Messi Watching: Argentina vs Nigeria

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JOHANNESBURG. Ich kündige es nur schon mal an, während ich im ersten Beitrag von heute – Frühstück mit Joe Biden – noch einiges ergänze: Ich sitze im Ellis Park Rugby Stadium und warte auf Lionel Messi. Es wird ein bisschen live mitgebloggt.

Bevor es los geht. Argentinisches Fernsehen:

[youtube gGwnF-nEe8g nolink]

15.49 Uhr: Neulich hat mir jemand geschrieben, der neu ist in diesem Haushalt:

Ich fordere Sie auf, die Ihnen vorliegenden Informationen zur Korruption bei FIFA, IOC etc. in veränderter Form zu veröffentlichen: harte Fakten, inklusive Quellenangabe, kurze Kommentare, chronologische Auflistung, Stichwortsuche, keine prosaischen Erzählungen.

Wer Ihren Blog das erste Mal liest – ohne die Fakten zu kennen – könnte den Eindruck gewinnen, dass das was Sie schreiben lediglich dazu dient in der Öffentlichkeit stehende Personen zu diffamieren. Niemanden interessiert eine verbal abwertende Äußerung eines Jack Warners. Niemand interessiert sich für das harte Leben eines Journalisten. Wenn Sie sich Mitleid wünschen wechseln Sie Ihren Beruf. Bleiben Sie bei den Fakten.

Ich weiß nicht. Ich will den Leser nicht bloß stellen. Wir haben dann auch noch ganz nett diskutiert. Und er hat in seiner nächsten Email sogar einen Beitrag gelobt.

Es ist ein großes Thema, finde ich. Wir haben darüber oft diskutiert, mitunter bin ich bei Dauer-Blogs wie aus Peking und Vancouver sogar aufgefordert worden, die Bedingungen zu beschreiben, unter denen journalistische Texte bei Mega-Events entstehen. Ich finde, das gehört dazu, das gehört immer dazu und es gehört künftig immer mehr dazu. Zudem: Da oben steht ein Name drüber.

Und ich möchte auch gern schreiben, wenn ich mich einfach nur maßlos ärgere und aufrege, etwa über den Dilettantismus bei der Journalistenticket-Vergabe hier im Ellis Park. Unfassbar. Unfähig. Dämlich. Sorry. Manche Tickets waren noch nicht gedruckt. Das händische, chaotische System dem dritten Jahrtausend unangemessen, wo jeder Idiot im Internetz sogar mit kostenlosen Tools professionelle Ticketsysteme nutzen kann. Aber, schon gut, ich rege mich nicht auf. Auch künftig wird es in diesem Theater Fakten geben.

16.02 Uhr: Aber jetzt, Messi Watching.

16.06 Uhr: Beim Straßenkick heißt es: Drei Ecken, ein Elfer. Hier heißt es: Drei Mal Messi – Ecke, Einsnull. Das kann lustig werden.

16.12 Uhr: Oh, Maradona gar nicht in Ballonseide. Ein Wunder.

16.25 Uhr: Ich glaube nicht, dass Argentinien an Demichelis und Veron bei dieser WM dauerhaft Freude haben wird.

16.55 Uhr Notiere elf nennenswerte Aktionen von Messi. Drei gefährliche Schlenzer, einer führt zur Ecke vor dem Einsnull. Aber: Kein Kombinationsspiel. Finde auch nicht, dass Messi adäquat einbezogen wird. Da geht viel mehr.

17.07 Uhr Und hier, der Wetterbericht. Deutlich angenehmer als gestern. Habe allerdings auch meine Winterjacke an und sitze ein wenig windgeschützter als gestern. Es sind sieben, acht Grad mehr als beim Eröffnungsspiel.

17.16 Uhr Schlechte Recherche: Habe mich bis eben dreimal gefragt, warum eigentlich Kevin-Prince Boateng nun doch nicht für Nigeria eingesetzt wird. Wollte gerade auf dem Statistikbogen nachsehen, ob er auf der Bank sitzt. Da fiel es mir dann doch noch ein, warum. Was für ein Aussetzer.

17.25 Uhr: Nach diesen stürmischen nigerianischen Angriffen, muss sich die betagte argentinische Abwehr erstmal wieder beruhigen.

17.54 Uhr: Einsnull. Man of the match, ganz logisch: Nigerias Keeper Vincent Enyeama, der allein viermal Klasse gegen Messi pariert hat.

@ mahqz: Sind das die los azulgranas? Die Jungs hier haben jedenfalls während des gesamten Spiels getrommelt. Und sie trommeln noch:

18.03 Uhr: Kurze Pause. Muss schreiben. Über Messi. Komme aber weder in die Pressekonferenz noch in die Mixed Zone. Denn dafür sind neben den Spieltickets stets weitere Tickets nötig.

Horst #1

Sepp verkündet gerade per Twitter, dass er auch kommt und dass Fußball jetzt wirklich begonnen hat. Aha.

Horst #2

In einem Punkt möchte ich dem kritischen Neu-Leser Recht geben: Die Verniedlichung von Funktionären bzw. die Kritik an ihnen durch Begriffe wie Udicom etc. verwirrt und dient nicht der Sache. Vor allem weil für Aussenstehende dadurch hier ab und zu kryptische Texte entstehen, die nicht ganz nachzuvollziehen sind.

Die Nabelschau und Berichterstattung über das journalistische Arbeiten an sich, finde ich dagegen höchst interessant, gerne auch mehr davon!

Jens Weinreich #3

Ja, Horst. Es geht wie immer um das richtige Maß. Mal stimmts, mal nicht. Er hat mir noch gute andere Hinweise gegeben, sagte zum Beispiel, die vielen Dokumente und Links und Geschichten (faktische Geschichten), die sich hier finden, müssten professioneller aufbereitet werden. Nun: Das erfordert noch mehr technischen Einsatz – und wäre ein Fulltimejob. Aber recht hat er.

Bastian (Chemieblogger) #4

Wie ist das gemeint mit der Freude an Demichelis und Veron?

Jens Weinreich #5

Ich sehe beide extrem schwach und unsicher.

Bastian (Chemieblogger) #6

Veron als spiritus rektor, erfahrener Führungsspieler und Standardschütze erscheint mir zumindest eine wichtige Rolle einzunehmen. Meine Begeisterung für Demichelis hält sich jedoch auch in Grenzen.

Jens Weinreich #7

Das ist ja gerade das Problem, diese Schlüsselrolle für Veron, die Du da beschreibst. Nichts davon zeigt er. Im Gegenteil, lässt den Ball springen oder flankt ins Aus.

Bastian (Chemieblogger) #8

Nachvollziehbare Argumentation. Werde das jetzt mal gezielt beobachten. Symptomatisch der Freistoß kurz vorm Pausenpfiff.

Jens Weinreich #9

Genau. Ist nur so ein erster Eindruck. Aber bei beiden extrem.

Alex #10

Ja, schicker Anzug da an der Seitenlinie. Mein erster, schnell wieder verworfener Gedanke: Seit wann trainiert Mario Adorf die Argentinier?

Laie #11

Demichelis hat schon den Bayern den Saisonendspurt verdorben. Seit er diese Gesichtsmaske trug, ist er einfach nicht mehr derselbe. Aber auf mich hat VanGaal einfach nicht hören wollen (außerdem hatte er gar keine anderen Leute ;-)

insofern #12

Danke für diese ganze Berichterstattung.

Mal eine andere Frage:
Ich höre im Tv neben den Vuvuzelas auch trommeln und ab und an ne echte trompte. Beides würde ich jetzt spontan den Argentinischen Fans zuordnen. SIngen die und hört man die im Stadion oder überlagert dort das getröte alles?

Viel Spaß noch dort.

Bastian (Chemieblogger) #13

Puh, Argentinien ist auch nur ein besseres Frankreich. Macht viel zu wenig aus dem individuellen Potential. Schön, sich auf Messi zu verlassen, wenn er gar nicht richtig mitspielt.

Jens Weinreich #14

@ insofern: Keine Ahnung, ob richtige Trompeten dabei sind. Ich sehe keine. Neben mir die Nigerianer tröten halt in grüne Vuvuzelas. Und hinter dem argentinischen Tor sind auf dem Oberrang drei große Trommeln. Ich denke, Argentinier, kann die blau-roten Trikots aber nicht ausmachen – die Farben eines argentinischen Klubteams?

Rob #15

In den TV Bildern war vorhin ein Fan mit Trompete zu sehen. Aber ob der sich gegen die vuvus behaupte kann wage ich zu bezweifeln…

Alex #16

Auf den Fernsehbildern waren vorhin Trompeten im nigerianischen Block zu sehen. Der BBC-Kommentator empfindet die Atmosphäre im Stadion übrigens als „vibrant, wonderful“.
Und dass man sich nicht allein auf Messi verlassen sollte, müsste den Argentiniern eigentlich spätestens seit dem CL-Halbfinale zwischen Barcelona und Mailand klar sein.

Jens Weinreich #17

Alex, ich finde, sie können ihn ruhig öfter ins Spiel bringen, dann aber intelligenter! Da sie kein System haben, passiert das nicht. Ich zähle bisher 20 bemerkenswerte Szenen mit Messi. Ist das viel?

insofern #18

Danke für die Antwort.

Ich habe gefragt, weil ich in erinnerung hatte, dass die Argentinier 2006 mit einer recht großen Fangruppe kamen, die auch kräftig gesungen haben. Kann mich aber auch irren.
Rot-Blaue Trikots habe ich bei den großen Vereinen jetzt nicht gefunden.

Mahqz #19

San Lorenzo aus Buenos Aires sind „Los azulgrana“ (die Blau-roten). Aber könnten natürlich auch Barca Trikots sein. ;-)

Jens Weinreich #20

@ Mahqz: Ich stelle gleich mal ein Foto rein von den Jungs, schau mal, ob sie es sind, die los azulgrana.

Alex #21

Keine Frage, dass Messi bemerkenswert gespielt hat und auch mindestens ein Tor hätte machen können. Eine seiner großen Stärken ist aber auch, dass er Abwehrspieler auf sich zieht und dadurch Lücken schafft, die seine Mitspieler ausnutzen können. Davon habe ich aber wenig gesehen. Es machte eher den Eindruck: „Wir geben Messi den Ball und schauen zu, was er damit macht. Wird schon gut gehen.“

nocheinjurist #22

@ bastian: Argentinien hatte immerhin einen Plan zu gewinnen: Überrennen, Tor schießen, verwalten. Deutlich mehr, als Frankreich gezeigt hat.

@ jw: ja, ist viel. Bisher hat Nigeria aber den besten Keeper des Turniers. Der Gegentreffer war nicht seiner, die anderen sieben (?) Chancen hat er cool bis sensationell entschärft.

Bastian (Chemieblogger) #23

@nocheinjurist: Eben das Vorhandensein eines Plans oder Systems wage ich zu bezweifeln. Stark angefangen, ebenso stark nachgelassen. Und vorne hilft der liebe Lionel. Weiß nicht, ob man damit die zweite Runde übersteht.

nocheinjurist #24

@ Bastian: die zweite Runde überstehen = im Achtelfinale weiterkommen? Die zu überstehen, würde ich im Moment bei allen bezweifeln, die bisher gespielt haben. Aber im Vergleich mit Frankreich: Ja, Argentinien war deutlich besser. Vor allem wegen der sechs bis sieben herausgespielten torreifen Situationen.

Linksaussen #25

maradonas konzept heisst messi – das wird für vorrunde und af reichen. vielleicht auch für etwas mehr, aber nun mal nicht für den titel.

Linksaussen #26

@nocheinjurist: im af spielen aber eben diejenigen gegeneinander, die bisher gespielt habe. da sehe ich die gruppe a in allen möglichen paarungen doppelt rausfliegen.

nocheinjurist #27

@ linksaussen: dann hätte argentinien heute nicht gewinnen dürfen — wie häufig ist messi heute gescheitert. Oder ist das Konzept, Messi in den Vordergrund zu rücken – und die anderen treffen zu lassen? ;-)

Gua #28

Also mich interessiert es schon, was Jack so sagt und wenn ab und an ein bisschen mimimi von dir kommt, stört mich das auch überhaupt nicht. ;)
Ach ja, zu dem Spiel kann ich nichts sagen, weil bisher bin ich noch nicht dazu gekommen nur eine Sekunde Fußball zu gucken, was auch mind. bis Montag so bleiben wird (vielleicht auch für den Rest der WM™ :D).

Olli #29

Die besten Spielanalysen im Netz:

Olli #31

Ist Messi überhaupt auch als „Ex-Doper“ anzusehen? Als Kind hat er ja Wachstumshormone bekommen, bei Schwimmern und Radfahrern würden da bei mir die Alarmglocken erklingen…

Jens Weinreich #32

Olli, will mich nicht zu weit rauslehnen, einfach mal so, aus dem Fußballstadion: Wenn er es tatsächlich als Kind, das er ja trotz seines Wechsels nach Barcelona noch war, bekommen haben sollte, weil diese extremen Wachstumsstörungen diagnostiziert worden waren, wenn das alles so gewesen sein sollte, dann wäre das Wachstumshormon korrekt eingesetzt worden. Meine ich.

Olli #33

Ich will auch keine Diskussion starten, er ist aus anderen Gründen ein Ausnahmefußballer…aber wenn er in der 89. Minute mit seinem auf 1,67 gepimpten Körper knapp den Ball vor unserem 1,70-Lahm ins Tor köpft und Deutschland scheidet deshalb aus… Gott sei Dank kommt er nicht aus Nord Korea & Co.

Jens Weinreich #34

Nein. Ich mache da keine Unterschiede. Ob Nordkorea, USA oder DDR. Oder eben Messi.

Olli #35

Bei mir sind dribbelstarke Argentinier besser beleumundet.

mb #36

Ich meine bei mindestens zwei Spielen einige Zuschauer mit Glasflaschen (!) gesehen zu haben. Außerdem wurde in der zweiten Halbzeit von Arg-Nig der Ball von einem Laserpointer getroffen.

nocheinjurist #37

@ Olli: Kann man auch so andenken wie Sie. War auch schon mal fast ein wenig an anderer Stelle dieses Blogs diskutiert worden.

Börni #38

Wenn ich Journalismus lesen will kaufe ich eine Zeitung. Wenn ich Jens Weinreich lesen will lese ich jensweinreich.de

Wenn ein mit „ich fordere sie auf“ kommt, dann muss man dem Herren wohl sagen, leg dich wieder hin Opa, das neumodische Zeugs ist nichts für dich.

cf #39

@Börni
öhemm… also ich glaube, der Hausherr hat schon den Anspruch hier Journalismus zu machen. Kommt halt darauf an, was genau man unter „Journalismus“ versteht… oder, um es anders herum zu formulieren: inwiefern ist jensweinreich.de für dich denn unjournalistisch?

(das aus dem Messi(as)-Watching destillierte Elaborat kann man übrigens bei SPON nachlesen)

Laie #40

Man sollte dem ‚Ich fordere Sie auf‘-Schreiber auch mal den Unterschied erklären zwischen einem festangestellten, den Richtinien seiner Redaktion oder seines Herausgebers verpflichteten Journalisten mit festem Gehalt (!) und der Existenz eines freien Journalisten, der sich seine Unabhängigkeit von allen Meinungen und Stimmungen und Geldern bewahrt hat, erklären.

Jens Weinreich #41

Kein Bashing bitte. Ich habe schon gesagt, dass wir uns dann ganz nett ausgetauscht haben. Er wirft viele wichtige Fragen auf, auch in der weiteren Diskussion – etwa die der professionellen Aufarbeitung von Informationen, die sich hier und anderswo finden. Hier zu bestimmten Themenkomplexen sicher geballter als anderswo. Aber egal: Allein mit related Posts oder der hässlichen Artikelspalte, der Suchfunktion und dem Monatsarchiv ist es halt nicht getan – das stimmt schon. Und allein nur mit einer Berichterstattung über Fakten, die man erst mal recherchieren muss, ohne also den Leser regelmäßig an der Entstehung von Texten oder live an Recherchen teilhaben zu lassen und im Dialog (siehe Pechstein) zu komplizierten Sachverhalten zu versuchen, sich dem Kern der Sache zu nähern, ist es halt auch nicht getan.

Mhm. Sehr kompliziert. Glaube, ich muss das Thema nochmal gründlich aufarbeiten.

Laie #42

Das war gar nicht als Bashing gemeint.

Mir sind das die entscheidenden Unterschiede zwischen Deiner Arbeit und der in anderen Medien. Und ich wünschte mir, wir hätten solche unabhängigen Berichterstatter auch in ganz anderen Bereichen, etwa in der Berliner Politik…

Ein weiterer Vorteil hier (und zwar sowohl Deiner als auch unserer) ist das unmittelbare Leserecho, das Deine Artikel erfahren. Das ZDF hat auch bemerkt, wie wichtig und nützlich so etwas sein kann, und hat ja jetzt sogar einen „Fan-Beauftragten“ in Südafrika!

Apropos… wir sollten hier auch mal über Beckmann, Scholl und Co. reden… die waren ja zum Teil noch unerträglicher als die Vuvuzelas! (und dabei hatte Kahn noch Sendepause!)

Laie #43

P.S.: Diese Seiten wären sicher professioneller, wenn Du eine Redaktion im Hintergrund hättest – aber jeder Schritt in diese Richtung nähme Dir ein Stück Unabhängigkeit von Institutionen und Geldern.

Jens Weinreich #44

Fakt ist: Stünde eine Redaktion dahinter, hätte es viele Texte und Recherchereisen nicht gegeben. Weil Redaktionen, egal welcher Art, doch gern meinen, dies und das sei nicht wichtig. Dieser sportpolitische Bereich braucht aber Spezialkenntnisse, Spezialisten und Fachmedien – weit über das bisher Bestehende hinaus.

Aber die Frage der besseren technischen Aufarbeitung – Verfügbarkeit, Usability – ist dennoch auch eine zentrale Frage.

nocheinjurist #45

@ Laie: Und ne echte Redaktion hätte auch eine Kontonummer, wo man mal etwas Geld hin überweisen könnte :-)

Mahqz #46

Oh grade erst wieder reingesehen. Völlig übersehen, das ich angesprochen war. Habe San Lorenzo bisher immer nur in gestreiften Rot-Blauen Trikots gesehen.

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