Blatter lästert über Irlands Fußballverband (2)

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JOHANNESBURG. Ich glaube, Sepp hat einen neuen Freund.

I think my country deserves more recognition from Blatter.

I’m afraid Mr Blatter is a law unto himself. I thought it was very disrespectful how he presented this fact. He ignored most of the controversial things that went on that evening.

He never had anything to say about that at all, like (Thierry) Henry’s behaviour after scoring the goal and how that stands within his campaign to have fair play within the game. Henry celebrates as if he’s done nothing wrong. Is that fair play?

Hardly. But Mr Blatter chose to talk about the request to be considered as the 33rd team.

People will be watching Mr Blatter closely and his decisions closely from now on.

Liam Brady

Ach ja, das sagte Liam Brady auch noch: Blatter sei „a bit of a loose cannon“ und „an embarrassment to FIFA“. Eine verirrte Kanonenkugel und eine Peinlichkeit. Nun denn.

Kleiner Nachtrag zum gestrigen Beitrag.

Nachdem nun der Vielfach-Lügner FIFA-Generalsekretär Jerome Valcke in Kapstadt offiziell erklärt hat, dass es doch nichts wird mit einem 33. Team bei der WM 2010, meldet das nun auch dpa („FIFA-Generalsekretär: Keine Chance für Irland“), ohne jedoch die arg verzerrt wiedergegebene Meldung von gestern zu korrigieren. Putzig natürlich, dass das letzte Stoppzeichen für Irland ausgerechnet Valcke kommt – der gewesene Vielfach-Lügner Valcke, den Blatter deshalb feuerte und wieder anheuerte, ist Franzose.

Wer gestern Blatters Auftritt in Johannesburg verfolgte, konnte die Aussagen nicht anders werten. Dies ist imho ein gutes Beispiel dafür, wie wichtig es ist, nicht nur Zitate plump zu vermelden, sondern immer auch die Umstände, unter denen derlei Worthülsen abgesondert wurden, zu beschreiben. Oder es zumindest zu versuchen.

Hier mein gestriger Beitrag, der u.a. in der Financial Times, Berliner Zeitung und in der NZZ erschienen ist. Muss jetzt – gestärkt mit Ipufren, das nicht auf der Journalisten-Dopingliste steht – zum Flieger nach Kapstadt, vielleicht stelle ich heute Nacht noch die Audio-Datei mit den Blatter-Sprüchen online.

* * *

JOHANNESBURG. Sie feiern ihn jetzt schon wie den Heiland. Wo soll das alles noch hinführen in den kommenden 191 Tagen bis zum Eröffnungsspiel der Fußball-Weltmeisterschaft 2010? Zum Spiel, dass Bafana, Bafana, die Auswahl Südafrikas, „gewinnen wird“, wie Joseph Blatter vorab enthüllte. Dafür gab es prasselnden Applaus am Montag auf der weltgrößten Fußballmesse Soccerex in Johannesburg.

Fifa-Präsident Joseph Blatter, vorgestellt als „einer der wichtigsten Menschen des Planeten“, war Stargast der Soccerex, von wo er nach Kapstadt jettete, wo am Freitag die WM-Endrundengruppen ausgelost werden.

Unmittelbar vor dieser Auslosung hat Blatter in unvergleichlicher Art wieder Schlagzeilen gemacht. „Irland will als 33. Team zur WM“, titelten Nachrichtenagenturen nach seinem launischen Auftritt in Johannesburg. Dabei hatte Blatter doch nur einen Witz gerissen auf Kosten der Iren, die vergangenen Freitag bei ihm in der Fifa-Zentrale in Zürich auftauchten, um sich über Thierry Henry und sein Handspiel im entscheidenden WM-Qualifikationsspiel in Frankreich zu beschweren.

Sie haben demütig darum gebeten, als 33. Team an der WM teilnehmen zu dürfen.

… erzählte Blatter.

Im Saal, prall gefüllt mit Fußballvermarktern aus aller Welt, auch mit den kommenden WM-Organisatoren aus Südafrika und Brasilien, wurde schallend gelacht.

Blatter liebt diese Momente. Er kann dann nicht aus seiner Haut, sondern setzt unwillkürlich an zu seinem typischen Blatter-Lachen: Er wird immer ganz rot und grunzt deutlich vernehmbar – so auch diesmal in Johannesburg. Er hatte seinen Spaß.

Wenn die Iren das unbedingt wollen, kann ich das gern dem Fifa-Exekutivkomitee vorschlagen!

Aber 33 Mannschaften?

Dann kommt auch noch Costa Rica an, weil es gegen Uruguay ein Abseitstor gegeben haben soll.

So ging das in einem fort. Einmal mehr bekannte Blatter, selbst ernannter Hüter des Fairplay, er könne Thierry Henry verstehen, dass er dem Schiedsrichter sein Handspiel nicht gestanden habe. Wenig später erklärte er inbrünstig: „Handspiel ist das größte Verbrechen im Fußball!“ Um sich Sekunden darauf zu korrigieren: Nein, Schwalben seien noch schlimmer. Kurzum: Es war eine typische Plauderstunde des Joseph Blatter.

Die Führung des irischen Fußballverbandes fand es indes gar nicht so lustig, durch die Indiskretion des Fifa-Präsidenten weltweit als Idioten dargestellt zu werden, die offiziell einen 33. WM-Startplatz verlangen. Prompt veröffentlichten die Iren ein Kommuniqué, in dem es hieß, man habe in Zürich vor allem darüber geredet, wie ähnliche Fehlentscheidungen künftig vermieden werden können, etwa mit dem Video-Beweis. Ja, zwischendurch habe man sich auch erkundigt, ob nicht Chancen bestünden, Irland für die Endrunde zuzulassen. Es war eine verzweifelte Frage in vertraulicher Runde, über die Blatter nun öffentlich lästerte.

Der 73 Jahre alte Fifa-Präsident kündigte allerdings an, dass das Thema auf der Sondersitzung des Exekutivkomitees am Mittwoch in Kapstadt behandelt werde.

Wir müssen bis zur WM dafür sorgen, dass sich solche Fehler nicht wiederholen. Wenn wir das nicht schaffen, können wir unsere Sachen packen und nach Hause gehen.

Den Video-Beweis aber schloss er weiter aus. Blatter ist der größte Gegner den Nutzung moderner Technik, die dabei helfen kann, haarsträubende Fehlentscheidungen zu vermeiden, die ganze Nationen schocken und millionenschweren Schaden anrichten. Wie das zur WM 2010 gelöst werden soll, ließ Blatter offen. Die Tendenz geht zu zwei zusätzlichen Schiedsrichter-Assistenten, die derzeit in der Europa League getestet werden. Den Einsatz dieser Torrichter lobte Blatter ausdrücklich.

Bei der nächsten Sitzung des International Football Boards, das allein über Fußballregeln bestimmt, werde er sich in drei Monaten für die Einführung technischer Beweismittel einsetzen, um im Profifußball die Frage zu klären, wann ein Ball die Torlinie überschritten hat. Mit welcher Technik das geschehen soll – ob mit dem bereits von der Fifa getesteten Chip im Ball oder mit Kameras -, sagte Blatter nicht.

Er kündigte an, die Playoff-Spiele in der WM-Qualifikation abschaffen zu wollen! Auch das soll vom Exko in Kapstadt behandelt werden. Nach zehn oder mehr Qualifikationsspielen müsse alles klar sein, es könne nicht sein, dass es dann noch Entscheidungsspiele gibt und sich alles auf ein einziges Endspiel konzentriere, schimpfte Blatter, der doch diese Playoffs selbst eingeführt hat.

Über den Wettskandal, den er ebenfalls auf die Tagesordnung der Fifa-Sondersitzung in Kapstadt gesetzt hat, verlor Blatter kaum ein Wort. Nur soviel: Es sei nicht einfach, gegen „die Teufel“ zu kämpfen, die den Fußball bedrohen.

Stattdessen, zum Abschluss seines verwirrenden Auftritts, flink noch ein Appell an die „eine Milliarde Menschen umfassende Fußballfamilie“. Joseph Blatter, das Familienoberhaupt, rief dazu auf, künftig „fair und respektvoll miteinander umzugehen“. Das ist ihm ganz wichtig.

sportinsider #1

Es gibt solche und solche Funktionäre. Blatter scheint zu den solchen zu gehören. Sehr schön wie Du die Plauderstunde aufzeigst.

Trainer Baade #2

Mich tröstet ja beim Lesen solcher Vorgehensweisen eigentlich vor allem die Zahl, die hinter Sepp Blatter (73) häufig in Klammern gesetzt wird. Wenn ich dann aber an die tatsächliche, nicht durchschnittliche Lebenserwartung anderer Hochrangiger denke, weiß ich nicht, ob dieser Trost nicht doch eher eine Drohung bedeuten könnte.

Montana #3

„Wir müssen bis zur WM dafür sorgen, dass sich solche Fehler nicht wiederholen?, sagte Blatter. „Wenn wir das nicht schaffen, können wir unsere Sachen packen und nach Hause gehen.?

Das will ich sehen! Wäre doch was, wenn Blatter die WM absagt oder nach der ersten Fehlentscheidung abbricht.

Jens Weinreich #4

Montana, ich fürchte, ich habe laut geseufzt, als er das sagte. So ein melancholisches Seufzen. Denn ich würde ihn vermissen. Aber: Sollte es schlecht laufen, wäre er ja nicht der erste Fußballfunktionär, der vom Rücktritt zurücktritt.

Robert Klemme #5

Eine „loose cannon“ ist viel schlimmer als eine verirrte Kanonenkugel: es ist eine Kanone außer Kontrolle, d.h., sie feuert etliche Kugeln wild in alle Richtungen. Siehe auch Leo und Webster’s Online.

Jens Weinreich #7

@ Robert: Vielen Dank für den Hinweis. Mein Englisch, ich weiß ;(. Aber wie gut, dass es nicht nur polyglotte Leser gibt, sondern sogar militärtechnisch bewanderte und bal(l)istisch kundige!

Deine Erklärung leuchtet absolut ein, ich denke, so hat das Liam Brady auch gemeint.

Jens Weinreich #8

Auch hübsch, so was passiert, wenn Agenturen falsch berichten: Die FAZ übernimmt den Unsinn der dpa in einem Kommentar und behauptet falsch:

Neulich hat Joseph S. Blatter einen Brief bekommen. Aus Irland. Im Couvert für den Präsidenten des Internationalen Fußball-Verbandes (Fifa) steckte eine Art Bittgesuch mit einem zentralen Satz: „Können wir nicht als 33. Mannschaft an der Fußball-Weltmeisterschaft im nächsten Jahr in Südafrika teilnehmen?“

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