Präsident Rogge sagt …

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… einiges zur Finanzkrise und den Olympischen Spielen. Und ich kann das jetzt nicht alles aufschreiben. Deshalb ein Mitschnitt der Passagen aus der Pressekonferenz am Donnerstagabend in Lausanne, in denen sich Rogge zu den olympischen Finanzen äußert. Wer mag, knapp neun Minuten:

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Und hier mein Arbeitsprotokoll von gestern:

BBC-Reporter Adrian Warner wollte es genau wissen. Zehn Minuten hatte Gilbert Felli, Olympic Games Executive Director des IOC, über dieses und jenes referiert; die finanziellen Probleme, unter denen der Olympia-Ausrichter London ächzt, hatte er routiniert klein geredet. Der Schweizer, der seit 1990 Dienst verrichtet, hat mit seinem gewöhnungsbedürftigen bürokratischen Charme viele Krisen gemeistert. Also fragte der Mann von der BBC: Sagen Sie mal, Herr Felli, heißt dass, die einzige Entscheidung, die das Exekutivkomitee heute getroffen hat, war die, wo das IOC im Sommer 2012 in London übernachtet? Immerhin war Felli schlagfertig: „Es ist nicht das Dorchester.“ Sollte heißen: Es gibt teurere Hotels in London, wir haben nur das Hilton Hyde Park gebucht. Dort nächtigen die IOC-Mitglieder also während der Sommerspiele 2012. Die Präsidenten der olympischen Sportverbände übernachten im Four Seasons, NOK-Vertreter im Interconti und die IOC-Bediensteten im Grosvenor House. Damit war das geklärt. Felli grinste. Noch Fragen?

Die Botschaft ist nicht neu, aber eminent wichtig – sie ist Grundlage des Milliardengeschäfts mit den Ringen: Das IOC ist immer fein raus. Es überweist Olympia-Ausrichtern eine Milliarde Dollar aus seinen TV-Verträgen, ob Peking 2008, Vancouver 2010, London 2012 oder Sotschi 2014. Mehr gibt es nicht. Der Löwenanteil an den Kosten der Partys wird aus öffentlichen Kassen beglichen. Die Städte und Regierungen haben sich vertraglich verpflichtet, sämtliche Risiken zu übernehmen. Ob zehn Milliarden Euro in Athen, 30 und mehr Milliarden in Peking, zehn Milliarden in London, ob Vancouver einen neuen Etat aufstellt, ob einige Milliarden mehr oder weniger, so genau will es im Olympiakonzern niemand wissen.

Niemand hat es je treffender formuliert als Primo Nebiolo, längst verstorbener langjähriger Präsident des Leichtathletik-Weltverbandes IAAF. Nebiolo riet einst den Organisatoren der Leichtathletik-WM 1993 in Stuttgart: „Be happy and pay the deficit!“ IOC-Präsident Jacques Rogge wählt nur andere Worte. Die Botschaft ist dieselbe.

„Die finanzielle Lage ist äußerst volatil“, formulierte Rogge am Donnerstagabend, „niemand kann vorher sehen, was noch passiert. Aber die Finanzen des IOC sind solide, weil wir nicht in exotische Werte investiert haben.“ Rogge sieht die Lage in Vancouver (Winterspiele 2010) positiv. Für London (Sommer 2010) verweist er darauf, dass bereits zwei Drittel der nationalen Sponsoren gewonnen seien. Und für Sotschi (Winter 2014) erneuerte Olympiaminister und Vize-Premier Dmitri Kosak gerade per Telefonkonferenz das Versprechen, dass Russlands Regierung für alle Kosten einsteht.

Das ist typisch für das Olympia-Business. Das IOC unterscheidet bei Olympischen Spielen zwischen dem Organisationsetat (OCOG-Etat) und dem Infrastruktur-Etat (Non-OCOG-Etat). Was unmittelbar mit dem sportlichen Ablauf der Sportfeste zu tun hat, fällt in den OCOG-Etat, der sich um die zwei Milliarden Dollar bewegt, egal an welchem Ort. Kosten für die meisten Bauten werden dem Non-OCOG-Etat zugeschlagen, weil es sich bei einem Olympiastadion, so die IOC-Logik, um ein langfristiges, „nicht olympiabedingtes“ Investment handelt. Auf diese Weise stellt man sicher, dass jedes Organisationskomitee Gewinn ausweist – alles eine Frage der Buchungstechnik. Ein Beispiel: Der Olympia-Bewerber Leipzig kalkulierte einst mit einem OCOG-Etat zwischen 1,6 und 2,3 Milliarden Dollar. Die „nicht olympiabedingten“ Kosten wurden der Öffentlichkeit verschwiegen. Je nach Rechnung betrugen sie neun bis vierzehn Milliarden Euro. Das sind Konflikte, die das IOC nicht so interessieren.

Wenn es um die eigenen Einnahmen geht, die TV-Rechte und Sponsorenzahlungen, nimmt es das IOC genauer. Noch hat sich aber kein Dreh gefunden, hier direkt aus öffentlichen Kassen Geld abzuzweigen. Bis 2012 sind die IOC-Finanzen gesichert mit rund 3,5 Milliarden Dollar aus Fernsehverträgen und derzeit 900 Millionen von Sponsoren. Schwierig wird es ab 2013, die TV-Verhandlungen kommen nicht recht voran, was angesichts der Weltwirtschaft keinen wundert. „Wir sind nicht in Eile, wir warten auf den idealen Moment“, sagt Rogge. Selbst wenn die TV-Rechte für 2014 und 2016 erst nach der Vergabe der Sommerspiele 2016 vergeben werden sollten, sieht er keine Probleme. Am 10. Jahrestag der Hodler-Enthüllungen sagte er: „Das wird fair ablaufen. IOC-Mitglieder entscheiden immer nach sportlichen Gesichtspunkten, nicht nach finanziellen.“

Im Sponsoringbereich hat das IOC für den Zeitraum 2005 bis 2008 mit den Spielen in Turin und Peking von zwölf Partnern 866 Millionen Dollar erlöst. Von diesen Konzernen sind für das Programm, das ab 1. Januar 2009 läuft, vier Firmen abgesprungen: Eastman Kodak, Johnson & Johnson, Manulife Financial Services und Lenovo. Der chinesische Computerhersteller Lenovo wird durch Acer ersetzt. Die neun Partner sollen derzeit 900 Millionen Dollar beisteuern. Man will mindestens noch ein oder zwei Firmen dazugewinnen, sagt der Norweger Gerhard Heiberg seit Monaten.

Heiberg, Chef der IOC-Marketingkommission und Olympiaorganisator 1994 in Lillehammer, hat schon 2007 in Guatemala der IOC-Session versprochen, in Kürze einen Vertrag in Russland abzuschließen, „sei es mit Gazprom oder einer anderen Firma“. Passiert ist nichts. Im Sommer 2008 musste er vor der IOC-Session in Peking einräumen, dass der Gazprom-Deal geplatzt sei, weil London für sein nationales Sponsorenprogramm die British Petroleum (BP) gewonnen habe. BP und Gazprom sind Rivalen auf dem Weltmarkt. Daraufhin versprach Heiberg, Gazprom sei erster Kandidat für den übernächsten Zyklus (2013 bis 2016). Doch das einzige, was bei den Winterspielen 2014 in Sotschi gesichert erscheint, ist die IOC-Herberge. Für den Fünf-Sterne-Tempel sollen aufkommen: die russischen Steuerzahler.

erschienen u. a. in der Süddeutschen Zeitung und der Basler Zeitung

Josch #1

Moin!

Jetzt wird mir auch langsam klar, warum das IOC so eine schöne Gelddruckmaschine ist. Die Aufteilung der Etats war mir gar nicht so bewusst.

Zumindest weiß ich als Steuerzahler, dass ich immer für die Ausrichtung in meinem Land zahle – egal ob ich mir das Dope-Spektakel begrüße, anschaue oder auch nicht.

Josch.

Christoph Wesemann #2

Jens, *hüstel* sieht die Frongzösin Emmanuelle Moreau wirklich so gut aus wie auf dem Foto? Wirklich? Und dann noch dieser Vorname. Und diese Stupsnase erst. (Irgendetwas stimmt heute mit meinem Hormonhaushalt nicht. Pardon.)

Jens Weinreich #3

Christoph: Reiß Dich zusammen! Das ist ein Blog für Fachbeiträge. Die amtierende IOC-Sprecherin, die sich eben gerade nach einem verdammt anstrengenden Jahr in den Weihnachtsurlaub verabschiedet hat, ist glücklich verheiratet.

Christoph Wesemann #4

Das war ein anderer Christoph Wesemann. Ich bin glücklich verheirat. Ich mag große Nasen. Das dort oben habe ich nicht geschrieben. Ich verfasse nur kritische und kompetente Fachkommentare, so wie diesen:

Wenn die Olympiastädte unter den Spielen finanziell leiden, der wirtschaftliche Nutzen also unterm Strich eher geringt ist, fragt man sich natürlich, warum das IOC überhaupt noch Kandidaten findet. Schmückt sich die Politik gern mit einem solchen Fünf-Ringe-Fest?

JW #5

Siehst Du, es geht doch. Ein wunderbares Beispiel ist die Geschichte, die kürzlich in der Times stand. Ich hatte hier darauf verlinkt. Es ging da um eine vom Kabinett Blair geheim gehaltene Studie, die besagt, dass Olympic Games volkswirtschaftlich gar nichts bringen. Sie sind nur eine Party, die man machen kann oder auch nicht. Wie schwierig das mit dieser Party ist, sieht man ja gerade sehr schön in London. Haben die Spiele etwas in Athen zum Guten gewendet, frage ich aus aktuellem Anlass? Weitere Beispiele spare ich mir. Will ja nicht immer grundsätzlich werden.

Arnesen #6

Im Grunde gebe ich dir völlig recht, Jens, aber vielleichtmuss man da noch einen gewissen Unterschied zwischen Sommer- und Winterspielen machen.
Am Status der Sommer-Ausrichter ändert sich durch die Spiele tatsächlich nichts – diese Städte sind so oder so Metropolen mit jeweils ganz eigenen Problemen und Qualitäten. Im Winter kann das etwas anders aussehen, aber nur wenn der Trend umgekehrt wird: Weg von den zu großen Städten wie Turin (oder auch München) im Gebirgsvorland, rein in die kleinen Städte im Gebirge (Lillehammer als Ausrichter DER Traumspiele sicher das Musterbeispiel).

sternburg #7

Wieso? In meiner Heimatstadt Berlin sieht man doch, welch positive Auswirkungen sogar schon eine Bewerbung haben kann. Ohne die ganzen tollen Hallen, die auschließlich für olympische Randsportartarten nutzbar sind, hätten wir doch das tolle Sechs-Tage-Rennen gar nicht mehr! Und der Mauerpark wäre auch größer, und was das heißt, wissen wir alle: noch mehr nervige Trommler.

Außerdem soll es hier noch die eine oder andere Privatperson geben, die bei der Behauptung, der wirtschaftliche Nutzen einer Olympiabewerbung sei unterm Strich eher geringt, schallend auflachen dürfte.
Also, habe ich mal gehört.

sternburg #8

Ui, sehe ich jetzt erst (Schwarz-Grün-Schwäche?), dies toppt ja eigentlich alles:

„Das wird fair ablaufen. IOC-Mitglieder entscheiden immer nach sportlichen Gesichtspunkten, nicht nach finanziellen.?

Ich glaube, ich sollte doch dazu übergehen, Sarkasmus immer eindeutig zu kennzeichnen. In einem solchen Umfeld kann der Leser ja nie wissen, was jetzt ernst gemeint ist.

Jens Weinreich #9

Super-Zitat. Ein Kleinod. Finde ich auch. Ich kann ihm auch nicht mehr helfen.

Ralf #10

sid: Finanzkrise trifft auch IOC

„Das ist aber nur ein Verlust auf dem Papier.“ Er entspricht ungefähr acht Prozent der IOC-Rücklagen, die sich auf rund 400 Millionen Dollar belaufen. […] Bisher habe man für die Olympiade (Winterspiele 2010 und Sommerspiele 2012) „ein bisschen über 900 Millionen US-Dollar“ erlöst (für Turin und Vancouver waren es 866 Millionen).

Jens Weinreich #11

Diese 34 Millionen, acht Prozent, wg. Madoff u.a., sind im Prinzip die Zahlen, die Richard Carrion im Dezember genannt hat. Nichts neues, Rogge hat es nur nochmal bestätigt. Rücklagen bezifferte er im März in Denver mit 405 Millionen. Dazu morgen mehr von mir.

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