„Leitlinien des Sportjournalismus“

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Ich bin ja, obgleich Anfang 2006 aus Protest aus dem Verband Deutscher Sportjournalisten (VDS) ausgetreten, immer noch Abonnent der Monatszeitschrift „Sportjournalist“. Und dort lese ich in einem der legendären Editorials des VDS-Präsidenten Erich Laaser, dass der Verband neue „Leitlinien des Sportjournalismus“ erarbeitet hat, die den so genannten Ehrenkodex aus dem Jahr 1995 ablösen sollen. Voilà, weil hier ein wenig über Journalismus und „die Medien“ diskutiert wird, warum nicht darüber:

Leitlinien des Sportjournalismus

Sportjournalisten – gleichgültig in welchem Medium tätig und unabhängig vom Arbeitsverhältnis – verpflichten sich in ihrer Arbeit zu folgenden ethischen Ansprüchen und beruflichen Zielsetzungen:

  1. Das berufsständische Privileg, das Sportjournalisten durch Artikel 5 des Grundgesetzes, die Allgemeinen Erklärungen der Menschenrechte, die Konvention des Europarates sowie die nationalen Pressegesetze, Rundfunkrechte und Staatsverträge zugestanden wird, ist verantwortungsbewusst und moralisch unanfechtbar anzuwenden.
  2. Sportjournalisten widersetzen sich jeder nationalistischen, chauvinistischen, rassistischen, religiösen und politischen Verleumdung und Ausgrenzung.
  3. Sportjournalisten bearbeiten und bewerten alle Bereiche des Sports. Sie üben damit eine öffentliche Kontrollfunktion aus. Sportjournalisten setzen sich für einen humanen, von Korruption und Doping freien Sport ein.
  4. Sportjournalisten lassen sich von niemandem vereinnahmen und instrumentalisieren, wahren ihre journalistische Unabhängigkeit und lehnen Einladungen und Geschenke ab, die diese in Frage stellen könnten.
  5. Menschenwürde, der Schutz der Persönlichkeit und die Intimsphäre sind in der sportjournalistischen Arbeit zu achten. In jedem Fall sind die Folgen der Berichterstattung zu bedenken.
  6. Grundlagen der Arbeit sind sorgfältige Recherche, korrekte Wiedergabe von Zitaten und eine unmissverständliche Sprache. Sportjournalisten verpflichten sich zur wahrheitsgemäßen und sachlichen Berichterstattung.
  7. Sportjournalisten setzen sich für journalistische Qualität ein. Sie streben ein hohes Aus-und Fortbildungsniveau des Berufsstandes an.
  8. Sportjournalisten pflegen trotz der Konkurrenz der Medienbereiche und Mediensysteme untereinander einen fairen Umgang und offene Kritik und verpflichten sich zur gegenseitigen Wertschätzung.

Ich muss allerdings sagen, dass die hübschen Leitlinien im selben Heft konterkariert werden, u.a. auf Seite 26, wo die Aufnahme von Dirk Thärichen in den VDS verkündet wird. Kann mich nicht erinnern, dass der Mann jemals Journalist gewesen sein sollte, aber ich mag da nur über rudimentäre Kenntnisse verfügen. Wohl aber war er – u.a. – Geschäftsführer der Leipziger Olympia GmbH und ist seit kurzem Pressesprecher des Heimatsenders MDR. Damit ist er offenbar bestens geeignet für eine VDS-Mitgliedschaft.

Auch derlei Personalien waren für mich und zwei Dutzend Kollegen einst ein Grund, den VDS zu verlassen und die Initiative sportnetzwerk anzustoßen.

ha #1

Vielleicht möchte ja Thärichen im Zusammenhang mit der ARD-Leitfunktion seines Senders für die Vancouver-Spiele gern Sportjournalist werden?
Zum „Dipl.-Kaufmann“ kürzlich im Hamburger Abendblatt:

Ein höchst seltsames Verständnis von Pressearbeit hat der neue MDR-Kommunikationschef Dirk Thärichen. Das Medienmagazin „Zapp“ wollte von ihm wissen, weshalb MDR-Chefredakteur Wolfgang Kenntemich im Kuratorium einer neu gegründeten PR-Hochschule sitzt. Thärichen antwortete, dass sein Haus sich zu Anfragen von „Zapp“ „generell nicht äußert“.

georgie #2

2. Sportjournalisten widersetzen sich jeder nationalistischen, chauvinistischen, rassistischen, religiösen und politischen Verleumdung und Ausgrenzung.

Wie jetzt? Nur wenn Sportjournalisten diskriminiert oder verleumdet werden? Schwammig.

Bei Punkt 3 und 4 würde mich mal interessieren, wer das alles liest, zustimmend nickt und dann doch dagegen handelt.

Und zu Punkt 7: Sportjournalisten arbeiten also nicht im Sinne von Qualität, sie setzen sich nur dafür ein. *ironie*

Sorry, aber für mich klingt das nach Feigenblatt.
Aber ich lese es jetzt noch einmal. Vielleicht gerät mein Blut dann etwas weniger in Wallung.
(ich hab für meine Abschlussprüfung den „Sportjournalist“ der letzten 5 Jahre mal mehr, mal weniger intensiv lesen dürfen und kriege immer noch Magengrummeln bei dem Namen)

Alex #3

Schön und gut und sehr allgemein. Vor allem, was hat das – mit Ausnahme des letztes Satzes von Punkt 3 – konkret mit SPORTjournalismus zu tun? Das alles trifft doch auf jeden Bereich des Journalismus zu, was man auch daran sieht, dass „Sport“ in diesen Leitlinien problemlos durch Politik, Auto, Wissenschaft etc. ersetzt werden kann.

Arnesen #4

Sportjournalisten setzen sich für einen humanen, von Korruption und Doping freien Sport ein.

Juchhu, Journalisten dürfen sich wieder für etwas einsetzen! Das hat mir bisschen gefehlt in den letzten ca. 20 Jahren.

Matthias #5

Wie viele Sportjournalisten sind denn unabhängig vom Arbeitsverhältnis?

Oder war gemeint:

Sportjournalisten – gleichgültig in welchem Medium tätig und unabhängig in welchem Arbeitsverhältnis beschäftigt – verpflichten sich in ihrer Arbeit zu folgenden ethischen Ansprüchen und beruflichen Zielsetzungen:

Das Ding gehört überarbeitet oder gleich in die Mülleimer.

Jens Weinreich #6

@ Matthias: Das ist jetzt aber ungerecht. „Das Ding gehört“ nicht „in den Mülleimer“. Man kann doch mal drüber reden. Immerhin stehen die Worte Korruption und Doping drin.

RalfKohler #7

Na immerhin werden hier mal „Zielvereinbarungen“ (ungewöhnlicher art) offengelegt.

M. Healey #8

Jetzt mal ganz ehrlich: Diese acht Punkte sind Buchstabenverschwendung! Journalisten, die Beruf und Ethos ernst nehmen – kurz: die es wert sind, Journalisten genannt zu werden -, haben sie ohnehin verinnerlicht, und die Schmierfinken von BILD und alle anderen, die BILD zum sportjournalistischen Standard auserkoren haben, werden die Leitlinien sowieso ignorieren…

georgies Verwendung des Wortes „Feigenblatt“ trifft es ziemlich gut.

sternburg #9

Im Grunde sind die Leitlinien perfekt.

Dass wohl niemand, der sie liest, sich eines Schmunzeln erwehren kann (vorsichtig formuliert), sollte besser die Protagonisten nachdenklich werden lassen.

Wird es aber nicht.

??? #10

@ Sehr geehrter Herr Jens Weinreich. Gerade beim Thema Doping habe ich selbst erlebt, wie ungern „Journalisten“ darauf eingehen. Vor einigen Jahren gab es einmal einen Sünder aus meiner Stadt, über den niemand berichten wollte. Gut, kein Top-Radfahrer, aber immerhin der erste Epo-Überführte. Immerhin nahm sich Ralf Meutgens des Themas an, verknüpft mit einer Medien-Schelte druckte es – glaube ich auch – der Sportjournalist. Die Zeitungen vor Ort haben das Thema aber weiter umkurvt – und es kann wirklich niemand behaupten, dass er davon nichts gewusst hat.

Jens Weinreich #11

Bei drei Fragezeichen habe ich eigentlich keine Lust, ernsthaft zu antworten. Also, was wollen Sie mir damit sagen? Habe ich je behauptet, Sportjournalisten würden sich allesamt auf das D-Thema stürzen?

??? #12

Tschuldigung! Falscher Ansprechpartner. Das Oberthema sind ja die Leitlinie und da ist von Doping die Rede. Und ich wollte nur zum Ausdruck bringen, dass ich nicht glaube, dass sie eine Verbesserung bringen. Danke, dass sie trotzdem geschrieben haben. Die Faz berichtete damals übrigens auch…

georgie #13

also ne richtige diskussion ist das hier ja noch nicht. hat keiner sonst ne meinung dazu?
hat der beiträg denn ähnlich viele klicks bekommen wie andere heiß diskutierte? also dass es wenigstens viele leute gelesen haben?
wurde ja auch bei „6 vor 9“ empfohlen

kli #14

So, hier ist mal ein Diskussionsbeitrag. Diese Leitlinien sind nichts Außergewöhnliches, sondern eine bloße Selbstverständlichkeit: Keine Geschenke, keine Kumpanei, Mindestmaß an Recherche – sollte doch möglich sein. Keine Ahnung, warum es drei Jahre gedauert hat, das zu formulieren. Ich bin nämlich auch 2006 ausgetreten.
Aber, so viel guter Willen sollte sein: Glückwunsch, VDS. Weiter so.

georgie #15

ich muss nochmal was zu punkt 4 sagen, weil ich es grad bei der arbeit wieder sehe.

Sportjournalisten lassen sich von niemandem vereinnahmen und instrumentalisieren, wahren ihre journalistische Unabhängigkeit und lehnen Einladungen und Geschenke ab, die diese in Frage stellen könnten.

über 70 prozent der sportjournalisten, die ich kenne, erfüllen diesen punkt nicht. und das zum großteil nicht mal böswillig. sie sind mitglied in einem sportverein und werden von dessen führung gebeten, pressetexte für den verein zu schreiben. was im lokaljournalismus ja oft dazu führt, dass man damit gleich freier mitarbeiter der zeitung ist. unabhängig ist da was anderes. da gibt es zwei gruppe: die mit anderem hauptberuf und die mit hauptberuf sportjournalist. was also tun? alle vereinsmitglieder, die für die zeitung schreiben, eben dies nicht mehr tun lassen? oder sie vor die wahl stellen: schreiben oder im verein sein?

ich kenne auch den umgedrehten fall: ein nachwuchssportjournalist verdient sich nebenher als pressesprecher eines vereines oder verbandes, macht ein volo, kriegt ne festanstellung – aber macht immer noch die pressearbeit oder ne andere aufgabe im verein/verband. an sich mit punkt 4 überhaupt nicht zu vereinbaren. aber, das ist der clou, ratet mal, wo sich derjenige noch engagiert? genau, im vorstand einer landesgruppe des vds.

für mich gibts hier zwei dinge: der vds hat diese sogenannte kumpanei zwischen sportjournalisten und sportlern/vereinen/verbänden/etc. geduldet, vielleicht durch die blume auch gutgeheißen und durch einige sachen (pressesprecher als vds-mitglieder) den eindruck erweckt, das sei völlig in ordnung. zum anderen zeigen diese richtlinien (wenn man es wie kli interpretiert) guten willen. aber ich bleibe bei meinem feigenblatt. so ein paar leitlinien, egal welche innerhalb und außerhalb der branche kontrovers diskutierten themen sie enthalten, ändern noch lange nichts, wenn sich die haltung dahinter nicht ändert.

sorry, ist ganz schön lang, dabei könnt ich noch mehr schreiben.
ich arbeite im lokalen Sportjournalismus. Klar ist das die unterste und von den Mitarbeitern her gesehen die am wenigsten professionellste Ebene. Aber die Orientierung geht nach oben. Wie es in den Wlad hineinruft, so schallt es heraus.

Chemieblogger #16

Interessant: Jens sitzt am 17. November 2009 mit Dirk Thärichen zusammen in Leipzig auf dem Podium. Es geht um die Situation im Leipziger Sport. Mit Michael Kölmel ist auch weiteres sportlich-medial-politisches Schwergewicht (ohne Mandat ;-)) dabei. Ich bin gespannt. Grüße aus Leipzig.

kli #17

@ georgie: Danke für den Situationsbericht von der Basis; die Leitlinien des VDS haben natürlich nur einen Sinn, wenn es sie sanktionsfähig sind. Papier ist bekanntlich geduldig – geduldiger als ich es war, als ich ausgetreten bin. Pressesprecher als VDS-Mitglieder geht wie PR-Mitglieder gar nicht.

Jens Weinreich #18

@ chemieblogger: Viel interessanter als Thärichen – mein Wiedersehen mit dem gewesenen OB und gewesenen Minister. Freu mich drauf. Hoffentlich gibt’s nichts Juristisches.

Jens Weinreich #19

@ georgie: Ich sehe, es geht Dir nah. Was soll ich sagen? Kopf hoch! Hilft das? Einfach weiter machen. Nicht beirren lassen.

georgie #20

na ja, manchmal muss sowas leider raus ;-)
aber nur rumheulen bringt ja nichts. nur selber besser machen. und darum bemühe ich mich

eigentlich war mein punkt eher der, dass die meisten sportjournalisten (wie ich auch) den weg in den sportjournalismus über den sport finden und nicht über den journalismus. und sport ist in D nun mal vereins- und verbandsorganisiert. da ist es schwer, Abhängigkeiten und Interessenskonflikte zu umgehen. Manchmal auch einfach nur, diese zu erkennen (hab ich auch etwas gebraucht). Im Lokalen wird dies wohl nur klarer deutlich.

ha #21

Wieso nichts Juristisches, Jens? Das ist doch sehr spannend: Gerade läuft der Prozess gegen einen Ex-Stellvertreter (Tschense/SPD) des gewesenen OB; ob der zweite gegen einen anderen Ex-Stellvertreter (Kaminski/CDU) des gewesenen OB eröffnet wird, entscheidet das LG noch. Beide Male spielt die Olympiabewerbung, in der sich „Hoffnungsträger Leipzig“ als „Auslaufmodell“ bewährt hat, eine Rolle. Also: Ich hoffe auf Juristisches!

RalfKohler #22

Zu Georgies Ausführungen lässt sich aus verschiedenen Richtungen kommend so Einiges sagen.

Beispielsweise erinnere ich mich an ein Buchkapitel, indem Hartmut Scherzer von seiner Freundschaft mit einem Boxer, Bubi Scholz, meine ich, schreibt. In seiner Eigenschaft als Sportjournalist, habe er ihn mal heftig kritisiert und Bedenken gehabt, das könne der persönlichen Beziehung schaden. Der Boxer habe aber gemeint, das gehe doch in Ordnung. Der Sportjournalist müsse halt nunmal seiner Aufgabe nachkommen.

Nun, ich zweifle, dass das genau so heute wieder passieren würde. Unter anderem wäre zu hoffen, dass sich der Journalist selbst darüber klar ist, was er tun kann oder auch muss.

Natürlich ist es ein Thema, sich von irgendwelchen Einflußnahmen freizuhalten oder unabhängig zu machen. In der Praxis finde ich das in vielen Fällen aber nicht so schwierig.

Ich, und ich arbeite auch überwiegend im Lokalen, habe nun wirklich nicht den Eindruck, dass ein Journalist in seinem Berufsleben tun oder lassen kann, was er will. Er kann ja leicht in den Verdacht geraden nicht unpartiisch zu sein und sich so den Zorn seiner Kollegen, des Vorgestzten etc. zuziehen.

Und jetzt mal im Ernst: Wer will sich beruflich Stress machen (lassen), weil er z. B. nebenbei ehramtlich oder so gut wie Pressearbeit für einen Verein macht?

Wenn diese Nebentätigkeit zu Konflikten führen kann, dann werde ich doch wohl eher auf die verzichten, als auf meinen Hauptjob!

Ansonsten gilt für mich: Dass wahre Freunde oder auch nur Leute, die mir wirklich wohlgesonnen sind, nicht von mir erwarten, dass ich wegen der Freundschaft meine Arbeit nicht ordentlich mache.

So sehr ich auch Harmonie mag, man muss sich halt auch in den Wind stellen, Konflikte riskieren. Sonst bekommst du Konfliktsituationen vielleicht unliebsamerweise an anderer Stelle.

Das nur mal als ein Teil meiner Überlegungen.

Thomas Hahn #23

Das Hauptproblem bei diesen Leitlinien ist die Tatsache, dass es im sogenannten Sportjournalismus ziemlich unterschiedliche Auffassungen davon gibt, was Verantwortungsbewusstsein bedeutet oder Moral oder journalistische Qualität. Im Sommer haben die öffentlich-rechtlichen Sender darüber geklagt, dass ihre kritische Radsportberichterstattung sie Zuschauer koste. Ich sage: Zuschauerzahlen sind kein Maßstab, wir können uns die Wahrheit nun mal nicht aussuchen. Kürzlich moderierte Sigi Heinrich von Eurosport eine Presskonferenz beim Deutschen Skiverband und Wolfgang Nadvornik von der ARD die DOSB-Präsentation der Olympia-Modenschau. Ich sage: Geht gar nicht, die Zwei machen sich damit zur Partei des Sports, über den sie eigentlich distanziert berichten sollten. Eine sachliche Verdachtsberichterstattung verteufeln viele immer noch als Angriff auf die Persönlichkeit. Ich sage: Ob es mir gefällt oder nicht, es die Wahrheit, dass Doping ein Faktor bei enormen Leistungen wie denen Usain Bolts sein kann und dass es bei vielen enormen Leistungen davor auch ein Faktor war.

Verantwortung heißt für manche Sportjournalisten eben oft nur Verantwortung für die Quote, für den Sport selbst, in dem ihr Beruf verankert ist, für die Industrie rund um den Sport und viel zu selten für den tiefen inneren Gehalt des Sports. Das alte Friedrichs-Wort, dass Journalisten sich mit nichts gemein machen sollten, nicht einmal mit einer guten Sache, beschreibt im Grunde immer noch am besten unsere Aufgabe im gesellschaftlichen Zusammenhang – demnach wären die Quotenjäger, nebenjobbenden Unterhaltungskünstler und Verdachtsberichterstattungsgegner als Sportjournalisten schon mal durchgefallen. Diese Seite der journalistischen Verantwortung kam mir im VDS schon immer zu kurz, deswegen bin ich damals auch ausgetreten, und die Leitlinien ändern daran gar nichts. Sie sind nur eine Zusammenstellung ehrenwerter Allgemeinplätze, gegen die wahrscheinlich schon am Tag ihres Erscheinens zehn Mal verstoßen wurde, ohne dass sich die Betreffenden überhaupt dessen bewusst waren.

Schade eigentlich: Es gibt so viele spannende Probleme zu diskutieren in unserem Arbeitsfeld. Wie können wir Sport inhaltlich bewerten? Wie erklären wir eine Wahrheit, die nicht sichtbar ist? Wie begreifen wir diese seltsame Industrie, die einzelne Hochbegabte an ihren Fäden durch die Manege führt? Wie bewahren wir wichtige Themen, die andere für abgestanden halten? Wie kriegen wir aus den Köpfen raus, dass der Lokalsport eine untere Ebene des Sportjournalismus sei und in die Köpfe hinein, dass gerade im Lokalsport Raum sein kann für die großen Geschichten im Kleinen, für Kreativität, gesellschaftlich relevante Sportthemen? Und wie kriegen wir eine Berichterstattung hin, die den Athleten die Angst vor ihren Schwächen nimmt, die den Sport als das begreift, was er ist: ein Spiel, das keine unverwundbaren Gladiatoren braucht, keine Krieger, sondern den hochbegabten Gewinner genauso wie den Verlierer oder den Hinterherläufer auf Platz 51?

Diese Leitlinien geben auf diese Fragen überhaupt keine Antworten. Sie sind nicht einmal eine Diskussionsgrundlage. Sie sind dehnbar wie Kaugummi, wer will, kann Blasen daraus machen, die dann laut zerplatzen. Die tägliche, selbstkritische Auseinandersetzung mit dem, was wir tun, bringt viel mehr.

sternburg #24

Ist jetzt ein bisschen blöd reingegrätscht, aber:

sie sind mitglied in einem sportverein und werden von dessen führung gebeten, pressetexte für den verein zu schreiben. was im lokaljournalismus ja oft dazu führt, dass man damit gleich freier mitarbeiter der zeitung ist. unabhängig ist da was anderes.

Freier Mitarbeiter vielleicht, aber doch in aller Regel nicht gleich Mitglied im VDS, oder?
Will meinen, auch wenn da „Sportjournalisten“ steht, richten sich die Leitlinien doch gar nicht an solche Vereinsschreiber.

RalfKohler #25

Sehr guter Beitrag, Thomas Hahn.

Dennoch zwei Dinge: Wie wir gerade jetzt hören, hat sich auch Hans Joachim Friedrichs nicht immer daran gehalten völlig neutral, distanziert zu verhalten.

War ja im Zug der Mauerfall-Feierlichkeiten zu hören, dass er da dezent in die Offensive gegangen ist („die Tore in der Mauer stehen weit offen“) und der Sache eine Dynamik gegeben hat.

Dagegen habe ich auch nichts einzuwenden. Ich denke grundsätzlich, man darf ruhig pragmatisch denken, muss (kann) Prinzipien auch auf Situationen bezogen bzw. aus einer Situation heraus anwenden.

Als Faustregel ist das Friedrichs-Wort natürlich sehr gut. Aber es ist doch auch beruhigend zu sehen, dass sich auch der „Erfinder“ nicht sklavisch dran hält, sondern in nachvollziehbaren Sonderfällen …

Zur Quote:

Beim Süddeutschen Journalistentag hatte ich vor einem halben Jahr in München das (zweifelhafte) Vergnügen Waldemar Hartmann zu lauschen, bei einer Veranstaltung des Deutschen Journalisten Verbands.

Anscheinend bekamen die Referenten kein Honorar, was dazu beigetragen haben mag, dass Marco Schreyl (glücklicherweise) und Jörg Wontorra zum selben Thema kurzfristig abgesagt haben. So war das Ganze eine reine Waldi-Show, wobei ihm die Fragen, wie gesagt wurde, Wolfgang Stöckel vom Bayrischen Journalistenverband, ein früherer Schulkamerad Hartmanns (!) stellte.

Ach ja, das Thema war übrigens „steigende Kosten für TV-Rechte“, wobei „Waldi“ sich nicht scheute, zu bekennen, dass er dazu gar nichts sagen könne!

So, und nun kommt der eigentliche Clou: Bei der Frage, wie es sich denn im Zusammenhang mit den Box-Übertragungen der ARD mit der Qualität verhalte, sagte „Aldi“ (natürlich), wenn man nur die Quoten ansehe sei die Frage schon beantwortet. Von ihm ist das nicht anders zu erwarten. Nur, dass er damit bei einer Veranstaltung eines Journalistenverbands durchkommt und die Kollegenschar das auch schluckt, das ist natürlich bezeichnend. In diesem Fall für den DJV. In anderen Fällen mag ein anderer auf ähnliche Weise versagen.

Naja, und dass Hartmann irgendwie noch immer ein herausragender Repräsentant des öffentlich-rechtlichen Systems ist (oder gerade jetzt, da allgemein das Seichte nicht gefürchtet wird und fast nur auf die Quote geschaut wird), ist natürlich genauso bezeichnend – und deprimierend.

jw #26

Tut mir leid, aber ich kann den Friedrichs-Satz nicht mehr hören. Viele, die ihn ständig vorbeten, halten sich nicht dran. Ich kann aber auch mit dem Inhalt nicht sehr viel anfangen. In dieser Rigorosität gilt das nicht. Aber das ist eher ein Randaspekt. Ansonsten unterschreibe ich fast jeden Satz von Thomas Hahn.

trebor #27

„Die Aufklärung fordert die Aufklärer“
Fünf lesenswerte Seiten zum Sportjournalismus in der aktuellen Ausgabe des Partner Magazin der DSM.
PDF 6 MB

Jens Weinreich #28

Ich glaube, diesen Beitrag von Jürgen Kalwa haben wir vergessen zu verlinken. Oder steht er an anderer Stelle? Egal. Wichtig zu wissen und zu lesen, wie ein Teil der Sportjournalisten überflüssig wird:

Auf Carta: „Journalismus: Jetzt auch aus Textbausteinen vom Kollegen Automat“

sternburg #29

Das hat herbertwalteroderso bereits im Streite mit Dir verlinkt, meine ich.

Im Übrigen gab es etwas ähnliches bereits 1991 durch den guten alten Bundesliga Manager Professional auf meinem nicht weniger guten alten Amiga 500+.
Und hat bereits damals meinen Blick auf „den“ (sorry) Sportjournalismus nicht unwesentlich geprägt.

Herbert #30

Man muss sich ja den Schuh nicht anziehen. Aber so scheint´s zu funktionieren.

http://www.youtube.com/watch?v=-23VddNQ6Kw&NR=1

Ralf #31

Daniel Bouhs in der Berliner Zeitung: Fluch und Segen

Loke sagt, er merke, dass sich zumindest Politmagazine öfter um Themen wie Doping oder Wettmanipulationen kümmerten, seit sein „Sport inside“ auf Sendung ist.

meedia.de: Der WDR-Sportchef zu 100 Ausgaben „Sport Inside“ – „Das einzige Hintergrundmagazin für Sport“

Darüber hinaus genießt es eine hohe Aufmerksamkeit bei den sogenannten Multiplikatoren.
[…]
Was wir aber feststellen konnten, sind deutliche Steigerungen in den Autorenleistungen. Wir haben inzwischen richtig gute Filmemacher. Das Team, das auch aus Autoren besteht, die früher nur für Zeitungen und Magazine gearbeitet haben, hat sich mit der Sendung enorm weiterentwickelt.

Ralf #32

Johannes Aumüller in der SZ: Die vielen Geschäfte des Johannes B. Kerner

Ralf #33

Christopher Keil in der SZ: Ein schneller Rückzieher

TV-Moderator Johannes B. Kerner reagiert auf die Kritik an seinem Einstieg in eine Werbeagentur, die auch Sportgrößen vermittelt – und verkauft seine Anteile. Eine Interessenskollision habe es aber nie gegeben.

Ralf #34

DOSB: Gerhard Pfeil gewinnt DOSB-Preis „Olympia 2018“

1. Preis: Gerhard Pfeil/DER SPIEGEL: Im freien Fall

2. Preis: Evi Simeoni/FAZ: Die größte Kür von allen

3. Preis: Dietmar Gessner/Sportbild: ?

Ralf #35
Ralf #36
Ralf #37

der Freitag: Herbert Fischer-Solms geht

… und mit ihm der alte Sportjournalismus. Die Stimme der DLF-Sportredaktion stand für eine Berichterstattung, die Sport und Kommerz zu trennen wusste

Rentner #38

Was der Rentengang von HFS bedeutet? Dass die sowieso schon auf Nanostärke geschrumpfte Gruppe der im Sportjournalismus heimischen Wächter über die Werte des Sports um eine weitere Meinungskraft reduziert werden muss. Wirklich jammerschade!

Ralf #39

jonathansachse.de: Unterwegs mit Herbert Fischer-Solms – Folge 5

Im fünften Teil unseres Interviews sprechen wir mit Herbert Fischer-Solms über die Sportberichterstattung in Deutschland. Sollte zwischen Sport Entertainern und Berichterstattern unterschieden werden? Würde Fischer-Solms gegenwärtig weiterhin aus dem Verband Deutscher Sportjournalisten austreten?

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