Olympia 2018: eine Wasserstandsmeldung und ein nervöser Bewerber

SINGAPUR. Hoppala. Da ist aber jemand empfindlich. Das hatte ich auch noch nicht. Edgar Grospiron, Chef der Olympiabewerbung von Annecy, gibt mir meine Visitenkarte zurück, weil ihm irgendwas an der Übersetzung (oder am Inhalt) eines Textes nicht gefallen hat, den ich über die Lage der Olympiabewerbung 2018 gedichtet habe. Ich hätte Grospiron für viel cooler gehalten. Aber okay, Mann kann sich täuschen. Er sagt, es herrsche zwischen allen Bewerbern eine faire Atmosphäre. Tut mir leid, das habe ich nie anders behauptet und versucht, ihm das klarzumachen.

Aber das interessiert ihn nicht, er hat sich gewiss erkundigt. Und da in diesen Kreisen, die Kreise sind ja überschaubar, sehr gern olympische Dauer-Berichterstatter (ja, so genannte Journalisten), Funktionären einreden, dass es besser ist, mit diesem oder jenem Journalisten nicht zu sprechen, und viele Funktionäre und Angestellte von Sportverbänden, ob sie nun IOC oder FIFA heißen, derlei Ratschläge befolgen, wie ich regelmäßig und ehrlich gesagt immer öfter erfahren darf, deshalb also befindet sich Edgar Grospiron in guter Gesellschaft.

Ich weiß nicht, wo das noch hinführen soll. Bin gespannt, wann jemand auf die Idee kommt, Journalisten, jedenfalls bestimmten Reportern, die Anwesenheit in den Luxushotels zu verbieten, wo die Olympier stets absteigen. Ich denke, viel fehlt nicht, das kann noch lustig werden in den kommenden Monaten. In Singapur gab es trotz Sicherheitscheck am Eingang des Ritz-Carlton keinerlei Restriktionen. (Anders als unlängst in Sotschi bzw Krasnaja Poljana, als ich nicht ins IOC-Hotel durfte, wir Journalisten von den Organisatoren verarscht und nicht über die Pläne der IOC-Prüfungsgruppe informiert wurden, und als schließlich sich die Pressechefin sogar erlaubte, ein Interview, das ich gerade mit ISU-Präsident Ottavio Cinquanta führte, zu unterbrechen. Cinquanta klärte die Sache schnell und energisch, denn welches IOC-Mitglied lässt sich schon gern unterbrechen.) Ich habe hier tagelang herumgelungert und problemlos mit vielen Leuten gesprochen, mal offen, oft konspirativ. Höflicher Weise habe ich darauf verzichtet, Fotos zu machen. Das fand ich nur fair, ich muss Leute nicht beim Kaffeetrinken fotografieren, bei offiziellen Anlässen ist das etwas anderes.

Ich stelle mir gerade vor, die Münchener Olympiabewerber wären so empfindlich wie Monsieur Grospiron. Nicht auszudenken. Aber sie stecken es sportlich lässig weg, angesichts der andauernden Kritik daheim hätten sie ihre Bewerbung sonst längst schon einstellen müssen. Die Südkoreaner aus Pyeongchang sind übrigens auch ganz locker, mit denen kann man erstaunlich gut plaudern.

Grospiron ist ja nicht gegenüber allen, nun ja, Journalisten, so garstig. Dem so genannten Branchendienst Around the Rings sponsert Annecy sogar die YOG-Berichterstattung, obwohl Around the Rings Annecy nur auf Rang drei im Rennen um die Winterspiele 2018 führt. Man könnte trefflich darüber streiten, ob Around the Rings stets Journalismus macht, aber das mit Rang drei geht schon in Ordnung, das weiß jeder.

Anyway, der Stein des Anstoßes, eine harmlose Lagebeschreibung:

SINGAPUR. Ginge es nach dem größten Aufgebot an Lobbyisten, stünde der Austragungsort der Olympischen Winterspiele 2018 fest. Es wäre Pyeongchang aus Südkorea. Platz zwei ginge an München, abgeschlagener Letzter wäre das französische Annecy. Edgar Grospiron, Bewerberchef Annecys und 1992 erster Olympiasieger auf der Buckelpiste, ist zumindest technisch chic ausgestattet. Er sitzt mit seiner Assistentin tagelang in der Chihuly Lounge des Nobelhotels Ritz-Carlton von Singapur und präsentiert Annecys Vorzüge auf einem iPad. Der Ire Patrick Hickey, IOC-Mitglied und Chef der Vereinigung europäischer NOK, lässt das iPad in der Jackettasche verschwinden. „Das trifft sich gut“, witzelt er, „so ein Ding wollte ich ohnehin haben.“

(Kurz bevor ich den Beitrag hier rein kopierte hat übrigens gerade Albert von Monaco einen Blick auf die iPad-Präsentation geworfen :)

Doch Grospiron hat nichts zu verschenken, er hat nur um etwas zu bitten. Eigentlich hieß es bis vor kurzem noch, IOC-Präsident Jacques Rogge wünsche keine größeren Auftritte der Bewerber in Singapur, wo sich sein Völkchen bei den Olympischen Jugendspielen vergnügt. Selbst IOC-Vizepräsident und DOSB-Boss Thomas Bach hatte Ende Juli noch behauptet, man müsse erstmal prüfen, ob das IOC in Singapur etwas zulässt. Nun sind sie doch wieder mit großen Abordnungen dabei, außer Annecy und dem tapferen Fast-Einzelkämpfer Grospiron natürlich. Akkreditierungen für die Jugendspiele haben die Bewerber zwar nicht, aber das ist nur eine Formalie, die niemanden hindert.

München logiert im Mandarin Oriental nebenan und bearbeitet die Zielpersonen im Ritz zeitweise mit einem Dutzend Leuten. Alle Fäden laufen bei Bach zusammen, koordiniert wird der Einsatz von Katrin Merkel, die in einer Doppelfunktion als DOSB-Direktorin für Internationales und als Direktoriumsmitglied der Bewerber GmbH agiert. Eines Abends wuselten ein Dutzend Münchner durch die Lobby, inklusive Bach, Katarina Witt und Willy Bogner, der aber schon wieder abgereist ist. Zahlenmäßig werden die Deutschen natürlich von den Koreanern übertroffen. Deren Bewerberchef Cho Yang-Ho, Chef von Korean Air, ist zwar schon wieder daheim. Doch NOK-Präsident Park Yong-Sung, der einst wegen Korruption aus dem IOC scheiden musste, nimmt die Sache selbst in die Hand. Den ehemaligen Gouverneur Kim Jin-Sun, der die vorherigen beiden Bewerbungen betreute – Pyeongchang verlor jeweils knapp gegen Vancouver und Sotschi -, wurde ebenfalls eingeflogen.

Die Koreaner bevorzugen die Überfalltaktik. Vorzugsweise arbeiten sie in den Hotelsuiten, doch wenn IOC-Mitglieder in größerer Zahl etwa zu dinieren gedenken oder Termine wahrnehmen, wie die Gedenkfeier für den verstorbenen IOC-Ehrenpräsidenten Juan Antonio Samaranch, tauchen sie aus allen Richtungen in Dreier- oder Vierergruppen auf. Keiner kann ihnen entkommen.

Der wachsende Widerstand in bayerischen Gemeinden und München wird im IOC noch nicht groß thematisiert. Aber diejenigen, die sich für Winterspiele interessieren, nehmen die Probleme der Münchner natürlich wahr. Erfahrungsgemäß spielt derartiger Widerstand erst in den letzten Monaten einer Bewerbung eine größere Rolle – abgestimmt wird am 6. Juli 2011.

Interessanter sind derzeit andere sportpolitische Konstellationen. Etwa eine mögliche Olympia-Offerte von St. Moritz für 2022. Swiss Olympic wertet gerade den Bericht einer Arbeitsgruppe aus. Gian-Franco Kasper, Präsident des Ski-Weltverbandes (FIS) spricht bereits von einer Kandidatur: „Aber nur, wenn die Spiele 2018 nicht nach München gehen.“ Welchen Grund sollte es also für die fünf Schweizer IOC-Mitglieder geben, 2011 in Durban für München zu stimmen? Sie würden damit die Bewerbung von St. Moritz beerdigen, weil die Winterspiele kaum zweimal (Sotschi 2014, München 2018), aber schon gar nicht dreimal in Folge (St. Moritz 2022) nach Europa kämen. Für die Schweizer um die vier Weltpräsidenten Gian-Franco Kasper (Ski), Denis Oswald (Rudern), Joseph Blatter (Fußball) und René Fasel (Eishockey) käme eigentlich nur Pyeongchang in Frage.

(Ich weiß schon, Ihre Heiligkeit Sepp entzieht sich derlei Betrachtungen. Für ihn gelten ganz andere Regeln.)

Es ist noch komplizierter, auch das europäische Interesse (Rom) für die Sommerspiele 2020 will beachtet werden. Und Denis Oswald wird nachgesagt, er überschätze sich so sehr, dass er 2013 IOC-Präsident werden wolle. Will er das tatsächlich, dann wäre es ein probates Mittel, München zum Olympiasieg zu verhelfen, um einen IOC-Präsidenten Thomas Bach zu verhindern. Denn der Flurfunk sagt: Zwei deutsche Siege gehen nicht, das IOC wird nie erst München küren und zwei Jahre später Bach zum Präsidenten wählen. Im Grunde hat sich an dieser Konstellation seit Bewerbungsbeginn nichts geändert. Geht die Goldmedaille aber nach Pyeongchang, ist Bachs IOC-Präsidentschaft nach jetzigem Stand so gut wie sicher.

Opfert Bach München? Derlei Befürchtungen kursieren seit Jahren, auch in München (und sie wurden hier im Blog schon oft genug diskutiert). Bach sagte mir kürzlich dazu:

„Also so weit sollten sie mich eigentlich kennen, dass ich noch nie gerne angetreten bin, um zu verlieren. Das macht keinen Sinn. Wir kämpfen mit vollem Einsatz für München 2018. Der gesamte deutsche Sport steht dahinter. Und insoweit verbieten sich schon andere Überlegungen.“

Es gibt IOC-Mitglieder, die über solche Aussagen schallend lachen. Sie möchten sich nur nicht zitieren lassen. Anders als etwa Eishockey-Präsident Fasel, der mir schon vor Monaten in Sotschi sagte:

„Thomas sagt das ja selber. Praktisch alle Mitglieder wissen, dass er ein seriöser Kandidat ist und sein wird.“

34 Gedanken zu „Olympia 2018: eine Wasserstandsmeldung und ein nervöser Bewerber“

  1. die zeilen über Grospiron und sein iPad sind schon ziemlich süffisant. gut möglich, daß er sich persönlich auf den schlips getreten fühlt. however, professionell isses nich.

  2. @ Johannes: Ich glaube das auch nicht. Aber einmal stand es immerhin richtig im Text. Jetzt sogar zweimal.

    @ Berlinerin: Aber auch nicht mehr als süffisant, ein stinknormaler szenischer Einstieg. Einige colourful notes sollten schon sein. Warum sitze ich da und schlürfe den ganzen Tag sündhaft teuren Kaffee?

  3. @jens
    naja… also ich hätte die iPad-Geschichte spontan so verstanden, dass die Franzosen geradewegs damit um sich werfen würden und quasi für jeden Vortrag ein neues Gerät brauchen, damit sich die IOC-Mitglieder die präsentierten Fakten nochmal ganz in Ruhe zu Hause auf dem Sofa zu Gemüte führen können. Wenn man es so versteht, ist es natürlich schon etwas heikel…

    (Aber den Sepp, als männliches Wesen, müsstest du in der dritten Person doch korrekterweise mit Seine Heiligket ansprechen?! Bei direkter Ansprache in der zweiten Person sollte dann wiederum Eure Heiligkeit die richtige Wahl sein. Oder siehst du das anders?)

  4. @ cf, jw: Ich war ehrlich gesagt auch erst ab folgender Formulierung „beruhigt“:

    Doch Grospiron hat nichts zu verschenken

  5. SZ-Magazin: Gesichter des Widerstands

    Altbauer Theo G. und Frau Agnes mit Hund Buschi. Genau hier, im Vorgarten ihres Bauernhofes am Garmischer Hausberg, wollen die Organisatoren der Olympiabewerbung die Halfpipe für den Wettbewerb der Snowboarder bauen. Die G.s nicht. Sie wollen die Obstbäume stehen lassen.

  6. BN/GÖF: Schaden für die Stadt und die Menschen

    Dominik Hutter in der SZ: Mietshaus steht Olympia im Weg

    Claudia Mohr hat es zuerst vom Hausmeister erfahren. Dass das Haus, in dem sie seit vier Jahren ein Appartement bewohnt, dem Olympischen Dorf für die Winterspiele 2018 weichen muss. Einfach so.
    […]
    Für Olympia Häuser abreißen – ‚das kennt man bisher nur aus Peking und Sotschi‘
    […]
    Hierneis geht davon aus, dass dem Olympiadorf mehr als 1500 Bäume weichen müssten. Zudem könne die Zentrale Hochschulsportanlage mindestens zwei Jahre lang nicht genutzt werden, weil dort eine temporäre Eisschnelllaufhalle entsteht. ‚Profisport verhindert Breitensport‘, wettert der Naturschützer.

    Merkur: Naturschützer wollen Olympiapark vor Olympia schützen

    AZ: Olympische Spiele statt Tollwood?

    ND: »Der Schaden für München wäre groß«

    dpa: Keine Bundesmittel für München – Messner-Kritik

  7. cf,
    „Ihre Heiligkeit Sepp“ ist tasächlich ein gern gemachter Fehler, bei dem das Possesivpronomen fälschlicherweise auf die Heiligkeit bezogen wird statt auf Sepp.

    Ansonsten aber wieder ein gewohnt herrlicher IOC-Text vom Hausherrn – danke!

  8. Hat denn die internationale Abteilung des DOSB schon registriert, dass das Auswärtige Amt im Jahr 2011 im zweiten Jahr in Folge weniger Geld für die internationalen Sportprojekte zur Verfügung stellen wird?

  9. Apropos Sportjournalismus: Sehr schöne Geschichte (manche sprechen auch von einer journalistischen Hinrichtung) über Rolf Töpperwien von Holger Gertz in der SZ vom Wochenende (bislang nur gedruckt):

    Dass Rolf Töpperwien seinen Stammplatz im Programm all die Jahre behaupten konnte, ist eine Antwort auf die Frage, wofür sein Sender sich entschieden hat. Gegen Journalismus, für Verkaufe. […] Töpperwien ist eine menschgewordene Vuvuzela, immer der Lauteste, immer mittendrin, er gibt die Tonart der Interviews vor, die er führt, man kann nicht mit ihm reden, man kann sich ihm nur ergeben.

  10. @ Alex: Das ist doch außerordentlich fair. Schöne Geschichte, wie gewohnt von Herrn G.

    Töpperwien hat sich längst selbst hingerichtet, bzw richtet sich hin mit solchen Sätzen, die er durchaus trotzig vorträgt:

    Ich wollte nie Sportjournalist werden. Ich wollte Fußballreporter werden. Das ist ein Riesenunterschied.

    Ich glaube, das kann ich mit meiner bescheidenen Erfahrung bestätigen. Aber es geht ja um Töpperwien. Also, zum alten Bild vom Boot, in dem angeblich Sportler, Funktionäre und Fußballreporter, vielleicht sogar Sportjournalisten sitzen:

    Ich bin der Meinung, wir sitzen in einem Boot. Und wenn das Boot untergeht, sind mir mit tot.

    Viel mehr muss man eigentlich nicht sagen. Nur eins noch: den Text lesen.

    Holger Gertz und die TV-Reporter (ob nun Eurosport oder ZDF) werden, glaube ich, keine Freunde mehr.

  11. Hmm, ich hätte Edgar Grospiron auch nicht so empfindlich eingeschätzt, aber man kann sich ja offensichtlich täuschen ;-) Wie gewohnt ein toller Text, lese hier immer wieder gerne mit, vielen Dank.

  12. Noch ein Gedanke zur Winter-Olympia-Geographie: Die pikante Deutschland-Deutschland-Konstellation mit München und Bach ist natürlich allerliebst und verdiente eine weit breitere Beachtung in der deutschen Öffentlichkeit.
    Auch dass Europa innerhalb des IOC als Block betrachtet wird, ist nicht unverständlich.

    Was mich als Wintersport-Freund (-Fan? -Experte? -Freak? -Konsument!) dabei aber so ärgert, ist die gern übersehene Tatsache, dass die Ostalpen, das Herz des Weltwintersports, seit 1976 (und selbst die Spiele kamen ja nur als kurzfristiges Einspringen zustande, also genaugenommen: seit 1964!) keine Spiele ausgetragen hat.

    Seit 1964 waren die Spiele, von Innsbrucks zweitem Auftreten vor nunmehr 34 Jahren abgesehen, dreimal in den Westalpen (davon zweimal Frankreich), einmal in Skandinavien (okay, das ist vollwertiger Ersatz – um im Bild zu bleiben: die Lunge des Weltwintersports), einmal auf dem Balkan, zweimal in Japan, viermal in Nordamerika (je zweimal USA und Kanada) und werden wohl einmal im Nordkaukasus gewesen sein (Futur II macht immer noch Spaß).

    „Ostalpen“ ist zu weiten Teilen mit „deutschsprachig“ gleichzusetzen, aber darum geht es mir gar nicht, denn ich fand auch die Drei-Sprachgruppen-Variante mit Slowenien-Italien-Österreich sehr attraktiv.
    Schade ist nur, dass die Wintersportarten, die zumindest in ihren Freiluftvarianten ein sehr begrenztes Wachstumspotenzial haben, sich seit Jahrzehnten nicht mehr mit Olympischen Spielen an ihrer Basis zeigen.

  13. Ja, Arnesen, nur: Darauf hat das IOC mit der „Wahl“ von Sotschi (und nicht Salzburg) eine klare Antwort gegeben. Interessant finde ich, dass München – oder habe ich das übersehen – in der Argumentation kaum darauf abzielt, was Du beschreibst. Pyeongchang wiederum ist bislang noch zurückhaltend mit den gegenteiligen Argumenten (neue Märkte, Wachstum nur in Asien etc), das wird aber noch kommen.

    Interessant finde ich auch, habe ich zuletzt in Singapur einige Male gehört, dass einige derjenigen, die in den vergangenen Jahren gern von Wachstumsmärkten geschwärmt haben, nun, da in der Schweiz eine 2022er Bewerbung überlegt wird, plötzlich wieder das Heimelige, den Kernmarkt beschwören. Was sagt man dazu?

  14. Für den Wintersport ist es ja ohnehin schade, dass die Spiele vom gesamten IOC vergeben werden, denn man kann wohl ohne allzu viel Rassismus und Kolonialismus behaupten, dass die Winterspiele eben nicht die ganze Welt interessieren. Insofern dürfte die Stimme des Tischtennis-Präsidenten eigentlich herzlich wenig interssieren – aber, gut, das ist Politik.

    Vielleicht können wir ja mal aufzählen, welche Konstellationen bei einer Vergabe von Winterspielen hauptsächlich zu beachten sind. Ich lege mal vor:

    – direkte Einflussnahme (wie bei Salt Lake City und Sotschi bisher am deutlichsten)

    – Vermeidung kontinentaler Doppelungen von Sommer- und Winterspielen innerhalb von zwei Jahren (das hat man immerhin seit der Winterverschiebung 92/94, als innerhalb von 24 Monaten dreimal Olympia in Europa war, mit einer Ausnahme ganz gut hinbekommen, nur die Europa-Doppelung von 04 und 06 fällt da heraus)

    – Zufriedenstellung einzelner Nationen, die vorher übergangen wurden (Atlanta schlägt Athen 96 -> dafür muss Athen Rom trotz besserer Bewerbung 04 schlagen -> dafür bekommt Turin die Spiele 06 statt Sion)

    – interne IOC-Politik (die mit „München oder Bach“ am besten beschrieben ist, aber der Hausherr hat zweifellos mehr Beispiele auf Lager)

    – Traum von Wachstum (zumindest die Nordhalbkugel soll hier breitgezogen werden, neben Europa also möglichst viel Amerika und Asien – und wenn die Chinesen erstmal ernsthaft einsteigen und Kasachstan nach seiner neuen Schanze weiterbaut, dann wird technische Infrastruktur wieder mit kultureller Infrastruktur verwechselt)

    – Großstädte vs Wintersportorte als Standort (der Trend zur Großstadt missfällt mir besonders, weil er so eindeutig demonstriert, dass es nicht um die Sportler, sondern um die Begleitmusik geht – insofern wäre mir St. Moritz tatsächlich sympathischer als München)

    – Fernsehrechte und TV-Zeiten (nach wie vor das beste Argument für Europa als Kernmarkt, Spiele in Asien schlecht, Spiele in Europa gut und Spiele in Nordamerika fast noch besser zu finden)

    Etwas Wichtiges vergessen, Jens?

  15. Jacques Rogge im FAZ-Interview mit Christoph Hein: „Natürlich erwartet jeder, dass Bach antreten wird“

    Macht Ihnen der Widerstand der Bauern und Grundeigentümer in Garmisch-Partenkirchen Sorgen?

    Wäre die Abstimmung morgen, könnten die Proteste negative Auswirkungen haben. Aber gewählt wird in einem Jahr. […]

    Ist es für ein Land wie Deutschland denkbar, die Winterspiele 2018 zu bekommen und zugleich mit Thomas Bach ihren Nachfolger als Präsident des IOC zu stellen?

    Zuerst muss Herr Bach erklären, dass er kandidieren will. Aber natürlich erwartet jeder, dass er antreten wird. […] Wenn München gewinnt, ist das nicht negativ für eine eventuelle Kandidatur von Thomas Bach. Das sind zwei völlig unterschiedliche Dinge, die die IOC-Mitglieder voneinander trennen.

  16. @ Arnesen: Im Grunde hast Du natürlich die wichtigsten Punkte genannt. Ist dann eher eine Frage der Gewichtung der einzelnen Punkte. Was mich allerdings amüsiert ist, dass Du den eigentlichen Evaluationsvorgang des IOC, diesen mehrstufigen, dem eine nationale Auswahl vorausgeht, nicht erwähnst :)

    Wahrscheinlich, weil dieser Vorgang so extrem wichtig ist.

    Oh je, kann es kaum erwarten, wenn die IOC-„Prüfer“ im Frühjahr nach München/Deutschland kommen. Da werden selbst Medienvertreter hyperventilieren, die keinen Blassen haben, das wird wieder eine Staatsaffäre. Denn die Prüfung ist ja sooo wichtig und sooo objektiv.

  17. klimaherbst.de: “Das IOC kommt mit dem großen Schopflöffel?

    Bei dem Treffen der Olympiavertreter in Shanghai am 20.8. spielte der Widerstand in München laut dem Olympia-Experten Jens Weinreich keine Rolle. Wie wollen Sie das künftig ändern?

    Der Widerstand spielt beim IOC eine größere Rolle, als man uns das Glauben machen will. Die IOC-Mitglieder mögen keinen Widerstand, sie wollen im Gastgeberland umjubelt und hofiert werden. Wir werden unsere Aufklärungsarbeit fortsetzen, egal welche Rolle das für wen spielt.

  18. Bernhard Schwank im Interview mit dem Hamburger Abendblatt: „Wir kriegen das hin“

    In Oberbayern befürworten rund 71 Prozent die Austragung der Winterspiele, in München fast 70 Prozent, und in Garmisch-Partenkirchen kommen wir auf 63 bis 64 Prozent.
    […]
    Kann die Bewerbung daran scheitern, dass Ihnen am Ende zu wenige Grundstücke zur Nutzung überlassen werden?

    Davon gehe ich nicht mehr aus.
    […]
    Ein erstes Ergebnis ist, dass das Athletendorf in Garmisch-Partenkirchen gebaut werden kann.

    Und hier nochmal für Herrn Schwank: Von Mehrheiten und Minderheiten

  19. Dominik Hutter in der SZ: Renoviert für den Abriss

    Das war wohl keine gute Investition: Die Bundeswehr hat in den vergangenen sieben Jahren 8,75 Millionen Euro in ihr Verwaltungszentrum an der Dachauer Straße gesteckt – also in Bauten, von denen die meisten für das geplante neue Olympiadorf abgerissen werden müssten.
    […]
    Der CSU-Politiker [Herbert Frankenhauser] zählt sich zwar nicht zu den Olympiagegnern, mahnt aber mehr Ehrlichkeit in der Kostendebatte an. „Es muss deutlich werden, welche Kosten tatsächlich für Olympia entstehen.“ Bisweilen werde so getan, als seien die Winterspiele 2018 für den Steuerzahler fast gratis zu haben.
    […]
    Das Grundstück selbst soll zum vollen Verkehrswert übereignet werden. Reicht der Verkaufserlös allerdings nicht aus, um die Ersatzbauten für die Militärverwaltung zu errichten, behält sich der Bund das Recht auf Nachverhandlungen über einen Kostenausgleich vor.

  20. Willy Bogner in der bild: Jetzt rede ich!

    BILD: Apropos IOC. Da wird doch immer davon gesprochen, dass die Herren der Ringe Milliarden einstreichen und für den Veranstalter nichts übrig bleibt.

    Bogner: „Das ist auch so ein Märchen. Von den gesamten Einnahmen behält das IOC sechs Prozent. 94% gehen zurück an den Sport, an die NOKs, die Internationalen Sport-Verbände und den Ausrichter.“

    Klingt erstmal überzeugend. Bei genauerem Hinsehen sorgen die 6% jedoch dafür, daß das IOC-Vermögen permanent wächst, während die Ausrichterstädte nie ausreichend erstattet bekommen, um die Kosten zu decken.

    Bogner: „Ich habe von der LMU eine Untersuchung machen lassen, was ein Ort für Werbung ausgeben müsste ohne Olympische Spiele. Das Resultat: 560 Millionen Euro.

    Wurde dabei auch berücksichtigt, daß Orte wie Albertville, Lillehammer, Nagano oder Sotschi vor Veranstaltung der Spiele in der Welt kaum bekannt waren, während einem im abgelegensten Wüstendorf die Menschen noch Spieler des örtlichen Fußballvereins aufzählen, wenn man erzählt, daß man aus München kommt?

  21. ddp: Seehofer besucht am Montag Ungarn

    Bei dem Treffen mit dem Staatspräsidenten wird ferner die Olympiabewerbung Münchens für die Winterspiele 2018 ein Thema sein. Schmitt war bis August Präsident des Ungarischen Nationalen Olympischen Komitees und von 1995 bis 1999 Vizepräsident des IOC.

  22. Pingback: Olympia 2018: Au revoir, Annecy! : jens weinreich

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