Einzelfälle und Euphoriesünden

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Sieht eigentlich noch jemand hin? Mich irritiert weiter, wie normal deutsche Medien über die Tour de France berichten. Im Prinzip habe ich meiner Prinzipienreiterei vom vergangenen Jahr nichts hinzuzufügen. Für dieses Ereignis ist ein Kriminalbericht die angemessene Form, nichts sonst.

Von den Medien, die ich regelmäßig konsumiere, hat sich nur allesaussersport in diesem Jahr für eine andere Form der Berichterstattung entschieden: dogfood, der im vergangenen Jahr bundesweit die besten Analysen geliefert hat, schreibt in diesem Jahr (leider) gar nichts: Er nimmt eine Auszeit.

Die TdF-Kameraden von ARD und ZDF aber halten tapfer zur Stange. Und damit finanzieren sie weiter, mit Gebührengeldern, ein kriminelles System. Aber halt, es ist natürlich alles ganz anders. Habe ich System geschrieben? Tschuldigung. Es handelt sich um Einzelfälle, ARD-Teamchef Roman Bonnaire sagt in der FAZ:

Unsere Vorgabe lautet, dass wir bei Einzelfällen nicht aussteigen. Anders sieht es aus, wenn wir den Eindruck haben, dass ein ganzes System dahinter steckt und der Veranstalter ein Teil davon ist.

ARD-Programmdirektor Günter Struve ist seit vielen Jahren mittendrin statt nur dabei, die ARD-Millionen halten das System am Leben. Es klingt wie gedopt, wenn er in Bild sagt, was er immer sagt: Sein Sender steige erst aus…

… wenn die Tour zur Farce wird. Wenn wir das Gefühl haben, es ist alles nur eine riesengroße Lüge.

Lüge? Ach, i wo. Silvia Engels vom Deutschlandfunk hat gestern mit Struve ein Interview geführt, in dem der ARD-Boss nicht nur über den „sportlichen Wert“ und den „sportlichen Ursprung“ der Tour fabuliert, sondern sich auch zu den Dopingvorwürfen gegen den ARD-Kommentator Marcel Wüst äußert:

Sie können nicht jemanden, nur weil er mal den falschen Beruf hatte, aber ein guter Experte ist, … auf Dauer und auf Lebenszeit von bestimmten Tätigkeiten fernhalten.

Struve schwadroniert über Euphoriesünden seines Senders und die 1 auf der Brust des Teams Telekom.

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Einer der Hauptverantwortlichen für diese Sünden, ich nenne sie: Dauer-Verbrechen am Journalismus, für die nie jemand zur Verantwortung gezogen wurde, war Günter Struve selbst. Aber das weiß man ja seit Jahren. Leider gibt es keine Dopingtests für Medienmanager – und folglich auch keine Sperren.

René #1

Interessant in diesem Zusammenhang auch die Aussagen von ARD-Toursprecher Rolf-Dieter Ganz in der Kölnischen Rundschau. Er spricht dort im Kontext der Auswirkungen der Dopingfälle auf die Tour-Berichterstattung von einer bestehenden „Chronistenpflicht“ (!) der ARD.

Andere Sportarten wären froh, wenn sie in den Genuss dieser TV-Übertragungspflicht der ARD kämen. Aber das ist ja wieder ein anderes Thema.

Letztendlich ist Ihnen nur zuzustimmen: Die direkte und indirekte Finanzierung des Systems (TV-Blickpunkte für die Sponsoren der Teams) im Radsport durch ARD/ZDF ist gegeben und muss jedem sauer aufstoßen, der über die Grenzen seichten Sportkonsums in TV („Ulle, unser deutscher Held!“) hinaus denkt.

Rob #2

Was ich nicht verstehe, da hat man endlich mal einen Vorteil auf Seiten der Kontrolleure und dann macht man so wenig daraus. Ein Tourmanager hat nach dem Fall Ricco sinngemäß geäußert: wenn man jetzt sofort alle anderen Fahrer testen würde dann hätte man 20 weitere Dopingfälle. Warum ist das nicht gemacht worden?
Wenn man möglichst viele Doper erwischen will, hätte man auch einfach nur Proben sammeln können und erst nach der Tour Ergebnisse veröffentlicht und Fahrer angeklagt. Man hätte sogar bis nach den Olymischen Spielen warten können. 2008 wäre als Erfolgsjahr für die Dopingfahnder in die Geschichte eingegangen.
Stattdessen macht man business as usual, erwischt 2 Fahrer und verrät damit das neue Testverfahren. Jetzt können sich alle Sportler anpassen und man kriegt wieder nur die üblichen 2-3 die sich beim Dopen dumm anstellen.

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