Was vom Tage übrig bleibt (44): Caster Semenya oder „I think it would be the third world war“

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Der Leichtathletik-Weltverband IAAF hat nichts gelernt. Zwar gibt sich die IAAF im aktuellen Statement on Caster Semenya zurückhaltend, aber Jacquelin Magnay vom Sydney Morning Herald berichtete bereits:

THE world champion 800m runner Caster Semenya has been revealed to have male and female sexual organs, posing an ethical and political quandary for the sport’s ruling body, the International Association of Athletics Federations, and her home nation, South Africa.

Gerade schreibt Magnay, deren Texte ich nicht zum ersten Mal empfehle: „Spare a thought for Semenya, an innocent party in a global debate“.

Dass Semenya physiologisch gesehen ein Hermaphrodit sein könnte, hat die IAAF nicht dementiert, aber ganz offensichtlich durchsickern lassen. Das ist die Potenzierung des während der WM-Tage von Berlin von den Funktionären bedauerten Skandals. Die 18-Jährige bleibt Objekt einer demütigenden Debatte.

Cover "You" #144, 10.09.2009 - "WOW, LOOK AT CASTER NOW!"

In Südafrika, wo Semenya erst vor drei Tagen als Covergirl posierte, was beispielsweise die London Times kritisierte …

Semenya is resembling a pawn being shifted around the chess board by powerful controlling forces. It was never necessary to turn her very personal, medical situation into a national campaign but now that it is, it seems important that the campaign wins.

… reagierte Sportminister Makhenkesi Stofile auf einer Pressekonferenz mit drastischen Ankündigungen für den Fall ihres Ausschlusses von internationalen Wettbewerben:

I think it would be the third world war. We will go to the highest levels in contesting such a decision. I think it would be totally unfair and totally unjust. (…)

They indicate that she is a hermaphrodite. For me that means nothing. The issue here is not whether she is a hermaphrodite or not. (…)

Where is the science that says they [hermaphrodites] have an advantage?

Der Sport kennt kein Regelwerk für den Ausschluss von Zwittern. Im Gegenteil, wie auf sportsscientists.com nachzulesen ist („More on the latest Caster Semenya allegations“).

Die IAAF hat also bis zur Council-Tagung Mitte November einiges zu klären, auch Council-Mitglied Prof. Dr. Helmut Digel, der eben in der Wissenschaftssprache des 19. Jahrhunderts über ein „drittes Geschlecht“ räsonierte:

Das ist ein Problem aller Sportarten, wie wir mit dem dritten Geschlecht umgehen.

Für das IOC-Exekutivkomitee ist das schon seit 1999 kein Problem mehr. Warum das IOC auf Betreiben des früheren norwegischen Mitglieds und Eisschnelllauf-Olympiasiegers Johann Olav Koss vor einem Jahrzehnt beschloss, die gender verification für Frauen ersatzlos zu streichen, hat damals u.a. Barbara Klimke in der Berliner Zeitung hervorragend nachgezeichnet („Das Ende der Katastrophe“):

… „Man muss wissen, dass es den normalen Mann und die normale Frau nicht mehr gibt“, sagt Professor Uwe Claussen, Direktor des Instituts für Humangenetik und Anthropologie der Universität Jena: „Das gilt auch für den Sport. Wir haben eine extreme Vielfalt.“

An die Vielfalt knüpfen sich ethische Fragen. Wie kann eine Frau verarbeiten, wenn ihr eröffnet wird, im Prinzip sei sie keine Frau? Claussen nennt die Folgen „menschlich absolut entwurzelnd“. Und wenn mit der Enthüllung bis zum Wettbewerb gewartet wird, auf den sich jemand Jahre vorbereitet hat, sei „die vollendete Katastrophe“. In Sydney kann die Katastrophe verhindert werden. Nur in Einzelfällen behält es sich das IOC vor, Athletinnen zu überpüfen. Hundert Jahre, nachdem die ersten Frauen bei Olympia antraten, besteht jedoch Hoffnung, dass sich eine Erkenntnis durchsetzt: Es ist unsinnig, im Sport nach der Normfrau zu suchen. „Wer der Beste ist in seiner Disziplin“, sagt Claussen, „liegt schon außerhalb der Norm.“ …

Sicher scheint, dass Südafrikas Funktionäre an Semenya – und ohne Wissen der Athletin – schon vor ihrem WM-Start einen Geschlechtstest vornehmen ließen. Ihr Trainer Wilfried Daniels trat deshalb mit einer bemerkenswerten Erklärung zurück:

Mein Schuldbewusstsein ist groß. Wir haben Caster nicht richtig behandelt. Wie wir mit der Sache umgegangen sind, ist scheußlich. Ich kann aber auf niemanden im Speziellen mit dem Finger zeigen, da ich Teil der kollektiven Verantwortung und Schande bin.

Kein Teil einer Schande wollte bekanntlich Ekkart Arbeit gewesen sein, ASA-Chefcoach, einst verantwortlicher Wurftrainer im DVfL der DDR, Fachdoper und Stasi-IM: „Ich weiß von nichts“, sagte er zum Vorwurf, Semenyas hohe Testosteronwerte für Dopingtests nach unten manipuliert zu haben. Arbeit wird übrigens von der IAAF-Akademie seit 1996 als „wissenschaftlicher Berater“ geführt. Auf wikirun.com ein Interview mit Ekkart Arbeit, eine Eloge auf das Sportsystem der DDR. Etwas aus seiner Vergangenheit bereut er aber doch – dass er nicht Jurist geworden ist (ab Minute 42).

Caster Semenya will sich morgen auf einer Pressekonferenz äußern. Sie hat für dieses Wochenende auf einen Start verzichtet: „Caster’s not feeling well“.

Es sieht so aus, als ob sich daran vorerst nichts ändern wird.

cf #1

hoppla! du veröffentlichst in der zukunft?! sehr fortschrittlich!

Jens Weinreich #2

cf: erklärst du es mir, bitte?

cf #3

die uhr deines servers tickt schlicht ein bisschen anders als meine exemplare… weshalb ich um 20:15 den artikel sah, der offiziell um 20:20 veröffentlicht wird wurde — das ist schon alles.

Jens Weinreich #4

Verstehe. Und während der Server meinen Kommentar jetzt wahrscheinlich um 20.42 Uhr speichert, ist es auf meinem Laptop erst 20.23 Uhr. Wir einigen uns aber darauf: Es ist noch heute und hier und jetzt?

cf #5

einverstanden. ich kann damit leben. ;-)

Stefan #6

Ohje. Wenn das wirklich so sein sollte, muss man ein salomonisches Urteil fällen. Man sollte ihr den WM-Titel auf jeden Fall lassen. Vielleicht entscheidet sie sich ja für eine Hormonbehandlung, dann dürfte der Fall erledigt sein. Nur was, wenn nicht?

ha #7

Stefan,
der oben verlinkte Beitrag auf sportsscientists.com klärt die IAAF-Regeln:

6. Conditions that should be allowed:
(a) Those conditions that accord no advantage over other females: Androgen insensitivity syndrome (Complete or almost complete – previously called testicular feminization); Gonadal dysgenesis (gonads should be removed surgically to avoid malignancy); Turner’s syndrome.

Danach darf sie nicht gesperrt werden, und die Empfehlung lautet: OP wegen Krebsgefahr.

The irony in this drama is that Semenya’s life may actually be saved as a result of the sex verification process, because had she not been an athlete, it may never have been detected.

Thomas R. #8

Mike Hurst, Sportjournalist des „The Daily Telegraph“ aus Australien war übrigens derjenige, der gestern Insiderinformationen über Caster Semenyas angeblich nicht entwickelte Gebärmutter und Eierstöcke veröffentlichte, und damit den Stein endgültig ins Rollen gebracht hat (oder in freien Fall…).

Mike Hurst zeitgleich auf dem Portal news.com.au
Caster Semenya is a hermaphrodite
und, ausführlicher, auf der Seite der Australischen The Daily Telegraph
Caster Semenya has male sex organs and no womb or ovaries

Später am Tag hat sich Herr Hurst in einem Telefoninterview mit einem südafrikanischen Radiosender zu seinen Quellen geäußert und ist im Gegensatz zu seinen Artikeln doch recht differenziert auf die Thematik eingegangen.
Journalist sticks by decision to reveal Semenya gender results
Dazu einfach im Kasten auf „Audio“ klicken. Unter „Video“ ist übrigens die von Jens zitierte unglaubliche Pressekonferenz des Sportministers im Zusammenschnitt (jeweils 3 Minuten), falls man nochmal den Kopf schütteln möchte.

Dazu Ross Tucker von den sportsscientists
Mike Hurst speaks on Semenya

However, from within SA, the accusations and the complete disdain for process has done only harm, and I can only echo Mike Hurst’s sentiments in his interview, where he suggested to ASA that they really should co-operate with the IAAF on this, and stop fighting ignorantly against what seem to be slowly emerging facts. At the very least, the human rights violations that ASA are so quick to accuse the IAAF of may be even more serious from them. Mike Hurst spoke about „games being played by ASA“ – these are some serious games to be playing.

ASA should adopt a position supporting Semenya, condemning the leaks in confidentiality through the media (not the entire process) and then respect the authority and the scientific process being undertaken.

And time will reveal how ASA managed this situation before Berlin, which is where the real questions should be asked.

Hier noch ein Artikel zum IAAF Statement vom 10. September
Semenya to learn fate in November – IAAF
mit vielen Zitaten des IAAF Generalsekretärs Pierre Weiss, besonders interessant vor dem Hintergrund der durchaus eng definierten Ausschlusskriterien der IAAF

Weiss said Semenya’s case was the eighth dealing with sexuality issues the IAAF had handled since 2005.

„Four athletes were asked to stop their career,“ he confirmed, without giving further details.

Da wüsste man doch gerne noch mehr, aber aus Sicht der betroffenen Athletinnen ist das wohl besser so (und wird gemäß IAAF Richtlinien zurecht vertraulich behandelt).

Um zum Schluss nochmal zu Ekkart Arbeit… Mike Hurst ist schon länger am Fall Semenya, hier ein Artikel im Daily Telegraph am 02. September
Doping expert coached Semenya – interessante Fakten und Zitate zu Ekkart Arbeits angeblicher Unwissenheit über Semenyas hohe Testosteron-Werte.

…the South African team member told The Daily Telegraph via email that Arbeit was indeed fully in control of Semenya’s training preparation.
„Caster trained with Ekkart while she was at the training camp in Germany,“ the South African source explained.
„It was very strange; Caster’s coach was the only personal coach of possible medallists who was not present at the training camps in Germany or at the actual world championships.

„ASA covered the costs of all the other relevant personal coaches of Khotso (long jump medallist Godfrey Mokoena), (men’s 800m winner Mbulaeni) Mulaudzi, and (hurdler) LJ van Zyl even had the costs of his own physiotherapist paid for by ASA.

„Ekkart and team management knew there would be trouble about Semenya and numerous times our coaches and officials were told not to discuss anything about Caster with anyone.“

Thomas R. #9

Bei zwei Links hat die Einbindung nicht geklappt:

Eyewitness News mit Mike Hursts Radiointerview und der Pressekonferenz des Sportministers:
Journalist sticks by decision to reveal Semenya gender results
http://www.ewn.co.za/articleprog.aspx?id=21799
(leider nicht einbindbar, auf Audio und Video im Kasten klicken)

Hier die AFP-Meldung mit den tollen Zitaten von Pierre Weiss
Semenya to learn fate in November – IAAF

sternburg #10

„Dritter Weltkrieg“ – auch wenn viele Menschen, die von Berufs wegen grundsätzlich Recht haben (Richter, Lehrer, Sportfunktionäre) oft ein seltsames Verhältnis zur eigenen Entäußerungsfähigkeit entwicklen, darf man sich da doch fragen, ob sich der gute Mann eigentlich beim Reden noch selber zuhört.

Zur (traurigen) Sache ist ja schon alles wesentliche gesagt. Nur zwei kleine Anmerkungen:

Wenn wegen dieser nun unbedingt zu gewinnenden Kampagne ausgerechnet in einem in Fragen der Sexualmoral meines Wissens extrem rückständigen Land wie Südafrika plötzlich von offizieller Seite Worte zu hören sind, wie „I think it would be totally unfair and totally unjust. They indicate that she is a hermaphrodite. For me that means nothing. The issue here is not whether she is a hermaphrodite or not. Where is the science that says they [hermaphrodites] have an advantage?, dann ist das doch _auch_ ein bemerkenswertes Signal für Toleranz und Gleichberechtigung. Ganz unabhängig davon, wie ekelhaft die Motivation dahinter ist.

Und ob der Kampagne mit einem Coverfoto, auf dem die junge Frau aussieht wie Theo Huxtable in einem seltsamen Hemd, wirklich gedient ist, darf wohl auch bezweifelt werden.

Robert Klemme #11

Jens:

Und während der Server meinen Kommentar jetzt wahrscheinlich um 20.42 Uhr speichert, ist es auf meinem Laptop erst 20.23 Uhr.

Hallo Jens dies hier könnte Dir helfen, falls Du den Server selber administrierst. Als Zeit-Server bieten sich die der PTB an.

Danke vor allem für den Link auf den Artikel auf sportsscientists.com!

Jens Weinreich #12

@ Thomas R.: Vielen Dank übrigens!

Ich hatte den Text von Hurst gesehen. Fand ihn, wie Du anmerkst, auch etwas, sagen wir: wenig feinfühlig. Deshalb die Links auf den SMH.

TobiasL #13

Und Mr. Hurst macht weiter und bringt wieder eine eventuelle Sperre ins Spiel:
http://www.dailytelegraph.com.au/sport/more-sports/semenya-could-face-athletics-ban/story-e6frey6i-1225772092444

„EVEN if Caster Semenya’s minders find a legal loophole surrounding her gender eligibility, the young South African could yet be banned from the sport for failing to co-operate with the International Association of Athletics Federations.“

Schreiber #14

Hmm, da steht ein paar Mal „Custer“ im Text, die Dame (?) heißt aber Caster.
Mir fehlt ein Text, der die Verhältnismäßigkeit einer Aussage zum Dritten Weltkrieg mal thematisiert. In diesem Fall ist es egal, wie schlecht und unfair die Dame (?) behandelt wird..

Jens Weinreich #15

@ Schreiber: Ist korrigiert. Ich habe allerdings gerade keine Zeit, auf Dummheiten wie den Dritten Weltkrieg einzugehen. Man könnte locker eine gute Webseite/ein Blog füllen, in dem man täglich derartige verbale Dämlichkeiten auswertet. In diesem Fall möchte ich nur anmerken: Außerhalb Deutschlands – und gerade auf anderen Kontinenten – pflegt man einen lockereren Umgang mit diesem Begriff.

cf #16

immerhin passt der dritte weltkrieg ja ganz vorzüglich zur anrufung der uno. in sich ist das bild da schon stimmig, das muss man ja schon sagen.

was die von hurst ins spiel gebrachte sperre (von semenya) wegen mangelnder kooperation (der ASA) mit der IAAF angeht — das kommt mir dann aber schon ein bisschen seltsam vor. und hurst schreibt zu dem thema ja auch nichts genaueres, sondern postuliert diese möglichkeit nur mal so am rande. gibt es in den IAAF statuten denn tatsächlich einen passus, der die mitgliedsverbände/athleten zur kooperation verpfichtet? mit sperren als sanktionsinstrument??

TobiasL #17

Makhenkesi Stofile ,so heisst der Sportminister mit den mißlungenen Äußerungen. Aber ich erinnere mich an ähnlich blöde Bemerkungen aus SA zu Fragen der Krankheit Aids, welche als „Übel der westlichen Welt“ beschrieben wurde.
Ich finde auch, jeden Quatsch muss man nicht kommentieren und manchmal stehen diese Äußerungen auch ganz gut für sich.

Hurst’s Spekulationen zu einer eventuellen Sperre halte ich für sehr unwahrscheinlich. Ich vermute die IAAF wird sich Zeit lassen und versuchen einen „freiwilligen“ Startverzicht von Semenya zu erreichen.

Felix #18

Mal nicht auf den „Fall“ bezogen:

Immer, wenn in verschiedenen Klassen gestartet wird, gibt’s einen Anreiz, möglichst dicht an die Grenzen der Klasse zu kommen: Sei es eine Gewichtsklasse (Boxer, Gewichtheber), sei es eine Altersklasse (U17, U19, Junioren etc.: Bei den U17 hätte ein 19er schon einen erheblichen Vorteil). Es gibt also ein Motiv, die Grenzen ein wenig zu dehnen oder ganz zu umgehen. Ich bin mir sicher: Wären Junioren-Titel attraktiver (finanziell oder vom Presitge her) gäbe es früher oder später einen Skandal, dass ein Land seinen Sportlern falsche Geburtsdaten bescheinigt.

(Und ich meine mich zu erinnern, dass China in dem Verdacht stand, bei seinen Gymnastik-Sportlern getrickst zu haben, weiß aber nicht, was rauskam)

Verhindern könnte man solche Anreize nur, wenn man verschiedene Klassen abschaffen würde.

Nicht ganz ernst gemeint: In allerletzer Konsequenz hieße das, dass es keine getrennten Wettbewerbe für Frauen und Männer mehr gäbe.

RalfKohler #19

Um kurz anzuschließen an Felix: Z. B. bei Afrikanern war das ja in der Vergangenheit so – weiß das aber nnur vom aktiven Bereich – dass das genaue Geburtsdatum nicht vorlag. Vor 20, 30 Jahren zumindest kam das im Fußball vor.

Was ich eigentlich sagen wollte: Die Grenzen zwischen Mann und Frau verschwimmen sicher nur eingeschränkt. Zu unterscheiden ist da zwischen der Biologie und der Sozialisation. Das Verschwimmen betrifft im Grunde (im Allgemeinen sehr viel eher) die Sozialisation.

Für den Sport bzw. den sportlichen Wettkampf ist es unerheblich, ob Mädchen mit Puppen spielen, ob Frauen zu Hause bleiben wollen oder nicht (etc.)

Entscheidend ist der Körper. Wer halt nicht den klassischen Körper einer Frau hat, sondern auch männliche Merkmale, hat gegenüber anderen einen Vorteil. Sicher sollte man dafür nicht bestraft werden, eigentlich. Aber wenn man das zulässt, dann könnte man Doping-Manipulation etc. auch zulassen…

Heikle Sache.

Kurz gesagt: Semenya diesen WM-Titel zu lassen, scheint mir irgendwie in Ordnung. Und doch könnte es dann mit ihr eben nicht so weitergehen.

Sie fühlt sich ja als Frau, ist wohl so sozialisiert worden (das Ganze also der Spezialfall). Natürlich ist es da schockierend, wenn jmd. die Geschlechtszugehörigkeit anzweifelt.

In solch einem Bereich geht es nunmalö ans Eingemachte.

sternburg #20

Nicht ganz ernst gemeint: In allerletzer Konsequenz hieße das, dass es keine getrennten Wettbewerbe für Frauen und Männer mehr gäbe.

Sag´ ich doch: gedopte Frauen gegen ungedopte Männer, und wir hätten wieder richtig spannenden Sport.

B.Schuss #21

Das hat die ASA jetzt davon, dass ihr die potentielle Medaille mehr bedeutet hat als das Wohl ihrer Athletin. Traurig, weil vermeidbar.

Trotzdem, und auch auf die Gefahr hin, als unsensibel rüber zu komnmen: wenn man schon Wettkämpfe nach Geschlechtern getrennt veranstaltet, muss es dann denn nicht auch eine medizinisch relativ eindeutige Methode geben, diese Geschlechter voneinander zu unterscheiden ?
Sonst macht die ganze Sache doch keinen Sinn, oder ?

Ich kann ja verstehen, dass manche diese Tests als entwürdigend empfinden, aber wie will man die Integrität und Fairness der Wettkämpfe ohne solche Tests garantieren ?

Und noch wichtiger: wie stellt man für die Zukunft sicher, dass Athleten wie Caster Semenya weiterhin ihren Beruf ausüben können, und zwar ohne Benachteiligung für sie und andere ?

Geht das überhaupt?

Stefan W. #22

Ich bin mir nicht so sicher, daß Frau Casters Wohl auf andere Weise mehr gedient gewesen wäre.

Hätte der Verband ihr unter vier Augen erklären sollen, daß sie nur bedingt eine Frau ist, und sie überzeugen sollen, sich still und heimlich ohne Medaille vom Acker zu machen, um die Integrität der heilen Sportwelt nicht zu stören?

Ich denke so wie es ist hat man ihr zwar die Möglichkeit verbaut selbst zu bestimmen, ob sie sich outet, aber jetzt wachsen ihr auch Sympathien zu.

Wenn Hermanphrodite in ähnlicher Lage im Sport gar nicht so selten sind, sondern von deutlich höherer relativer Häufigkeit als in der Basispopulation, dann deutet das auf einen Vorteil hin. Führt man dann eine dritte Geschlechtsklasse ein? Ob das Outingprozesse beschleunigen würde, wenn man durch Fingerheben gleich dt. Meister werden könnte? Oder will man Hermanphrodite bei den Paralympics starten lassen, wo ja klassischerweise benachteiligte, und nicht bevorteilte starten?

Stimmt mein Eindruck, daß hier kaum Frauen mitdiskutieren? Aber auch sonst nicht, oder?

thinkpunk #23

Dann beteilige ich mich jetzt mal. ;)
Ich habe bisher nie kommentiert, deshalb möchte ich vorausschicken, dass ich das Blog sehr gerne lese und die differenzierten und gut recherchierten Artikel sehr zu schätzen weiß!

Zunächst zur Begrifflichkeit: Schon im ersten Absatz des verlinkten Wikipedia-Artikels steht, dass Hermaphrodismus kein gebräuchlicher Begriff mehr ist und die korrekte Bezeichnung Intersexualität lautet. Ich halte es in dieser Diskussion, die in jedem Lager (Politik, Sportverbände, Medien) deutlich zu viel Innuendo, beleidigende, rassistische, sexistische Untertöne und bisweilen entwürdigende Statements hervorgebracht hat, für besonders wichtig auf eine angemessene Sprache zu achten. Dass der Herr Prof. Dr. Digl in seinen ganzen Experteninterviews vom „dritten Geschlecht“ und „Zwittern“ schwadroniert, spricht Bände. Auch im empfohlenen Magnay-Artikel steht, dass Semenya „technically a hermaphrodite“ sei, was ein Widerspruch in sich ist, da der terminus technicus nun mal intersexuell lautet und „hermaphrodite“ im englischen Sprachgebrauch ungefähr so technisch sauber ist wie „Mulatto“.
Letzteres meinen zumindest Dave Zirin & Sherry Wolf im meiner Meinung nach bisher besten Artikel zum Thema: Stop the Savage Sex Scare in Sports
Einige Betroffene nutzen die Begriffe „Hermaphrodit“ oder „Zwitter“ offenbar zur Selbstbezeichnung, allerdings geht es im hier diskutierten Fall um die biologische/medizinische Konstitution und die heißt „Intersexualität“. Was die Geschlechtsidentität angeht, ist Caster Semenya eine Frau, bis sie etwas anderes zu Protokoll gibt.

Über den Fall kann man schwerlich urteilen, solange die tatsächlichen Testresultate nicht bekannt sind. Falls sich herausstellen sollte, dass tatsächlich Partial Androgen Insensitivity Syndrome – Grade 6 vorliegt, wäre Caster laut IAAF-Statuten wohl startberechtigt, da ihr dies keine Vorteile gegenüber anderen Läuferinnen verschafft. Für diesen Fall ist meine romantische Hoffnung, dass sie die Disziplin für die nächsten Jahre dominiert. Bis jemand einen windschnittigen Ganzkörperlaufanzug entwickelt. Realistisch betrachtet ist wohl keine ihrer Konkurrentinnen sportlich genug, dies möglich zu machen. Das Mobbing bisher war ja schon rekordverdächtig.
Wenn allerdings der Grad der Insensitivität doch niedriger ist, dann wird die IAAF wohl auf Vorteilsgewinne verweisen und erleichtert mit dem Handbuch winken.

Mich würde auch interessieren, was für den Ausschluss der 4 Athletinnen seit 2005 ausschlaggebend war. Es sollte doch möglich sein, unter Berücksichtigung des Datenschutzes, die Diagnosen mitsamt relevanten Grenzwerten und Begründungen zu liefern. Eine Organisation, die die Macht hat Karrieren zu beenden und auf dem Weg zur Klärung des Problems schon so eine unterirdische Performance abgegeben hat, sollte doch wenigstens an transparenten Standards gemessen werden können.

Noch eine letzte Anmerkung zur Tödlichkeit von Intersexualität. Die Stimmen zur Krebswahrscheinlichkeit sind höchst unterschiedlich. Die mit der geringsten Dosis Hysterie empfehlen einen Ultraschall alle 6 Monate und eine Operation in dem Fall, dass Gewebeveränderungen entdeckt werden. Das „oh Gott, erstmal schnell operieren!“ ist mir zutiefst suspekt, zumal die Entfernung der eingewachsenen Hoden anscheinend eine lebenslange Nachbehandlung mit Hormonen erfordert, die ihrerseits gesundheitsgefährdend sein kann.
Es lässt sich auch nicht jede Frau sofort prophylaktisch die Brust amputieren, nur weil die Familiengeschichte ein erhöhtes Risiko nahelegt.

sternburg #24

„[Der IAAF] sollte doch wenigstens an transparenten Standards gemessen werden können.“

:D

TobiasL #25

Wie schon längst, auch hier im Blog gefordert, wird nun die Frage Semenya vor der UNO verhandelt.
Die Beschwerde gegen das Vorgehen der IAAF ist absolut nachvollziehbar und der Verweis auf den untergeordneten südafrikanischen Verband nicht sehr sinnvoll.
Wie können solche Fehler vermieden werden? Wie definiert der IAAF die Geschlechtertrennung? Wo endet die Obhut für die Athleten, wenn sie eingeladen werden? u.a.
Sicher wird nicht viel bei raus kommen, aber die Fragen werden bleiben.

Pecas #26

@ thinkpunk: Das rockt!

Matthias #28

Relativ off-topic: Wieso übersetzen eigentlich so viele Medien „sex test“ mit „Sex-Test“? Heißt das fachsprachlich im Deutschen wirklich so oder wissen die Qualitätsmedien bloß nicht, dass „sex“ in diesem Zusammenhang „Geschlecht“ bedeutet? Immer wenn ich „Sex-Test“ lese, dann denke ich, dass die arme Caster Semenya unter medizinischer Aufsicht (und sonstigen Spannern) mit Vertretern des männlichen Geschlechts (Nachweis muss natürlich vorliegen…) den Beischlaf vollziehen muss.

cf #29

SPON mit einer längeren geschichte über semenya:
Kampf um das kleine Mädchen aus Limpopo.

„Wer was von ihr will, muss zahlen“, erklärt ASA-Boss Leonard Chuene ungerührt über den Star des Verbands, Goldmedaillen-Gewinnerin Caster Semenya. „Wir werden sie zum Markennamen aufbauen.“
[…]
Einen Vorgeschmack auf die Vermarktung des in die Schlagzeilen geratenen Jung-Stars lieferte der Verband bereits: Die Rechte an der „Marke Caster“ hat er exklusiv an das südafrikanische Magazin „You“ verkauft. Das Blatt brachte eine Riesenstory, in der die Athletin zum Sex-Star herausgeputzt wurde. Auf dem Titel war sie mit Bob-Frisur, Make-Up und gepushten Brüsten abgebildet.

cf #30

neues aus südafrika:
Südafrikanischer Verband gibt Geschlechtstest vor der WM zu — „Die Lust auf Gold war größer“

Herbert #31

Und noch ein Beitrag über die menschlichen follow-ups eines WM-Sieges.Der Autor ist dem dem Hausherrn sicher bekannt.

http://www.ksta.de/html/artikel/1253287288787.shtml

enrasen #32

Hallo,

ich würde gerne bei dieser hochdekorierten Seite einen Vorschlag für den Umgang mit dopenden Sportlern machen und diskutieren lassen.

Ich bin für die generelle Abschaffung von Sanktionen für überführte Doper!

Erklärung: Dopingkontrollen sollen weiterhin durchgeführt werden und natürlich noch intensiviert werden. Aber die Bestrafung und damit Rehabilitation der Sportler würde ausfallen. Damit kann und muss der „gebranntmarkte“ Sportler nach positiver Probe seinen Sport weiter betreiben und er hätte voraussichtlich nicht viele Freunde mehr unter den anderen. Zudem würden die Zuschauer und Medien wohl schnell das Interesse verlieren, da jeder weiß welche Sportler gedopt sind. Sport-Arbeitgeber übernehmen den weiteren Teil, die Sportler nicht mehr anzustellen.

Eure Meinung.

TobiasL #34

erst den präsidenten suspendiert und dann den ganzen verband aufgelöst-konsequent, aber noch besser ist die anklage gegen den iaaf, denn da dürfte noch einiges auf uns zukommen. wie mit den ergebnissen der „untersuchung“ umgehen?

Ralf #35
Ralf #36
Ralf #38

Helmut Digel im Tagesspiegel-Interview: „Es ist schon zu viel Unheil geschehen“

iol.co.za (22.03.): Caster’s future still in limbo

TobiasL #39

Es geht ja manchmal alles so schnell, der Durchlauferhitzer muss ja was zu fressen haben. Manchmal lohnt das Erinnern. Castor Semenya? Ja da war doch was.
Am Dienstag könnte 30.03.2010 könnte sie/er uns wieder erinnern, es steht ein Start mit Genehmigung? der IAAF an.
Das WIRD uns mit Sicherheit wieder beschäftigen.
http://www.universalsports.com/news/article/newsid=465982.html#semenya+seeking+tomorrow

nocheinjurist #40

Noch eine Teildisziplin des Sports, wo Wissenschaft an die Tür klopft, um bessere Ideen anzubieten. Helmut Digel hat mich insofern überrascht, als angeblich die IAAF die Entscheidung des Staates (!) des Athleten über dessen Geschlecht respektiert. Davon war gar nicht so viel zu merken…

TobiasL #41
Herbert #42

Nach Aussage von Semenya habe sie auch der südafrikanische Verband ASA darin bestärkt, ihr Comeback solange zu verschieben, bis das Testergebnis der IAAF vorliegt. Im Gegenzug wolle die ASA sicherstellen, dass die Untersuchung bis Juni abgeschlossen ist. Die IAAF äußerte sich nicht zu Semenyas Erklärung.

http://www.welt.de/die-welt/sport/article7078578/Caster-Semenya-laeuft-im-Juni-wieder.html

Entweder das Ergebnis liegt bereits intern vor oder ihre Berater spielen mit ihr Vabanque. Anders kann ich mir solch eine öffentliche Äußerung nicht erklären.
Comeback ist es imo nur dann, wenn man da anfängt, wo man aufgehört hat.

Ich hoffe nicht, dass nur eine weitere Seite des entwürdigenden Dramas geschrieben werden soll.

Ralf #43

Thomas Hummel in der SZ: Sie ist eine Frau!

Ralf #44
Ralf #45

Thomas Hahn in der SZ: Sie darf starten

Ralf #46

Michael Reinsch in der FAZ: Offene Fragen

Möglicherweise musste sich die Südafrikanerin einem operativen Eingriff unterziehen.

Thomas Hahn in der SZ (Printausgabe vom 08.07.): Ein Sieg ohne Gewinner

Noakes ist Mitbegründer der wissenschaftlichen Akademie des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) und er wirft dem IOC und der IAAF vor, aus Imagegründen einzelne Athletinnen heimlich aus dem Wettkampfbetrieb gezogen zu haben. ‚Nicht weniger als acht intersexuelle Frauen dürften in der Vergangenheit von der Leichtathletik ausgeschlossen worden sein‘, sagt Noakes, ‚und ich fasse es so auf, dass man sie gewarnt hat, sie würden bloßgestellt, wenn sie ein Aufhebens darum machten.‘

Ralf #47
Ralf #49
Ralf #50

Thomas Hummel in der SZ: Schwierige Trennung von Mann und Frau

Ralf #51

Medizin-Ethikerin Claudia Wiesemann im SZ-Interview mit Thomas Hummel zum Geschlechtstest im Sport: „Das IOC missachtet den Schutz der Sportlerinnen“

Claudia Wiesemann, Direktorin der Abteilung Ethik und Geschichte der Medizin der Universitätsmedizin Göttingen und Expertin für ethische Fragen von Intersexualität im Sport über die angebliche Freiwilligkeit, Auswirkungen der Tests bei jungen Sportlerinnen und wie der Sport aus dem Dilemma kommen könnte.

Ralf #53
Ralf #54

Deutscher Ethikrat: Intersexuelle Menschen anerkennen, unterstützen und vor gesellschaftlicher Diskriminierung schützen

Deutscher Ethikrat: Stellungnahme zur Intersexualität (pdf)

Eine besondere Form der Diagnostik stellt die Geschlechtsüberprüfung beim Sport dar. Hierunter fallen körperliche und genetische Tests zur Feststellung des Geschlechts bei Sportwettkämpfen, in denen die Startberechtigung weiblichen Sportlerinnen vorbehalten ist. 1966 wurden erstmals verpflichtende Geschlechtstests mittels Ganzkörperuntersuchung bei den Leichtathletik-Europameisterschaften eingeführt, die dann ab 1967 durch die als weniger diskriminierend bewerteten Chromosomentests ersetzt wurden. Bei den Olympischen Sommerspielen 1996 in Atlanta wurden bei der Untersuchung von weit mehr als 3.000 weiblichen Teilnehmerinnen vier Frauen mit einer partiellen, drei mit einer kompletten Androgenresistenz diagnostiziert und eine Frau mit einem Steroid-5-alpha-Reduktase-Mangel nach Gonadektomie
(Entfernung der Keimdrüsen). Allen acht Athletinnen wurde aber erlaubt anzutreten. Seit 1996 gibt es eine vom Internationalen Olympischen Komitee ausgehende, zunehmend kritische Diskussion über die Praxis der Geschlechtsüberprüfung.
Immer wieder wurde gefordert, die allgemeine Verpflichtung aufzuheben und durch eine anlassbezogene Prüfung zu ersetzen.

Häufig wird auch argumentiert, dass die mittlerweile eingeführten verpflichtenden Dopingkontrollen ausreichten. Wie allerdings die jeweiligen Testergebnisse bewertet werden, scheint weiterhin uneinheitlich zu sein. Während in Atlanta
die genannten Athletinnen mit DSD antreten durften und beispielsweise die südafrikanische Mittelstreckenläuferin Caster
Semenya nach ihrer zunächst aberkannten Goldmedaille im 800-Meter-Lauf bei der Leichtathletik-Weltmeisterschaft 2009 in Berlin wieder eine Starterlaubnis erhielt, wurde der indischen Mittelstreckenläuferin Santhi Soundarajan die Silbermedaille,
die sie 2006 bei den Asienspielen in Katar errungen hatte, aufgrund des Nachweises eines männlichen Chromosomensatzes aberkannt.

Ralf #55

Evi Simeoni in der FAZ: Leichtathletin und Bräutigam

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