Lennart Johansson

SANDTON. Jeden Morgen gegen zehn schlurft Lennart Johansson zum Frühstück im Michelangelo Towers Hotel. Er geht am Stock, begleitet von seiner langjährigen Assistentin. Das Alter fordert Tribut. Johansson, dessen mächtige Statur stets Ehrfurcht einflösste, wird im November 81 Jahre alt. Der Schwede hatte ein erfülltes Leben, auch als Fußballfunktionär. Er führte zwischen 1990 und 2007 die Europäische Fußball-Union (UEFA) und ist der Gründungsvater der Champions League. In stillen Minuten wird ihm allerdings klar, dass es keine gute Idee war, vor drei Jahren unbedingt noch einmal verlängern und dem Jahrzehnte jüngeren Michel Platini den Weg zu verbauen zu wollen. Denn diese Kandidatur endete in einer bitteren Niederlage, es war sein Abschied von der großen Bühne. Und es dauerte eine Weile, bis Lennart Johansson das verkraftet hatte.

Das ist quasi Johanssons Abschiedsfoto von der UEFA, entstanden im Januar 2007 auf dem Kongress in Düsseldorf. Gerade hat er die Präsidialwahl gegen Michel Platini verloren und ringt noch um Fassung. Links von ihm: sein langjähriger Vertrauter und FIFA-Exekutivler Per Ravn Omdal aus Norwegen.

FIFA-Präsident Joseph Blatter hatte ihm damals, im Januar 2007, einen weiteren derben Hieb versetzt. Blatter ergriff auf dem UEFA-Kongress in Düsseldorf offen Partei für seinen Freund Platini. Johansson konnte nur noch sagen: „Ich schätze es nicht, dass sich der FIFA-Präsident hier einmischt.“ Dann war es um ihn geschehen.

Neun Jahre zuvor war Johansson Blatter direkt unterlegen, als es um die FIFA-Präsidentschaft ging. Dieser legendäre, schmutzige Wahlkampf endete am 8. Juni 1998 in Paris auf dem FIFA-Kongress mit einem 111:80 für Blatter im ersten Wahlgang. Johansson hatte fest mit 100 Stimmen gerechnet und war schwer geschockt. Da aber auch Blatter nicht die damals erforderliche Zweidrittel-Mehrheit erreicht hatte, wäre eigentlich ein zweiter Wahlgang nötig gewesen. Doch Johansson kürzte das Verfahren ab. Er trat ans Rednerpult und brummte: „The Game is over.“ Dann reichte er Blatter die Hand.

Es war ein großer Moment. Johansson war der moralische Sieger. Manche sagen, Johansson sei nicht brutal genug gewesen für diesen Job. Andere sagen, er sei nicht smart genug gewesen. Er wurde nicht immer gut beraten. Aber, bei allen Schwächen, hat er das offene Wort doch stets der hinterlistigen Attacke vorgezogen. Auch steht Johansson für Menschlichkeit und den Wert eines Versprechens. Ihm ist es entscheidend zu verdanken, dass Deutschland die WM 2006 zugesprochen wurde. Er stand beim damaligen DFB-Präsidenten Egidius Braun im Wort.

Bei den vergangenen Weltmeisterschaften war Johansson Chef der FIFA-Organisationskomitees. Er kennt das Geschäft. „In Südafrika“, sagt er, „läuft es im Großen und Ganzen gut.“ Man müsse Abstriche machen, aus europäischer Sicht solle man das Projekt eher vorsichtig bewerten. „Wir sollten nicht überkritisch sein“, meint Johansson. „Ich persönlich sehe einen ganz anderen Aspekt: Wir sollten den Afrikanern dankbar sein dafür, dass sie in den vergangenen zwanzig Jahren Europas Fußball bereichert und geprägt haben.“

Johansson hat in den neunziger Jahren das Meridian-Hilfsprojekt zwischen Europa und Afrika angeschoben. Ja, es ging damals auch um die Stimmen beim FIFA-Kongress, aber nicht nur. Lennart Johansson war später, als er sein Wort gegenüber den Deutschen gehalten hatte, sehr dafür, die Weltmeisterschaft an Afrika zu vergeben. So wie er zuvor die WM in den USA (1994) und die in Asien (2002) unterstützt hatte. „Wir müssen die weißen Flecken tilgen und neue Regionen erschließen“, sagt er. Und deshalb stehen unter jenen elf Nationen, die diesen Tagen bei der FIFA wieder mächtig um die kommenden Weltmeisterschaften buhlen, seine Favoriten fest: „2018 sollte die WM nach Russland gehen. Die wollen das, die hatten noch nichts. Und 2022 wird es Zeit für Australien!“

Es missfällt Johansson, dass Blatter bei dieser WM so sehr in den Mittelpunkt rückt. „Bei allem Respekt für den FIFA-Präsidenten“, sagt der Schwede, „hat er die WM doch nicht allein nach Südafrika vergeben, auch wenn er den Eindruck erweckt.“ Im hohen Alter, Blatter ist 74, „ändert sich der Mensch aber nicht mehr“.

Wer wüsste das besser als Johansson, der im neunten Lebensjahrzehnt steht. Er hat seinen Frieden geschlossen, sogar mit Joseph Blatter. „Wir sind Freunde“, sagt er. Das hat er oft gesagt in all den Jahren, es stimmt nicht wirklich, und immer hat Blatter ihm einen Stoß versetzt.

„Vorbei. Vergessen.“ Im Moment interessiert Lennart Johansson sowieso nur eines: Die Gesundheit seiner Frau Lola, die daheim im Krankenhaus liegt. Er fliegt nach Hause, nach Stockholm, um ihr beizustehen. Die WM ist dann weit weg für den alten Schweden.

Ob er zurückkommt? Er weiß es selbst noch nicht.

12 Gedanken zu „Lennart Johansson“

  1. Danke für diesen schönen Text. Bin noch nicht bei Flattr angemeldet, erwäge es nach dieser Lektüre ernsthafter denn je.

  2. Pingback: Messi Watching (II): Argentina vs Südkorea : jens weinreich

  3. Wenn dieser Text also im Taxi entstanden ist, stellt sich mir die Frage: Kann man im Taxi eigentlich auch eine Bankverbindung eintippen? So rein interessehalber…

    Oder arbeitest du nebenbei doch noch heimlich an der Weltformel (und stehst womöglich kurz vor dem Durchbruch)?

  4. Der Alte Schwede ist der letzte Sportfunktionär auf Spitzenebene mit dem ich Attribute wie Anstand und Moral verbinde (wobei ich Michel Platini noch nicht bewerten will).
    Danke für diese kleine Hommage(?).

  5. Aus reinem Interesse: warum fehlt denn der Satz “ … er stand beim damaligen DFB-Präsidenten Egidius Braun im Wort.“ in der Variante auf NZZ?

  6. @ Emmerich09: Wurde halt so redigiert. Meine Texte sind eigentlich immer zu lang, als das irgendjemand bereit wäre, das alles zu drucken. Also muss gekürzt werden (und wenn auch jemand inhaltlich und sprachlich redigiert, ist es umso besser). Da fallen dann eben auch Halbsätze raus. Normales Tagesgeschäft.

  7. Das ist ein schöner Text. Genau das, was ich lesen will. Und wofür sich die sicher sehr anstrengende Anwesenheit (also Ihre) bei all den Veranstaltungen (für uns) lohnt. Anders gesagt: das wäre so von heimischen Schreibtisch wohl nicht zu machen.

    Da ich selbst öfters länger unterwegs bin eine indiskrete Frage nach dem Aufwand. Für fünf Wochen Südafrika würde ich 15.000 € veranschlagen (brauchen), eher 20…

  8. Danke für den Text. Bemerkenswert genug, dass du überhaupt im Taxi schreiben kannst. Also: Understatement ist in diesem Fall nicht nötig.

  9. @ Julia: Ich habe festgestellt, dass ich nicht in allen Taxis schreiben kann. In diesem ging es erstaunlicherweise gut :) Meistens wird mir sofort schlecht, wenn ich auch nur im Auto oder im Bus lesen will.

    Understatement, mag sein. Aber es gibt Texte, da wünsche ich mir einfach mehr Zeit und einen klaren Gedanken.

  10. @Jens: Unterstatement ist ja verständlich (und oft auch löblich). Aber: Wenn im Taxi in all der Hektik und all der Kälte (du siehst: bei dir hat dein Gejammer super gefruchtet!) so ein Text entsteht, dann glaube all dem Lob hier mal.

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