Peking, Tag 7

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03.47: Ist doch wieder etwas später geworden. Aber ich lerne dazu: Wenn man erst am Morgen aus dem MPC verschwindet, klappt das auch mit den Taxis. In der sechsten Nacht steht zum ersten Mal ein Auto da und, welch Wunder, der Fahrer spricht sogar ein paar Brocken Englisch.

09.29: Am Sicherheitscheck des Hotels, der notwendig ist, um den Bus zu besteigen, betreuen mich 23 Chinesen. In Worten: dreiundzwanzig. Niemand sonst im Bus, wie meistens. Hoffentlich liest das keiner vom IOC, denn die Pound-Kommission hatte ja schon 2003 eine umfängliche Liste vorgelegt, wie und wo bei Olympischen Spielen Geld zu sparen sei. Viel fiel den Kameraden zwar nicht ein, jedenfalls nicht, was die eigenen Belange anging – aber bei den Journalisten wurde eine Menge gestrichen. In Athen und Turin hat man das bereits bemerkt. Die Busse fuhren seltener und waren deshalb meist überfüllt. In Peking fahren die Busse oft und sind meist leer. Darf ich gestehen, dass es mir lieber ist, nur eine Minute von 23 Kontrollettis betreut zu werden, als – wie gestern morgen – 15 Minuten schwer bepackt in der Hitze am Eingang zum MPC Schlange zu stehen, weil eine Kontrollstation ausgefallen war?

09.57: Das Olympiastadion liegt etwa 500 Meter von dem Highway entfernt, über den der leere Bus gerade braust. Aber es ist durch den Smog fast nicht zu sehen.

10.23: In Peking gibt es sogar, wenn man nur früh genug im Pressezentrum ist, umsonst Frühstück. Das muss natürlich nicht sein, wird aber von Journalisten gern angenommen. Mit Respekt: Es ist immer wieder ein unwürdiges Schauspiel, zu sehen, wie Kekse und Bananen gegrabscht werden. Da gehe ich lieber ins Basement zum IOC-Sponsor. Zumal: Die Pressekonferenz mit Lopez Lomong, die ich eben um 10 Uhr besuchen wollte, habe ich verpasst – die ist nämlich erst Morgen. Gute Nacht allerseits.

14.28: Was mir erst jetzt klar wird, ich war wohl gestern doch zu müde: Im Gegensatz zu Deutschland, wo Funktionäre des DOSB einen Fahnenträger bestimmen, entscheiden in den USA die Athleten! So wurde Lopez Lomong von den Kapitänen der verschiedenen Sportarten im US-Olympiateam gewählt. Während also die USOC-Führung um Peter Ueberroth, den Boss der Boykottspiele 1984 in Los Angeles, alles tut, um die Chinesen nicht zu vergrätzen und sich unheimlich verbiegt, handeln die Sportler hochpolitisch. Wäre in Deutschland undenkbar, wo der DOSB alles im Griff hat und unlängst bei so genannten DOSB-Kongress den braven Christian Breuer bloß die Thesen seines Herrn und Meisters, des DOSB-Chefs und jüngsten deutschen IOC-Mitglieds nachbeten ließ. Dazu auch:

17.24: Dies hier ist dringend zu empfehlen. Ich arbeite gerade am Dopingthema. Auf cycling4fans findet sich eine wunderbare Zusammenstellung zum chinesischen Dopingsystem. Ein verdienstvolles Dossier!

Worldtraveler #1

Sind die Sicherheitschecks wenigstens effektiver als die in Athen? Ich hatte in Athen nicht das Gefühl, dass sie wirklich irgendwas kontrolliert hätten, obwohl ich im olympischen Dorf gearbeitet habe. Das mit den Bussen ist doch mal eine positive Entwicklung. In Athen war das z.T. sehr chaotisch, besonders bei den Paralympischen Spielen, bei denen die Busfahrer noch nie etwas von Rampen für Rollstuhlfahrer gehört hatten.

Stefan #2

Das Problem mit den Taxis kommt mir aus Athen bekannt vor. Da gab es genug, aber die entschieden nach Lust und Laune, ob sie einen mitnehmen oder nicht. ;-)

Frank Tentler #3

Via Twitter gerade gehört, dass es eine Bombenexplosion in Beijing gegeben haben soll. Stimmt das? Weiss da jemand was genaueres?

Jens Weinreich #4

inzwischen wirst du es wissen: Sotschi, nicht Peking.

Allon #5

Wie wahr – allerdings wäre das US-amerikanische Wahlsystem für deutsche Athleten nicht das gleiche. Aus meiner mittlerweile 15-jährigen Studien der deutschen Schöngeist, Zeitgeist und anderen Geister, bin ich es mir ziemlich sicher. Es würde so passieren:
die braven Pudel (nicht nur wir sind Zierpudel!) alias deutschen Athleten/Kapitäne werden sich treffen, diskutieren, abwägen, Statistiken bemühen, aufzählen, vergleichen – und dann doch zur Sicherheit beim DOSB nochmals fragen.
Kurzum, bei den Deutschen -wenn die Athleten entscheiden würden- würde Ralf Schumann (nichts gegen ihn oder Schützen überhaupt) als Fahnenträger laufen, nicht Lopepe Lomong.

Jens Weinreich #6

Korrekt. etliche journalisten können geschichten davon erzählen, wie schwierig es ist, stellungnahmen von deutschen aktivensprechern zu bekommen. ich habe es selbst erlebt. da will man wochenlang nichts sagen, weil man sich natürlich vorher in den gremien besprechen muss.
oder das jüngste deutsche ioc-mitglied fragen.
zu ihm gibt es übrigens neuigkeiten:
http://www.sueddeutsche.de/sport/493/305462/text/

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