Jérôme Champagne beendet seine FIFA-Kampagne mit Attacken gegen Platini und die UEFA

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„The institutions have mobilized to eliminate the only independent candidate“, sagt Jérôme Champagne.

Er hatte angedeutet, dass es nicht reichen könnte und er seine Kandidatur für die FIFA-Präsidentschaft zurückziehen müsse. Das hat er am Sonnabend mit seinem achten Rundschreiben an alle 209 Nationalverbände getan. Er ist raus.

Er hat nur die Unterstützung von drei Verbänden erhalten, brauchte aber nach den neuesten Wahlregeln, die ich immer als Lex Champagne bezeichnet habe, fünf Verbände hinter sich. Ich habe vor zwei Jahren die ersten drei großen Texte von Champagne zur Zukunft der FIFA und im vergangenen Jahr auch sein Manifesto veröffentlicht. Deshalb hier nun auch sein aktuelles Schreiben in Gänze, das er heute Vormittag Medienvertretern schickte und in dem er vor allem die UEFA und das undurchsichtige Treiben von UEFA-Präsident Michel Platini kritisiert, ohne Platini, vom dem er nicht viel hält, namentlich zu erwähnen.

Mit dem Stand im präsidialen Rennen in der FIFA habe ich mich vergangenen Freitag ausführlich in einem Text auf der Plattform Krautreporter befasst: „FIFA-Präsidentschaft: eine schrecklich nette Familie“. Als Kandidaten müssen von der Ad-hoc-Wahlkommission also bestätigt werden:

  • Prinz Ali Bin Al-Hussein (Jordanien)
  • Michael van Praag (Niederlande)
  • Luís Figo (Portugal)

Dass Joseph Blatter bestätigt wird, ist keine Frage. Ein Problem könnte allenfalls Luìs Figo bekommen, Werbepartner des asiatischen Wettanbieters Dafabet.

Ich bin hoffentlich nicht der Parteinahme von Joseph Blatter verdächtig. Aber ich sage: Was die UEFA mit dem Feigling Michel Platini an der Spitze hier abzieht, ist ähnlich unappetitlich wie das System Blatter. Nicht nur dass UEFA-Fürsten Millionen aus Katar kassiert haben (Platinis Busenfreund und Stimmenbeschaffer Marios Lefkaritis aus Zypern), zum engsten Kreis der Großganoven um Wladimir Putin zählen (wie Gazprom-Mann Sergej Fursenko), im türkischen Matchfixing-Skandal belastet sind (Senes Erzik), der Korruption schwer verdächtig sind (Grigori Surkis), nicht mit Michael Garcia kooperierten und Stimmendeals mit Katar abgeschlossen hatten (Ángel María Villar Llona), ihre Söhne bei katarischen Firmen gut versorgt wissen (Michel Platini, Michel d’Hooghe), um nur wenige Beispiele zu nennen, nein, all das reicht nicht. Nun zieht Platini einen schrägen Anti-Blatter-Wahlkampf auf, der in den kommenden Wochen und Monaten durchleuchtet werden muss.

Bin mal gespannt, wann und wo in Deutschland die ersten großen Interviews mit den vermeintlichen FIFA-Reformern von Platinis Gnaden erscheinen, so wie vor vier Jahren ausgerechnet Mohamed Bin Hammam in Deutschland als Retter der FIFA aufgebaut wurde.

Dazu nur mal eine Passage aus meinem Krautreporter-Text:

Gegen Blatter anzutreten, hat sich der 59-jährige Platini nicht getraut. Stattdessen spielt er auf Zeit und hofft, 2019 die FIFA übernehmen zu können oder sogar früher, sollte Blatter gesundheitlich nicht durchhalten. Und er schickt Stellvertreter vor: Erst überredete er Prinz Ali zur Kandidatur. Dann stärkte er den Holländer van Praag. Platinis Leute haben auch Figo von einer Kandidatur überzeugt.

Seit einem Jahr arbeitete der langjährige CNN-Sportmoderator Pedro Pinto als Sprecher Platinis und als UEFA-Pressechef. Pinto ist Portugiese. Sein Landsmann Figo gab seine Kandidatur nun ausgerechnet in Pintos ehemaligem Sender CNN bekannt. Das ist kein Zufall. Da werden Kampagnen gefahren.

Platini hat vor einem Jahr auch den Engländer Mike Lee als Berater verpflichtet. Lee war unter Johansson schon mal Pressechef der UEFA und hat 2002 einen FIFA-Wahlkampf krachend gegen Blatter verloren, als er in Johanssons Auftrag für Issa Hayatou aus Kamerun Stimmung machte. Später machte sich Lee mit seiner Agentur Vero Communications selbstständig, wurde lustigerweise wieder von Johansson verpflichtet, als dieser sich dem Angriff von Platini und Blatter erwehren musste. Und wieder versagte Lee als Campaigner jämmerlich. Wobei man zur Ehrenrettung von Lee sagen muss, dass er seither zahlreichen siegreichen Olympia- und WM-Bewerbungen angehörte, die seine Tagessätze in astronomische Höhen schnellen ließen: Er war mit London 2012 erfolgreich, Rio de Janeiro 2016 und PyeongChang 2018 – allesamt Olympia-Ausrichter – und er arbeitete für Katar 2022. In Katar hat er bis heute dicke Aufträge.

Man sieht also, jeder schläft mit jedem in diesem Family Business. Und jeder kämpft gegen jeden. Allianzen wechseln laufend. Mike Lee werkelt mit seinem Team von Vero Communications für die UEFA, für Katar, für Platini, für Prinz Ali und für Luís Figo. Die Handschrift ist unverkennbar. Ob er auch Michael van Praag berät, kann ich noch nicht sagen. Es könnte sein, dass sich van Prag verselbständigt.

Will sagen: Auf beiden Seiten muss man genau hinschauen.

Wenn Blatters Netzwerk durch Platinis Netzwerk ersetzt würde, wäre das keine neue FIFA. (Die wird es ohnehin nicht geben.)

In seinem vorläufigen Abschieds- oder besser Abstandsschreiben nennt Champagne weder Namen von Funktionären noch jenen Verbänden, die sich von der FIFA, der UEFA und anderen kontinentalen Föderationen unter Druck gesetzt sehen und ihm deshalb nicht die nötigen Unterstützungsschreiben ausfertigten. Er schreibt u.a.:

I warmly thank the three federations that have endorsed me and the many presidents who explained with candor and friendship, that they could not do it despite their interest in my program. The reasons were numerous. Because they feared reprisals from their confederations having issued „recommendations“. Because their federations were candidates to host continental competitions. Because they relied too heavily on the financial support. Because they were committed to defend a united continental front. Because some of the presidents were themselves engaged in an election or simply preferred another candidate.

The institutions have mobilized to eliminate the only independent candidate. The latest events orchestrated in secret with barely veiled intentions by one of them, distributing letters of support between candidates, made me lose sponsorships especially in Europe!

I also note that I would have been a candidate with the old version of the rules, and that I cannot be one with the new modifications adopted in 2013 on a UEFA proposal.

Er macht sich über die „hidden agenda“ (Platini) und „so called programs“ (Ali, van Praag, Figo) lustig. Schon jetzt taucht vieles, was Champagne seit zwei Jahren öffentlich diskutiert, in den rudimentären Vorstellungen der drei potenziellen Kandidaten auf.

Und er schreibt einen Satz, den auch Blatter hätte schreiben können:

The slogans put forward by the three candidates supported by UEFA clearly show that no one dares to question the central cause of the current problems of football. It is most likely the price of this support and proof that it is not about football, but a purely political game!

Hier also sein Brief.

Sein Abschied aus dem Geschäft ist das natürlich nicht.

Bis gleich.

* * *

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