Pyeongchang 2018 und die Korea-Krise

BELGRAD. Herr Cho schleppt zwei schwere Kameras. An jeder Schulter baumelt ein teures Objektiv. Sightseeing ist angesagt am Donnerstagmorgen. Herr Cho will sich die Belgrader Altstadt anschauen, und wie er durch die Lobby des Hyatt Regency Hotels schreitet, erfüllt er zweifellos jenes Klischee, dass Europäer von asiatischen Touristen pflegen. Doch Yang Ho Cho ist geschäftlich in Belgrad. Cho, CEO von Korean Air, ist auch Präsident des Bewerbungskomitees, das die Olympischen Winterspiele 2018 nach Pyeongchang holen will. Am Freitag präsentieren sich Pyeongchang, München und Annecy (Frankreich) vor der Vollversammlung der europäischen Nationalen Olympischen Komitees.

Während die Artillerie-Attacke Nordkoreas auf die südkoreanische Insel Yeonpyeong weltweit Schlagzeilen macht, während der Machthaber des Nordens weitere Drohungen gegen den Süden ausstößt und damit auch die Frage akut wird, ob dieser Konflikt der Olympiabewerbung Pyeongchangs schadet, entspannt sich Herr Cho für ein paar Stunden. Die Südkoreaner nehmen es demonstrativ gelassen. „Sie müssen das verstehen“,sagt Muchol Chin, PR-Chef des Bewerbungskomitees: „Wir leben seit sechzig Jahren mit dem Problem.“ Er verweist auf die einseitige schriftliche Stellungnahme vom Vortag. Darin wird korrekt erwähnt, dass 1988 die Olympischen Sommerspiele und 2002 die Fußball-Weltmeisterschaft ohne Zwischenfälle ausgetragen wurden, so wie kürzlich auch der G20-Gipfel in Seoul. „Pyeongchang und die südkoreanische Regierung werden alles tun, um 2018 sichere Winterspiele auszutragen“, heißt es. Man glaube, dass diese Winterspiele zum Frieden in der Region beitragen können.

Sie werden das Thema auf der Präsentation vor den europäischen NOK kaum offensiv ansprechen. Die Stellungnahme soll vorerst reichen. Aber sie sind auf Fragen eingestellt. Ändern können sie ohnehin nichts. Sie haben nicht den Fehler gemacht und Olympiawettbewerbe im Norden geplant – so wie etwa Südkoreas Offerte für die Fußball-WM 2022, über die kommende Woche entschieden wird, vier Spiele im Norden einplant. Dieses Versprechen wirkt angesichts der kriegerischen Attacke des ungleichen Bruders nur bizarr.

„Terroranschläge und bewaffnete Konflikte können generell ein Kriterium für die Vergabe von Olympischen Spielen sein“, sagt Gian-Franco Kasper, Präsident des Ski-Weltverbandes (FIS) und IOC-Mitglied. Der Schweizer erinnert an die Bombenattentate in der Londoner U-Bahn im Juli 2005, als 52 Menschen getötet wurden – einen Tag nachdem das IOC die Sommerspiele 2012 nach London vergeben hatte. Mike Lee war damals Kommunikationsdirektor der Londoner Olympiabewerbung. Heute berät er Pyeongchang und sagt, man werde sich nicht auf ein Sicherheitsthema fokussieren, das nicht neu ist, sondern Teil der koreanischen Geschichte und der Weltpolitik. Man werde stattdessen weiter Pyeongchangs Vorzüge preisen: etwa den ungesättigten asiatischen Wintersportmarkt.

So tragisch es ist, aber Attentate sind Teil der olympischen Geschichte. In Atlanta explodierte 1996 eine Splitterbombe, und in München wurden 1972 die als „heiter“ apostrophierten Sommerspiele vom Mordanschlag auf israelische Olympiateilnehmer überschattet. Es gab andere Zwischenfälle, nicht nur bei Olympia. Der Sport lebt mit der Gefahr. 1981, als Südkoreas Hauptstadt Seoul vom IOC die Sommerspiele 1988 zugesprochen wurden, hatte es zuvor auch eine bewaffnete Auseinandersetzung gegeben.

Vor drei Jahren, als Pyeongchang sich um die Winterspiele 2014 bewarb und knapp an Sotschi scheiterte, hatte man die Offerte noch mit kühnen Botschaften, dem Traum von der Wiedervereinigung und vom ewigen Frieden in Korea garniert. Das war zu doll aufgetragen. Ähnlich argumentierte Pyeongchang im Kampf um die Winterspiele 2010, als es gegen Vancouver unterlag. Die Bewerber für 2018 haben daraus gelernt. Sie äußern sich sehr zurückhaltend und verzichten auf blumige Friedensbotschaften.

Glaubt man dem Flurfunk in Belgrad und den ersten Wortwechseln mit IOC-Insidern, die meist nicht zitiert werden wollen, dann dürften die Zwischenfälle in Korea keinen negativen Einfluss auf Pyeongchangs Olympiabewerbung haben. Noch nicht. Das sei Tagespolitik – die IOC-Abstimmung am 6. Juli 2011 in Durban aber eine strategische Entscheidung, heißt es. „Kurz vor der Wahl könnte so eine kriegerische Attacke vielleicht Verunsicherung schaffen“, sagt Gian-Franco Kasper am Telefon. „Momentan ist es aber zu früh, darüber zu spekulieren.“ Er schiebt schnell nach: „Und das ist keinesfalls zynisch gemeint.“

P.S.: Verlinkt wird später (vielleicht :), bin etwas im Stress derzeit.

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7 Gedanken zu „Pyeongchang 2018 und die Korea-Krise“

  1. Pingback: Pyeongchang 2018 und die Korea-Krise : jens weinreich

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  3. Marko Lehmann

    #6

    Lindbergs Ausführungen hätten die PR-Berater Pyeongchangs nicht besser formulieren können.

    Diesen Zeitungsartikel hätten die PR-Berater auch kaum besser schreiben können.Keine kritischen Anmerkungen zur Korruption, keine Frage nach der Akzeptanz von z.B. Skisport in Korea. Stattdessen Kaffeesatzlesen: „Pyeongchang hat seine deutliche Führung gefestigt“. Haben sie eine Umfrage unter den IOC-Mitgliedern gemacht?

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