Ein letztes Säuseln

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GUATEMALA-STADT. Interview-Alarm in der Zona 10. In dem Hochsicherheitstrakt, der nur einen Quadratkilometer von Guatemala-Stadt umfasst, wuselt das olympische Völkchen der Entscheidung entgegen. In der Nacht zum Donnerstag (MESZ) wird der Gastgeber der Olympischen Winterspiele 2014 bestimmt. Bis dahin sind noch ein paar Stunden Zeit, die genutzt werden wollen. Inzwischen ist auch der russische KGB-Zar Wladimir Putin in Guatemala eingetroffen, Südkoreas Präsident Roh Moo-Hyun ebenso, Österreichs Bundeskanzler Alfred Gusenbauer beackert schon einige Tage das Feld. „Ich mache alles, damit wir das noch kriegen“, sagt Gusenbauer.

Die Kollegen aus Russland und Korea mühen sich ebenfalls, jeder auf seine Art. Putin hat bereits mit den Präsidenten der Wintersportverbände gespeist, außerhalb des IOC-Hotels, was einen Regelbruch darstellt. Kaum eines der IOC-Mitglieder, die zwischen Salzburg, Pyeongchang und Sotschi entscheiden müssen, kann sich den Avancen der Bewerber entziehen. Vom Präsidenten Jacques Rogge, standesgemäß erster Gesprächspartner Putins, bis zu Senioren wie Walther Tröger. Da kann man nichts machen. „Sie wissen doch, wie das ist“, sagt Tröger zwischen zwei Terminen: „Soll ich etwa Nein sagen, wenn mich der koreanische Außenminister sprechen will?“ Andere wie der Norweger Gerhard Heiberg werden deutlicher. Das Bewerbungsprocedere sei außer Kontrolle, kritisierte Heiberg in einigen Interviews.

Die olympischen Wegelagerer lauern sogar an der Calle 14, einer Nebenstraße der Zona 10, die vom IOC-Hotel zum Tagungszentrum führt. Hier noch ein Hintergrundgespräch, dort noch einen Termin mit, sagen wir, dem Gouverneur der Provinz Pyeongchang? Kein Problem. Auch Journalisten werden Opfer dieses Verbal-Kidnappings. Wer eine Akkreditierung um den Hals baumeln lässt, muss fürchten, von einem Rudel hoch bezahlter PR-Agenten – ob von Hill & Knowlton (Pyeongchang) oder IMG (Sotschi) – enttarnt und umgehend einem Gesprächspartner zugeführt zu werden. Eine gute Presse ist zwar nicht so entscheidend, doch sie kann helfen. Die Österreicher haben das Problem weniger, denn nach wie vor interessieren sich die Medien im Nachbarland nicht sonderlich für die Expedition ins Gangsterland Guatemala. Immerhin, die Salzburger Nachrichten brachten in ihrer Online-Ausgabe inzwischen doch zwei Artikelchen – allerdings nicht auf der Titelseite, sondern gut versteckt. Die Bewerber hätten sich mehr erhofft, aber sie nehmen es sportlich. „Österreich ist ein freies Land mit freier Presse“, sagt Salzburgs Bürgermeister Heinz Schaden. „Bei uns herrscht Meinungsfreiheit, auch wenn sie von der herrschenden Meinung abweicht.“

Schadens Äußerungen waren ein Seitenhieb auf die Konkurrenten. Denn im Prinzip ist es doch so: Von den drei Olympia-Offerten lässt sich eine als demokratische Bewerbung bezeichnen, mit allem Für und Wider, mit allen Problemen. Dagegen sind die anderen Bewerbungen von Demokraturen, mit allen negativen Auswüchsen der Verschmelzung von wirtschaftlichen und politischen Kräften unter dem Label des Patriotismus. Salzburg muss mit Kritik, Desinteresse und Widerstand in Österreich und eben auch in der nationalen Presse leben. In Sotschi und Pyeongchang sind derlei komische Regungen weitgehend unbekannt. Wer in Moskau demonstriert, wird, wie am Dienstag, abgeführt. Derartige Zwischenfälle werden von der Konkurrenz genutzt. Im IOC-Hotel wurde eine Koreanerin erwischt, als sie IOC-Mitgliedern kritische Presseberichte zu Moskau und Sotschi unter die Türen schob.

Andere Länder, andere Sitten. Die Koreaner machen täglich zwei Pressekonferenzen. Eine für die internationalen Medien, eine für den heimischen Pulk. Als Nicht-Koreaner wird man von entzückenden Ladies, die merkwürdige Arbeitsbezeichnungen wie „Ehren-Botschafterin“ tragen, schon mal mit Bussis begrüßt und liebenswürdig zu einem Stuhl geleitet. In den Meetings mit Koreas Presse-Herolden geht es indes weniger charmant zur Sache, sondern militärisch streng. Bewerbungschef Han Seung-Soo und Pyeongchangs Gouverneur Kim Jin-Sun stellten klar, was sie von den journalistischen Landsleuten erwarten: Keine blöden Fragen; keine unangebrachten Geschichten über Salzburg und Sotschi; keine Stories, die IOC-Mitglieder verärgern könnten; keine Hochrechnungen über die Stimmvergabe und anderes blödes Zeugs. Basta. „Ihr habt aus der Sicht des Bewerbungskomitees zu berichten!“

Unter russischen Sportberichterstattern gilt es schon als Akt des Widerstands, kein T-Shirt des Bewerbungskomitees zu tragen und einem der Bosse beim Auftritt den Applaus zu verweigern. Der Druck ist groß. Wie groß, davon zeugt eine Äußerung des langjährigen IOC-Vizepräsidenten Witali Smirnow. Der Cheforganisator der Sommerspiele 1980 in Moskau hat bislang noch jede Diktatur schadlos überstanden und über die Jahre beachtliche Reichtümer angehäuft. Doch diesmal scheint sich der Sport-Bonze gänzlich unwohl zu fühlen. So raunte er auf dem Hinflug nach Guatemala einem Vertrauten zu: „Wenn wir verlieren, kann ich gleich politisches Asyl beantragen.“ Auf einem Medientermin las Smirnow brav vom Teleprompter ab und lobte das Engagement von Putins Gazprom-Connection in den höchsten Tönen. „Unser Präsident hat sehr klar gemacht, dass in der Region selbst dann viele Milliarden Dollar investiert werden, wenn wir die Winterspiele nicht bekommen.“

Und auch Bewerberchef Dmitri Tschernytschenko, sichtlich aufgeregt kurz vor dem Eintreffen Putins, rühmte brav die sporthistorischen Verdienste des Ober-Russen: „Bis 2014 hat unser Präsident allein fünf Milliarden Dollar für den Bau von 4 000 Sportstätten in Russland garantiert, darunter 750 Eishockey- und 750 Schwimmhallen.“ Putin, Putin und immer wieder Putin. „Er ist unser Mannschaftskapitän“, flötete Tschernytschenko. Weil er gerade so schön dichtete, erklärte er Putin rasch noch zum Erfinder der Demokratie, zum Bewahrer des Weltfriedens und Begründer der olympischen Idee. Unter anderem.

Blöderweise wollte doch noch jemand, immer diese Ausländer, wissen, wie es in Sotschi eigentlich um den Sicherheitsaspekt bestellt sei. Schließlich liegt der neue olympische Sprengel nahe am Konfliktherd Tschetschenien. Eine andere Krisenregion, Abchasien, beginnt quasi an der Stadtgrenze Sotschis. Gar kein Problem, beschwichtigte Tschernytschenko routiniert, wenngleich mit Schweißperlen auf der Stirn: „Wie jeder weiß, gehört Sotschi zu den sichersten Regionen der Welt. Und das nicht nur, weil unser Präsident dort seine Sommerresidenz hat.“ Sprach’s, und ließ die Pressekonferenz rasch beenden. „Eine Frage noch“, raunzte der Medienattache. Dann war der Spuk vorüber.

© Berliner Zeitung

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