Peking, Tag 2

 •  • 7 Comments

12.36: Der Jetlag hat mir zehn Stunden Schlaf geschenkt. Um 8.00 Uhr wollte ich mich eigentlich tapfer zur IOC-Exekutive ins Beijing-Hotel aufmachen. Aber nichts ist mit Journalismus, wenn der Körper sagt: Ruhe jetzt. Es wird noch hart genug.

12.57: Welche Freude am Morgen, am Mittag, überhaupt: Die China Daily, Untertitel: „The National English Language Newspaper“, erfreut uns heute mit der Schlagzeile: „Don’t mix politics with Games“. Das sagt Herr Hu, Chinas Präsident, der Musterdemokrat:

China Daily, 02.08.2008: "Don't mix politics with Games: Hu"

Der große Vorsitzende Hu begrüßt Journalisten

Die Burschen, die rechts von Hu die Handreichung des Großen Führers entgegennehmen, sind übrigens Journalisten. Gestern hat Hu einige ausgewählte von ihnen getroffen und eben auch angemerkt: Man solle die Olympischen Spiele nicht mit der Politik vermischen. Ich weiß nicht, ob Sportjournalisten unter ihnen waren.

Dazu zwei Leseempfehlungen: Einmal Christian Zaschke („Wir sind’s nur“), einmal Herr Niggemeier, der einen olympischen Fackelläufer („Dieter Hennig, Sportjournalist“), von dem ich gestern berichtete, ein bisschen demontiert.

14.05: Noch ein bisschen gebloggt, dann ab ins ARD-Studio Peking. Analphabet, der ich bin, mit sechs freundlichen Doormen und ihren Chefs diskutiert. Denn blöderweise hatte ich die Adresse nicht auf Chinesisch notiert. Für solche Fälle empfiehlt sich, einen Chinesischkundigen anzurufen, der dem Taxifahrer erklärt, wohin der Analphabet zu bringen sei. Das erledigte die ARD-Korrespondentin Petra Aldenrath routiniert.

15.20: Aus Peking zugeschaltet zum Funkhaus Wallraffplatz auf WDR5. Keine verbissene, aber eine interessante Diskussion mit Hörern – aus Erkrath, Detmold, Hagen, Ratingen und Münster – und dem chinesischen Journalisten Shi Ming.

Erstaunlich: Nur einer von sechs Hörern schimpfte auf Journalisten. Er meinte, es müsse reichen, wenn Journalisten in ihrer Heimat freien Internetzugang haben. Sie hätten sich alle Webseiten längst durchlesen und die Fakten studieren können, sollen sich deshalb nicht so aufregen, dass China ein wenig das Internet zensiert. Okay, ist auch eine Meinung. Die Mehrzahl der Diskutanten aber fand das Joint Venture von IOC, Sponsoren und der chinesischen KP-Führung doch irgendwie, na wenigstens irritierend, manch einer fand es auch ekelhaft.

17.15: Habe heute 80 Minuten in Taxis zugebracht. Das wird in den nächsten Wochen mehr werden.

18.56: Es geht ein wenig drunter und drüber beim IOC, weshalb Präsident Jacques Rogge nun heute schon eine Pressekonferenz macht, sie ist für 20 Uhr angesetzt (also 14 Uhr MESZ – ich schreibe hier immer in Peking-Zeitangaben). Das IOC-Exekutivkomitee hat seine Sitzungen bereits beendet. Morgen ist Ruhetag für die IOC-Spitze. Rogge wird sich große Mühe geben, die Wogen zu glätten, wenn er nachher zu den Journalisten spricht.

20.33: Rogge kommt später, aber er kommt. Und er enttäuscht gewaltig. Unglaublich, was er da so verbreitet. „You have excellent working conditions“, sagt er den Reportern. Ein „fullest access possible“ zum Internet müsse reichen.

Kein voller, kein freier, kein unzensierter Zugang, sondern nur ein größtmöglicher. Was erlaubt ist und was nicht, das liege nicht in den Händen des IOC, sondern das bestimmt der Partner im olympischen Joint Venture: Chinas KP, bzw. der ständige Ausschuss des Politbüros der Kommunistischen Partei Chinas, neun kriminelle Bonzen. Letzteres hat Rogge nicht gesagt, ich schreibe mich nur gerade ein bisschen in Rage.

23.20: Rogge ist die personifizierte Enttäuschung. Ich habe mal ziemlich auf ihn gesetzt. Mein jüngster Beitrag über seinen Auftritt und die anhaltende Internet-Debatte bei SpOn: „IOC-Chef Rogge kassiert sein Versprechen“.

02.33: Schrieb ich vorhin „80 Minuten in Taxis zugebracht“? Nun ja, es sind doch etwas mehr geworden. Auf den Rat eines Kollegen hin, habe ich um 1 Uhr einen Bus genommen. Es war, obwohl mich drei Chinesen in rührend netter Weise zur Bustür begleiteten und auf wiederholte Fragen sagten: „Yes, yes, yes, yes, yes – Poly Plaza!“, der falsche. Wie erwartet.

Jedenfalls, die Mongolei bei Nacht ist auch sehr schön. Wir fuhren gen Norden, meinte ich, denn wir ließen die Autobahnen/Ringstraßen gefährlich weit hinter uns. Es wurde dunkel. Aber wir landeten dann doch in Schengen. Im „Schengen Hotel“ war es 1.24 Uhr, als ich vorsichtig anmerkte, dass ich nicht dorthin gehöre.

Für die nächsten zwanzig Minuten kümmerten sich – wenn ich richtig gezählt habe – acht Volunteers, zwei Soldaten und ein Mann um mich, dem ich nichts Übles Nachsagen kann, aber ich denke, er war so eine Art Sicherheitsoffizier. Er sagte den Soldaten auch, sie sollen sich mal flink auf die Straße stellen und dem Gast ein Taxi besorgen.

Zu meiner Erleichterung zerrten sie keinen anderen Fahrgast aus dem Auto. Auch stoppten sie den Wagen ohne Waffen. Sie diskutierten allesamt noch eine Weile mit dem Taxifahrer, der dabei munter ein Liedchen trällerte. Es dauerte dann bloß noch eine halbe Stunde, schon war ich zu Hause. Ich hatte eh nichts anderes vor gehabt in dieser Nacht.

Übrigens, und dann mache ich Schluss für heute: Als der Herr Kollege, der mir die Busfahrt empfahl, in der Freiluftkneipe des Pressezentrums unsere Gute-Nacht-Tsintao’s orderte, wurden wir zwei Helden von neun – ich wiederhole: neun – Chinesen bedient. Kann man nichts machen, sie sind in der Überzahl. Sogar recht deutlich.

hot #1

Ein Lob für dein Online-Tagebuch, ist mal interessant aus dem Arbeitsumfeld eines Journalisten während der Spiele zu erfahren.

Für wieviele Publikationen wirst du schreiben?

ker0zene #2

(…) Die Burschen, die rechts von Hu die Handreichung des Großen Führers entgegennehmen, sind übrigens Journalisten. (…)

Ohne Scherz, auf den ersten Blick hielt ich das Bild für ein Archivfoto, auf dem Herr Hu Slobodan Milosevic begrüßt.

Schließe mich dem Lob an. Das ist sehr interessant zu lesen.

Lars Gustav #3

Da hatte ich mich doch gefragt, was an diesen Olympischen Spielen noch interessant sein könnte. Jetzt weiß ich es: Weinreich lesen. Danke. Weitermachen!

fränkie #4

hau weiter rein, jenne…du bist und bleibst der beste und leider auch einzige…

rio-connection

Shainghaier #5

Ich finde Ihren Ton respektlos!

Jens Weinreich #6

Respektlos? Wem gegenüber?

Olaf #7

ich finden den Ton unterhaltsam.

Leave a Reply

required

required, will NOT be published

By clicking the following examples the respective HTML code will be appended to your comment. Use the comment preview to make sure everything looks and works as intended.

  • , ,