Südafrika, Tag 15: The Bull Run, Dias

 •  • 23 Comments

SANDTON. Mann könnte von einem Ruhetag sprechen. Wenngleich ich mich schon zehn Stunden mühe. Bin etwas weinerlich heute, vielleicht auch weil gerade die Absage für Brasilien vs Elfenbeinküste kam. Der Tag begann mit einem selbst verschuldeten Absturz des Blogs. Flink das Ticket in Rustenburg (Ghana vs Australien) abgemeldet. Nahtlos schlossen sich kleinere Probleme des McBook an. Backup war mal fällig, Hard Disk musste aufgeräumt und Platz geschaffen werden. So Sachen halt. Als ich dann am Abend meine Hände zittern sah (und spürte), wurde mir klar, dass es in der Wohnung draußen in Buccleuch doch etwas kalt gewesen war.

Walter Gagg, FIFA-Direktor und womöglich sogar ein Freund vom Sepp (bei ihm weiß man nie), bot mir gerade einen seiner Adidas-Trainingsanzüge an – zum Wärmen. Sehr nett, habe aber selbst welche. In der VIP-Lounge gebe es Heizstrahler, sagt Walter. Die könnte ich gut gebrauchen. Sepp kam auch des Wegs, 90 Minuten vor dem Match in Pretoria brach er mit Blaulicht aus dem Michelangelo Hotel auf. Komfortabel im Vergleich zum Fußvolk, aber ich meine: Es ist schließlich Sepp, ein Halbgott und künftiger Friedensnobelpreisträger. Diesmal begrüßte er mich mit einem strengen Blick. Er weiß noch immer nicht, dass das nichts nützt. Das mag die Jungs und Mädels in der FIFA-Zentrale einschüchtern, die bei jedem bösen Blick um ihre Boni oder gleich um ihren Job fürchten müssen. Aber hey, so ein vogelfreier Reporter in einer eiskalten Bude, bei dem gerade Fieber aufzieht, das er mit Wodka bekämpft, was hat der schon zu verlieren? Nicht mal Ketten.

Abendessen, argentinisch-brasilianisch-deutsch-chilenisch, nun im Bull Run, genau das richtige. Ein ordentliches Steak hilft auch. Falls jemand vorbei kommen möchte: hier entlang.

Wenn ich das in den vergangenen Tagen richtig mitbekommen habe, hieß es gelegentlich, ich solle dieses 08/15 Spiele-Live-Bloggen lassen und mich auf richtige Geschichten konzentrieren. Und ruhig einige Typen vorstellen, die mir über den Weg laufen. Der Kunde ist König. Also fangen wir an mit Dias, meinem Lieblings-Barkeeper in Johannesburg:

Dias arbeitet in der Bar im Michelangelo Towers Hotel, gleich neben dem FIFA Club. Er sagt, die WM bringe eine Menge für Südafrika. Erstmals sehe man Schwarze und Weiße gemeinsam beim Fußball, der ja eigentlich eine typische Schwarzen-Sportart ist.

Da mischt sich etwas. Das kann Südafrika vereinen.

In Dias‘ Brust schlagen zwei Herzen: ein portugiesisches und ein südafrikanisches. Er lebt seit 1964 hier unten, wuchs auf Madeira auf und flüchtete quasi als 17-Jähriger nach Südafrika, wo schon sein Bruder wohnte. Dias hatte Angst vor der Armee, Angst vor dem Tod, er wollte nicht eingezogen werden und im Kolonialkrieg in Mosambik oder Angola als Kanonenfutter herhalten. Zehntausende Jungs haben es damals ähnlich gemacht, sagt Dias. Deshalb lebe in Südafrika eine erstaunlich große portugiesische Kolonie, fast 500.000.

Wir werden an einem der Ruhetage, die ja irgendwann kommen, mal gemeinsam Essen gehen, natürlich in ein portugiesisches Restaurant. Und ich werde mir seine Geschichte in Ruhe anhören. Klingt sehr spannend, bis heute: seine Tochter ist Chefin von Google Portugal.

Und hier noch der Arbeitsnachweis für heute Abend:

von rechts: Amigo D. (Name wird nicht verraten, D schrieb für seine Zeitung live aus dem Steakhouse über die Partie Dänemark vs Kamerun, Javier Caceres, Ezequiel Fernandez Moores, Jabulani)

Sebastian #1

Mein Bruder und ich haben schon abgemacht, dass wir in 4 Jahren nach Brasilien fliegen.

Dann lad ich Dich auf das Steam mal ein :-)

Martin Sommerfeld #2

Ich denke das hast du falsch verstanden: Natürlich wollen wir Typen UND „08/15 Spiele-Live-Bloggen“. :-))) Klingt jedenfalls schonmal sehr Interessant mit dem Herrn Dias.

Dir gute Besserung.

komplimenter #3

finde deinen blog echt gut:) @ jens weinreich.
endlich kann man(der normalo halt) mal hinter die kulissen der fifa und dem drum herum schauen! danke!
genau DAS fehlt mir bei den öffentlich rechtlichen! :)

bitte weiter machen!

mfg :)

Laie #4

Ich schließe mich den Besserungswünschen an.
„Da gibt’s bestimmt was von“ … der Apotheke dagegen.

Chuck #5

Klingt doch nach einem netten Abend. Ich wünsche Dir auch gute Besserung und daß Du fit bleibst.
Aus eigener Erfahrung kann ich Dir nur raten, daß es ab spätestens dem fünften Tag nur mit „Wodka-Kur“ eng werden kann ;-)

kli #6

Sieht so aus, als esst Ihr zu viert eine ganze Kuh. Mahlzeit.

Markus #7

verstehe ich das richtig, 11 Euro für ein T-Bone Steak?
Wow.

Jens Weinreich #8

Offenbar. Ja, das war ein guter Tipp. Argentinier finden automatisch die besten Steakhäuser. 300 Rand für jeden, dafür gab es auch feinen Wein. Südafrika ist, bin mir ziemlich sicher, ein Schlemmerparadies.

Back to work.

nocheinjurist #9

Wenn man das Foto so sieht, könnte man denken, dass ein freier Journalist doch nicht hungern muss ;-). Oder ist das der mehr-essen-durch-stress-und-frust-Efffekt?

Jens Weinreich #10

Come on, nocheinjurist: Der Mensch muss und darf doch was essen, selbst wenn der Mensch wohl genährt ist. Oder?

Gestern war es auch frustig, ja. Aber nach dem netten Abend mit diesen Jungs ging’s wieder besser. Denke ja, dieses Auf und Ab bei solchen Events kennen selbst ausgeglichenere Gemüter.

Stefan #11

@9 Das ist alles harte Arbeit. Jens möchte der nächste WM-Ball werden. SCNR

cf #12

In der hauseigenen Bull-Run-Metzgerei herrscht der Website zufolge übrigens deutsche Gründlichkeit — der Chefmetzger kommt aus: Leipzig.

Martin Sommerfeld #13

@11: Also den Adidas Jensilani würd ich auch kaufen. *g*

Gua #14

Dieses „Ich bin der WM-Ball™“ ist doch eindeutig ein stummer Schrei nach Sepps Liebe!
Mein Tipp dazu: Die Wodka-Kur intensiv weiterführen, um als Winterjabulani durchzugehen. :)

lopez #15

Ich wundere mich jetzt doch, wie wenig Interesse diese beiden eigenartigen Handspiele der Serben im ersten und zweiten ihrer Spiele finden. Bin eigentlich eher kein Freund von Verschwörungstheorien, und beim ersten Mal machte es ja immerhin noch Sinn, die Hand und den ganzen Körper so hochzustrecken, wie man es selten sehen kann. Beim Spiel gegen die deutsche Mannschaft aber kann ich mir den Grund dieser torwartreifen Parade gar nicht erklären, denn der Ball scheint mir nicht wirklich gefährlich. Wenn ich mir dann das anschließende Jammern und Flehen der Serben gegenüber dem Schiedsrichter anschaue, muss ich an schlechtes Theater denken. Kurz: Ist jede Frage danach, ob die Hand womöglich absichtlich ins Spiel gebracht wurde, tatsächlich so abwegig?

Laie #16

Nein. Aber die Antwort.

Olli #17

@15: Solche Dinger kenne ich von matschigen Böden, wenn man Abspringen will, aber nicht hoch kommt. Dort soll der Boden ja auch sehr weich gewesen sein. Hoffentlich machen sie noch ein paar davon gegen Austrailien…

nocheinjurist #18

@ 15: Hatte live nach dem 0:1 alles richtig gewettet. Nächstes Tor: Elfemeter, Endstand: Unentschieden. (Rote Karte ließ sich bei bwin nicht live wetten, ud die hat der schiri auch nicht gezeigt. Und dann schießt der Poldi den Elfer nicht rein…

@ 13: Adidas Jensilani wäre doch ein guter Geselle bei der Nobelpreisverleihung

Laie #19

@ JW ist so stille … recherchiert er undercover bei den Franzosen?

Ari #20

Wahrscheinlich arbeitet JW nur an einer unter Pseudonym erscheinenden Artikelserie für „Essen und Trinken“.

Titel „Schlemmern in Südafrika. Die 100 kulinarischen Highlights der Weltmeisterschaft“ :p

Bei dem Teller, wer soll da nicht neidisch werden? Lecker :-)

Laie #21

@ Nocheinjurist
Was kann man denn eigentlich im Moment so verdienen, wenn man darauf setzt, dass England Weltmeister wird?

Bastl #22

Mir gefällt das Live-Bloggen von den Spielen eigentlich ganz gut. Gerade weil du keinen Ticker machst sondern einfach ab und zu schreibst was du so vom Spiel hälst. Klingt auch sehr authentisch also weiter so :-)

nocheinjurist #23

@ Laie: Keine Ahnung. Beschäftige mich mit der Verschwörung im Kleinen. M.a.W.: Ich schau von Spiel zu Spiel. Und auch das nicht kontinuierlich. Schadde, dass in Zeitungen wenig darüber berichtet wird, was man mit Live-Wetten verdienen kann.

Schau mer mal

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