Besuch in Nordkorea

TEMBISA. Was weiß man schon von Nordkorea? Hier draußen in Tembisa, einer Township im Norden von Johannesburg, lässt sich ein bisschen Nordkorea erahnen. Das Makulong-Stadion ist von hohen Zäunen mit spitzen Pfählen und Stacheldraht umgeben. Es wird bewacht von bis an die Zähne bewaffneten Soldaten. Und drinnen schreit ein echter, kahl geschorener, bulliger Offizier die Kommandos. Dieser Gordon Watson, Media Officer des Fußball-Weltverbandes FIFA, hätte sicher auch in Nordkorea Karriere machen können, so wie er brüllt und bellt, die Soldaten anweist, die Meute der Journalisten zu kontrollieren und schleunigst wieder aus der Anlage zu vertreiben.

In Tembisa trainiert die Nationalmannschaft aus Nordkorea, gewiss eines der interessantesten Teams dieser WM, schon deshalb, weil man kaum etwas weiß über diese Nordkoreaner. Sie haben nicht einmal eigene Fans hier in Südafrika, nur Chinesen, die vom Nationalen Sportkomitee mit 1000 Tickets für die drei Vorrundenspiele (gegen Brasilien, die Elfenbeinküste und Portugal) versorgt wurden, um die Mannschaft des Geliebten Führers Kim Jong Il anzufeuern. Eine weitere bizarre Note.

Es gibt fast niemanden, den man befragen könnte. Journalisten aus Nordkorea sind nicht akkreditiert. Und die südkoreanischen Kollegen, die aus Ermanglung an Alternativen nun von den Reportern aus aller Welt befragt werden, zucken meist nur mit den Schultern. Auch sie wissen nichts, nicht einmal, ob diese WM in Nordkorea wenigstens im Fernsehen übertragen wird. Einer sagt: „Vielleicht im Kabelprogramm?“ Der nächste meint: „Haben die überhaupt Fernsehen?“

Gordon Watson, der Media Officer, lässt in Tembisa aber immerhin einige Fragen zu, anders als im echten Nordkorea. In den Katakomben des Makulong-Stadion, wo vergangenen Sonntag beim Testspiel gegen Nigeria eine Massenpanik ausgebrochen war, bellt Watson die Journalisten an: „15 Minuten! Ihr habt fünfzehn Minuten! Und wenn ihr euch nicht an die Regeln haltet, breche ich sofort ab und ihr müsst verschwinden!“

Es ist der erste Pressetermin Nordkoreas überhaupt. 900 Sekunden Fragen. Anschließend 900 Sekunden Fotomöglichkeiten beim Warmmachen im Training. Vor der mit Kameras und Mikrofonen bewaffneten Meute stehen ein Betreuer und zwei Spieler in roten Klamotten. Den Mann mit der Nummer neun kennt die Welt inzwischen: Jong Tae-Se ist der Star des Teams. Er spielt in Japan bei Kawasaki Frontale und parliert in gutem Englisch. Er erzählt, dass man am Dienstag sicherlich auch Brasilien schlagen könne, dass dieser WM-Auftritt helfen werde, das Bild über Nordkorea zu korrigieren. „Nordkorea ist ein Mysterium. Wir können das Image des Landes ändern.“ Dann sagt er schnell, wohl überrascht von den eigenen kecken Worten: „Aber Politik und Sport sind unterschiedliche Dinge.“

Man wolle ebenso überraschen wie jenes nordkoreanische Team, dass bei der WM 1966 sensationell gegen Italien gewonnen hatte und ins Viertelfinale eingezogen war. „Ich bin damit aufgewachsen“, sagt Jong Tae-Se, den sie angeblich den Rooney Asiens nennen. Auf den Mannschaftsbus der Nordkoreaner ließ die FIFA den Schriftzug kleben: „1966 again! Victory for DPR of Korea!“ Für die Demokratische Volksrepublik Korea, Nummer 105 der Weltrangliste. Es ist aber gewiss nicht so, dass sich die Gruppengegner auf diese Koreaner freuen. Sie haben Respekt vor ihnen. „Die laufen die ganze Zeit“, weiß etwa Sven-Göran Eriksson, Trainer der Elfenbeinküste. Und sie kämpfen. Für sich. Vielleicht auch für Kim Jong Il, die „Sonne des 21. Jahrhunderts“.

In Tembisa aber geht gleich die Sonne unter. Und Gordon Watson, der Schreihals in FIFA-Uniform, treibt die Journalisten mit seinen Soldaten aus dem Stadion. Vorbei die 1800 Sekunden in der nordkoreanischen Enklave. Zurück im richtigen Leben.


8 Gedanken zu „Besuch in Nordkorea“

  1. Bin mal gespannt, was aus den unbekannten Jungs wird und ob man einige davon (bei entsprechenden Abschneiden der Mannschaft) in Europa sehen wird.

    Laut Wikipedia gibt es ja da schon einen Nutznießer:

    Am 14. Mai 2009 besuchte die nordkoreanische Nationalmannschaft, erstmals seit der WM 1966, West-Europa. Sie wurden vom Schweizer Club FC Concordia Basel zum Freundschaftsspiel eingeladen. Denn Concordias Präsident, Stephan Glaser, hat sich die Transferrechte der nordkoreanischen Nationalspieler für Europa gesichert.

    siehe auch: Basler Zeitung – Concordias fragwürdige Geschäfte mit nordkoreanischen Fussballern

  2. Pingback: Nordkoreas etwas andere WM-Vorbereitung: Chaostage bei der Chollima-Elf « Nordkorea-Info

  3. Pingback: Notizen von den Jugendspielen : jens weinreich

  4. Hajo Seppelt & Robert Kempe für sport inside: „Eine andere Welt“

    Erstmals haben die nordkoreanischen Behörden einem ausländischen Fernsehteam erlaubt, auch abseits offizieller Anlässe Aufnahmen vom Sport in Nordkorea zu machen.

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