Serienlügner Jérôme Valcke sagt: die Fußball-WM 2022 in Katar wird in den Winter verschoben. Einen Beschluss dazu gibt es nicht.

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Tja, da muss die Arbeit am Buch leider wieder unterbrochen werden.

Die Fußball-WM 2022 in Katar wird verschoben – in den Winter. Sagt FIFA-Generalsekretär und Serienlügner Jérôme Valcke in einem Radiointerview.

Dafür gibt es, bisher, noch keinen Beschluss des FIFA-Exekutivkomitees. Es widerspricht auch den Versprechen von Blatter & Co aus den vergangenen Monaten. Wollte man nicht „Ermittlungen“ des fürstlich bezahlten Ethik-Ermittlers Michael Garcia zu vermeintlicher Katar-Korruption abwarten?

Ein weiteres Manöver.

Eine Unwahrheit mehr?

Nach dem Interview von Valcke glühen nun die Telefondrähte. Denke mal, es wird in Kürze eine FIFA-Erklärung geben. Valcke ist gewiss in Absprache mit Blatter vorgeprescht. Für beide steht viel auf dem Spiel.

(Zunächst dachte ich: Hoax.)

Und während ich das schreibe, rudert der Sepp zurück.

Absurd.

Stay tuned.

Ich werde hier im Laufe des Tages noch einiges veröffentlichen.

Hier habe ich einen Fehler gemacht: Es gab keine Sitzung in Marrakesch. Das Thema Katar wurde ausführlich im Oktober in Zürich behandelt. Das Protokoll dieser Sitzung wurde im Dezember in Brasilien abgesegnet.

14.07 Uhr: Hatte mich in der ersten Überschrift geirrt und nach einem Telefonat eine Äußerung von Vizepräsident Jim Boyce dem FIFA-Boss Blatter zugeschrieben. Boyce sagt: Nö. Er sei erschrocken über Valckes Äußerungen. Blatter schweigt. Noch. Aber ich wiederhole mich: Gewiss hat er das mit Valcke ausgeheckt.

16.20 Uhr: Der Versuch einer Einordnung für Spiegel Online ist abgeschickt, sollte dort in Kürze erscheinen. Ich denke, das reicht dann auch dazu.

Auch wieder typisch für die FIFA: Eine offizielle Erklärung wurde nicht verschickt und steht bislang nicht online. Es wurden mal wieder nur handverlesene Journalisten mit einem Dementi bedient. Ich schreibe das überhaupt nicht, weil ich irgendwie eingeschnappt wäre, keine Email bekommen zu haben. Das ist mir völlig egal, denn die Abläufe hatte ich im Prinzip längst beschrieben. Ich notiere das nur, um deren Medienpolitik/Propaganda (einmal mehr) zu skizzieren.

16.25 Uhr: Der sinnfreie Hickhack um ein Interview eines notorischen FIFA-Lügners nimmt leider ein wenig Aufmerksamkeit vom eigentlichen Fußballthema des Tages, dem Coming Out von Thomas Hitzlsperger in Die Zeit.

17.59 Uhr: Noch einige Tweets …

Nachtrag, 10. Januar. Das war meine Summary vorgestern für Spiegel Online:

Die unendliche Geschichte der Fußball-Weltmeisterschaft 2022 in Katar ist um eine weitere bizarre Episode reicher. Der Franzose Jérôme Valcke, Generalsekretär des Weltverbandes FIFA mit Ambitionen auf die Präsidentschaft, erklärte in einem Interview mit dem Radiosender France Info, die WM werde nicht im Sommer 2022 ausgetragen, sondern „zwischen dem 15. November und spätestens dem 15. Januar“. In welchem Jahr, ob also 2021/22 oder 2022/23, sagte Valcke nicht.

Die vermeintliche Nachricht machte weltweit Schlagzeilen. Indes hat Valcke nur seine Meinung dargelegt. Einen Beschluss des FIFA-Exekutivkomitees gibt es dazu nicht. „Es ist formal nichts abgestimmt oder entschieden worden“, sagte das Exekutivmitglied Theo Zwanziger.

Es läuft derzeit ein Abstimmungsprozess in der großen Fußballfamilie. Ich denke es bleibt beim Zeitrahmen, dass vor Ende 2014 keine Entscheidung über eine WM-Verlegung fällt.“

Zwanziger hat nie einen Hehl daraus gemacht, dass er gegen eine Sommer-WM in Katar ist.

Valcke hat seine Meinung geäußert, er ist weiter gegangen, als es formal richtig ist. Ich selbst denke ähnlich. Was da jetzt verlautbart wurde, kann man als Interpretation der Diskussion auf der Sitzung des Exekutivkomitees im Oktober 2013 betrachten.“

Zwanziger kam erst im Juni 2011, ein halbes Jahr nach der von Korruptionsfällen überschatteten WM-Vergabe ins Exekutivkomitee. „Bei allem Respekt vor getroffenen Entscheidungen, aber im Sommer kann man in Katar nicht Fußball spielen“, sagt er. „Das hat inzwischen auch die medizinische Kommission der FIFA erklärt.“ Zwanziger macht im Exekutivkomitee eine Tendenz zur WM-Verlegung aus, sagt aber auch, dass es beim öffentlich propagierten Ablauf bleibe. Eine Entscheidung falle demnach erst, nachdem Michael Garcia, Chef der Ermittlungskammer der FIFA-Ethikkommission, seinen Bericht zur WM-Vergabe vorgelegt habe. Dies soll im Frühsommer soweit sein. Parallel dazu treibt Katar übrigens die Ausschreibungen für die meisten WM-Stadienbauten voran und schafft damit weitere Tatsachen in Geld und Beton.

Zwanziger selbst befasst sich in diesen Wochen mit Fragen der Menschenrechte und Rechte von Arbeitnehmern in Katar. Mit Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International, dem Internationalen Gewerkschaftsbund und Barbara Lochbihler, Vorsitzende des Menschenrechtsausschusses im Europäischen Parlament, werde derzeit ein Forderungskatalog erarbeitet, sagt Zwanziger. Ende Januar soll das Papier vorliegen, für Mitte Februar hat Lochbihlers Ausschuss zu einer Anhörung nach Brüssel geladen. Zwanziger geht davon aus, dass er danach nach Katar reisen wird – und seinen Bericht dann zur nächsten Sitzung des FIFA-Exekutivkomitees im März vorlegt.

Nicht nur Zwanziger war von Valckes Interview überrascht. FIFA-Vizepräsident Jim Boyce aus Nordirland erklärte, er sei „schockiert“ von der Aussage: „Stand jetzt bleibt das Turnier im Sommer.“ Am Nachmittag verbreitete die FIFA ein Statement, in dem wie üblich zurückgerudert wurde. Valcke habe in dem Radiointerview nur seine Meinung gesagt, wie mehrfach zuvor, hieß es nun. Eine Entscheidung über eine WM-Verlegung falle  erst nach Beendigung des Anhörungsverfahren unter allen Aktionären der FIFA: Nationalverbände, Kontinentalverbände, Ligen, Klubs, Spieler, Sponsoren und TV-Stationen. Es gebe keine Eile. „Vor der WM in Brasilien wird nichts entschieden.“

Dieses Statement ging offenbar nur an wenige Journalisten. Weder auf der FIFA-Webseite noch im Media Channel habe ich dazu etwas gefunden. Inzwischen hat sich auch Michel Platini geäußert, der Guardian zitiert aus der L’Equipe:

When the executive committee was held in early October, it was decided to launch a major consultation of all football and no decision would be taken before the 2014 World Cup in Brazil. It was also agreed not to talk about this before then.

I do not see why it is discussed publicly. Two months ago Blatter spoke about it. Now it’s Valcke. This is supposed to be a decision for the executive committee of Fifa. But maybe the executive committee doesn’t matter.

If the decision has already been taken, then it does not even need to meet, except for those people who enjoy chatting.“

Der Vorgang erinnert an jene spektakuläre Email, die Valcke 2011 dem damaligen Vizepräsidenten Jack Warner geschrieben hatte: Die WM 2022 habe sich Katar erkauft, behauptete er darin – und erklärte später, er sei missverstanden worden.

Am Sachstand um die WM 2022 hat sich also nichts geändert. Warum dann die Aufregung? Wollte Valcke, in Abstimmung mit seinem Boss Joseph Blatter, einmal mehr die Stimmung sondieren? Wollte er vollendete Tatsachen schaffen?

Dem Duo Blatter/Valcke ist jede Finte zuzutrauen. Zur historischen Wahrheit gehört, dass es Valcke und Blatter waren, die den Fehler machten, die beiden Weltmeisterschaften 2018 und 2022 gemeinsam auszuschreiben. Das war der Anfang vom Chaos, bis zur Wahl von Russland und Katar als WM-Ausrichter wurde der Vergabemodus mehrfach geändert. Wenn sich Valcke und Blatter nun auf diese Weise von Katar distanzieren, ist das unglaubwürdig. Auch deshalb, weil Blatters Aufstieg vom Generalsekretär zum FIFA-Präsidenten ohne die finanzielle Unterstützung des Emirs von Katar nicht möglich gewesen werde: Emir Hamad, der die Macht im Sommer 2013 seinem Sohn Tamim übergab, hat ihm 1998 und 2002 Wahlkämpfe organisiert und mitfinanziert, das gestand Blatter längst ein.

Es empfiehlt sich aus einem weiteren Grund, Aussagen von Jérôme Valcke mit Vorsicht zu genießen. Dieser Mann pflegt ein zerrüttetes Verhältnis zur Wahrheit, wie seit einem spektakulären Prozess um Sponsorenverträge der FIFA gerichtsfest dokumentiert ist. Valcke, damals noch Marketingdirektor der FIFA, wurden zahlreiche Lügen nachgewiesen. Vor einem US Distriktgericht räumte er seine Lügen  ein. Blatter entließ ihn  im Dezember 2006 als Marketingchef – um ihn ein halbes Jahr später als Generalsekretär wieder einzustellen und öffentlich zu behaupten, Valcke sei nie entlassen worden.

So läuft das in der FIFA. Valcke und Blatter können schalten und walten wie sie wollen.

Dieser Ausriss aus der Executive Summary des Evaluierungsberichts zu den WM-Bewerbern 2018/2022 gefiel auf Twitter. Zum Vergrößern klicken:

2018-22-Executive-Summary-#FIFA

Herbert #1

Wie vermutet, die FIFA distanziert sich vom Falcke-Stuff und schiebt ihn in die Kategorie persönliche Meinung.

Sebastian #2

Mich würde ja mal interessieren, wie so ein Vertragswerk zwischen einem WM-Ausrichter und der FIFA aussieht. Vor allem vor dem Hintergrund, ob Korruption zum Beispiel ein Kündigungsgrund ist bzw. welche Schadensersatzforderungen auf die FIFA bei einem Entzug des Turniers zukämen. Gibt es dazu irgendwelche Informationen?

JW #3

Gute Fragen. Ist alles nicht öffentlich, so weit ich weiß. Andrew Jennings hat mal ein entsprechendes Dokument für die BEWERBUNGSPHASE veröffentlicht (das im Grunde den IOC-Verträgen ähnelt), zu Streitfällen gibt es dort ab Seite 30 einige Punkte.

Interessant, dass offenbar nicht der CAS zuständig wäre – muss ich mal prüfen.

Weil all das eben nicht öffentlich ist, sind auch juristische Äußerungen dazu mit Vorsicht zu genießen. Kevin Carpenter hat mal den Versuch einer Deutung unternommen, sagt aber gleich zu Beginn des Textes:

None of the legal documents required to be entered to bid for or host the 2022 World Cup were publically available. However, a number of these have been leaked by various online sources. (…)
One such is the 2022 World Cup bidding agreement itself. This was sent to member associations who responded to FIFA secretary-general Jerome Valcke’s letter dated January 15, 2009, inviting countries to express their interest to bid. Nowhere in either the letter or the bidding agreement does it state that the tournament will be held during June/July.
One of the documents submitted as an annex to the bid book, pursuant to entering into the bidding agreement, is the fundamental hosting agreement. This contains the key rights and obligations of the local organising committee as regards hosting the prestigious tournament. Unfortunately, the hosting agreement for the 2022 World Cup remains confidential.

Irgendwo im Netz soll sich der Hosting Contract für 2010 (Südafrika) finden. Hab’s gerade nicht gefunden. Sollte sich jemand interessieren und erfolgreich suchen – bitte Link und/oder Dokument hier rein und/oder per Email. Merci.

Sebastian #4
JW #5

Scheint so, zumindest zwischen FIFA und SAFA – aber wo sind die Regierungsunterschriften? Zumindest ist es der erste Teil, einige Seiten fehlen.

Sebastian #6

Ja, ist mir auch erst eben aufgefallen, dass der Vertrag leider unvollständig ist.

Kleiner Hinweis noch: Der Jennings-Link „BEWERBUNGSPHASE“ führt zu einem Youtube-Video.

JW #7

Merci. Der Link zum Dokument in #3 stimmt jetzt.

Johannes #8

Soweit ich mal gelesen habe, hätten die unterlegenen Bewerber bei einer Verlegung in den Winter Chancen bei etwaigen Schadensersatzforderungen an die FIFA (nachträgliche Änderung der Bewerbungsgrundlage). Einschätzung?

JW #9

@ Johannes: Wo liest Du das?

AX #10

Das würde mich überraschen. Welche Nachteile sollen denn den anderen Bewerbern spezifisch wegen der Terminierung entstanden sein?

Interessanter wären da schon die Sponsoren- und TV-Verträge. Ich kann mir kaum vorstellen, dass adidas bei einer WM im Winter annähernd so viele Bälle und Trikots verkauft wie bei einer WM im Sommer.

Apropos Winter, einen Vorteil hat das Valcke-Manöver Herrn Blatter schon einmal gebracht: Über den Rummenigge-Vorschlag redet kaum noch jemand.

Sebastian #11

In vorletzten Absatz steht ein bisschen was zum Thema Schadensersatz und zur Kritik eines TV-Senders.

http://www.sueddeutsche.de/sport/fifa-und-die-wm-in-katar-taktische-spielchen-zwischen-zuerich-und-katar-1.1858379

JW #12

Kenne ich. Da ist aber nichts Neues und nichts Recherchiertes daran – Lowy bzw die australische FFA wartet weiter ab. Er hat als Milliardär (Westfield) zwar selbst genug Geld, aber auch ein Interesse daran, Kompensation zu erhalten für Australiens Bewerbungskosten aus Steuermitteln. Das Geld würde gewiss in die Staatskasse gehen, womit dort unten der heißen Diskussion über Verschwendung von Steuermitteln einiges genommen werden könnte – so die Überlegung.

FOX-Leute haben sich in Interviews im Herbst ziemlich deutlich geäußert, die haben vor allem Angst wegen Überschneidungen mit den NFL-Playoffs.

Die Frage hier aber war: Wo steht das geschrieben, wo sind derlei Ansprüche festzumachen? Dazu die Kommentare #2,3 ff. Es geht nicht darum, wo es Journalisten immer mal wieder zusammenfassen, weil es die aktuelle Meldungslage verlangt.

Alle Seiten haben teure Juristen drangesetzt. Deren Expertisen werden kaum deckungsgleich sein. Die FIFA bzw Blatter/Valcke haben irgendwann im Herbst schon mal deutlich gemacht, dass es Kompensationen geben müsse – bei einer WM-Verlegung. Ex-Bewerber waren allerdings nicht erwähnt, sondern Verbände, Klubs etc. pp.

Dieser Aspekt, dass die FIFA vielleicht einen niedrigen zweistelligen Prozentsatz ihrer WM-Einnahmen weiter reichen muss, dürfte einer der Schlüssel zur Verlegung sein. Aber wahrscheinlich lassen sie sich das auch noch vom Emir bezahlen. Da sprudelt doch täglich ne Milliarde aus dem Erdreich.

Torben #13

Ich hoffe, dass in den nächsten Jahren Veränderungen bei der FIFA durchgeführt werden. Ihre Entscheidungen sind nicht mehr tragbar in meinen Augen. Warum wird eine Fußball-WM in einem Land ausgerichtet, dass erstens keine Fußball-Nation ist und zweitens so viel umgebaut werden muss, damit die WM stattfinden kann. Mir kommt der ökologische Aspekt hier eindeutig zu kurz. Dann werden 6-8 Stadien errichtet und was passiert danach mit diesen? Hinzu kommt noch die Klimatisierung der gesamten (!) Stadien während der WM … ich werde es nicht verstehen, aber da die WM für mich zu 100% gekauft wurde, liegt es wohl daran.

Johannes #14

Das ist jetzt ein Boulevard-Thema, aber dennoch. Allein diese Überschrift ….

http://www.blick.ch/news/schweiz/sepp-blatter-ist-bei-linda-schon-laenger-am-ball-id2626120.html

JW #15

Oh, Danke Johannes! Ich hatte die Neue beim Ballon d’Or an seiner Seite gesehen. Kannte sie aber noch nicht. Linda also. Ex des Dorfkönigs von Crans-Montana. Hübsch.

Robert #16

Oh mann, allgemein finde ich es so bitter, dass z.B. in Afrika soviel in Stadien investiert wurde, obwohl das ganze Budget für Sozialsysteme viel besser angelegt wäre. Schade, schade :( Guter Artikel, by the way!

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