Was vom Tage übrig bleibt (75): Machtwechsel in Katar, IOC-Evaluierungsbericht Sommerspiele 2020 – Istanbul, Madrid, Tokio

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Auf ein Ereignis in Katar und ein Dokument des IOC muss ich hinweisen.

Zunächst: Im Sportwunderland Katar steht ein Machtwechsel an.

Emir Hamad, der 1995 seinen Vater aus dem Amt geputscht hat, als dieser seine Konten in der Schweiz überprüfte (ich liebe diese Geschichte!), will nicht auf einen Putsch warten und übergibt das Zepter an seinen Thronfolger, logisch, Scheich Tamim bin Hamad bin Khalifa Al-Thani.

Emir Tamim

(c) Qatar Olympic Committee via Flickr

Wie schon bei einer anderen Thronbesteigung 2013, in den Niederlanden, als der gewesene Prinz und nunmehrige König Willem-Alexander u.a. ankündigte, seine IOC-Mitgliedschaft abzugeben, kann man wohl davon ausgehen, dass auch Tamim nicht länger IOC-Mitglied bleiben wird. Über einige andere Funktionen, die Präsidentschaft im NOK und im Qatar 2022 Supreme Committee, dem Organisationskomitee der Fußball-WM 2022, muss ebenfalls entschieden werden.

Klar ist allerdings, dass Tamim (33) die sportive Expansionspolitik seines Vaters Hamad auch als Emir fortsetzen wird. Das Sportbusiness ist Kern eines gigantischen Masterplans (Qatar National Vision 2030), der u.a. vorsieht, Doha zur Sporthauptstadt des Planeten zu machen.

Die Verflechtungen und Abhängigkeiten, die durch die Verteilung märchenhafter Verträge und Reichtümer geschaffen werden, suchen im Weltsport ihresgleichen.

Dabei sind diese Institutionen von zentraler Bedeutung:

  • Qatar Foundation
  • Qatar Investment Authority mit der Tochterfirma Qatar Holding
  • Qatar Sports Investment
  • Aspire Sports Academy
  • Qatar 2022 Supreme Committee

Irgendwann finden in Doha auch Olympische Sommerspiele statt. Ich schätze, spätestens 2028.

Scheich Tamim wird nun erst recht ein Thema für mein Buch, das Sie kaufen und vorfinanzieren können. Ich habe Tamim erstmals 2003 im Gefolge des FIFA-Patrons Joseph Blatter während des FIFA-Kongresses in Doha etwas umfassender beobachtet.

Einige erste Leseempfehlungen:

Wenn jemand tiefgründige Analysen findet, bitte her mit den Links.

* * *

Thema zwei heute Mittag: Das IOC hat den Evaluierungsbericht für die drei verbliebenen Kandidaten der Olympischen Sommerspiele 2020 veröffentlicht. Für Istanbul, Madrid und Tokio.

Hier ist die Pressemitteilung und hier das Papier:

Tut mir leid, aber es wird immer absurder. In früheren Evaluierungs- und Vorberichten wurden schon noch Noten vergeben, mitunter sogar Rankings (zwar nur Noten “von – bis”, natürlich nie: ganz klar), aber hier?

Hinweise auf die Demokratie-Eruptionen in der Türkei sucht man, natürlich, vergebens. (Sollte ich auf die Schnelle etwas übersehen haben, gibt es eine Ansichtskarte von der IOC-Session kommende Woche in Lausanne an denjenigen, der mich korrigiert.) Man wird sich damit herausreden, dass der Bericht angeblich schon im April fertig gestellt worden sei – irgendsowas.

Ich habe beim ersten Drüberschauen nicht mal eine halbwegs verwertbare verbale Gesamteinschätzung gefunden. In anderen Berichten hieß das manchmal: “sehr gut geeignet”, “hervorragend”, “geeignet” … die Spiele auszutragen. Auch nicht genug, ich weiß. Und überhaupt bleibt es dabei: den IOC-Mitgliedern wird nicht die Last einer auf Datenanalyse basierenden und vielleicht sogar halbwegs schlagkräftigen Bewertung auferlegt. Sie sollen nach Gefühl über derlei Milliardenprojekte abstimmen – und können diese Entscheidung in diesem IOC-Superwahljahr, zum Beispiel, munter mit Überlegungen zur IOC-Präsidentschaft kombinieren.

Es ist unfassbar.

Ich habe das in den vergangenen Jahren an vielen Beispielen beschrieben:

Das IOC hat ein riesiges Datenmaterial von allen Olympischen Spielen und gibt ein Vermögen für die Lagerung der Daten in Rechenzentren aus. Seit 20 Jahren werden mit riesigem Aufwand derlei Evaluierungsberichte erstellt. Es wäre ein Leichtes, computergenerierte, durchaus verlässliche Ranglisten zu erstellen.

Das ist nicht erwünscht.

In den Vorausscheiden, wenn Applicant Cities zu Candidate Cities werden, enthalten die Berichte sogar Noten. In der Vorentscheidung jedoch nicht.

Im Mai 2012, als das IOC-Exekutivkomitee in Quebec City die drei Finalisten festlegte, hatte ich für einige Zeitungen u.a. gedichtet:

Diese Niederlage war brutal. Zum zweiten Mal in Folge wurde die Olympiabewerbung von Katar, Hauptstadt des winzigen aber steinreichen Emirats Katar, vom Exekutivkomitee des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) für zu schwach befunden. “Enttäuscht und geschockt” sei man, erklärte Bewerbungschefin Noora Al-Mannai am Rande des IOC-Gipfels in Quebec City (Kanada). Und sie zürnte, das IOC habe “zu 1000 Prozent eine politische Entscheidung getroffen”.

Recht hat die Dame.

Wenngleich niemand den Kataris explizit sagte, dass weder Olympia in der Steinwüste noch ein von Korruptionsvorwürfen überschattetes Olympia erwünscht sind. Um beides geht es, die im Bericht der IOC-Evaluierungskommission aufgeführten Gründe sind zu vernachlässigen.

Wie schon vor vier Jahren, als es um die Sommerspiele 2016 ging, sortierte die IOC-Führung Doha in der Vorrunde aus. 2008 argumentierte das IOC unredlich und schob den von Doha vorgeschlagenen Termin im Oktober vor. Diesmal wurde der Termin, der die ärgste Hitze umgehen soll, grundsätzlich akzeptiert, jedoch mit dem Hinweis garniert, dass im Oktober, wenn die großen Profiligen in Europa und den USA ihren Vollbetrieb aufgenommen haben, TV-Anstalten Schwierigkeiten mit einer ansprechenden Olympiavermarktung hätten.

Neben Doha, für das in Quebec nur drei von zwölf IOC-Exekutivmitgliedern votierten, wurde auch Aserbaidschans Hauptstadt Baku verabschiedet. Die Sommerspiele 2020 werden in Tokio (12 Stimmen) oder Istanbul (11) stattfinden. Obgleich Madrid, das sich zum dritten Mal in Folge bewirbt, von allen anwesenden Exekutivmitgliedern gewählt wurde, gilt diese von argen Finanzproblemen begleitete Bewerbung als chancenlos. Das Budget der Spanier wurde bereits um die Hälfte gekürzt. Das letzte Wort hat nun die IOC-Vollversammlung, die im September 2013 in Buenos Aires tagt. Auf jener Session wird auch der Nachfolger des amtierenden IOC-Präsidenten Jacques Rogge gewählt.

[Die Chancen von Madrid schätze ich inzwischen kolossal anders ein!]

Tokio erhielt im IOC-Prüfbericht Bestnoten und wurde als “starke Bewerbung” apostrophiert. Tokio wirbt nach der Mehrfachkatastrophe des Frühjahrs 2011 damit, die Olympischen Spiele als Katalysator des Wiederaufbaus einer geschundenen Region zu nutzen. Die IOC-Arbeitsgruppe empfahl auch Istanbul für die Finalrunde, zeigte jedoch Schwachstellen der Offerte auf – vor allem das Problem, das Istanbul im Jahr 2020 nicht gleichzeitig die Sommerspiele und die Fußball-Europameisterschaft stemmen kann, was Rogge kürzlich öffentlich klar gemacht hat.

Das Aus für Doha darf als eine Art Kulturbruch verstanden werden. Der Beschluss der IOC-Führung dient der Korruptionsbekämpfung, auch wenn das niemand laut sagt. IOC-Präsident Rogge wollte Schlagzeilen verhindern, wie sie der Fußball-Weltverband FIFA bei seiner Entscheidung, die WM 2022 nach Katar zu vergeben, seit Dezember 2010 weltweit macht. Kein IOC-Mitglied lässt sich so zitieren, doch etliche raunen Reportern zu: Wenn Doha jetzt zur Kandidatenstadt bestimmt worden und in die Finalrunde eingezogen wäre, hätte Doha im September 2013 auch gewonnen. Das Geld für den Stimmenkauf auf allen Ebenen, meist getarnt als Entwicklungshilfe, ist Dank der unermesslichen Gas- und auch Öl-Vorräte reichlich vorhanden.

Doha positioniert sich zunehmend als Sporthauptstadt des Planeten und greift damit den Status der IOC-Metropole Lausanne an. Das konnte Rogge nicht gefallen. Andererseits aber hat Katar auf vielfältigen Wegen zahlreiche olympische Weltverbände alimentiert und richtet zum Beispiel Weltmeisterschaften in der Hallenleichtathletik, im Schwimmen und im Handball aus. (…)

Thomas Bach, Favorit auf die Rogge-Nachfolge, wird sich künftig mit der Frage befassen müssen, ob die arabische Welt aufgrund geografischer Gegebenheiten nie für Sommerspiele in Betracht kommt. Ein spannendes Thema. Denn einen Teil seiner Stimmen holt Bach stets in dieser Region, in der er auch Geschäfte macht und beispielsweise seit sechs Jahren als Chef der arabischen-deutschen Geschäfteanbahnungsgesellschaft Ghorfa agiert.

Und das ist der Bericht aus dem Mai 2012:

Die 2020er Kandidaten verbreiten allesamt Jubelmeldungen:

Eine erste Einschätzung auf Games Bids:

enrasen #1

[Die Chancen von Madrid schätze ich inzwischen kolossal anders ein!]

Warum?
“Nur” wegen der Freundschaft von Alejandro Blanco zu Vizer und Al-Sabah?

link

Rechts von Ng: Alejandro Blanco, Boss der Olympiabewerbung Madrid 2020, Judo-Freund von Marius Vizer, stets nah am Scheich Al-Sabah – und hier im Austausch mit Scheich Saud.

JW #2

Nö. Nicht nur deshalb. Es sind so Wasserstandsmeldungen, kombiniert mit Erfahrungen, Beobachtungen, n bisschen sportpolitischem Gefühl usw usf. Habe an anderer Stelle auch schon gesagt: Madrid und nicht Istanbul oder Tokio wäre gut für Scheich-Pläne 2028 u.a.

Und: Habe die Erfahrung gemacht, dass ich auf dieses Bauchgefühl hören und mich nicht von anderen Berichten leiten lassen sollte.

Aber, wenn sich der Wasserstand ändert, bist Du life dabei, keine Sorge.

Ralf #3

noqueremosmadrid2020.blogspot.de: Di no a Madrid 2020

Henning #4

Glaubst Du, dass die politischen Unruhen in der Türkei Einfluss auf die Wahl des Austragungsortes der Spiele 2020 haben wird?

JW #5

Oh oh oh. Henning, ich will nicht ausweichen, aber das wäre Thema einer längeren Betrachtung und Recherche. Ist gewiss ein Pflichtthema kommende Woche bei der außerordentlichen IOC-Session in Lausanne.

Nur so viel, sorry: Grundsätzlich ist das IOC ziemlich autark und lässt Krisen und Menschenrechte (s. Peking 2008/Tibet etc pp) mal eben links liegen. Hier aber scheint es mir so, dass es eine Rolle spielt bei der Entscheidung. (ad hoc geantwortet)

Henning #6

Danke, Jens, das reicht mir schon.

AX #7

Kleine, aber feine Differenzierungen finden sich dann aber schon, z. B. Tokyo vs. Madrid:

The Commission is confident that the Japanese economy would be able to support the necessary infrastructure development needed for the delivery of the Games. (…)
The support and engagement of the business community is evident and was very much underlined (…)

As the additional investment required to deliver the Games is relatively modest, the Commission believes that Spanish economy should be able to support the delivery of the Games. (…)
The private sector is supportive and many companies back the bid.

Warum allerdings Japan als parlamentarische Demokratie, Spanien dagegen als parlamentarische Monarchie beschrieben wird, erschließt sich mir nicht.

Ich bin jedenfalls gespannt, auf nähere Erläuterungen zum Bauchgefühl zu gegebener Zeit.

Stefan #8

Qatar, ein Wintermärchen (In 9 Jahren ist schon WM!)
http://www.faz.net/aktuell/sport/fussball/fussball-wm-2022-qatar-ein-wintermaerchen-12691036.html?offset=0

Beim zweiten WM-Spiel erstrahlt die Berliner Fanmeile in den traditionellen Farben des DFB-Teams: Schwarz (Straßenlaternen) und weiß (Schnee). Beim Public Viewing am Brandenburger Tor sehen 7 Leute, davon 6 Touristen aus Nordkorea), das 4:0 gegen Gibraltar..

Stefan #9

Kurze Ansage von Franz “Kaiser” Beckenbauer:

Und ich finde, wenn einer mault, dann bleibt er eben zu Hause, dann findet die WM eben ohne ihn statt.

Aber den find ich noch besser:

Ich war ein paar Mal beim Emir zu Hause. Die Katarer sind voller Begeisterung für die WM.

Das find ich doch mal ein vorbildlich überschaubares Volk, das immer voll mitmacht bei dem, was der Emir will. Da können noch so viele Inder auf den Baustellen verrecken: Der Katari lässt sich davon nicht beeindrucken.

Das tät uns auch mal gut, immer das zu wollen, was der Seehofer will. Ja, und die andern können halt daheim bleiben und die WM beim Glühwein auf der Weihnachtsfeier schauen, die wird der Kaiser ja dann verpassen. Denn der ist immer fleißig dabei und fährt zum Emir und richtet mal das ein- oder andere Blümchen hin.

JW #10

In Ergänzung zu seinen vorherigen exklusiven Berichten, dass er in Katar noch keinen Sklaven getroffen hat, ergibt sich ein sehr plastisches Bild des Kaiser-Hirns.

Ralf #11
Stefan #12

Ja gut, wenn diese Inder halt den ganzen Tag nur auf der Baustelle rumstehn und abends in den Wellblechbaracken, da musst Du ja an Lagerkoller entwickeln…damals 74 hab i auch immer zum Günter gesagt, komm hol Dein Porsche und mir fahrn in die Disco, ich mein a bissele Vergnügen möcht halt schon sein.

cf #13

@Stefan
Jetzt muss ich doch mal reingrätschen — dunkelgelbe Karte! Das sind doch alles falsche Tatsachenbehauptungen, die du hier aufstellst! Hart an der Grenze zur üblen Nachrede! Vermutlich auch noch mit einer Prise Rassismus gewürzt!

Denn: Von gewesenen Indern kann doch wohl kaum die Rede sein. Schließlich geht es in erster Linie um Bauschaffende nepalesischer Herkunft. Nepal. Nicht Indien.

(Leicht zu merken, weil passt ja auch ländergrößenmäßig viel besser.)

Stefan #14

Ja gut, Nepal, Indien, Peru, Hauptsache Asiaten.

Ralf #15

Hendrik Buchheister für SpOn: Kaiserschmarrn

Beckenbauer ist eine Lichtgestalt. Doch das Licht verglimmt.

Stefan #16

Jack Warner soll 1,5 Mio Dollar für Katar 2022 bekommen haben.
Nein! Doch! Ooh!
http://www.zeit.de/sport/2014-03/fussball-wm-katar-bestechung

Das Geld sei von einer Firma des katarischen Fußball-Offiziellen Mohammed bin Hammam gekommen.

Und Link zum Telegraph
http://www.telegraph.co.uk/sport/football/world-cup/10704290/Qatar-World-Cup-2022-investigation-former-Fifa-vice-president-Jack-Warner-and-family-paid-millions.html

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