Andreas Krieger zum Fall Goldmann & Co.

 •  • 17 Comments

Ein update zur Diskussion um die Entlassung des dopingbelasteten Trainers Werner Goldmann und den offenen Brief deutscher Leichtathleten. Andreas Krieger hat dazu einen Kommentar geschrieben. Ich hoffe, es nicht zu übertreiben, wenn ich mir erlaube, diesen Kommentar hier hinein zu kopieren. Ich finde, die Meinung von Andreas Krieger ist zu wichtig, ich möchte nicht, dass Leser seinen Standpunkt – in der Kommentarspalte geäußert – übersehen.

Als Dopingbetroffener kann ich hier nicht schweigen.

Der Verband hat endlich nach immer wieder erneuten Kritiken über dopingbelastete Trainer der ehemaligen DDR im Sport richtig und konsequent reagiert. Nicht nur die Presse kritisierte diesen Zustand immer wieder, seit viele, vielen Jahren, sondern auch Dopingopfer forderten eine konsequentere Haltung vom DOSB zu diesem Thema.

Zum Fall Goldmann kann ich nur sagen, dass die Entscheidung richtig ist. Sicherlich trifft es die heutigen aktiven Sportler hart, aber für diese Situation ist ganz allein Herr Goldmann selbst verantwortlich zu machen. Sein beharrliches Schweigen und die halbherzige Aufarbeitung seiner eigenen Vergangenheit haben ihn jetzt eingeholt.

Er hatte die Möglichkeit damit aufzuräumen, doch das schien ihm wohl nicht so wichtig. Ihm war, so scheint mir, seine eigene Karriere wichtiger.

Das interessante an der ganzen Geschichte ist, es hätte in manchen Fällen nur einer ehrlich gemeinten Entschuldigung bedurft, um Dopingopfern zu signalisieren, dass damals nicht nur auf staatlicher Ebene kriminell gehandelt wurde, sondern auch dass das persönliche ethisch-moralische Versagen der involvierten Trainer dazu beitrug, das Dopingsystem der DDR zu stützen und zu tragen und damit Dinge passieren zu lassen, die nicht wieder gut zu machen sind.

Stattdessen hat er sich freigekauft. Durch die Zahlung einer nicht unerheblichen Geldsumme erwirkte Goldmann die Einstellung eines Gerichtsverfahren gegen ihn.

Wenn man sich nichts vorzuwerfen hat, warum dann freikaufen?

Im Protestschreiben namenhafter Werfer gegen die Entlassung Goldmanns ist von einem Bauernopfer die Rede, welchem mit der Entlassung seine Passion und sein Leben zerstört werden.

Ich frage mal gerade heraus, wie sieht es den mit der Lebensqualität der Dopinggeschädigten aus. Sie haben mehr verloren, als nur ihren Job. Die Schäden, die durch den systematischen Dopingmissbrauch des DDR-Systems entstanden sind, verjähren moralisch nicht, da nie ein Täter- Opfer-Ausgleich stattgefunden hat. Nicht, weil die Geschädigten dieses nicht wollten, sondern weil die dopingbelasteten Trainer durch beharrliches Leugnen, bewusstes Lügen, taktisches Kleinreden ihrer Vergangenheit deutlich signalisierten, dass sie sich ihrer Verantwortung und ihrem Versagen nicht stellen wollen.

Ich kann hier also kein Bauernopfer erkennen. Beim Schachspiel wird der Bauer geopfert, um die Dame zu schützen. Wer sollte hier die Dame sein? Wissen da die aktiven Sportler mehr als die Öffentlichkeit?

Dieser Mann hat nichts zur Aufarbeitung des DDR-Systems getan, weiter einen netten Job aus Steuergeldern finanziert bekommen und wundert sich warum er nicht weiter machen darf, wie zuvor.

Bei allem Verständnis für die unterzeichnenden Sportler stellt sich mir hier auch die Frage, warum sie nur sich selbst und ihre eigenen Erfahrungen mit diesem Trainer zum Maß der Dinge machen. Warum sie mit Argumenten („Verjährungsfristen“ von Straftaten, Rehabilitierung, mangelnde Beweise, „Kündigung“ etc.) hantieren, welche nicht nur falsch benannt sind, sondern auch in übersteigerter Weise die Uneigennützigkeit, den Altruismus sowie die edle Gesinnung ihres ehemaligen Trainers darstellen sollen. Das finde ich verdammt seltsam.

Der Verdacht liegt nahe dass Goldmann jetzt, wo es um seine Existenz geht, sich vertrauensvoll an prominente Sportler wendet, um nicht nur Unterstützung zu erfahren, sondern auch „Persilscheine“ sammeln will.

Er bietet seine Unterstützung und Hilfe ehrenamtlich an. Wo war er, als ehemalige dopinggeschädigte Sportler seine Hilfe brauchten? Als es um Aufklärung und Bewältigung der Dopingpraxis in der DDR ging?

Herr Goldmann orientiert sich auch hier und heute noch an den Unversehrten, den Gewinnern des Hochleistungssports, um an etwas teilhaben zu können, was er sein Leben lang mit Besessenheit verfolgt hat: Ruhm, Macht und Erfolg – koste es was es wolle- und wenn es die eigenen Seele ist… oder auch nur das Leben der anderen.

Leidtragende in der ganzen Sache sind wieder die Sportler.

Andreas Krieger

B.Schuss #1

damn straight, wie die Amis sagen würden…

sternburg #2

Als Strafrechtler kann ich hier nicht schweigen: „Wenn man sich nichts vorzuwerfen hat, warum dann freikaufen?“

Auch wenn es unangemessene Korinthenkrämerei sein mag: Mattie Lieske schrieb, er „musste“ zahlen. Weiter unten schrieb er, „… sein Verfahren {wurde] gegen Zahlung von 4 000 Mark eingestellt“. Dass klingt zunächst schwer nach § 153 a StPO Danach „musste“ er in der Tat nicht zahlen („Mit Zustimmung (…) des Beschuldigten“). Nur: Dann gilt er auch nicht als verurteilt.
Der Gedanke, dass sich kein Unschuldiger freikaufen würde, liegt dabei so lange nahe, bis man selber mal in der Situation ist.

Andererseits wissen wir (hüstel), dass es Journalisten mit den strafprozesualen Kleinigkeiten nicht immer so genau nehmen, und ohne dem Herrn Lieske zu nahe treten zu wollen, wäre es ja auch möglich, dass es sich dabei damals um einen Strafbefehl handelte, so dass die Formulierung „musste“ wieder stimmen würde.

Kurz gesagt: Wenn ich das alles richtig verstehe, sind Goldmanns Taten doch recht zweifelsfrei erwiesen. Also warum sie nicht einfach als solche benennen, ohne zu fragwürdigen Formulierungen zu greifen, die in diesem sonst so starken und ehrlichen Text (bevor ich es vergesse: meinen uneingeschränkten Respekt hierfür) m.E nicht ganz hineinpassen wollen?

Sich „freizukaufen“ war zunächst einmal sein gutes Recht. (M.E. absolut berechtigte) Kritik daran ist an die staatlichen Verfolgungsorgane zu adressieren.

Dass er sich danach (wie ja ausgeführt) keinen Pfifferling um eine moralische Aufarbeitung bemüht hat, spricht eine völlig ausreichend klare Sprache. Zumal ihm gerade durch die Einstellung keine strafrechtliche Sanktion mehr drohte, was eine gewisse „Reuemüdigkeit“ evtl. noch halbwegs verständlich gemacht hatte.

Ute Krieger #3

Danke an sternburg!
Diese Hinweise sind wichtig, nicht jeder ist Jurist…
Ich denke diese Unterschiede zu benennen, trägt zur differenzierten und korrekten Bewertung bei.

Jens Weinreich #4

Der Kommentar von Andreas Krieger hat es aus dem Blog schon in den Sportinformationsdienst und damit sogar – was gut ist – in ostdeutsche Regionalzeitungen geschafft. Freie Presse:

„Wenn man die Aufarbeitung ohne Kopf-ab-Mentalität betreibt und unter dem Gesichtspunkt, dass jemand eine zweite Chance verdient, gerade, wenn er in den fast 20 Jahren seit der Wende ganz anders agiert hat, dann ist ein solches Verfahren ohne Risiken für die Betroffenen“, erklärte Vesper. Das Gegenteil sei sogar der Fall: „Es eröffnet ihnen Chancen“, meinte der ehemalige Grünen-Politiker.

Dieses Vorgehen setze aber Kooperation voraus, die im Fall des vom Deutschen Leichtathletik-Verband entlassenen Kugelstoß-Bundestrainers Werner Goldmann nicht vorhanden gewesen sei. „Bei ihm ist ja das Problem, dass er bis heute nicht eingeräumt hat, dass er damals an diesen Dopingpraktiken beteiligt war“, sagte Vesper.

DDR-Dopingopfer Andreas Krieger prangert Fehlverhalten an

Genau dieses Fehlverhalten prangerte DDR-Dopingopfer Andreas Krieger im Fall Goldmann im Internetblog des Journalisten Jens Weinreich an. „Sein beharrliches Schweigen und die halbherzige Aufarbeitung seiner eigenen Vergangenheit haben ihn jetzt eingeholt.“ Krieger war 1986 als gedopte DDR-Sportlerin Kugelstoß-Europameisterin und lebt seit einer Geschlechtsumwandlung als Mann.

Der ehemalige Spitzensportler kritisierte das Protestschreiben von 20 deutschen Werfern, die die Wiedereinstellung Goldmanns forderten: „Bei allem Verständnis für die unterzeichnenden Sportler stellt sich mir hier auch die Frage, warum sie nur sich selbst und ihre eigenen Erfahrungen mit diesem Trainer zum Maß der Dinge machen?“ Der Verdacht liege nahe, dass Goldmann sich jetzt, wo es um seine Existenz geht, vertrauensvoll an prominente Sportler wende, um „Persilscheine“ zu sammeln.

sternburg #5

– Da schau her, der sid mal ganz fix. Trotzdem frage ich mich, ob dort irgendjemand mal Andreas Krieger gefragt hat, ob die Zeilen auch tatsächlich von ihm stammen. Dies kann der sid schließlich nur schwerlich wissen.

– „Da nicht für“ für das „Danke“, insbesondere da ich gerade doch deutlich erkenne, dass das Schreiben von Kommentaren nicht zu sehr „nebenbei“ getätigt werden sollte.. meine Güte, habe ich vorhin verquast formuliert. ;)

Christian Klaue #6

Hallo Sternburg,

es gibt kein Grund für Misstrauen gegenüber dem sid. Selbstverständlich habe ich das vorher geprüft. Alles andere wäre in so einem Fall ja wohl halsbrecherisch.

andreas #7

ein kleiner administrativer Hinweis. Der Link in der mittleren Spalte oben zum Artikel The ISL bribery system führt hierher. Der korrekte link wäre der hier: jensweinreich.de/?p=3975

Jens Weinreich #8

danke für den hinweis. erledigt.

Ralf #9

Maik Großekathöfer für SPON: Dopingopfer Krieger – Vom Staat missbraucht

Ralf #10
trebor #11

morgen 13.30 Uhr im Deutschlandfunk:

Zwischentöne
Musik und Fragen zur Person
Andreas Krieger im Gespräch mit Michael Langer

Ralf #12

TV-Tip: Planet Wissen: Doping – Siegen mit allen Mitteln

mit Hajo Seppelt und Andreas Krieger

Sendetermine, u.a.:
Donnerstag, 22. April 2010, 15.00 Uhr, WDR/SWR
Donnerstag, 22. April 2010, 21:45 Uhr, BR-alpha
Freitag, 23. April 2010, 5:00 Uhr, SWR
Freitag: 23. April 2010, 8.20 Uhr, WDR
Freitag, 23. April 2010, 12:30 Uhr, BR
Freitag, 23. April 2010, 14:15 Uhr, RBB

trebor #13

HR 2 Doppel-Kopf vom 13.08.: Am Tisch mit Andreas Krieger

trebor #14

ÖLV Nachrichten vom 18.11.2011 (Seiten 4-7)
Die wahre Geschichte der Heidi
(pdf, 1.1 MB)

mb #15

@#24. Also, vom österreichischen Leichtathletikverband wurden Andreas Krieger und Ute Krieger-Krause zu einer Veranstaltung eingeladen, um dort Mitglieder und Öffentlichkeit über ihre Erfahrungen zu informieren. Das haben der Deutsche Leichtathletikverband (DLV) oder auch der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) bisher nicht für nötig gehalten. Die Sportorganisationen in Deutschland setzen stattdessen in der Dopingprävention wohl auf die schweigenden Zeitzeugen in den eigenen Reihen.

Welch ein Armutszeugins nach 20 Jahren der Sportvereinigung mitsamt der zahlreichen Trainer- und Personalübernahmen und über 10 Jahre nach dem Urteil des Berliner Dopingprozesses.

Herbert #16

.. und der erwarteten hier und da geschwärzten Studie zum staatlich geförderten Dopingsystem in Westdeutschland.
Tja, es fällt schon schwer, die Komplexität des Problems in Deutschland zu begreifen und nicht zu verdrängen.

mb #17

@#25, nach einem kurzen Internet-Lesezapping und sachdienlichen Hinweisen darf ich mich korrigieren, dass beide seit diesem Jahr zu einem sog. Referentenpool bei der Deutschen Sportjugend (dsj) / Pädagogischen Hochschule Heidelberg gehören. Das freut mich.

Meine Leselust hat auch zu einem weiteren Erkenntnisgewinn geführt, den ich hier gerne in die Debatte einbringe: Die dsj bekommt für ein zweijähriges Dopingpräventionsprojekt von der EU-Kommission die stolze Summe von 450.000 Euro. Das wurde bereits im März dieses Jahres im Sportausschuss des Deutschen Bundestages bekannt.

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