Whistleblower Waleri Morosow: „Es wird Blut fließen“

 •  • 38 Comments

MOSKAU. Dmitri Muratow hat gerade Elektroschocker verteilt. Zwanzig Journalisten der Nowaja Gaseta, die delikate Themen recherchieren, sollen sich damit bei Überfällen verteidigen können. Elektroschocker, beruhigend sind die kaum. Der beste Schutz für Journalisten in Russland sei deshalb, gar nicht erst „über Korruption, Neonazis, den Geheimdienst und den Kaukasus-Konflikt zu berichten“, sagt Chefredakteur Muratow. „Aber dann wären sie keine Journalisten mehr.“

Sechs Autoren der Nowaja Gaseta wurden bisher ermordet. Ihre Porträts hängen an der Wand des Besprechungszimmers. Dort sitzt nun Waleri Morosow und redet über – Korruption.

Waleri Morosow

Waleri Morosow, Nowaja Gaseta

Natürlich ist auch der Bauunternehmer Morosow in Gefahr, seit er erstmals öffentlich gemacht hat, dass Staatsdiener für Bauaufträge in der Olympiastadt Sotschi mindestens zwölf Prozent Schmiergeld verlangen. Einer dieser Absahner, Wladimir Leschnewski, ein Direktor aus dem Verwaltungsapparat des russischen Präsidenten Dmitri Medwedjew, wurde inzwischen suspendiert. Leschnewski hat Morosow gewarnt.

Wenn ich nicht aufhöre, die Vorgänge öffentlich zu machen, wird Blut fließen, hat er sogar meiner Frau und meinem Anwalt gesagt.

Doch Waleri Morosow entschied sich für die Offensiv-Strategie. Er hat es hingenommen, dass das Volumen der Bauaufträge um bis zu zwanzig Prozent erhöht wurde, denn Schmiergeld wird in Russland immer eingepreist. „Bei der Fußball-WM 2018,“ sagt Morosow, „wird das nicht anders sein, als bei den Winterspielen in Sotschi.“

[Ich habe den Fall Morosow und die vielen darin verstrickten Personen und Firmen extrem verkürzt. Es ging mir hier um einen Überblickstext – ein weiteres Puzzleteil zum großen Thema, über das in den kommenden Jahren noch viel zu reden sein wird. Habe mit Morosow einige Stunden diskutiert. Ausführlichere Infos zum Fall finden sich hier:]

Auf Sotschi fokussiert sich vieles, denn die Stadt ist 2014 Olympia-Gastgeber und 2018 WM-Spielort. Auch Morosow will an der Weltmeisterschaft verdienen. Aber er will kein Schmiergeld mehr zahlen. Deshalb schart er derzeit Unternehmer und Intellektuelle um sich, will im Januar eine Anti-Korruptions-Konferenz ausrichten und hofft darauf, dass seinem Beispiel viele folgen. „Ich denke, ich treffe einen Nerv der Menschen“, sagt Morosow.

Offenbar weiß er auch den Präsidenten Medwedjew hinter sich. Es ist Morosow zumindest gelungen, sein Anliegen und die Beweise für systemische Korruption direkt an Medwedjew zu übermitteln. Der hat den Generalstaatsanwalt Juri Tschaika angewiesen, „zu ermitteln und Bericht zu erstatten“. Den Befehl gibt es sogar handschriftlich, und Roman Anin, einer der Reporter der Nowaja Gaseta, trägt die Zeilen des Präsidenten stets bei sich.

Medwedjews Befehl

Medwedjews Befehl

„Das ist meine Lebensversicherung“, sagt er. Laut Anin darf man von 20 bis 30 Prozent Schmiergeld bei allen Bauprojekten ausgehen. „Diese Summe wird immer gestohlen.“ In Sotschi war zuletzt die Rede von 25 Milliarden Dollar Investitionen, für die WM 2018 werden es mindestens 40 Milliarden sein, wahrscheinlich das Doppelte.

Waleri Morosow hat die Flucht an die Öffentlichkeit angetreten, als die Ganoven zu gierig wurden. Die eingepreisten Schmiergelder waren ihnen nicht genug, plötzlich wollten sie zusätzliche Zahlungen. Für sein größtes Projekt in Sotschi sollte er die Rechnungen über dubiose Tarnfirmen auf dem Balkan neu erstellen und damit weitere 20 Millionen Euro abzweigen. Sotschis Bürgermeister Anatoli Pachomow, der selbst an Bauprojekten verdient, hat ihn deshalb als „Wunde auf unserer Haut“ bezeichnet. Eine unverhohlene Drohung.

Die russische Form der Staatskriminalität ist seit Jahrzehnten hinreichend beschrieben. Die Großereignisse, die Premier Wladimir Putin und die Seinen akquiriert haben, sind ein gigantischer Selbstbedienungsladen für Staatsdiener, Politiker und Oligarchen. Das ist bei den Winterspielen 2014, der Fußball-WM 2018 oder der Universiade 2013 in Kasan nicht anders als etwa beim Bau der Formel-1-Strecke in Sotschi. Neben den Putin-treuen Oligarchen wie Oleg Deripaska, der ein Großteil der Sotschi-Aufträge abwickelt, oder Roman Abramowitsch, vor allem bei der WM engagiert, sind staatsnahe Konzerne wie Gasprom, Rosneft, Rostelekom oder Sberbank stets dabei.

Baustelle Eisstadion, Sotschi

Großbaustelle Sotschi: das zukünftige olympische Eisstadion

Und schließlich ist da noch eine dritte Gruppe, die abkassiert, wobei die Grenzen fließend sind: Dies sind die lokalen Autoritäten, die Bosse der organisierten Kriminalität, auch Diebe im Gesetz genannt. In Sotschi etwa läuft kein Geschäft ohne Einwilligung von Aslan Usojan alias Großvater Hasan. Der Gangster kassiert kleine und große Unternehmer ab und ist im Fußball-Business aktiv. In jedem russischen Profiklub sind kriminelle Autoritäten und/oder Oligarchen engagiert. Sie bekommen durch die Weltmeisterschaft ultramoderne Arenen, für die sie keinen Rubel zahlen müssen.

In Sotschi tobt gerade ein blutiger Kampf von georgisch dominierten Clans um die Herrschaft im Schattenreich. Usojan wurde im September in Moskau angeschossen, überlebte den Anschlag glücklich – Ende Oktober wurde sein Statthalter Eduard Kakosjan ermordet.

Beim WM-Projekt gibt es ein Wiedersehen mit vielen alten Bekannten aus Skandalen vergangener Jahre. Ein Beispiel: Alimsan Tochtachunow, alias Taiwantschik, der 2002 für den Bestechungsskandal beim olympischen Eislaufen in Salt Lake City verantwortlich war. Tochtachunow darf Russland nicht verlassen, anderswo würde er verhaftet. Er lebt in Moskau, ist in der Stiftung des russischen Fußballverbandes involviert und über seine Statthalter im Baugeschäft der Fußball-EM 2012 in der Ukraine. Tochtachunow trifft sich in Moskau auch gern mal mit einem prominenten Bekannten – FIFA-Präsident Joseph Blatter.

Prost! Blatter - Koloskow - Tochtachunow

Im Kreise der Familie: FIFA-Präsident Joseph Blatter; Wjatscheslaw Koloskow, Blatter-Günstling und ehemaliges FIFA-Exko-Mitglied; Alimsan Tochtachunow, vom FBI und Interpol mit Haftbefehl gesuchter ‚Dieb im Gesetz‘ (v.l.) / ©Kommersant

„In systemisch korrupten Ländern wie Russland hat das Verbrechen viele Gesichter“, sagt Elena Panfilowa, Chefin der russischen Sektion von Transparency International. Ermitteln kann Panfilowa mit ihren sechs Mitarbeitern und einigen freiwilligen Kräften nicht. Sie kann lediglich Presseberichte auswerten.

Waleri Morosow hat gehandelt. Er kann nicht mehr zurück. „Die Öffentlichkeit schützt mich“, sagt er.

Andernfalls wäre ich wohl schon ermordet worden.

Herbert #1

Das Prinzip ist geblieben, nur die Einsätze auf beiden Seiten sind höher.

Leppard und Franchetti irren leider, wenn sie annehmen, dass man den Kreml in Verlegenheit bringen kann.
Als 1983 die südkoreanische Boeing 747 von zwei Raketen einer MIG-23 getroffen ins Meer stürzte, wies man später den Piloten, der sich Vorwürfe machte, in die Psychatrie und das war´s.

Die Russen ziehen das Ding auch diesmal durch, nur diesmal eben filigraner und größer.

Ich bewundere ja solche Menschen wie den Whistleblower Waleri Morosow ( Gibt´s überhaupt eine Grand Jury in Russland ?). Wenn er sich da aber mal nicht schon verfangen hat.
Die Russen ziehen das Ding auch diesmal durch, nur neurussisch filigraner und komplexer, aber immer noch zum Ruhme des Vaterlandes.
Wikileaks konnte auch dazu berichten.
http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,732352,00.html

anderl #2

Es ist in keinster Weise verwunderlich, dass das passiert.
Aber das jetzt sogar die Unternehmer selbst an die Öffentlichkeit gehen!!!
Wahnsinn.
Zuerst einmal Respekt vor diesem Mann.
Zum Zweiten kann man für Russland nur hoffen, dass die Öffentlichkeit ein so gewaltiges Schutzschild bietet, dass diesem Mann nichts passiert.
Drittens ist das Problem Korruption in Russland systemimmanent: Beamte werden grausamst entlohnt, so dass selbst der kleinste Beamte zugreifen MUSS!!! Da es so üblich ist, muss der Fisch am Kopf gepackt werden: Soll heißen: Richtige Entlohnung der russischen Beamten aller Couleur.
aber davon ist Russland weit weg.

Obwohl die Bevölkerung darunter stöhnt

Thorsten #3

Nach der Lektüre dieses Artikels musste ich erstmal tief durchatmen. Respekt für Waleri Morosow für so viel Courage.

Das Foto von Sepp Blatter und Alimsan Tochtachunow ruft Abscheu und Ekel in mir hervor. Aus welchem Jahr ist es eigentlich?

cf #4

@thorsten
spontaner tip: 2005, so um den 15. januar herum — wenn man denn der quelle vertrauen darf ;-)
(herr platini stand damals demnach auch gleich daneben.)

John winters #5

Nobody here or anywhere else apart from Andrew Jennings is asking the big and most important questions, Mr JEnnings needs more support and i don´t mean a few web sites i mean he needs a few footballing personalties or high profile people preferably from a few different countries .. to put pressure on FIFA to explain to them Football is not for them to manipulate and make money, but for us to use to help those who need help the most.. it was a huge mistake to give football to one country and dare i say it a PLC from Switzerland… FIFA is secretive because basically they are making money.. or as we say in English „skimming from the top“.. they throw down a smoke screen … to hide the fact that really they are just in this to make money.. this is why FIFA takes themselves so seriously.. because they earn serious amounts of money . look if you make lets say for arguments sake a profit of 2,000,000,000 €´s how much of that is being taken and being put back into Football ? lets say in Africa or Asia.. and how much of the profit from investment ( because yes thats what it is ) is being kept themselves. ?????? this is the big question … when we know this question we do not have to chase them anymore.. if its honest and totally transparent and its the case they are not in it for the money we should accept what they do .. but if its the case that they are making whats deemed as worthwhile profit.. then this will only show what there real motivation is.. with the right transparence and the right ethic Football can be a totally non profit organization and really help in a big way,,, but it seems very much to myself that FIFA is anything but this.. its about time someone got the ball rolling to expose FIFA and what it is really about !

sternburg #6

off topic/@jw: Ich bin ja hier – weil ich persönlich nicht einmal schaffe, regelmäßig zu kommentieren, was andere so neben dem eigentlichen Broterwerb schreiben – schon länger auf „Nur Lesen“ abgetaucht, möchte diese beliebige Gelegenheit aber nutzen, um zu erwähnen, wie oft ich gleichwohl anwesend bin. So ein text wie dieser gewinnt einfach eine andere Dimension, wenn ich in – nachdem ich in im Zug schon auf papier gelesen habe – hier noch einmal mit deinen anderswo gekürzten Anmerkungen, Links und Photos nachlese.

Wahrscheinlich wird dies auch viele anderen, nicht komentierenden Lesern ähnlich gehen. Motivationshilfe und so, weißt schon.

Jan_111 #7

@ John Winters

I totally agree with you. In my opinion, the British Football Associations (England, Scotland, Wales, Northern Ireland) should leave Fifa and open their own – alternative – Football Governing Assoviation. Under all the rules of ethics, transparency, independent control etc.

And then let’s see who follows. Each country can make pressure on their national association and maybe over a few years most countries will find themselves unter the new football governing body.

Who will follow soon? Probably Sweden, Denmark, Norway, Holland, USA, Australia … possibly Germany.

Jan_111 #8

We’re all fed up with Fifa’s corruption and selfishness. Send them to hell…

Jens Weinreich #9

@ Jan_111 #8: Not even Germany. Not even Denmark. Not even …

cf #10

dass das mit dem wirklich demokratischen und transparenten gegenverband nix werden wird, kann man, denke ich, ganz gut am beispiel handball sehen:

denn dort gibt es ja noch eine viel stärkere konzentration auf einige topteams aus europa (bei den männern gingen bislang sämtliche(!) medaillen an europäer) — und trotzdem wird die ihf seit jahr und tag von einem, sagen wir dubios agierenden ägypter und seinen amigos am nasenring durch die arena geführt. so lange es die handballer nicht schaffen, ausgehend von europa (mit deutschland, frankreich, polen, kroatien, spanien und dänemark hätte man schon die medaillisten der letzten vier wm’s beisammen) einen professionell und zeitgemäß geführten neuen verband auf die beine zu stellen, werde ich jedenfalls keinen pfifferling auf eine revolution im wesentlich breiter (und professioneller) aufgestellten fußball setzen.

Heike Stopp #11

Schon wirklich Wahnsinn was man da so lesen muss. Das wirklich dort solche Zustände herrschen. Ich hoffe ja wir werden dieses Jahr von vielen politischen Dingen verschont bleiben. Danke für die Informationen aus dem russischen Reich.

Ralf #14
Ralf #15

dpa: Korruptionsskandal: Biathlon-EM gefährdet

Der inzwischen verhaftetet Diplomat und seine Komplizen sollen dafür gesorgt haben, dass die Regierung den Ausbau des als Veranstaltungsort vorgesehenen Biathlon-Stadions in Osrblie mit 1,6 Millionen Euro fördert. Dafür sollte es Schmiergeld geben. Bei der Übergabe einer ersten Rate von 30 000 Euro Bestechungsgeld seien der Diplomat und zwei Komplizen bereits Ende Juli von der Polizei festgenommen worden, bestätigte das Innenministerium.

Ralf #17

Volker Pabst in der NZZ: Wenig olympische Vorfreude in Sotschi

Ralf #18

Reinhard Wolff in der taz: Suren Gazaryan flieht nach Estland – Umweltschützer sucht Asyl

Er gehört der Umweltgruppe „Environmental Watch on North Caucasus“ an, die mit ihren Aktionen gegen die Umweltzerstörung im Zusammenhang mit den Baumaßnahmen für die Winterolympiade in Sotschi 2014 sowie gegen Korruption der russischen Machtelite und deren illegale Bauten am Ufer des Schwarzen Meers und inmitten öffentlicher Waldgebiete kämpft.

Ralf #19
Ralf #20

Julia Smirnova in der Welt: In Putins Traumstadt wuchert die Korruption

Ralf #21
Ralf #22
Ralf #23
Ralf #24

Handelsblatt/afp: Putin, seine Freunde und gestohlene Olympia-Milliarden

Der Oppositionsführer Boris Nemtsow und der Regierungskritiker Leonid Martynjuk schrieben in einem am Freitag veröffentlichten Bericht, umgerechnet 19 bis 23 Milliarden Euro der für die Baumaßnahmen veranschlagten rund 39 Milliarden Euro seien von Präsident Wladimir Putin und ihm nahestehenden Geschäftsleuten veruntreut worden.

Ralf #25
Ralf #26

dpa (07.08.): Sotschi-Geld abgezweigt: Ex-Manager festgenommen

Stanislaw Chazkewitsch habe Bankverträge für den Ausbau des Gebiets Krasnaja Poljana zum privaten Vorteil abgeschlossen, teilte die Ermittlungsbehörde in Moskau mit.

Ralf #27
Ralf #28
Ralf #29

ARD, Morgenmagazin (25.10.): moma-Reporter: Olympia-Countdown für Sotschi

Ralf #30

Simon Jenkins im Guardian: The Volgograd bombs are a warning over Olympic excess

Sensible countries should de-escalate these events or boycott them. They are staged by corrupt international sporting bodies who feast on them and have no care for the cities and peoples they impoverish. The Olympics should either return to their origins in sport, using existing facilities and more limited range of disciplines, or leave each sport to organise its own world championships. The Sochi way is madness.

Ralf #31
Ralf #32
Ralf #33
Ralf #34

Axel Eichholz für suedostschweiz.ch: Putin-Freund schiesst scharf gegen Gian-Franco Kasper

Piti #37

DOH: Kritik der Dopingopfer an Sotschi

Der Doping-Opfer-Hilfeverein fordert die internationalen Medien auf, ihre Kameras während der olympischen Eröffnungsfeier in Sotschi „auf die erschöpften, verzweifelten und doch so mutigen Gesichter auf dem Majdan-Platz zu halten“ und nicht auf Rußlands Präsident Putin oder IOC-Chef Bach. „Die Olympische Idee wird von der Jugend in Kiew verteidigt und nicht in Sotschi, daher gilt die Solidarität Vitali Klitschko und der Demokratiebewegung in der Ukraine.

Bei aller Sympathie für Frau Geipel, Verständnis für DDR-Traumata und das Anliegen der DOH: Den teils faschistischen Mob vom Maidan-Platz als Verteidiger der olympischen Idee hochzujubeln, wirkt dermaßen hanebüchen, dass ich das als Selbstbeschädigung für die DOH empfinde. Dass die Folklore um die olympische Idee auch von anderer Seite missbraucht wird, macht es nicht besser. Meiner Ansicht nach wäre hier angeraten, mal das Motto „Don’t mix politics with sports“ zu beherzigen, um das Kernanliegen nicht zu desavouieren.

JW #38

Danke, Piti, denn nicht nur diese Passage zeugt doch von gewisser politischer Naivität. Albern.

Leave a Reply

required

required, will NOT be published

By clicking the following examples the respective HTML code will be appended to your comment. Use the comment preview to make sure everything looks and works as intended.

  • , ,