Joseph Blatter, Interpol, Charlize Theron, Handball und die Irland-Frage

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KAPSTADT. Wenn dieser Beitrag automatisch freigeschaltet wird, bin ich auf Robben Island. Eine stabile Internetverbindung ist sicher das letzte, was man mit Robben Island in Verbindung bringt und auch nicht so wichtig. Ich werde also erst am Abend wieder erreichbar sein und den Tage mit dem FIFA-Exekutivkomitee und zwei Hundertschaften Journalisten auf der ehemaligen Gefängnisinsel am Ende der Welt verbringen. Das scheint mir allemal wichtiger und interessanter, als die tausendste Interpretation zu möglichen Gruppengegnern der Deutschen bei der WM 2010.

Da fällt mir ein, ich habe bei der Gruppenauslosung vor acht Jahren, damals für die WM 2002 in Japan und Südkorea, als den deutschen mal wieder eine Hammergruppe drohte und es dann die Giganten Irland, Saudi-Arabien und Kamerun wurden, dieses Kleinod des Sportjournalismus gedichtet.

Nun aber zurück ins Hier und Jetzt. Zur Reise nach Robben Island inklusive der Frage, was das für Blatters Friedensnobelpreisambitionen bedeutet – er hat mir ja schon exklusiv gesagt, dass der Preis von vielen Leuten an ihn herangetragen werde und er selbstverständlich nicht Nein sagen könnte, wenn es so weit wäre, wer könne das schon, das gehöre sich doch nicht –, werde ich mich später ausführlich äußern.

Nachzutragen ist derweil das letzte Kapitel in der Irland-Geschichte

Wir hatten Blickkontakt gestern, der Große Vorsitzende und ich:

Joseph S. Blatter auf einer PK, Kapstadt, 2. Dezember 2009

Nein, er hat nicht die ganze Zeit so grimmig geguckt, er hat mir sogar zugewunken. Denn er ist nicht (immer) nachtragend, und er weiß, dass er sich dumm benommen hat am Montag in Johannesburg. Nach zwei Tagen und tausend Schlagzeilen mehr sagte er gestern in Kapstadt:

irland-kapstadt.mp3

Für die NZZ, die Sepp täglich liest, habe ich es so zusammengefasst (nachfolgender Text ist etwas ausführlicher und, wie immer, mit Links versehen:

* * *

Blatters Entschuldigung

KAPSTADT. Wenn es darum geht, schwierigen Situationen zu entrinnen, beweist Joseph Blatter oft mirakulöse Fähigkeiten. Gerade hatte sich der Präsident des Fußball-Weltverbandes (FIFA) über die leidgeplagten Iren lustig gemacht und ausgeplaudert, dass man vergangenen Freitag in Zürich in vertraulicher Runde kurz über ein 33. WM-Team gesprochen habe. Daraus war schnell die falsche Schlagzeile geworden, der irische Verband (FAI) habe offiziell um die WM-Teilnahme ersucht, nachdem sie wegen eines irregulären Tors im Playoff-Spiel gegen Frankreich die WM-Qualifikation verpasst hatten.

Die Iren waren zu Recht erzürnt. Co-Trainer Liam Brady nannte den Großen Vorsitzenden „eine Peinlichkeit für die FIFA“. Blatter sei „sein eigenes Gesetz. Er ist ein bisschen wie eine verloren gegangene Kanonenkugel“. Am Mittwoch, zur Sondersitzung des FIFA-Exekutivkomitees in Kapstadt, legte die FAI in einem offiziellen Statement nach:

Anstatt Aufmerksamkeit zu suchen, würden wir es lieber sehen, wenn Herr Blatter die Möglichkeit nutzt, um die Dinge anzusprechen, die dem Fußball weltweit weiterhelfen würden. Für einen Mann in Blatters Position ist es unpassend, mit jemandem zu sympathisieren, der ein Tor durch Betrug ermöglicht hat.

Bei der Generalprobe zur Auslosung der WM-Endrunde 2010 ärgerte Hollywood-Star Charlize Theron die FIFA-Offiziellen, als sie ein Los zog, aber nicht den Namen Frankreich sagte, sondern: „Irland“. Und was tat Blatter am Abend? Das einzig Richtige. Er entschuldigte sich, sogar mehrfach.

Ich entschuldige mich dafür, was ich angerichtet habe. Diese Schlagzeilen tun mir leid!

Der Konflikt soll mit einer weiteren Geste befriedet werden: Die FIFA-Disziplinarkommission eröffnet ein Verfahren gegen den französischen Handballer Thierry Henry, der die Vorlage zum entscheidenden Ausgleich gegen Irland gegeben hatte. Blatter hatte Henry zuvor in einem Telefonat seine Sympathie bekundet und ihn nicht etwa dafür gerügt, dass er dem Schiedsrichter sein Handspiel nicht angezeigt hatte.

Ein zweites Verfahren wurde wegen der Ausschreitungen bei den Spielen zwischen Algerien und Ägypten in Kairo und Khartoum eingeleitet.

Grobe Fehlentscheidungen wie in Paris müssen auch bei der WM 2010 in Südafrika befürchtet werden. Denn das Exekutivkomitee lehnte es ab, zur WM-Endrunde technische Hilfsmittel wie einen Video-Beweis und zwei zusätzliche Torrichter einzuführen. Es bleibt alles beim Alten. Blatter sagte zwar, in der Schiedsrichterfrage stehe man „an einer Wegscheide“, die Unparteiischen seien kaum mehr in der Lage, mit der Dynamik des Spiels Schritt zu halten. Gleichzeitig aber formulierte er, „Fußball solle ein spontaner Sport“ bleiben.

Das Exekutivkomitee sprach sich geschlossen gegen Sofortmaßnahmen aus. Blatter erwähnte UEFA-Präsident Michel Platini und Franz Beckenbauer, die beide argumentiert hätten, man solle das Experiment mit den zusätzlichen Torrichtern in der Europa League erst beenden und auswerten.

Blatter deutete an, dass es auch keine Änderungen geben werde, bevor diese Tests nicht in anderen Profiligen auf allen Kontinenten gemacht worden sind. Gleich mehrere Kommissionen der FIFA sollen die Themen nun bearbeiten. Eine weitere Arbeitsgruppe, besetzt mit den Generalsekretären aller sechs Kontinentalverbände ein, soll bis März 2010 zur nächsten Exekutivsitzung in Zürich Vorschläge für künftige WM-Qualifikationen erarbeiten. Zumindest scheint Konsens darin zu bestehen, die Playoffs abzuschaffen.

Irritieren muss aber gleichzeitig das System, dass die FIFA gestern bei der Zusammenstallung der vier WM-Lostöpfe angewandt hat. Die Töpfe wurden auf Basis der von einem Brausekonzern gesponserten Weltrangliste eingeteilt. Warum wird das erst zwei Tage vor der WM-Auslosung getroffen? Warum steht das nicht vor Beginn der WM-Qualifikation fest?

Eine Antwort darauf lautet: Die FIFA und ihr Präsident wollen sich immer Optionen offen halten. Deshalb wurden auch die Playoff-Regeln in Europa so spät festgesetzt. In Kapstadt wandte die FIFA nun ein anderes System an als bei den vergangenen Weltmeisterschaften, wo jeweils auch das Abschneiden der Nationen bei vorherigen WM-Turnieren berücksichtigt wurde. Vor vier Jahren geschah dies sogar nach einem ausgeklügelten System – allerdings auch erst kurz vor der WM-Auslosung.

Zum Wettskandal kündigte Blatter die Gründung einer Taskforce an – schon wieder eine. Die drei bestehenden Frühwarnsysteme – er nannte eines der FIFA, das der UEFA und das deutsche System Betradar – sollen vereint werden. Blatter präsentierte dazu ein Schreiben von Interpol-Generalsekretär Ronald K. Noble, der seine Unterstützung versichert. Interpol kooperiert seit längerem schon mit der Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA).

Gua #1

Wie funktioniert das eigentlich mit diesem „Glück“? Gibt es auch noch gesponsorte Loskugeln?

Ralf #2

@ Gua:

Jürgen Schmieder in der SZ: Losglück und Verschwörungen

Manche Kugeln seien erwärmt, heißt es, man könne den Unterschied spüren – und somit betrügen.

Franz #3

Er ist ein bisschen wie eine verloren gegangene Kanonenkugel

Oh, uhm. Wenn im Original was von „loose cannon“ stand, dann meint das etwas anderes.

Stellen sie sich ein großes historisches Segelschiff vor, so wie in den vielen Piratenfilmen, mit vielen Kanonen. Die Kanonen sind alle schön an ihrem Platz und festgezurrt. Eine reißt sich bei schwerem Seegang los und das schwere Geschütz rollt und schlingert unkontrolliert über das Kanonendeck.

So ein schweres unkontrolliertes Geschütz ist gefährlich für Mannschaft und Schiff, kann viel Schaden anrichten und ist schwer zu stoppen. Das meint man mit „loose cannon“.

Man beachte die zwei „o“ in „loose“ (nicht befestigt), statt „lose“ (verlieren). Nebenbei heißt es ja auch Loser, nicht Looser.

Sollte Herr Blatter als „loose cannon“ bezeichnet worden sein, dann könnte man das salopp in diesen modernen Zeiten mit „durchgeknallt“ übersetzen.

Jens Weinreich #4

Völlig richtig. War dumm von mir. Vielleicht ist „umherirrende“ Kanonenkugel noch besser?

Stefan #5

Ich finde das Bild von der Kanonenkugel nicht schlecht, sie lässt einen an den Baron Münchhausen denken.

STP1910 #6

Vorschlag
Unberechenbar oder gemeingefährlich. (via dict.leo.org)

mus #7

ich (anglist) denke, „wildgeworden“ trifft es am besten (auch wenn leo sonst fast immer exzellente übersetzungen liefert). wem das zu langweilig ist, darf auch „vogelwild“ benutzen, das sich ja insbesondere bei sportkommentatoren einer hohen beliebtheit erfreut.

Ralf #8

Morgen bei sport inside: „Liebling aller Afrikaner“

Die WM in Afrika will Blatter nutzen, um ein positives Bild von sich zu zeichnen. Bei den Afrikanern kommt er damit an, bei seinen Kritikern aber wird er auch mit einer gelungenen Weltmeisterschaft in Südafrika kaum Punkte machen.

sternburg #9

@mus: „vogelwild“ beschreibt aber doch eher das Gegenteil – schutzlos von allen bedroht werden zu dürfen, statt alle Schutzlosen zu bedrohen?

(irgendwann schmeisst mich der Hausherr für solche Diskussionen noch raus..)

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