..

Es wunderte mich jedoch, daß ich dazu nur einen Artikel in einer Rosenheimer Tageszeitung fand.

Eine Erklärung von einem Berufskollegen von Ihnen bekam ich mittlerweile schon dazu: Die Sportart Fußball mit vielen Ihrer Akteure ist politisch und gesellschaftlich sehr stark vernetzt. Aus diesem Grunde sind Publikationen über das Thema Doping im Fußball seltener als in anderen Sportarten.

Aber Sie haben auch trotz dieser Vernetzung und Verquickung im Fußball recherchiert und mutig publiziert.

Wegen meines großen Interesses an diesem Thema, habe ich Stefan Matschiner kontaktiert: Mir als Privatperson wollte er keine weiteren Auskünfte geben. Einem renommierten Journalisten wäre er jedoch diesbezgl. nicht abgeneigt.

Sven #6

@Thorsten B, topaktuell, freue mich auch auf die Lektüre:

http://www.droemer-knaur.de/buch/8061393/schuss

Ecki Tor #7

Eine mirakulöse journalistische Leistung wäre es, einen Verband aus den oberen Regionen im peinlichen Medaillenspiegel zu finden, in dem nachweislich nicht mit Billigung von oben gedopt wird. Dafür ist für die Politik die symbolische Bedeutung einer Goldmedaille oder einer Weltmeisterschaft offenbar zu groß. Was Schäuble damals vorgeschlagen hat, dürfte international immer noch common sense sein, man muß es halt nur richtig anstellen.

JW #8

@ Thorsten B.

JW #9

… und siehe, da gibt es einen dritten Autoren:

M.M #10

Lieber JW der Einwand von Thorsten B. zielt vermutlich in die vollkommen richtige Richtung. Wir durften in der Schule bei der marxistischen Lektüre erfahren, wozu der Kapitalist bei Aussicht auf 300 % Profit, sozusagen von Hause aus, bereit ist. Daher ist die grundsätzliche Frage vollkommen legitim, wo eigentlich keine menschenverachtenden und / oder zutiefst unmoralischen Geschäfte im modernen Leistungssport stattfinden. Dabei geht es gar nicht nur um den finanziellen Profit. Allein die Aussicht auf die Bestätigung der eigenen Macht, bringt einige Funktionäre, oder sonstige Beteiligte schon in die Nähe dessen, wofür die Allgemeinheit den Galgen als einzige Antwort sieht.
Man kann Journalisten dabei nur bemitleiden. In einem Haifischbecken schwimmt sichs schlecht. Wasserrauslassen trifft zwar die Richtigen, macht aber die Journalisten arbeitslos.

So bleibt mir als jemand, der das Windmühlenrennen schon jahrelang begleitet nur die Erkenntnis, das die Mächtigen und die verbliebenen Journalisten zwar noch immer gut zu tun und ein erträgliches Einkommen haben, sich aber die sportambitionierten Protagonisten noch immer in einer gleichermaßen beschissenen Situation befinden.

mik #11

@Sven: Danke für den Hinweis auf Kistners Buch, war mir entgangen. Leider beim Boulevardverlag Droemer Knaur, vielleicht aber ganz hilfreich in puncto Präsenz im Handel.

Ralf #12
Ralf #13

Johannes Aumüller in der SZ: Anti-Doping-Kampf in Russland: Sehr viele Herzprobleme

Bei Kamajew handelt es sich bereits um den zweiten Todesfall eines früheren Rusada-Funktionärs binnen weniger Wochen.

jw #14

Plötzliche Herzprobleme von kerngesunden Menschen – als Todesursache hat das in Russlands Sport Tradition.

Ralf #15

David Walsh in der Sunday Times: What was Russian doping boss going to reveal?

At 52 Kamaev was found dead last Monday. Reports said he died of a massive heart attack. His death came 12 days after the passing of Sinev, the man he had replaced at Rusada. On a Russian message board someone joked that the two former Rusada directors must have known a lot.
[…]
As well as the sadness of his premature passing, there is also the disappointment of not knowing what it was that Kamaev wished to tell us in his book. By his own admission he had been involved in Russia’s conspiracy to cheat from 1987, a young scientist working at a secret laboratory.

Ralf #16
Ralf #20
Duesseldorfer #22

Die New York Times legt nach und berichtet, dass US-Bundesanwälte in New York einen Untersuchung über die Doping-Strukturen im russischen (Staats)-Sport eröffnet haben. Das Verfahren wird von der Einheit durchgeführt, die auch die Anklagen gegen diverse FIFA-Funktionäre führt.

Mal sehen was die Anwälte hier aus dem Hut zaubern um den Fall nicht wegen mangelnder Zuständigkeit zu verlieren. Oder die ersten Anhaltspunkte in dem Fall wie auch bei der FIFA-Untersuchung kommen aus der organisierten Kriminalität.

Das ganze wird wie bei Blazer funktionieren, man sucht sie die Funktionäre raus, die Vermögen in den USA besitzen -da gibt es vermutlich einige- und bei denen man Anhaltspunkte für ein Vergehen in den USA hat. Vielleicht reicht es auch nur Vermögen in den USA zu besitzen. Dann beruft man eine Grand-Jury (die gibt es eventuell schon) ein und geht auf eine Angel-Expedition und sieht, wer sich im Tausch gegen belastende Dokumente freikaufen kann.

Sollte es zu Verurteilungen kommen werden es Absprachen sein. Und die ein oder andere durchgestochene Information, die russische Bemühungen, die Leichtathleten in Rio starten zu lassen, erschweren.

Jens Weinreich #23

Einfach nur köstlich!

Herbert #24

Rodchenkov sollte zurücktreten und floh daraufhin in die USA. „Er habe keine andere Wahl gehabt.“ Klingt ein bissel simpel. Aber wer es so glaubt.

JW #25

Wie blind muss man sein, um solche Kommentare zu schreiben? Sie haben schon mitbekommen, dass kürzlich zwei von Rodschenkows ehemaligen Mitstreitern überraschend verstorben sind?

Stefan #26

Das Funktionärsleben in Russland ist gefährlich. Ständig wird man eingeladen, hohes Arbeitspensum. Stellt sich heraus, dass man dann noch mit Whisky und Martini hantiert und sich nachts in winzigen, zugigen Räumen aufhält, immer der Gefahr ausgesetzt, entdeckt zu werden. Da brennt die Kerze an beiden Seiten.

Herbert #27

Über die Heuchelei, wenn es um Doping in Russland geht, von Klaus Blume:

http://www.laptopwerk.de/kolumnen/blume-unverblümt/

Duesseldorfer #28

Zum Ausmass des staatlich organisierten Dopings legt die Times of London (die leider eine sehr strikte Paywall haben) nach:

Russia has been ordered to guarantee that independent drugs testers have access to athletes in “closed cities” […]. The warning […] comes two weeks after a German anti-doping officer was intimidated by three heavily armed officers from Russia’s FSB intelligence service as she attempted to test a Paralympic athlete in the city of Tryokhgorny, where access by outsiders is severely restricted.

Nachdem mehr als ein Dutzend russische Funktionäre in den letzten Jahren gewaltsam und/oder überraschend ums Leben gekommen sind -bekanntermaßen auch im Ausland- ist es maximal zynisch, die Sorgen nicht ernst zu nehmen.

Ralf #29
Ralf #30

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