Goldmann & Co oder: der Gordische Knoten

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Die Deutsche Presse-Agentur meldet gerade:

Der unabhängigen Kommission des ehemaligen Verfassungsrichters Udo Steiner liegt der Erklärungsentwurf von Leichtathletik-Trainern zur Bewältigung der DDR-Doping-Vergangenheit vor. (…) Diese Initiative könnte den Weg aus einem jahrelangen Dilemma weisen und den früheren DDR-Trainern trotz eines nachträglichen Bekenntnisses zu Doping-Praktiken eine Weiterbeschäftigung bei Verbänden ermöglichen. (…)

Der von den DLV-Trainern vorgelegte Erklärungsentwurf soll drei Eckpunkte haben:

  1. das Bekenntnis, an Doping-Praktiken der DDR beteiligt gewesen zu sein;
  2. die Versicherung, seit der Wende Doping nicht unterstützt zu haben;
  3. eine Entschuldigung bei den Opfern des Dopings.

Ich kenne den Entwurf (noch) nicht. Ich weiß nicht, wie der Gordische Knoten zerschlagen werden könnte, um beispielsweise Werner Goldmann wieder anzustellen. Ich weiß nicht, ob das anstrebenswert ist. Und ich finde es zu billig, wie sich neuerdings Peter Danckert (SPD), der Vorsitzende des Bundestags-Sportausschusses, gebärdet, der seinen Wahlkreis im Osten hat, der sein Buch promotet und eine „Amnestie im untechnischen Sinne“ fordert.

Der DLV-Präsident und Amtsrichter Clemens Prokop behauptet, er sei gegen eine Generalamnestie, und hat mir am Sonntag gesagt:

Der Fall Goldmann ist insofern ein besonderer Fall, war ja hier ein Arbeitsrechtsprozess bereits läuft. Und deshalb kann ich jetzt nicht im positiven Sinne sagen, bei den und den Kriterien wird eine Fortbeschäftigung möglich sein. Aber ich kann negativ ausschließen, dass eine Fortbeschäftigung jedenfalls so lange definitiv nicht möglich ist, so lange der Fall Jacobs nicht wirklich aufgeklärt ist.

Der Fall Goldmann, die Aufarbeitung der Dopingvergangenheit, wurde hier in den vergangenen Wochen ausgiebig diskutiert, auch über die Beiträge von Andreas Krieger, Helmut Digel und Gerhard Treutlein. Der Olympiasieger und ehemalige Radprofi Jan Schur hat mit debattiert. Es darf weiter diskutiert werden.

Ich habe am Wochenende während der Hallenmeisterschaften der Leichtathleten in Leipzig an diesem Thema gearbeitet und mit etlichen Beteiligten gesprochen: Dem DLV-Präsidenten Clemens Prokop, seinem Vizepräsidenten Eike Emrich, dem Kugelstoß-Europameister Ralf Bartels, der zu jenen 20 Athleten zählt, die den Offenen Brief für Werner Goldmann unterschrieben haben, den Chefbundestrainern Rüdiger Harksen und Herbert Czingon. Antworten zum Inhalt des nun vorformulierten Papiers (das wievielte eigentlich in den vergangenen zwanzig Jahren?) kann ich nicht geben, aber ich denke, die Aussagen sind es allemal wert, gehört zu werden. Wobei ich sagen muss, dass der Hauptbetroffene, also Werner Goldmann, weiterhin schweigt. Auf Anraten seines Anwalts, heißt es.

Hier die Beiträge im Deutschlandfunk, die fast nur aus O-Tönen bestehen und quasi als Prozessberichterstattung zu betrachten sind:

Sonnabend, 21. Februar:

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Sonntag, 22. Februar:

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Ich habe versucht, die Stimmung und gewissermaßen die Strömungen zu erfassen. Manch einem war das nicht hart genug. So wurde ich dafür kritisiert, dass ich Goldmann zu gut wegkommen lasse (tatsächlich?) und Ralf Bartels zu viel Platz einräume (ach ja?). Was letztlich nur zeigt: Bei diesem elektrisierenden Thema kann man es niemandem Recht machen. War allerdings auch nie meine Absicht.

Ralf Bartels zum Beispiel fragte im Verlauf unseres Gesprächs, ob ich ihn anprangern wolle. Nein, wollte ich nicht. Ich (wir, zwei Kollegen großer Tageszeitungen waren dabei) habe/haben ihn zwischen Wettkampf und Siegerehrung, als er an seinem 31. Geburtstag ein Bier aus dem Plastikbecher trank, das ihm später möglicherweise die Abgabe der Dopingprobe erleichterte, nach seiner Meinung zum Fall Goldmann, zum Brief der Athleten, zur Stimmungslage und zu seinen Vorstellungen befragt, wie das Problem aufzuarbeiten sei.

Ich wollte Bartels nicht vorführen. Ich hätte es tun können, aber ich finde, wenn ich jemanden in den Katakomben mit meinem Mikro überfalle und zwischen Tür und Angel derartige Fragen stelle, habe ich eine gewisse journalistische Verantwortung. Ich suche mir nicht gerade O-Töne heraus, die Bartels möglicherweise bloßstellen. Er ist kein Täter. Er war ein Kind, als die Mauer fiel. Er wurde im Osten sozialisiert. Unter Sportlern. In Neubrandenburg. Er ist da nie weg gekommen. Er hat seine Meinung.

Dass er die Bücher von Berendonk und Treutlein nicht gelesen hat, mag ärgerlich sein; aber dieses Schicksal, nennen wir es einfach mal so, teilt er mit vielen, im Osten wie im Westen, die nicht die Kugel stoßen müssen, sondern Verantwortung tragen. Das ist das Problem, und nicht der mündige, mitunter irrende Sportler.

Leseempfehlungen:

Grit Hartmann #1

Einigermaßen abstoßend, wie klar der Pragmatismus erkennbar ist. Sieht nach dem Beginn einer größeren existenzrettenden Entschuldigungswelle aus …

Ralf #2

Der „Pragmatismus“ wurde hier noch klarer formuliert:

[Die Erklärung] soll so formuliert werden, dass sie trotzdem eine Weiterbeschäftigung und Bezahlung aus Steuermitteln ermöglicht.

Walter #3

Dieser Pragmatismus geht aber von den Funktionären aus,diese möchten sich nicht für ihre Taten und die ihrer Vorgänger entschuldigen.
Sie möchten die „Ruhe“ mittels Entschuldigung der ehemaligen DDR Trainer erreichen?

Die sehnen sich nach den Zeiten,wo sie alles dem „Einzeltäter“ in die Schuhe schieben konnten.

Kronzeugen sind im Sport erledigt,Jaksches Protokoll wird in der Zeitung veröffentlicht und Sinkewitz muß 100.000 an den Sprudelsponsor zahlen.Von da ist auch nichts mehr zu befürchten.

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