Was vom Tage übrig bleibt (11): die Krise des Auslandsjournalismus

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Wer in den vergangenen Wochen noch nicht genug über Krisen gelesen hat, Finanzkrisen, Wirtschaftskrisen, Onlinejournalismuskrisen (bei Herrn Niggemeier), dem sei als Wochenend-Lektüre schnell noch eine Zustandsbeschreibung der Auslandskorrespondentenkrise empfohlen: Lutz Mükke hat sie als Dossier für das Netzwerk Recherche verfasst. Wer sich überraschender Weise doch noch ein bisschen für Journalismus interessiert, sollte sich diese 25 Seiten unbedingt antun.

Eine meiner Lieblingspassagen hat gar nicht so sehr mit dem Korrespondenten-Dasein zu tun, sondern beschreibt eher etwas Generelles im deutschen Journalismus. Namen und Medien sind austauschbar, denke ich mal. Mükke schreibt:

Ex-Spiegel-Auslandsressortleiter Ihlau bringt seine Erfahrungen so auf den Punkt: Viele der jüngeren Spiegel-Kollegen „könnten genauso gut in einer Bankfiliale arbeiten. Sie sehen als Typen auch fast alle so aus. Unter ihnen gibt es hervorragende Schreiber, keine Frage. Die schreiben süffige Stücke, voller Häme.“ Was fehle seien „Rechercheure, die Trüffelschweine, die Wühler“, vielen „dieser Schönschreiber fehlt es an Bissigkeit und Beharrlichkeit“.

Auf einen Generationswechsel weist auch FAZ-Auslandsressortleiter Frankenberger hin: FAZ-Journalisten seien heute relativ jung, was sich auf den Journalismus auswirke. Wäre früher „ein tragender Journalismus, durchsetzt mit großem historischem Wissen“ gepflegt worden, sei heute der Erzähljournalismus auf dem Vormarsch. Frankenberger verweist auch auf den wirtschaftlichen Aspekt dieses Wandels: Mit gut geschriebenen Geschichten wolle man Leser ins Blatt „reinziehen“, um breitere Leserschichten zu binden. Für analytische Hintergrundbeiträge interessierten sich hingegen immer nur „23 Leute aufgrund ihres Berufes oder sonst was.“ Während die „alte Schule“ den Sinn ihrer Arbeit stärker darin sehe, tiefgründigeren Journalismus zu betreiben, meine die jüngere Generation häufiger, aktuell berichten zu müssen. Außerdem rotiere heute das Personal schneller. Und auch Frankenberger bemerkt: Hartnäckige Rechercheure oder investigative Redakteure und Korrespondenten sind in Auslandsressorts nicht allgegenwärtig, was er bedauert. Deshalb spiele beispielsweise hintergründige Diplomatieberichterstattung fast keine Rolle im Auslandsjournalismus. (…)

Wenn die Köpfe führender Leitmedien solche Statements abgeben, muss sich jedem kritischen Zeitgenossen die Frage aufdrängen, wie die Massenmedien unter solchen Umständen denn ihrer verfassungsmäßigen Kritik- und Kontrollfunktion nachkommen wollen? Wie kontrollieren Journalisten die Pressemitteilungen, Statements und Sonntagsreden außenpolitischer Akteure? Wie wird Außenpolitik überhaupt abgebildet? Wird sie kontinuierlich und kritisch beobachtet? Von wem?

Thomas Morawski, langjähriger Mitarbeiter der Auslandsredaktion im Bayrischen Fernsehen, gibt darauf folgende Antwort: „Es ist sehr erstaunlich, wie wenig diese außerordentlich wichtige Aufgabe öffentlich diskutiert wird, wie wenig sie in den Sendern selber eine Rolle spielt, wie wenig offenkundiges und anhaltendes Versagen in dieser Hinsicht thematisiert wird. Die professionelle Kritik in den Medien hat sich weitgehend aus diesem Thema ausgeblendet“.

Ich war zwar nie Auslandskorrespondent und werde es aller Voraussicht auch nie werden, habe mich immer nur als Reporter für maximal einen Monat bei Sportfesten in etlichen Ländern herumgetrieben. Doch einige Probleme, die Mükke beschreibt, kommen mir sehr vertraut vor. Da gibt es eben nur bedingt Besonderheiten des Auslands-, Politik-, Wirtschafts-, Reise-, Lokal-, Online-, Fernseh-, Radio-, Magazin- oder Sportjournalismus. Die Fliehkräfte wirken in allen Bereichen der Branche. Zu den Themenfeldern Propaganda und dem Einfluss von professionellen Weißwäschern auf den Journalismus wurde hier ja einige Male diskutiert. Andere von Mükke angeführte, für Nicht-Journalisten möglicherweise unwichtige Punkte – etwa die Bedeutung von Ortsmarken – habe ich über Jahre immer mal in einer Redaktion diskutiert, vergebens. Ich bin da ganz auf Mükkes Linie, sozusagen in angelsächsischer Tradition. Hier also mein Lesebefehl:

Christoph Wesemann #1

Ich verstehe einerseits, dass diese Entwicklung deprimierend ist, bin andererseits aber auch ganz froh, dass uns „ein tragender Journalismus, durchsetzt mit großem historischem Wissen“, heute erspart bleibt. Damals hatte ja mancher Journalist seinen Zeigefinger mehr in der Luft als auf der Schreibmaschine.
Vielleicht wollen die jungen Faz-Journalisten ja Leser ins Blatt „reinziehen“, weil sie anders als Herr Frankenberger nicht verbeamtet sind.
All das nimmt natürlich Mükkes Dossier nicht die Wahrheit.

Jens Weinreich #2

Ein bisschen Wissen ist doch nicht schlecht. Historisches Wissen wäre sogar sehr wünschenswert. Warum sollte uns das erspart bleiben? Ich finde, in diesem ewig hyperventilierenden Geschäft kann ein bisschen einordnen nicht schaden.

ha #3

Im wirklich interessanten Mücke-Text fehlt etwas, die Frösche im warmen Wasser, so heißt es in China. Das bedeutet: Wie die Duzmaschinen des Sports im Stadion kann man sich auch als deutscher Korrespondent im Ausland, in der Regel dort wohlhabend, zu gut fühlen, nichts riskieren wollen, besonders: keine Ausweisung. Es sind nicht nur die Strukturen, es ist auch Bequemlichkeit. Peking 2008 war, mit wenigen Ausnahmen, Paradebeispiel.

Christoph Wesemann #4

@jw: Schon mal einen Text von – sagen wir – Frankenberger gelesen? Ja? Auch zu Ende? Respekt. Für mich war das immer wie in der Gluthitze und mit schweren Beinen hinauf nach Alpe d’Huez. Irgendwann kam der Besenwagen.
Natürlich ist es schön, wenn ein Autor historisches Wissen hat, er sollte es aber auch teilen mit seinen Lesern – und nicht nur fünf Professoren beeindrucken wollen. (Uuih, das war es mit der Faz-Karriere.)
Generell wäre ich vorsichtig, alles auf die jungen Journalisten zu schieben. Erstens hat sich das Leseverhalten geändert, und zweitens hatten die Verlage früher mehr Geld. Da wäre es ungerecht, die Arbeitsergebnisse zu vergleichen.

Jens Weinreich #5

Der Autor F. ist mir relativ wurscht. Ich kenne den gar nicht. Ich schiebe auch nichts auf junge Journalisten und vergleiche keine Arbeitsergebnisse (nicht bei diesem Thema, das ist nicht mein Metier, ich sehe nur strukturelle Defizite und Parallelen zu anderen Bereichen des Journalismus), oder habe ich das getan? Lutz Mükke darf sich, glaube ich, auch noch zu den jungen Journalisten zählen. Und ich habe schon einige gute Sachen von ihm gelesen. Dieses Dossier zählt dazu.

Christoph Wesemann #6

Keine Angst, ich wollte gar nicht Sie (oder Mükke) angreifen. Mich störte nur die Weinerlichkeit der alten Männer dort oben, die sich nicht fragen, warum die schönen Geschichten von 1975 nur noch selten geschrieben werden. Das hat ja Gründe, und nicht nur finanzielle. Es fehlen die klaren Feindbilder von früher; der Leser will nicht mehr belehrt werden, weil er glaubt, mit ein paar Klicks im Netz selbst kompetent zu sein; ist die Welt komplexer.

Dass die jungen Leute heute anders aussehen, halte ich für eine lächerliche Erklärung.

FoolDC #7

Bei den Angelsachsen weicht die Ortsmarke aber auch schon auf. Letztens hatte ich eine Agenturmeldung von Reuters zu Quartalszahlen eines in Kalifornien ansässigen Unternehmens mit passender Ortsmarke. Unter dem Text dann der Hinweis: „(Büro Bangalore)“. Das sagt ’ne Menge übers Gewerbe.

Der Begriff „Ortsmarke“ wird ohnehin gerade umgewertet und bezeichnet in Virtualien so ein Fähnchen bei Google Earth. Das sagt auch ’ne Menge.

Jens Weinreich #8

Ich habe hochdekorierte Journalisten erlebt, denen nicht einmal klar war, was das Problem ist mit den Ortsmarken und welche Bedeutung es haben kann, wenn man sauber damit umgeht.

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