„Was sind das denn für Mädchen?“

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… fragte Wim Thoelke einst im Aktuellen Sportstudio. Ganz unaktuell ist diese Frage nicht.

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(via Ronnie Grob, Bildblog)

So sieht das heute aus, etwa in der gerade eben von der FIFA vorgestellten Marketing-Offensive: Live your goals

# disclosure 1: Ich schaue mir dieses Talkshow-Gewäsch zur Fußball-WM der Frauen (gern auch Damen-WM genannt) gar nicht erst an. Einfach nur ärgerlich, nicht nur das als Politikerin getarnte DFB-FIFA-Maskottchen Claudia Roth.

In den Print- und Online-Medien findet sich aber doch manches, was Lesebefehle rechtfertigt. Zum Beispiel:

  • Heike Faller im Zeit-Magazin: Elf Frauen sollt ihr sein – Kann es sein, dass das neue Image vom Frauenfußball als Girlie-Sport nur ein Sommermärchen ist?

Ich habe in meinem Leben mit vielen Mädchen Fußball gespielt, aber eine Tussi war nie dabei. Nicht auf den Wiesen meiner Kindheit, in den siebziger Jahren, oder später, nach dem Handballtraining, zu dem wir eigentlich nur gingen, weil in der letzten halben Stunde Fußball gespielt wurde. Und schon gar nicht 1999, als ich in einer lesbisch-feministischen Mannschaft in Berlin anfing, wo ich mich nach vier Jahren als hetero outete. Frauen, die sich schminkten, machten Geräteturnen und Jazztanz. Wenn gebolzt wurde, flohen sie an den Spielfeldrand und beschränkten sich darauf, den Ball unbeholfen mit der Fußspitze zurückzukicken. Während ich nicht anders konnte, als jeden Volleyball, Handball, Tennisball mit dem Innenrist meines linken Fußes in imaginäre Torwinkel zu lenken. Und es war nicht nur das Spiel, das ich liebte. Es war auch seine Männlichkeit, die Art zu gehen oder auf den Boden zu spucken oder sich die Hosenbändel über die Shorts hängen zu lassen. Ich sah das auch bei allen anderen, mit denen ich spielte: Wir waren Jungsmädchen, Vatertöchter, Mädchen, die sich in Röcken verkleidet vorkamen. Und nicht wenige von uns wurden später offenbar lesbisch. Und jetzt sollen wir plötzlich feminin sein (ein Wort, dass ich erstmals mit elf hörte, mit langem ee, als man mir Ohrringe verpasste)?

  • Eva Berendsen in der FAZ: Shoppen mit Tante Käthe – Eine Wunschvorstellung, die die Spielerinnen in ein Korsett zwängt: Der DFB inszeniert die Frauenfußball-WM als Familienereignis. Anstatt sportliche Leistungen zu betonen, flüchtet man sich in alte Vorstellungen von Weiblichkeit.

Das Bild, das Funktionäre, Sponsoren und Medien vom Frauenfußball entwerfen, ist eine Wunschvorstellung, die die Spielerinnen in ein Korsett zwängt, dem sie auf Dauer nicht entsprechen können. Wünschen wir ihnen, dass sie sich zumindest auf dem Feld von diesen Ansprüchen freispielen können.

Von der Bundeskanzlerin bis zum Erzbischof von Hamburg: Wer sich über die Frauenfußball-WM in Deutschland öffentlich äußert, sagt nur Freundliches. Der Rest hält die Klappe. Wo sind nur die Spielverderber? Die kollektive Verkrampfung zeigt sich darin, wie die deutsche Elf vermarktet wird.

Und das strengste Verbot lautet derzeit: Bloß nichts Böses über Frauenfußball sagen, weil: ist ja WM. Und unsere Mädels sollen auch ein Sommermärchen kriegen wegen der Gleichberechtigung. Wenn nicht mindestens eine halbe Million Vollhonks auf der Fanmeile rumröhren, dann zieht Alice Schwarzer bestimmt vor den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte und klagt Jubelzwang ein.

Glückwunsch auch für all die unterschwelligen Sexismen, die man eben nur scheinbar aufdeckt, in dem man sie so wunderbar offen und ehrlich thematisiert: Im Frauenfußball, so lehrt uns die junge Deutsch-Türkin Fadime, ist es eben doch der heimliche Wunsch jeder Spielerin, die Karriereleiter zumindest so heraufzuklettern, dass man ihr von unten unter den Rock gucken kann. Aber damit wird Olli Bierhoff leben können, immerhin ging es nicht gegen seine Jungs.

Interviews mit Bernd Schröder dürfen natürlich nicht fehlen. Es gab viele davon in den vergangenen Monaten – zurecht. Auch wenn sich einiges wiederholt, kaum jemand spricht besser – und kritischer – über Frauenfußball und konterkariert damit das dümmlich-hölzern-verlogene Bemühen von Gutmenschen und PR-Strategen.

Anna Gauto und Christian Spiller von zeit-online warnt Schröder in typischer Art:

Ich habe nur Angst, dass sich die Stimmung umdrehen könnte. Ich sage Ihnen: Wenn ich Sie erwische, wie Sie sich nach einer vielleicht enttäuschenden WM über den Frauenfußball lustig machen, dann sind Sie für mich gestorben. Auch wenn Sie das vielleicht nicht interessiert.

Das komplette Interview: „Wir brauchen Persönlichkeiten, keine Barbie-Puppen“

Sie müssen doch realistisch sein. Wir haben ein festes Publikum. Vom Männerfußball kommt niemand zu uns, warum sollte er auch? Ich würde natürlich auch gerne sehen, dass wir groß rauskommen. Aber ich bin auch da, wenn es schlecht läuft.

Ich kenne meine Spielerinnen, die Familien, die sozialen Strukturen, wie sie ticken. Man muss auch wissen, wann jemand reinpasst und wann nicht. Lira Bajramaj hat bei uns anderthalb Jahre glänzend reingepasst. Sie hätte sich woanders nie so entwickelt. Bei uns wurde sie zum Gesicht des deutschen Frauenfußballs. Aber wenn sie bei uns geblieben wäre, hätte sie sich nicht weiterentwickelt. Sie ist ein liebes, nettes Mädchen, die auch in dieses Barbie-Ding reinpasst. Dass sie alles nutzt, um groß rauszukommen, ist mir völlig klar.

Was würden Sie ihr mit auf den Weg geben?

Ich habe ihr gesagt: Mädel, ich wünsche Dir alles Gute, aber sei ehrlich zu Dir selbst. Bei bestimmten Entscheidungen ist Lira leider ein bisschen fremdgesteuert. Was ja nicht negativ sein muss.

Sie hat vor Kurzem eine Pressemitteilung herausgegeben, in der sie sagt, dass sie nicht fremdbestimmt ist.

Alleine so etwas rauszugeben, ist für mich schon ein Zeichen. Ich bin ein Christ: Dieser Berater ist ein Pharisäer. Das Schlimme ist ja, dass sich diese Leute die „schwachen Frauen“ suchen, die sich schnell führen lassen.

In der Berliner Zeitung äußert sich Schröder gerade im Interview („Ahnung wie ein Eunuch von Liebe“) mit Jürgen Ahäuser erneut und macht mit Kritik an seinen Lieblingsfeinden Silvia Neid und Siegfried Dietrich einmal mehr Schlagzeilen.

Ich habe auch nie gesagt, dass sie keine Ahnung vom Fußball hätte. Mich stört, dass sie uns gegenüber den Respekt vermissen lässt Ich hätte schon erwartet, dass sie sich beim Champions-League-Finale in London den deutschen Meister angeschaut hätte.

Sie haben ihr in dem Zusammenhang vorgeworfen, sie denke wohl, die Mauer stünde noch.

Es gehört sich, mal in der Bundesligasaison zu einem Verein zu kommen, der nicht gerade der letzte in Deutschland ist. Das wäre eine Referenz an das Team gewesen.

Aber da geht es dann schon wieder um Kleinigkeiten, wer wann zu wem kommt, ist eigentlich uninteressant.

# disclosure 2: Mir gefällt Bajramaj als Fußballerin. Und ich beobachte seit vielen Jahren fasziniert, was Bernd Schröder da mit Turbine Potsdam treibt.

# disclosure 3: Ich habe eine Akkreditierung für die WM. Und ich habe sogar drei Karten für das Eröffnungsspiel am Sonntag gegen Kanada gekauft und setze mich mit kleinen Jungs auf die Tribüne.

Nachtrag 1, Dank an Dirk, Kommentar #2:

  • Anna Kemper in der Zeit: Ball spielende … Wollmilchsau – Von den deutschen Fußballspielerinnen verlangt man bei der Weltmeisterschaft das Unmögliche

Die Erwartungen an die Spielerinnen sind in den vergangenen Wochen immer höher geworden: Sie sollen alle Spiele gewinnen, aber ihre Siege dürfen nicht zu hoch ausfallen, denn das würde bedeuten, dass die Gegner zu schwach sind und das Niveau des Frauenfußballs zu niedrig. Weltmeister müssen sie natürlich trotzdem werden, aber nicht nur aus sportlichen Gründen, sondern zu höheren Zwecken: als Vorbilder für Mädchen, die Fußball spielen wollen, obwohl ihre Freundinnen lieber zum Ballett gehen. Sie sollen außerdem gewinnen, damit der Migrantenanteil in den Vereinen steigt. Sie müssen erfolgreich sein, weil sich sonst die Medien, die sich weit aus dem Fenster gelehnt haben mit umfassender Berichterstattung und der Übertragung aller WM-Spiele, der Lächerlichkeit preisgeben.

Das Spiel der Fußballerinnen muss bei alledem selbstverständlich attraktiv sein sowie körperbetont und kraftvoll, und abseits des Platzes sollen auch sie selbst attraktiv sein, dabei jedoch bloß nicht kraftvoll aussehen. Sie dürfen sich aber nicht zu weiblich und zu sexy präsentieren, denn wer sich im Playboy auszieht, der macht sich zum Sexobjekt. Lesbisch aussehen sollten sie auf gar keinen Fall, höchstens, wenn sie lesbisch sind, dann müssen sie aber auf jeden Fall dazu stehen, weil es wichtig ist, zu zeigen, dass der Frauenfußball viel toleranter ist als der Männerfußball.

Nachtrag 2, Mensch, habe ich doch einen der interessantesten Beiträge verschlampt, den ich seit Monaten schon empfehlen wollte:

Die taz hat einst im Hausblog ihre Erfahrungen beim Interview (bzw der unsäglichen Praxis der Autorisierung) mit Fatmire Bajramaj und deren Management notiert.

Zwei Tage später kam die E-Mail von Bajramajs Management. Sie seien mit dem Inhalt des Interviews überhaupt nicht zufrieden. Sie hätten es neu geschrieben.

Aha. Neu geschrieben. Interessant.

Gut die Hälfte des Gespräches hatten Bajramajs Manager gestrichen. Laut dem Interview, das wir zurückbekamen, soll Bajramaj mehrmals gesagt haben, wie wichtig es ihr ist, mit „attraktivem Fußball“ zu begeistern. Sie soll gesagt haben, dass Fußball doch „ein Spiel mit Emotionen“ sei und wie dankbar sie ist für ihre Bundeswehrförderung. Bajramaj spricht, geht es nach ihren Managern, sogar in Smileys.

Tatsächlich erzählte Bajramaj während des Gesprächs viel über ihr großes Vorbild Zinedine Zidane, darüber, wie sie oft seine Tricks kopierte, wie sie sein Durchhaltevermögen bewundert. Auf die Frage nach Zidanes Ausraster beim WM-Finale erzählte Bajramaj sichtlich erregt, dass sie seine Aufregung durchaus nachvollziehen kann, Matarazzi hätte ihn sicher schwer beleidigt. Und überhaupt würde sie wahrscheinlich in so einer Situation ganz anders ausrasten. Nach dem Prüfen der Manager stand als ihre Antwort auf die Frage aber nur noch: „Niemand ist ohne Fehler.“ (…)

Auch dass Bajramaj gerne mal ein Glas Sekt trinkt, dass ihr wichtig ist, auch auf dem Platz gut auszusehen, wollten die Manager ursprünglich streichen. Und kein Wort sollte in dem Interview darüber stehen, dass es im Frauenfußball Lesben gibt.

jsachse #1

JS # disclosure 1: Ich schaue mir das Eröffnungsspiel ebenfalls im Stadion an, verschwinde dann aber ganz schnell zur Tour de France, da weiß ich, was ich hab und worüber ich mich ärgern kann.

Fast vergessen. Wer die Frauen-WM nicht live verfolgt, hat Angst vor… http://www.youtube.com/watch?v=Sj0Wk9Oa43s

Dirk #2
Philipp #3
Jens Weinreich #4

Sensationell!

Arnesen #5

19 teilige Bilderserie bei 11Freunde zum Betroffenheits-Tatort

Als ich das an anderer Stelle schon mal verlinkte, kam der schöne Kommentar: „Zwanziger schafft noch das Kunststück, dass man sich nach EmVau zurücksehnt.“

Otto #6

sueddeutsche.de:
„FIFA stellt Imagekampagne vor: «Lebe deine Ziele»“
http://newsticker.sueddeutsche.de/list/id/1171310

Frohmann #7

Sollte das hier
das gewünschte Bajramaj taz-Interview sein?

Jens Weinreich #8

Ja, Danke.

Stefan #9

@5 Oder nach Börtie Vogts. „Gib dem Kaninchen eine Möhre extra. Es hat uns das Leben gerettet“ Das sind Sätze für die Ewigkeit.

Stefan #10
gun #11

Dieser Frauenfußball-WM Hype ist ein Musterbeispiel für die Rolle der Medien im Showsport.Im Schulterschluss von Verbänden und Sponsoren wird versucht eine Geldmaschine aufzubauen.Dabei verkommt der Sport zu einem teilweise lächerlichen Zirkus, den die Spielerinnen wirklich nicht verdient haben.

sternburg #12

Wenn der DFB 2015 eine WM im Katzenkotweitwurf ausrichtet, so wird dies das nächste Somermärchen.

Ralf #14

JW für den Deutschlandfunk: mp3-Datei:

Morawi Makudi – Porträt des FIFA-Organisationschefs der Frauen -WM
Sendezeit: 26.06.2011 19:19
Autor: Weinreich, Jens
Programm: Deutschlandfunk
Sendung: Sport
Länge: 06:28 Minuten

Ralf #15
klönschnack #16

Marketing-Offensive: Live your goals?
ohweh, warum dann nicht gleich „Lebe deine Tore“ übersetzen? … du Tor?

Mehr beliebig-Leistungs-Simmulations-Gelaber, mehr Brot für Werbe-Hengste wie Schirner!

Nur schade, dass die passende Replik auf die epochemachende „Imagekampagne“, die einst Werbe- zu Gesinnungsträgern umrüstete – 1 Sa. statt Trikotwerbung „Mein Freund ist Ausländer“ – hier (wg. aktuell nachgewiesener Pilaphobie der ImageträgerInnen) nicht geht: „Mein Freund ist aus Leder“

Nicht dass irgendjemand auf dergleichen Gefanter etwas gäbe, ein peinliches Licht wirft es dennoch auf die ProtagonistInnen; Schwarmintelligenz (c/o Ch.Schröder, z.Guttenberg, Pröfrock et.al) ist schon was Feines, da reicht auch ein iq von 9 zum Ballack h.c., Knäckebrot hat 10.

Ralf #17

FIFA: Entscheide der FIFA-Disziplinarkommission

Der Fussballverband der DVR Korea wurde zur Zahlung einer Geldstrafe von USD 400 000 verurteilt, die genau dem Preisgeld für den 13. Platz bei der FIFA Frauen-Weltmeisterschaft 2011™ entspricht. Sein A-Nationalteam der Frauen ist bei der nächsten FIFA Frauen-Weltmeisterschaft™ (Kanada 2015), einschließlich Vorrunde, zudem nicht spielberechtigt.

Ralf #18

Juliane Richter und Denni Klein in der Sächsischen Zeitung: Verdacht der Korruption gegen WM-Organisator

Sie warf dem WM-Planer Korruption vor, nachdem bekannt geworden war, dass Verleger ein VIP-Ticket für das Viertelfinale Brasilien gegen USA an einen Fan für 238 Euro weiterverkauft hatte. Das Ticket war dem Rathaus von der Fifa kostenlos zur Verfügung gestellt worden und zur Weitergabe an Ehrengäste gedacht.

Ralf #19

Human Rights Watch: IOC/Saudi-Arabien: Frauen nicht vom Sport ausschlieβen – Saudische Politik gegen Frauen- und Mädchensport verletzt Olympische Charta

Das IOC soll deshalb Saudi-Arabiens Teilnahme an den Olympischen Spielen, auch an den Wettkämpfen in London in diesem Jahr, an die Bedingung knüpfen, die Diskriminierung von Frauen im Sport zu beenden.

Ralf #20
Ralf #22

Patrick Krull in der Welt: Interesse am Frauen-Fußball sinkt

Die bei der WM geweckten Hoffnungen haben sich nicht erfüllt

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