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Was vom Tage übrig bleibt (59): Nachweisverfahren für Gendoping

Ralf hat hier (Gendoping – die Mutanten greifen an) bereits einige Links notiert. Die Universitäten Tübingen und Mainz teilen heute mit:

Gendoping mit einfachem Bluttest nachweisbar

Wissenschaftler aus Tübingen und Mainz haben einen Bluttest entwickelt, der Gendoping zuverlässig auch nach längerer Zeit nachweisen kann.

Wissenschaftler der Universitäten in Tübingen und Mainz haben einen Test entwickelt, mit dem sich Gendoping zweifelsfrei nachweisen lässt. “Damit steht uns erstmals ein Direktnachweisverfahren zur Verfügung, um Doping durch Gentransfer in normalen Blutproben noch lange nach dem eigentlichen Dopingvorgang festzustellen”, teilte Prof. Dr. Dr. Perikles Simon von der Johannes Gutenberg-Universität Mainz am Donnerstag mit. “Damit lässt sich nicht nur Gendoping mit EPO, sondern auch Doping mit den wichtigsten anderen Genen relativ kostengünstig nachweisen”, sagte Simon bei der Vorstellung des Verfahrens. Sportler, die Gendoping anwenden, konnten bislang nicht ermittelt werden. “Das Verfahren, einzelne Gene in bestimmte Körperzellen einzubringen, kommt von der Idee, schwerwiegende Krankheiten durch diese neue Technologie zu heilen. Man ging bislang davon aus, dass sich Gendoping mittels Gentransfer in erster Linie wohl nur mit sehr aufwendigen indirekten Testverfahren aus der Molekularen Medizin eines Tages nachweisen lassen würde”, erklärte der Gentherapeut Prof. Dr. Michael Bitzer vom Universitätsklinikum Tübingen.

Das international renommierte Wissenschaftsjournal “Gene Therapy” hat die Gendoping-Studie der Tübinger und Mainzer Wissenschaftler am Donnerstag online publiziert. Wie es darin heißt, liefert der Test eindeutige “Ja-oder-Nein-Antworten”, je nachdem ob sogenannte transgene DNA in Blutproben vorhanden ist oder nicht. Transgene DNA oder tDNA stammt nicht von dem Untersuchten selbst, sondern wurde – häufig über Viren – in dessen Körper eingeschleust, um an Ort und Stelle die leistungssteigernden Stoffe wie beispielsweise Erythropoetin (EPO) zur Bildung von roten Blutkörperchen herzustellen. “Vom Körper eines gengedopten Menschen selber werden dann die leistungssteigernden Hormone hergestellt, ohne dass irgendwelche Fremdsubstanzen dem Körper zugeführt werden müssten. Der Körper wird auf Dauer zu seinem eigenen Dopinglieferanten”, erklärt Simon. Er hatte 2006 als damaliger Mitarbeiter der Medizinischen Universitätsklinik Tübingen ein Verfahren entwickelt, mit dem sich geringste Spuren transgener DNA im Blut nachweisen lassen. Die Effektivität dieses Verfahrens konnte jetzt erstmals, zunächst im Mausmodell, belegt werden. Zur Anwendung kam insbesondere ein ausgeklügeltes Verfahren, das in der Lage ist, die von außen eingebrachte Erbsubstanz sehr spezifisch und um eine kleine Einstichstelle herum an die Muskulatur zu vermitteln. Dort wurde dann im Überschuss ein Hormon produziert, das die Blutgefäßneubildung anregt. Sogar noch 2 Monate nach der Genspritze in die Muskulatur konnten die Forscher anhand von sehr kleinen Blutproben sicher unterscheiden, bei welchen Tieren Gendoping stattgefunden hat und bei welchen nicht. “Durch die Entwicklung eines zuverlässigen Nachweisverfahrens für den Missbrauch von Gentransfer soll gewährleistet werden, dass diese neue Technologie mit bisher nur zum Teil bekannten Nebenwirkungen nur bei schwerwiegenden Erkrankungen eingesetzt wird”, betont Bitzer. Das Universitätsklinikum Tübingen plant in den nächsten Monaten z. B. eine entsprechende Therapiestudie bei fortgeschrittenen Tumorpatienten.

Die sichere und fehlerfreie Anwendung des Nachweisverfahrens der Mainzer und Tübinger Wissenschaftler wurde dann noch im Rahmen einer sogenannten Spezifitätsprüfung an 327 Blutproben von Leistungs- und Freizeitsportlern nachgewiesen. Die Forscher gehen jetzt davon aus, dass sich für Athleten der Missbrauch der Gentherapie zu Dopingzwecken nicht mehr lohnt. “Spätestens das Wissen um das Risiko, auch Monate nach einem durchgeführten Gentransfer bei einer Wettkampfkontrolle entdeckt zu werden, dürfte auch die waghalsigsten Doper abschrecken”, glaubt Simon. Die Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) hat die Arbeiten an dem Gendoping-Test während der letzten 4 Jahre mit 980.000 US-Dollar gefördert.

Interview mit Perikles Simon auf DRadio Wissen vom 2. September 2010:

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  1. [...] TOP 4 äußern sich der Mainzer Wissenschaftler Perikles Simon sowie die Chefs der Dopingkontrolllabore Köln, Wilhelm Schänzer, und Kreischa, Detlef Thieme. Die [...]

20 kommentare zu Was vom Tage übrig bleibt (59): Nachweisverfahren für Gendoping

  1. Ralf am 2. September 2010 um 16:58 (#)

    Anno Hecker in der FAZ: „Wir zeigen, was möglich ist“

  2. Niemens am 2. September 2010 um 19:49 (#)
  3. timbo am 2. September 2010 um 20:22 (#)

    Gute Nachrichte.
    Aber: Was helfen die ausgeklügelsten und treffsichersten Nachweismethoden wenn Verbandsfunktionäre bei FINA, IAAF, UCI, etc., oder gar ganze Länder (Spanien, Russland, Jamaika, etc.) praktisch kein Interesse am Anti-Doping-Kampf haben?

  4. gun am 2. September 2010 um 22:25 (#)

    Das ist eine gute Nachricht. Selbst wenn man im nächsten Gedanken die Unmöglichkeit eines weltweiten Kontrollsystems erscheint. Jedenfalls können die Kur-Pfuscher jetzt nicht mehr davon ausgehen, dass ihr Dienst am Athleten für immer unentdeckt bleibt. Weiter so!

  5. Berlinerin am 3. September 2010 um 11:17 (#)
  6. sternburg am 3. September 2010 um 12:43 (#)

    Vielleicht ein wenig viel verlangt, aber:

    Fühlt sich einer der Anwesenden in der Lage, kurz einzuschätzen, ob die Aussage “Gendoping mit einfachem Bluttest nachweisbar” aus unabhängiger Sicht zutrifft/ zuzutreffen scheint/ zutreffen kann?

    Mir können die ja schließlich alles erzählen.

  7. Jens Weinreich am 3. September 2010 um 13:31 (#)

    Völlig korrekte Frage, mein lieber sternburg. Sieh’s mir bitte nach, dass ich das nicht flink unabhängig überprüft habe. Kann eigentlich nur zur Verteidigung anführen, dass Simons Werk doch einen auf mich herausragenden Eindruck macht, wenn es darum geht Postulate an der Wirklichkeit zu messen.

  8. Ralf am 3. September 2010 um 14:19 (#)

    dpa: Bach: Gendoping-Nachweis bei Olympia 2012 denkbar

    «Die Proben werden ja acht Jahre eingefroren und da ist es egal, ob die Methoden nun schon vor Olympia validiert sind oder ein halbes Jahr später»
    [...]
    Für seinen Nürnberger Kollegen Fritz Sörgel scheint völlig ausgeschlossen, dass das Nachweis-Verfahren bei den Spielen in London praktiziert werden kann.

  9. Berlinerin am 4. September 2010 um 12:27 (#)
  10. Berlinerin am 5. September 2010 um 11:25 (#)
  11. sternburg am 6. September 2010 um 11:31 (#)

    @Jens: Kein Grund für Entschuldigungen: “Ein wenig viel verlangt” war durchaus wörtlich gemeint. Sollte ich vielleicht meine Zynismus-Frequenz überdenken?

    Und kannst Du – oder sonst wer – abschätzen, ob und wann eine unabhängige Überprüfung möglich ist?

  12. Walter am 6. September 2010 um 18:19 (#)

    Ist ja wirklich schaurig, der Perikles Simon sagt bis 2012 ist der Test valide und der Gendoping Experte vom Tagesspiegel sagt niemals;-)

  13. Jens Weinreich am 6. September 2010 um 19:36 (#)

    @ Walter: Ich bin ganz bei Ihnen und glaube, die kleine Spitze verstanden zu haben, die ich gern durchgehen lasse, wenn Sie nicht gleich wieder mit dem Fall CP kommen :)

    @ sternburg: “Unabhängige Überprüfung”, das ist ja das Problem. Ich erinnere an andere Tests (HGH u.a), deren Anwendung viele Jahre verzögert wurde. Ich weiß es nicht, wann das wird. Auf Bachs Aussage #8 setze ich nicht. Typische Bach-Aussage: Test ist “denkbar”. Habe zuviel derartige Zitate in fast zwanzig Jahren in diesem Metier gehört, gerade auch vom UDIOCM.

    Ich glaube, um den Text in der BLZ aufzugreifen, auch nicht unbedingt, dass eine Erfolgsmeldung relativiert wurde. Simon traue ich über den Weg.

    Eine Tendenz – ad hoc gesagt – ist auch so ein Text vom AP-Olympiareporter Steve Wilson. Was er schreibt hat in der olympischen Welt stets etwas Offiziöses:

    Achtung, Content-Klau:

    WADA reports breakthrough in gene doping tests

    By STEPHEN WILSON (AP)

    LONDON — Two groups of scientists have developed tests for gene doping in what the World Anti-Doping Agency hailed Friday as a major breakthrough in fighting the next frontier in cheating in sports.

    Scientists in Germany said they have come up with a blood test that can provide “conclusive proof” of gene doping, even going back as far as 56 days from when the doping took place.

    And a U.S.-French research team has devised its own method for detecting genetic doping in muscles.

    The discoveries raise the possibility that a valid gene-doping test can be implemented by the 2012 London Olympics.

    “This is a really significant and major breakthrough,” WADA director general David Howman told The Associated on Friday in a telephone interview. “This is a project we’ve been engaged in since 2002. Now we’ve reached the situation where we’re pretty certain that it can be detected.”

    Gene doping is the practice of using genetic engineering to artificially enhance athletic performance. It is a spinoff of gene therapy, which alters a person’s DNA to fight disease. The method is banned by WADA and the International Olympic Committee.

    WADA funded $2 million in research projects to devise reliable tests, which have taken about four years to develop. Researchers said the tests can detect gene doping directly through blood samples.

    “It’s not through markers, it’s through actual detection,” Howman said. “There’s a significant difference there. Using the marker method is more a probability approach, whereas the method these researchers have come up with is stone cold dead, 100 percent.”

    Howman said the tests must still go through a scientific validation process but should be implemented “within two years.” …

  14. Piti am 7. September 2010 um 19:38 (#)

    Ich habe die aktuelle Publikation noch nicht gelesen, aber die Tübinger Nachweismethode ist mir aus vorangegangenen Veröffentlichungen durchaus geläufig. Die allenthalben artikulierte Euphorie, die einen Durchbruch in der Dopingbekämpfung ausmachen möchte, muss man aber nicht unbedingt teilen.

    Nicht Gendoping im eigentlichen Sinne, also der Transfer fremder Gene in ein Individuum, eine dem experimentellen Stadium nicht entwachsene und mit schwer einschätzbaren Risiken verbundene Technik, dürfte auf absehbare Zeit die primäre Herausforderung für die Dopinganalytik darstellen, sondern das z.B. in Köln so bezeichnete “Gendoping” im weiteren Sinn, die zunehmend gezielte Beeinflussung der Regulation der Expression körpereigener Gene, welche eigentlich unter das Fachgebiet der klassischen Pharmakologie fällt. Zu den lange bekannten, aber immer noch nicht ausreichend nachweisbaren Dopingsubstanzen, wie Steroid- oder Peptidhormonen, kommt eine unbekannte, z. Zt. wohl deutlich zweistellige und wachsende Zahl in Dopinghinsicht vielversprechender Substanzen in fortgeschrittenen Stadien pharmakologischer Forschung und Entwicklung, z.B. aus der in finanzieller Hinsicht besonders interessanten Suche nach “Anti-aging”-Medikamenten. Der Nachweis körperfremder Pharmaka ist zwar keine besondere Herausforderung für ein gut ausgestattetes Analyselabor, aber man muss dazu erstmal wissen, wonach genau man sucht. Hase und Igel.

    Eine wirkliche Notwendigkeit mit Gendoping zu experimentieren, besteht derzeit wohl kaum. Wenn es praktiziert wird, dann vermutlich am ehesten in staatlich organisierten Programmen, wo Verantwortungen delegiert werden können, wenn etwas schiefläuft. Insofern wäre im Sinne des Athletenschutzes eine prophylaktische Abschreckung durch ein bereits existierendes Nachweisverfahren ganz sicher wünschenswert. Die wichtige Frage wird also sein: kann das vorgestellte Verfahren eine wirkungsvolle Abschreckung leisten? Wenn es umgangen oder ausgehebelt werden kann, gewiss nicht.

    Die Tübinger Methode geht davon aus, dass die transferierten Gene auf cDNA basieren und frei von Introns, nicht proteincodierenden, im Transkript herauszuschneidenden Abschnitten, vorliegen. In einer Zeit, in der das Genom kompletter Organismen de novo synthetisiert werden kann, ist man aber nicht zwingend darauf angewiesen, Gene mittels reverser Transkription zu synthetisieren, welche stets intronfreie Sequenzen liefert. Wer oder was neuzeitliche Doping-Frankensteins daran hindern sollte, Gene zu designen und in geeignete Vektoren zu verpacken, die an den bekannten Bindungstellen für die Tübinger Primer Introns enthalten, die – wie das Genom nichtmodifizierter Zellen – die Bindung eben dieser Primer verhindern und den Dopingnachweis ins Leere laufen lassen, kann ich nicht erkennen.

    Wie es Simon in einem Interview selbst formuliert hat, handelt es sich bei dem Gendoping-Nachweis um ein Prestigeprojekt. Prestigeprojekte haben es öfter an sich, dass die Frage nach der Sinnhaftigkeit eher im Hintergrund steht.

  15. sternburg am 8. September 2010 um 09:30 (#)

    @all: Danke.

  16. Walter am 8. September 2010 um 09:54 (#)

    sternburg,
    mich würde gerade interessieren, warum du dich bei @all bedankst;-)

  17. Ralf am 20. Januar 2012 um 15:49 (#)

    S. Tug, U. M. Lauer und P. Simon (2012): Gendoping: Nachweis prinzipiell möglich

  18. Herbert am 21. Januar 2012 um 14:25 (#)

    Bestätigte sich der Verdacht, dass Gentransfertechnologie missbräuchlich im Sport bereits verbreitet zum Einsatz kommt, stünde man in der Debatte über genetisches Enhancement vor einem bemerkenswerten Dilemma. Während Hochleistungssportler – ein gesunder, populärer und werbewirksamer Teil der Gesellschaft – weitgehend unreguliert und unkontrolliert genetisches Enhancement betreiben, erfolgt die Entwicklung der Gentherapie zum Wohle schwer kranker Menschen weiterhin unter hohen Auflagen. Dieser Widerspruch ist nicht haltbar.

    Ja, ein Dilemma. Je mehr man darüber nachdenkt, desto stärker wird die Befürchtung, dass der Missbrauch nicht zu beherrschen sein wird. Wer Geld hat, kann am intelligentesten, am schönsten, am sportlichsten , etc. sein. Wer wenig oder keins hat, kann nur so sein wie er geschaffen wurde. Und da ist er von vorn herein nie mehr als zweiter Klasse.

  19. Ralf am 22. Januar 2012 um 21:48 (#)
  20. Herbert am 23. Januar 2012 um 09:08 (#)

    Schauriges Szenario, was Prof. Simon da skizziert.
    Wenn es keine wirkungsvollen staatlichen Überwachungs- und Kontrollmassnahmen sowie knallharte Sanktionen geben wird, kann der Zuschauer nur noch den Live-Veranstaltungen fernbleiben, um sich nicht der Gefahr einer Infektion auszusetzen. Leere Hallen, Arenen und Stadien, das wäre dann die einzig vernünftige Antwort der Sport-Enthusiasten. Sport ohne Live-Zuschauer ! ?
    Mal ernsthaft, Sport in der Gesellschaft bedarf einer Neubewertung. Je länger gewartet wird – der Bachsche Vorschlag nach Olympia 2012 betrifft ja nur den Leistungssport und wird sich damit sicher nicht beschäftigen – desto dramatischer die Konsequenzen. Wäre doch mal eine Tagesordnungspunkt für den Sportausschuss des Bundestages, unter Ausschluss der Öffentlichkeit versteht sich. ;-)

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