betr: “E13″ (kleine Störung des Redaktionsfriedens)

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Pssst. Hhmmm. Sorry. Ähhh. Tschuldigung! Ich will jetzt wirklich nicht den Redaktionsfrieden stören. Ich möchte bloß flink an einige Fakten erinnern.

Darf ich?

Ich las gerade auf der Internetseite des DLF einen Beitrag über die FIFA und die Korruption, der ähnlich in der ARD-Sportschau lief und heute Abend noch in Sport Inside, und der auch vom WDR mit einer “exklusiven” Pressemeldung bedacht worden ist.

Da heißt es also:

(…) Und Sepp Blatter wusste davon. Auf die Frage der ARD im Juli in Zürich, ob er denn auch noch von weiteren FIFA-Offiziellen wüsste, die Schmiergelder bekommen haben, will er erst nicht antworten. Auf Nachfrage dann doch:

“Von weiteren Personen wusste und weiß ich nichts. Punkt. Okay?”

Das ist gelogen. Denn die Schweizer Justiz schreibt auf Seite 8 der Einstellungsverfügung eindeutig, bisher kaum beachtet:

“Empfänger von Zuwendungen war unter anderem auch E13, langjähriges Mitglied des Exekutivkomitees der FIFA.”

Der FIFA und damit Sepp Blatter liegt das Papier mit den tatsächlichen Namen vor. Blatter weiß also, wer noch Schmiergeld bekommen hat.
Und auch Garcia weiß es. (…)

Mhhh.

Warum so geheimnisvoll?

“E 13″ – bisher kaum beachtet …

… wie es in der Sportschau hieß?

Die Leser meines Blogs wissen es doch längst.

Sogar ich weiß es.

Die ganze Welt kennt den/die “bisher kaum beachteteten” Klarnamen.

Mindestens seit 2006.

Ich meine, wir diskutieren (ich diskutiere hier mit vielen wildfremden Menschen) ja gern über Crowdsourcing und so. Nun sollte man Googeln, also seine Hausaufgaben machen, bevor die Recherche beginnt, nicht mit Crowdsourcing verwechseln, aber vielleicht wird am Sport-Inside-Beitrag für heute Abend ja noch gebastelt und ich kann unentgeltlich helfen, den Beitrag besser zu machen? (Dieses Blog wird ja in Köln aufmerksam gelesen.)

Mach ich doch gern.

Damit nicht wieder Merkwürdigkeiten geschehen wie kürzlich bei einem investigativ aufgemachten “Monitor”-Beitrag über die WM-Bewerbung 2006, in dem blöderweise nicht erwähnt wurde, dass die verhandelten Sachverhalte (Zahlungen an FIFA-Exko-Mitglieder und Gestalten im Umfeld des Exko aus dem Kirch-Konzern) schon vor neun Jahren exklusiv im “Manager Magazin” und in der “Süddeutschen Zeitung” veröffentlicht worden waren (die Medien wurden ebenfalls nicht genannt), worauf ich allerdings immer wieder hinweise.

Also:

  • E 13 ist kein Geheimnis. E 13 ist Nicolas Leoz aus Paraguay, Präsident des CONMEBOL, der südamerikanischen Konföderation.

Das ist die Passage aus der ISL-Einstellungsverfügung:

Das ist das Original aus der ISL-Anklageschrift:

Das kann man natürlich alles wissen.

Seit Jahren ist bekannt, dass (mindestens) vier Ganoven aus dem FIFA-Exekutivkomitee insgesamt mehrere Millionen von der ISL-Gruppe kassiert haben:

Nur weil im Juli in der Einstellungsverfügung Leoz und Hayatou nicht, Havelange und Teixeira aber mit Klarnamen genannt wurden, heißt das nicht, dass Leoz und Hayatou plötzlich Ehrenmänner sind und nie Schmiergfeld kassiert haben bzw dass man da spannend klingende, aber nicht-existierende Geheimnisse draus machen sollte.

Nun aber verschwinde ich wieder in den Weiten des anonymen Internets, wo ich den/die Redaktionsfrieden nicht weiter bedrohen kann.

Darf ich noch einmal auf meinen Podcast mit Theo Zwanziger hinweisen?

Schmiergeldempfänger Nicolás Leoz (Paraguay), Familienoberhaupt Joseph Blatter (Schweiz), Goldpokal, Schmiergeldempfänger Ricardo Teixeira (Brasilien), Schmiergeldempfänger-Verteidiger Ángel María Villar Llona (Spanien)

sternburg #1

Immer diese penetrante Rechthaberei! Kein Wunder, dass mit so einem kleinkarierten Besserwisser niemand zusammen arbeiten will, in einer gut gepolsterten öffentlich-rechtlichen Redaktion schon gar nicht.

Otto #2

Bei sport inside, für das hier doch nur eine 1-A-Programmankündigung geboten wird, könnte eine weitere Frage aufgeklärt werden, betrifft einen Aufsehen erregenden Punkt:

Aber nach Informationen der ARD wurde Garcia – anders als von der FIFA angekündigt – nicht vom IGC, dem unabhängigen Beratungsgremium der FIFA, vorgeschlagen, sondern aus FIFA-Kreisen selbst.

Obs dafür so was Antiquiertes wie einen Beleg gibt, der das eventuell noch auf Recherche-Ebene hebt? Oder belässt man das – genügsam wie DLF/Sportschau – im Universum der öffentlich-rechtlichen Behauptungen?

Kli #3

Ach! Wie profan der Hausherr ist. Kein Sinn für Mysterium und Dramatik.

Jens Weinreich #4

Tut mir leid. Ich müsste manchmal wirklich dramatischer denken.

Jens Weinreich #5

Erstaunlich übrigens auch, dass Garcia NUR sagt, er wolle “wenigstens/mindestens Informationen sammeln” über die WM-Vergaben – woraufhin der Sprecher schlussfolgert, er wolle “also offensichtlich auch die WM-Vergaben an Russland, Katar und Deutschland untersuchen”.

Und schon hat man eine “exklusive” Vorabmeldung, in der es heißt:

In seinem weltweit ersten ausführlichen Interview kündigte Garcia an, sich auch mit den Hintergründen der zuletzt öffentlich diskutierten WM-Vergaben an Russland, Katar und Deutschland und dem Bestechungsskandal um den ehemaligen Sportrechtevermarkter ISL zu beschäftigen.

Jens Weinreich #6

Schade, ich kam zu spät mit meinem freundlichen Hinweis. Habe den Beitrag gerade gesehen – dasselbe wie in der Sportschau und im DLF, nur etwas dramatischer, weil länger. Aber leider ohne Fakten, die längst die ganze Welt kennt.

Bei der nächsten Exklusivmeldung gebe ich mir Mühe, die Fakten schneller zu veröffentlichen. Pionierehrenwort.

ha #7

Sport inside auch mal angeklickt: E 13 ist der mysteriöse wonderman geblieben, und wer Garcia angeblich vorgeschlagen hat, ist auch nicht aufgeklärt.
Das unterscheidet (einige) TV- von anderen Journalisten. Die brauchen den Theaterdonner. Statt der Sache angemessen zu sagen: “Hey, wir haben ein paaar Interviews gemacht.” Was ja auch nicht schlecht ist.

Wobei: Könnte sein, dass Leoz/ISL dem ARD-FIFA-Experten tatsächlich nicht bekannt ist, eben “bisher kaum beachtet” wurde, ganz so wie E 13;)

(Bestätigt mich übrigens in meiner Auffassung über Journalisten, die sich gern als “Experten” titulieren lassen.)

Herbert #8

(Bestätigt mich übrigens in meiner Auffassung über Journalisten, die sich gern als “Experten” titulieren lassen)

Wir wissen ja, wer gemeint ist. Noch vor einem Monat hätte eine solche Bemerkung seitens beliebiger User sicherlich anhaltenden Groll nach sich gezogen. Wie sich die Zeiten doch ändern können. Man muss es nur selbst mal nachvollziehen wollen, was da regelmäßig – selbst für den sich informierenden Laien – für Stuß ausgestoßen wird. Vorsorglich weise ich darauf hin, dass es wohltuend ist, wenn es auch anders geht. Und es geht ja auch anders.

ha #9

Nein, Herbert, jedenfalls bei mir hätte das keinen “Groll” ausgelöst. Tun übrigens auch inhaltliche Differenzen nicht ;)

Es geht um eine Haltung. Viele Journalisten schreiben mal ein Buch oder befassen sich besonders mit einem Themenfeld. Sie bleiben aber, was sie sind: nämlich Journalisten. Wenn sie sich selbst permanent als “Experten” verkaufen (bei der ARD inflationär), egal ob für FIFA, Doping, Rechtsextremismus oder sonst was – deutet das auf etwas anderes.
Hat mich schon immer genervt. Und bei solchen Beiträgen wie hier wird solche (unnötige) Wichtigtuerei kurios.

Herbert #10

@ ha

Nein, Herbert, jedenfalls bei mir hätte das keinen “Groll” ausgelöst. Tun übrigens auch inhaltliche Differenzen nicht ;)

Das freut mich ausnahmsweise einmal. ; -)

Im Übrigen bin ich schon seit längerer Zeit der Auffassung, dass man jenseits unnachgiebig und mitunter sehr polemisch geführter Diskussionen auch ein sympathischer Mensch bleiben kann. Und Überhöhungen der eigenen Person vor, während und nach Eintritt in Fach- und Sachbetrachtungen sind eh ein Indiz für Zweifel an der eigenen Kompetenz.

ha #11

@Herbert
Was ich mit “Haltung” meinte, ging über persönliche Eitelkeiten hinaus; ich meinte die der Redaktionen gegenüber ihren “Rezipienten”: Es ist zuerst ein fragwürdiger Überwältigungsversuch (so würde ich das nennen) des Publikums. Dem wird besondere Überzeugungskraft suggeriert, präsentiert man einen Journalisten als “Experten”. Leser/Hörer/Zuschauer kann sich aber doch selbst ganz gut eine Meinung darüber bilden, für wie substanziell er das hält, was ein Journalist so vorträgt, oder?

In Bezug auf Doping kenne ich auch “Experten”, wo für mich jedes Gespräch Weiterbildung ist. Es sind allesamt Wissenschaftler.

Bei der FIFA hingegen trifft die Bezeichnung “Experte” auf eine Handvoll Journalisten weltweit tatsächlich eher zu als für Wissenschaftler. Nur legen die, soweit mir bekannt, keinen Wert darauf, “Experten” genannt zu werden.

Was Ihrem letzten Satz wiederum begegnet ;-D

mb #12

jw#5, das sehe ich genauso wie Du. Aus der Interviewpassage lässt sich das Sammelinteresse Garcias ableiten. Aber ein Auftrag für eine Entscheidungsüberprüfung von WM-Vergaben ist das nicht.

Stefan #13

Man muss es nur selbst mal nachvollziehen wollen, was da regelmäßig – selbst für den sich informierenden Laien – für Stuß ausgestoßen wird.

Da möchte ich mal – ohne Herbert oder die nicht näher bezeichneten Journalisten direkt angreifen zu wollen – den Begriff “Dunning-Kruger-Effekt” in den Raum werfen.

…bezeichnet man eine Spielart der kognitiven Verzerrung, nämlich die Tendenz inkompetenter Menschen, das eigene Können zu überschätzen und die Leistungen kompetenterer Personen zu unterschätzen…„Wenn jemand inkompetent ist, dann kann er nicht wissen, dass er inkompetent ist. […] Die Fähigkeiten, die man braucht, um eine richtige Lösung zu finden, [sind] genau jene Fähigkeiten, um zu entscheiden, wann eine Lösung richtig ist.“

Das ist in Internetdiskussionen geradezu immanent.

ha #14

#12, mb
Wenn ich das richtig verstanden hab, braucht Garcia keinen “Auftrag” (der FIFA-Exekutive); er kann selbst entscheiden, was er zum Gegenstand offizieller Untersuchungen macht.

Theoretisch ;-D

Berthold #15

Wunderbar dass Sie weiterhin aufklären, mir scheint dass die Medien nicht wirklich auf jw verzichten können, wie erwartet, da sonst mitunter Informationen in der Berichterstattung zu fehlen scheinen Ob es irgendwann auch mal jemand unter den Verantwortlichen merkt? Aber ich hoffe derweil gewährleistet der Redaktionsfrieden allen die gleichen Menge leckerer Plätzchen und heißen Kaffees auf den Sitzungen.