Notizen vom Sportausschuss (6): Profifußball vs Amateurfußball

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Hoppla: Eine äußerst muntere Diskussion heute im Sportausschuss. Hauptthema: Die TV-Vermarktung der Fußball-Bundesliga und der Aufstand des Amateurfußballs im DFB. Später mehr, hier schon mal einige Notizen, mitten aus der laufenden Debatte:

Peter Danckert (SPD)
Ich will mal meinen Gesamteindruck in zwei Sätzen sagen: „Was im Moment an vielen Ecken in Deutschland passiert, ist extrem bemerkenswert. Ich kann mich an keine ähnliche Situation erinnern.“ Ich glaube, das ist zum Teil hier sehr einseitig gesehen worden. (Meint DFB und DFL) 

Peter Rauen (CDU)
„Herr Seifert, sie haben sich ein bisschen gewundert, dass wir heute über dieses Thema sprechen. Das sollten sie eigentlich nicht tun. Denn als wir im Dezember 2007 über den tollen Sirius-Vertrag mit dem 3-Milliarden-Versprechen diskutiert haben, auch gesagt, dass das nicht zu Lasten des Amateurfußballs gehen darf.“

Das brennt im Amateurfußball von Kiel bis Burghausen. Das ist kein separates Thema in Gelsenkirchen. In allen Bereichen hat man das Gefühl, dass der Amateurfußball an den Wand gedrückt wird.

Zitiert den Trierschen Volksfreund. Wir haben es hier mit einem Flächenbrand zu tun. Ich habe zum ersten Mal das Gefühl, dass die Solidarität im deutschen Fußball nicht mehr existiert und dass sie von den Profivereinen aufgekündigt wird.

Was der neue Fernsehvertrag vorsieht, das schlägt aus meiner Sicht dem Fass den Boden aus. Er zählt dann alle Ansetzungen und Sendeplätze für Live-Berichterstattung auf. Das ist ein flächendeckendes Programm und jetzt frage ich sie: Wohin soll denn der Amateurfußball noch ausweichen.

Rechnet 50.000 Spiele pro Wochenende vor. 

Wolfgang Niersbach (DFB)
Ruft dazwischen: „80.000 sogar.“ 

Peter Rauen (CDU)
Rechnet vor, dass im Amateurbereich 7,6 Millionen Euro pro Jahr fehlen, wenn „bei diesen 50.000 Spielen nur 25 Zuschauer pro Spiel fehlen.

„Da nutzt uns auch kein Grundlagenvertrag mehr.“ Mahnt Seifert, der leise protestiert und sich gerade von ihm weggedreht hat: „Herr Seifert, ich habe ihnen auch zugehört.“

Das englische Beispiel könne nicht die Vision des deutschen Fußballs sein. Das Faß ist endgültig zum Überlaufen gebracht worden 

(Beifall für Rauen aus allen Fraktionen. Tischklopfer. Noch nie erlebt in diesem Gremium.)

Christian Seifert (DFL)
Ruft dazwischen und benutzt oft das Wort „Fakten“. 

Swen Schultz (SPD)
„Herr Seifert, sie haben nicht das Wort.“

Peter Danckert (SPD)
„Herr Seifert, sie müssen zur Kenntnis nehmen, dass die Position von Peter Rauen von den Volksvertretern sehr geteilt wird.“ Wird laut: Die Frage, wie viel sie in den TV-Verträgen nehmen, hängt doch an den utopischen Gehältern der Spieler. 

Dagmar Freitag (SPD)
„Herr Seifert, ich verstehe ihre Aufregung nicht. Wir haben ihnen doch auch eine Stunde zugehört.“ Die Gepflogenheiten in diesem Ausschuss sind so, dass wir einander zu hören. Ich habe selten so oft das Wort Fakten gehört. Das hat mich irritiert. Was mir an ihrem Vortrag völlig gefehlt hat, ist der emotionale Zugang zum Sport.

Streiks im Fußball, das hat es so noch nicht gegeben. Das sollte doch zumindest zum Denken, vielleicht sogar zum Nachdenken führen.

Die Zahlungen an den Amateurbereich sind für mich eine schlichte Selbstverständlichkeit. Wir sollten schon sehen, dass der Breitensport letztlich die Basis ist, dass wir auch Spitze entwickeln.

Verein ist Gemeinschaftsgefühl, Verein ist ein soziales Gefüge, Verein ist mehr als elf Leute, die gegen einen Ball treten.

Sie zitiert die Westfälische Rundschau, in der stand, dass die ARD die Ziehung der Lottozahlen verschieben will wegen der Bundesliga. „Da frage ich mich: heute die Lottozahlen und morgen die Tagesschau?“ Kann das wirklich alles so normal sein?

Ich weiß, dass auch in Baden-Württemberg durchaus Klagen sind. An Niersbach: Sie sollten das nicht als westfälisches Problem abtun. Wir sollten den Sport und den Fußball nicht nur ausschließlich unter fiskalischen Gesichtspunkten betrachten. 

Joachim Günther (FDP)
Peter Rauen hat mir aus der Seele gesprochen. Ich kenne mich da aus, ich habe über Jahre einem Verein vorgestanden. Fernsehvertrag ist amateurfeindlich, familienfeindlich und es ist auch insgesamt für die Sportgestaltung schädlich – in angrenzenden Sportarten. Er findet das alles unmöglich. Dann spricht er von seiner Zielstellung, in einer deutschen Mannschaft mindestens sechs deutsche Spieler einzusetzen. Appell:

„Unterschätzt das nicht! Das ist eine Flächensache! Ich bitte dringend, das Konzept zu überdenken.“ 

Winfried Hermann (Bündnis 90/Die Grünen)
Auch er unterstützt Peter Rauen. An Niersbach: Macht es Sinn, dass jede zweit- und drittklassige Spiel im Uefa-Cup zur Primetime übertragen wird? „Mir stinkt es einfach, das jedes dieser Spiele gezeigt wird.“ Spricht von „absolutem medialen Overkill in schlechtem Fußball“. Erinnert an das Schicksal von Tennis. „Weinger ist mehr!“ Sie sollten sich mehr bescheiden! 

Detlef Parr (FDP)
Hat sich geärgert, sagt er, nimmt sich aber zurück, sagt er. „Wir haben das Recht, dieses Thema hier diskutieren und dieses Thema in die Öffentlichkeit zu bringen!“

Sven #1

Da die Politik ja zur Zeit eh verzucht, maßgeblich in die öffentlich rechtlichen Medien einzugreifen, sollten sie doch gleich vorgeben, dass die ÖR den medialen Overkill des Fußballs nicht stützen/finanzieren. Bringt nicht immer nur 99% Fußball, einen Superbowl und im Winter Biathlon. Macht Samstags eine Sportschau, die diesen Namen verdient. Die ÖR haben den Fußball über Jahre medial aufgewertet und so auch seine Zuschauermassen kreiert. Wenn sich das Baby jetzt gegen seinen Erzeuger wendet, zeigt ihm, wo der Hammer hängt. A L L E anderen Sportarten werden es euch danken.

Oliver Fritsch #2

Wie schlägt sich Reiner Grundmann vom SC Schaffrath, Initiator des Protests?

Gua #3

Hmmm, klingt so, als seien die Herren vom Fußball nicht so gut weggekommen. Wie sünde… :)

Ach ja: Bosman ist Schuld!!

dogfood #4

Puh. Ich weiß ob es an den Verkürzungen durch die Notizen von jens liegt, aber das Niveau der Diskussion im Ausschuß ist ja unterirdisch.

Re: Lottozahlen
Ich weiß nicht wie alt Frau Freitag ist, aber vielleicht kann sich sich noch an den Sendetermin der Lottozahlen von vor zehn Jahren erinnern. Die Verschiebung der Lottozahlen nun als Beleg für die Dominanz des Bundesliga-Fußballs herzunehmen, da rollen sich ja einem die Fußnägel hoch

Re: CDU: „Das englische Beispiel könne nicht die Vision des deutschen Fußballs sein“
Ich dachte dass England gerade als Beispiel dient, weil es dort den Forderungen der unteren Ligen nachgekommen ist: keine Live-Fußballbilder Samstags zwischen 15h und 17h15 (Ortszeit). Aus keiner Liga, egal ob im In- oder Ausland

Re: FDP: „Fernsehvertrag ist […] familienfeindlich“
Warum soll Papa am Sonntag vor dem Fernseher familienfeindlicher sein, als Papa am Sonntag auf dem Sportplatz (inkl. An- und Abreise)?

Re: „An Niersbach: Macht es Sinn, dass jede zweit- und drittklassige Spiel im Uefa-Cup zur Primetime übertragen wird.“
Was hat der DFB damit am Hut, oblag doch der UEFAcup bis inkl. dieser Saison der Einzelvermarktung?

Ferner haben wir gerade eine Saison, in der nur ein Teil der Spiele im Fernsehen übertragen wurde. Am letzten Spieltag zwei von vier Partien.

Ab der kommenden Saison wird eh alles anders, mit nur zwei Anstoßzeiten am Donnerstag.

Assistent #5

Peter Rauen ist zu großer sportpolitischer Form aufgelaufen. Das kann ich sagen, obwohl mein Blickwinkel nicht so gut war. Da waren einige richtige „Raketen“ bei (es „brennt …Flächenbrand …Fass, dem der Boden weggeschlagen wird …von Trier bis Chemnitz …“).

Und schön als Dessert wurden Herrn Seifert noch die „zahlreichen Leserbriefe“ aus Rauens Lokalzeitung vorgehalten.

Um noch die Zahl „50.000 Spiele“ (Niersbach: 80.000) nachvollziehbar zu machen: 26.000 Fußballvereine mit von Rauen geschätzten durchschnittlich 4 Mannschaften ergebe eben 50.000 Spiele am Wochenende.

Das war diesmal ein richtig schöner sportpolitischer Auftritt, und zu recht hat Peter Rauen aus allen politische Richtungen dafür viel Zustimmung bekommen.

Linksaussen #6

@dogfood: jetzt komm hier doch nicht mit fakten. mir fehlt bei dir ein wenig der emotionale zugang zum sport!

mein highlight: „Ich kenne mich da aus, ich habe über Jahre einem Verein vorgestanden.“ du meine güte. ist DAS das reflexionsniveau? dogfood hat ja bereits aufgezählt, wie wenig fundiert die diskussion ist, aber bei solchen herleitungen ist das ja auch kein wunder.

Jan #7

Ist den Vertretern der DFB/DFL heute im Ausschuß etwa die Kommunikationsherrschaft entglitten? Was da wohl Herr Zwanziger zu sagt …

Tomte #8

sorry off topic: SZ Interview mit Jens in SZ-Online: http://www.sueddeutsche.de/,ra5m1/sport/853/460486/text/
… mit erfreulicher Wasserstandsmeldung.
Und der Herr Niersbach wird auch angesprochen. Da wären wir ja wieder beim Thema.

sternburg #9

Und ganz am Rande wird endlich die Frage von „noch ein Jurist“ nach dem konkreten Angebot an den DFB aus dem November geklärt (sollte das zwischenzeitlich schon passiert sein, bitte ich um Vergebung).
Was will man mehr.

Philipp #10

ich finde es gut, wenn die „Volksvertreter“ sich einem solchen Thema annehmen. Aber warum erst jetzt?

JW #11

@ dogfood:

„Ich weiß ob es an den Verkürzungen durch die Notizen von jens liegt …“

Ich bin unschuldig. Ich notiere, was möglich und nötig ist, was ich schaffe und was mir wichtig erscheint, um die Leserschaft möglicherweise in die Lage zu versetzen, die Atmosphäre zu schnuppern. Wenn ich größere Passagen nicht mitbekomme oder nur rudimentär wiedergebe, dann sage ich das auch – wie bei den anderen 5 Notizen vom Sportausschuss. Es hat bislang keine Reklamationen gegeben, jedenfalls nicht bei mir. Klar gefällt das nicht allen Politikern. Aber es ist, wie es ist, ich würde jeden überzeugenden Wortbeitrag im Ausschuss begrüßen. Es geht schließlich um die Sache.

Im Übrigen habe ich oft genug betont, dass Peter Danckert – bei aller Kritik, die ich gelegentlich regelmäßig an ihm übe, etwas Famoses geleistet hat, als er die Sitzungen öffentlich machte. Ich finde: Das sollte eine Selbstverständlichkeit sein auch in allen anderen Ausschüssen. Es ist aber leider die Ausnahme. Die Sportausschüssler müssen also damit leben, dass man genau hinhört, was sie von sich geben, und versucht zu beschreiben, wie sie das tun. Sie haben es in der Hand, blendend rüber zu kommen.

dogfood #12

Ich notiere, was möglich und nötig ist, was ich schaffe und was mir wichtig erscheint“ – jo, keine Kritik, sondern nur ein prophylaktischer Disclaimer…

Jens Weinreich #13

dogfood: Und das war nicht angezickt gemeint, sondern nur als höfliche Erläuterung. Ich hätte es brutaler, einfacher, kürzer formulieren können. Aber gewisse Etikette wollen wir doch einhalten.

mb #14

Zur Frage der Öffentlichkeit des Sportausschusses: Ich kenne mich nicht so gut aus, aber ein Blick ins Gesetz erleichtert die Rechtsfindung. Denn nicht der Ausschussvorsitzende Peter Danckert hat die Sitzungen des Sportausschusses öffentlich gemacht, sondern nur der Sportausschuss selbst kann die Öffentlichkeit herstellen. Siehe § 69 Abs. 1 der Geschäftsordnung des Deutschen Bundestages:
http://www.bundestag.de/Parlament/funktion/gesetze/go_btg/go07.html

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