Was vom Tage übrig bleibt (79): „Lutte contre le dopage: avoir une longueur d’avance“

Der/die Server des französischen Senats waren gestern schwer überlastet, nachdem der zuvor schon viel diskutierte Dopingbericht (238 Seiten) und der dazugehörige Anhang (782 Seiten) veröffentlicht worden sind.

Auf der Senats-Webseite gibt es dazu interessante Aufbereitungen (grafisch, Video etc.), obwohl auch da die Techniker ein bisschen schrauben und aufhübschen müssten.

Aber egal, der Inhalt soll ja im Mittelpunkt stehen. Und der ist beachtlich, sind doch schließlich einige Lügenbarone wie Erik Zabel (Unter-Tränen-„Geständnis“ von 2007: Epo nur 1996!) und Jan Ullrich (Nie Epo!) aufgeflogen.

Hier die Dokumente im Original, selbst wer nur so ein Touristenfranzösisch drauf hat wie ich, kann immerhin nach Namen durchforsten.

Der Bericht:

Der Anhang:

Eine erste Aufbereitung von Jonathan Sachse auf SpOn:

Wie so oft hat die NZZ eine etwas andere Meinung (wie so oft auch, wenn es um Informationen geht, die frei zugänglich gemacht werden):

36 Gedanken zu „Was vom Tage übrig bleibt (79): „Lutte contre le dopage: avoir une longueur d’avance““

  1. Winfried Gassmann

    Kennt jemand die Namen der Sportler, von denen genügend Urin zur Nachuntersuchung zur Verfügung stand und die diesbezüglich negativ waren? Ich weiß das ist kein Unschuldsbeweis. Dennoch würde es mich interessieren.

  2. Was ich mich gerade frage, ist die Art, wie die Journalisten über das jetzt neu bekanntgewordene Dopingvergehen berichten wollen, die damals bei seinem Tränenausbruch applaudiert haben. Kann mich noch gut daran erinnern und fand das von Seiten der anwesenden, applaudierenden Journalisten reichlich unprofessionell. Warum, sieht man jetzt gerade.
    Allgemein wundert es mich nicht, wer und wie viele damals EPO konsumiert haben.

  3. In Relation zum oben verlinkten NZZ-Beitrag (Athleten haben keine Chance zur Gegenwehr etc. pp.) finde ich die Reaktion von Stuart O’Grady recht bemerkenswert: Sofort-Geständnis, obwohl er in der Liste nur als „verdächtig“ genannt ist und bisher als unbelastet galt. Deutet an, dass an den Ergebnissen der Nachtests eher nicht zu zweifeln ist. (Was immer Erik Zabels angekündigtes In-sich-Gehen ergeben wird.)

    In Australien hat das Folgen, u.a. für die Athletenkommission des dortigen NOK, der O’Grady angehört, siehe:

    http://www.theage.com.au/sport/cycling/stuart-ogradys-admission-leads-to-expulsion-from-athletes-commission-20130725-2qkyj.html

  4. @ Winfried Gassmann:

    Ich habe bisher nur mal zum Jahr 1999 die Zuordnung der Ergebnisse zu den Fahrern zusammen gestellt:

    http://www.cycling4fans.de/forum/thread.php?postid=1410871

    Darin sind folgende Fahrer grün gekennzeichnet („Absence d’EPO recombinante“)

    13,8 Lebreton, Lylian
    18,3 Serrano, Marcos
    20,8 Colombo, Gabriele
    44,2 Steels, Tom
    51,8 Peron, Andrea
    59,1 Olano, Abraham

    Der Zahlenwert nennt die „% d’isoformes basiques“, was auch immer das nun genau zu bedeuten hat. So weit ich das anhand der Daten überschaue, scheint der Grenzwert zu „eindeutig rot“ bei 85% zu liegen. Der höchste „grüne“ Wert, den ich gefunden habe, liegt bei 61,9%. Ein Wert von 69,1% wird bereits als zweifelhaft eingestuft.

    @ha:
    Zabel, O’Grady und Tom Steels ergeben einen interessanten Vergleich. Siehe auch http://de.wikipedia.org/wiki/Tom_Steels

    Allerdings war er einer der Sprinter, die schlecht über die Berge kommen. Somit musste er sich im Kampf um das Grüne Trikot am Ende mit dem dritten Platz hinter Erik Zabel und Stuart O’Grady zufriedengeben.

  5. Stephane Mandard in einem „Chat“ der Le Monde von gestern
    „Il ne s’agissait pas d’échantillons sanguins mais d’échantillons urinaires. Il y a quelques années, j’avais demandé au patron du laboratoire antidopage de Châtenay-Malabry pourquoi il n’avait pas analysé les prélèvements pratiqués sur les footballeurs lors du Mondial 1998 en France, puisqu’il l’avait bien fait sur ceux des coureurs du Tour 1998. Il m’avait répondu qu’un émissaire de la FIFA détruisait méticuleusement tous les échantillons une fois déclarés négatifs. A cette époque, la législation antidopage internationale ne prévoyait pas d’obligation de conserver les prélèvements pour les soumettre, quelques années plus tard, à des analyses rétroactives. Si cela avait été le cas, il est fort à parier que la liste noire qui frappe aujourd’hui le cyclisme aurait aussi pu concerner des footballeurs.“

  6. sid: Anti-Doping-Kampagne mit Zabel fand nie statt

    Zabel und sein damaliger Teamkollege Rolf Aldag hatten sich am 3. Juni 2007 zu einem zweieinhalbstündigen Gespräch im Frankfurter Haus des Sports mit DOSB-Präsident Thomas Bach und -Generaldirektor Michael Vesper getroffen.
    […]
    Sämtliche Vertreter des damaligen Gesprächs in Frankfurt einigten sich auf ein mehrere Punkte umfassendes Maßnahmenpaket.

    DOSB (05.06.07): Zabel und Aldag unterstützen DOSB im Anti-Doping-Kampf

  7. Wie sagte schon der weise Wilhelm Busch: „Du weißt Bescheid, ich weiß Bescheid.“
    War etwa irgendwer da draußen überrascht ?

  8. Ein paar Fußballbezüge. Wer Lust und Zeit hat: Lohnt sich!

    Seiten 726-740 Diskussion u.a. mit frz. Sportarzt Jean-Marcel Ferret (ex. OL, FFF, frz. Nati).
    Kein Freund seines folgenden Nachfolgers. Weiß von nichts und verrät dann doch irgendwie viel.

    Ab S. 583 wird Jean-Pierre Paclet interviewt, NatiDoc 04-08, auch bekannt durch sein Buch mit Sagnol und 1998 Anekdoten.

    Deschamps zu hoher Hämatokrit (51,9) wird auch immer wieder angesprochen.

    Btw: Blatter und Dvorak wurden bei einem Sportverbände-Abklapper-Besuch in Lausaunne auch besucht.

    Dokument lässt sich auch schön nach ein paar gängigen Schlüsselbegriffen durchsuchen: FIFA, Weihnachten, Deschamps etc.

  9. Wurde schon irgendwo die positive Probe von Udo Bölts 1999 erwähnt? Oder habe ich heute Nacht nen Zahlendreher?

    Sein Geständnis wäre dann auch nicht vollständig gewesen.

  10. zu Udo Bölts:

    Version 1:

    Der ehemalige Sportliche Leiter des Teams Gerolsteiner, Bölts, am 22. Mai 2007 in den ARD-„Tagesthemen“:
    Er gestehe, zwischen 1995 und 1996 Epo und Wachstumshormone genommen zu haben, so Bölts, der sich bei den Fans entschuldigt.

    Version 2:

    Udo Bölts gibt zu, 1996 mit der Einnahme von Epo und Wachstumshormonen begonnen zu haben

    Hier ein wohl relativ aktueller O-Ton, wo er Version 2 bestätigt.

    Thomas Kistner in der SZ: Dopingverdacht im Fußball: Auffallend hohe Werte

  11. mon dieu! offenbar hält der bericht für kenner des französischen doch so manche perle bereit.

    ich hatte mich ja damals™ — zu beginn der kieler handball-affäre um schwenker, serdarusic et. al. — noch gewundert über das erschreckend amateurhaft erscheinende agieren so mancher vermeintlicher sportbusiness-profis. und auch hier zeigt sich: die fußballer machen auch den radsportlern vor wie man professionell vorsorgt:

    Vor einigen Jahren fragte [Mandard, Sportchef der „Le Monde“,] Pierre Bordry, Chef des Pariser Dopinglabors, warum er neben den Urinproben der Tour-Fahrer von 1998 nicht auch die der WM-Fußballer nachgeprüft habe. Bordry habe ihm gesagt, ein Gesandter des Weltverbandes Fifa sei damals im Labor aufgekreuzt und habe „alle Proben gewissenhaft zerstört, die einmal für negativ erklärt worden waren“.

    it’s so easy.

  12. @ jsachse

    Wurde schon irgendwo die positive Probe von Udo Bölts 1999 erwähnt? Oder habe ich heute Nacht nen Zahlendreher?

    1999 sehe ich da keine Positive. Auf Seite 210 nennt der Kontrollbogen (24.07.99, Futuroscope) die Flacon-Nummer „185810“. Auf Seite 72 taucht sie als [<125, indétectable] auf.

    Anders schaut es 1998 aus. Auf Seite 100 nennt der Kontrollbogen (17.07.98, Brave) die Flacon-Nummer "066213", die auf Seite 66 mit den Werten [5232, autoradio, 86.8, +] auftaucht.

    Damit liegt er knapp über der Grenze zwischen "verdächtig" und" erwischt".
    Siehe auch die„EPO-Rangliste der TdF-1998“

  13. Danke denkbär.

    Ursprünglich sollte der Grenzwert bei 60% liegen, wurde von der UCI aber auf 80% hochgehandelt. Dann würde das 98er Ergebnis von Bölts deutlicher ausfallen.

    Auch interessant: Die Trikottràger scheinen 98 nicht automatisch getestet worden sein. 99 ging (mit dem Verbot von Kortison?) die Anzahl der TUEs automatisch hoch.

  14. So, Zabel ist jetzt also seinen Job bei den Cyclssics los, die ARD prüft rechtliche Schritte. Alles nachvollziehbar – nur wird das andere Herren wieder mehr abhalten, etwas zuzugeben….

    Erschreckend fand ich im Zabel-Interview der SZ, dass es ein „Zauberfläschchen“ für die letzten Kilometer gab und dieses teilweise aus dem Wagen gereicht wurde, während des Rennens. Angeblich von d’Hont original gemixt und mit verbotenen Substanzen….aus dem Wagen gereicht…während des Rennens….

  15. Es wird doch sehr spannend werden, wenn die ARD mal so einen Prozess durchzieht.
    Mir kann niemand erzählen, das die oberen Herren der ARD/ZDF von dem ganzen Schlamassel nichts mitbekommen haben. Gleiches gilt für die Telekom.
    Armstrong hat es im Bezug auf US-Postal sehr richtig gesagt. Sinngemäß.. „Sie haben trotz der ganzen Gerüchte keine Anwälte losgeschickt um alles zu prüfen, sondern haben den Vertrag verlängert!“
    In der New York Times war mal ein sehr guter Artikel über Sport-Sponsoring und Doping.
    Der Sponsor kann nur gewinnen. Sind die Ergebnisse mit Hilfe von Doping da, gewinnt der Sponsor an Bekanntheitsgrad. Fällt ein Sportler/Team wegen Dopings auf, so steht der Sponsor wieder gut da, wenn er als Kämpfer gegen Doping sein Engagement aufgibt.
    Ich will damit keinesfalls Doping schönreden. Allerdings schreien solche Drohgebärden von z.B. US Postal, Telekom oder der ARD zum Himmel.

  16. In der Regel ist nichts unverbindlicher als anzukündigen, man „prüfe“ juristische Schritte – damit landet wer auch immer für einen Tag PR. Und das war’s.

    Meiner Meinung nach wirft Zabel – der sich ja nur in die nächsten Verjährungzeitraum gehangelt hat – nur eine interessantere Frage auf. Dieser Dauerlügner war in seiner Dopingzeit (96 bis 2001) für Grün, was Armstrong fürs Gelbe Trikot war. Darf man gespannt sein, wie das begründet werden wird, wenn diese Trikots nicht aberkannt werden.

  17. Absolut berechtigte Feststellung.
    Gleiches gilt für die Französischen Fußball-Weltmeister von 1998. Was passiert da, was passiert mit vielen Olympischen Medaillen..
    Wenn man ein Zyniker wäre, müsste man gar von der Streichung aller Ergebnisse von Weltmeister-/Eurpameister- / Deutschen Meisterschaften etc. pp. sprechen. Alles andere ist Heuchelei.
    Denn machen wir uns nichts vor, in jeder Sportart dürfte, vor allem in der Spitze, gedopt werden. Genauso wie in der Wirtschaft, Politik und im kleinen persönlichen Bereich beschissen wird, was das Zeug hält.
    Der Sprort ist das Spiegelbild der Gesellschaft

  18. Mit „bis 2003“ hat es auch geklingelt bei mir. Die 10 Jahresfrist drängt sich einem ja förmlich auf. Nur bin ich hier noch nicht so lange Mitlesender, deshalb: Ist das der typische Verjährungszeitraum? Also 10 Jahre?

  19. Acht Jahre, normalerweise. Entsprechend „gesteht“ der Witzbold jetzt, er habe bis einschließlich 2005 (die letzten zwei Jahre nur mit einem geheimnisvollen Trank) gedopt – und dann aufgehört.

    Der Sport ein Spiegelbild der Gesellschaft? Da würde ich doch „die Gesellschaft“ etwas in Schutz nehmen wollen. Lügen gehört nun nicht überall zum System.

  20. Obwohl ich zu denen gehöre, die auch Marcel Kittel in der Erfurter Sache verteidigt haben, muss ich ihn hier jedoch fragen, weshalb er sich ohne Not vor diesen Karren spannen läßt :

    The new generation is clean, German sprinter claims

    Marcel Kittel is proud to proclaim that he rides clean and is part of the “new generation of riders”. But he also knows that doping will never go away and therefore calls for criminal sanctions against dopers.

    One of the major steps that needs to be taken is “an anti-doping law in German, to criminally punish doped athletes. Doping should be a crime, which must be strongly punished. We all want harsher penalties for dopers,” he said.

    “Those who re-inject their own blood or give themselves an EPO shot or swallow growth hormone should be given a lifelong ban. Because you don’t do those things by accident.”

    Kittel further claimed that the “omertà” said to surround doping “doesn’t exist any more. In the meantime, most riders speak about what they think and see. I also think there is no more systematic doping in the teams. If there is doping, then it is done by individuals.”

    http://www.cyclingnews.com/news/kittel-doping-should-be-a-crime

  21. I also think there is no more systematic doping in the teams. If there is doping, then it is done by individuals.

    Hab ich irgendwo neulich schon mal ähnlich gehört.. ah, Moment:

    Ich hatte nie einen strukturierten Dopingplan, nie dafür irgendwelche Experten um mich rum und habe mich deshalb auch nie als Superdoper angesehen. Ich hatte nur Empfehlungen.

    http://www.faz.net/aktuell/sport/sportpolitik/doping/doping-im-radsport-zabel-gibt-umfangreiches-doping-zu-12309580.html
    In der Süddeutschen:

    Die Radler samt ihrer unsäglich dreisten Verbände stellen sich so blöd bei der Aufarbeitung des Problems an, dass sie Abscheu erwecken.

    http://www.sueddeutsche.de/sport/eriks-zabels-dopingbeichte-spiel-mit-dem-zauberflaeschchen-1.1733246
    Abscheu, Verachtung…Sascha Lobo würde es vielleicht Ekel nennen. Und das betrifft so ziemlich alle Dopingmethoden.

  22. Bei manchem Kommentar, stellt sich mir automatisch die Frage, ob der Verfasser selbst eine solch blütenreine Weste hat, um in solch einer Form auf den Tisch zu hauen und die Moralkeule zu schwingen….
    Herr Gassmann hat ja schon einen recht deutlichen Kommentar dazu geschrieben, den ich zu 100% unterschreiben würde….

  23. Beobachter, Mäßigung und Angemessenheit sind ja bekanntermaßen keine deutschen Tugenden. Auch in Foren nicht.

  24. Pingback: BRD-Doping oder: “Schutz des diskreten Anabolismus” über ein halbes Jahrhundert : sport and politics

  25. Hätte denn nicht ein einziger Erik Zabel bei seinem One-Day-Epo-Doping-Geständnis in der Pressekonferenz 2007 widersprechen können ? Dann wären er und der Radsport weiter.

    Sylvia Schenk hat Recht, aber sie hat nichts zu sagen:

    Wenn sich wirklich etwas ändern soll, dann muss das tief verwurzelte System geknackt, müssen Strukturen und Sportkultur grundlegend geändert werden. Allein die Einführung des Blutpasses, wie manche meinen, bewirkt das nicht. Bislang ist es noch immer gelungen, auch verfeinerte Anti-Doping-Maßnahmen zu unterlaufen, neue Mittel und Methoden zum Täuschen zu finden. Warum sollte dies plötzlich anders sein? War die Generation Ullrich/Zabel/Armstrong durchgängig kriminell veranlagt, und sind die jetzigen Fahrer einfach bessere Menschen? Das widerspricht allen Erkenntnissen zu den Voraussetzungen von Regeltreue, Ethik und Moral.

    Voraussetzung für einen Neubeginn bleibt jedoch die Aufklärung der Vergangenheit. Nur wenn noch bestehende Netzwerke zerschlagen, Erpressungspotenziale ausgeschlossen sind und die Wege zum und beim Doping analysiert wurden, können wirksame Prävention und Kontrollen entwickelt werden. Die Führung muss mit gutem Beispiel vorangehen, Transparenz und Integrität vorleben. Da ist es kontraproduktiv, dass der Internationale Radsport-Verband UCI jetzt rückwirkende Satzungsänderungen erwägt, um dem umstrittenen Präsidenten Pat McQuaid die Wiederwahl zu sichern. Wenn sich am Verhalten der Spitze nichts ändert, fehlt die Glaubwürdigkeit im Anti-Doping-Kampf.

    http://www.sueddeutsche.de/sport/doping-in-deutschland-die-heuchelei-geht-weiter-1.1740629-2

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