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Das Olympische Bildungsmagazin

Südafrika, Tag 31: Ein Gruß aus Nordkorea

SANDTON. Es geht auf die Zielgerade. Morgen fliege ich für zwei Tage nach Durban (natürlich mit Kulula), Halbfinale schauen – und am Mittwoch etwas umfassender als bisher live bloggen. Könnte ein Spaß werden.

Ganz und gar unspaßig sind derzeit Termine bei der FIFA. Komme gerade von so einem PR-Event. Die FIFA und die Amaury Group (Tour de France, L’Equipe, France Football) schmeißen ihre Umfragen nach Europas Fußballer des Jahres (France Football) und dem Weltfußballer des Jahres (FIFA) zusammen und feiern am 10. Januar 2011 erstmals gemeinsam in Zürich, sicher wieder im Opernhaus, den Gewinner des Ballon d’Or, also nach jetzigem Stand Bastian Schweinsteiger.

Und wieder kooperiert ein Unternehmen, das im Kerngeschäft (oder täusche ich mich da?) mit Journalismus handelt (oder mit getarntem Journalismus oder vorgibt, mit Journalismus zu handeln), mit einem Sportkonzern. Für die Amaury-Gruppe ist das ja nichts Neues.

Francois Morinière, Marie-Odile Amaury, JSB - Johannesburg/Sandton, 5. Juli 2010

Francois Morinière, Marie-Odile Amaury, JSB - Johannesburg/Sandton, 5. Juli 2010

Journalismus, PR, Marketing, Propaganda – ich schmeiße mal alle Begriffe durcheinander. Zurecht. Darum geht es ja ständig bei derlei Mega-Events. Vorhin wieder schön zu beobachten, bei der so genannten Pressekonferenz. FIFA-Kommunikationschef Nicolas Maingot, Dr. No, leitete den bizarren Termin erneut mit dem Hinweis ein, dass nur Fragen zum Thema zugelassen sind. Also nicht zur WM, denn die ist ja nicht das Thema, bzw. nicht zum FIFA-Ultimatum für Nigeria, das in knapp einer Stunde (18.00 Uhr) ausläuft, und auch nicht zur etwas angespannten Beziehung zwischen der FIFA und Frankreich, wo sich ja auch Politiker in die Belange des ach so unpolitischen Sports einmischen. Ich verstehe das, steht ja ganz oben im Blog:

Don’t mix politics with games!

Das Copyright auf diesen Spruch, ich habe es oft erzählt, hält der unpolitische Sportfan Hu Jintao.

Jedenfalls, ich habe Blatter höflich aber bestimmt gesagt, wir seien hier doch sicher nicht in Nordkorea und es wäre vielleicht angebracht, würde er ein paar Worte zu den schwelenden Auseinandersetzungen mit Nigeria und Frankreich verlieren.

Das hat er getan.

Gegen Nigeria, so Staatspräsident Goodluck Jonathan nicht umfällt, wird die FIFA in Kürze wohl einen Bann verhängen (das hat er nicht gesagt, das ist meine Interpretation, er sagte nur: man sei bereit zu handeln). Und die Sache mit den Franzosen, nun ja, da täuscht sich die Welt: Denn einen Disput hätten einzig und allein die bösen Medien erfunden.

Er sagte auch:

Ich bin ein sehr glücklicher Präsident. Ich war gestern ein glücklicher Präsident, ich bin es heute und ich werde es hoffentlich morgen sein.

Wir wollen heute nicht über Probleme reden, nicht über Forderungen, nicht über Referees. Heute sprechen wir über die Spieler. Die stehen ja schließlich im Mittelpunkt.

Die Welt hat Probleme. Sie hören täglich die schlechten Nachrichten. Wir hoffen alle, dass die Kameras, die heute Fußball übertragen und der Welt Hoffnung geben, morgen auch mal gute Nachrichten übertragen.

Es ist immer wieder erstaunlich, mit welchen Chuzpe die Kameraden sich die Welt zurechtlügenbiegen. Oder war es tatsächlich nur eine Erfindung der bösen Medien, die den FIFA-Generalsekretär Jerôme Valcke kürzlich u.a. weltweit so zitierten:

„Ich habe der französischen Sportministerin gesagt, dass sie vorsichtig sein soll. Kein Politiker kann einen Sportfunktionär zum Rücktritt zwingen.“

Manchmal bin ich es leid, mich zu wiederholen. Vor allem, wenn ich mich zum Ferrari-Fahrer Valcke äußere. Habe oft genug die Geschichte erzählt und ausgiebig verlinkt, auch zum Gerichtsdokument in der VISA/Mastercard-Sache, die die FIFA nicht nur rund 100 Millionen gekostet hat, sondern in der der damalige Manager der FIFA Marketing AG, Valcke nämlich, als eine Art Serienlügner überführt worden ist – nachzulesen in den Gerichtsakten, hier oben rechts einfach die Suchfunktion benutzen oder googeln.

Was soll’s, hier flink ein Beitrag von mir vom Juni 2007 aus der Berliner Zeitung:

Zurück von der Reservebank

Jerôme Valcke ist neuer Generalsekretär der Fifa

BERLIN. Eine der wichtigsten Positionen des Weltsports ist neu besetzt worden: Der Franzose Jerôme Valcke (46) wird Generalsekretär des Fußball-Weltverbandes Fifa. Als sein Stellvertreter fungiert nach Beschluss des Fifa-Exekutivkomitees der Deutsche Markus Kattner. Er war bislang Finanzdirektor. Jerôme Valcke ist Nachfolger des Schweizers Urs Linsi.

Erst vor einem halben Jahr hatte sich die Fifa von Valcke, damals war er noch Marketingchef, und drei weiteren Mitarbeitern „mit sofortiger Wirkung getrennt“. Sie waren für das Finanz- und Vertragsdesaster mit dem Sponsor Mastercard verantwortlich. Die Fifa hatte das Vorkaufsrecht für einen Achtjahresvertrag mit Mastercard missachtet und einen Vertrag mit dem Konkurrenten Visa abgeschlossen, den ein New Yorker Gericht für nichtig erklärte. Dazu teilte die Fifa am 12. Dezember 2006 mit: „Den Fifa-Mitarbeitern, die mit Visa und Mastercard verhandelt haben, wurde wiederholte Unehrlichkeit bei den Verhandlungen und auch Falschinformationen vorgeworfen“, die Fifa könne „ein solches Verhalten ihrer eigenen Mitarbeiter nicht einfach hinnehmen“. Valcke hatte vor einem Gericht den Vertragsbruch als „normales Gebaren in diesem Geschäft“ bezeichnet.

Am Mittwoch, kurz nachdem die Fifa gegen Zahlung von 90 Millionen Dollar einen Vergleich mit Mastercard geschlossen hatte, behauptete Präsident Joseph Blatter, Valcke sei „nie gefeuert worden, nur suspendiert“. Sein Vertrag laufe bis 30. Juni. Ab 1. Juli erhält er einen neuen Kontrakt, sicher besser dotiert als zuvor. „Wenn jemand auf der Auswechselbank sitzt, ist er nicht aus dem Team“, sagte Blatter. Den finanziellen Verlust im Mastercard-Desaster spielte Blatter plötzlich auf angeblich 60 Millionen Dollar herunter und wertete das sogar als Erfolg, weil Mastercard eine Kompensationszahlung von mehr als 270 Millionen verlangt hatte. Valcke sei eine „dominierende Persönlichkeit“, sagte Blatter. Es passiere „in jeder Firma der Welt, dass manchmal ein Geschäft nicht so läuft“.

Das New Yorker Gericht hatte in seinem Urteil auch interne Besprechungen von Valckes Team zitiert, das darüber rätselte, wie man es so aussehen lassen könne, als habe die Fifa „wenigstens ein bisschen Geschäftsethik“, und wie es anzustellen sei, damit der „Fuck-up“ für die Fifa besser aussehe. Für den Franzosen Jerôme Valcke, in der Mastercard-Sache Vielfach-Lügner und Verursacher eines Gesamtschadens von etwa 100 Millionen Dollar, sieht es jetzt besser aus: Er ist Fifa-Generalsekretär und damit wichtigster Mitarbeiter des Chef-Ethikers Blatter. Wie sich die Zeiten ändern.

Bizarr finde ich immer wieder dieses weinerliche Verhalten von Valcke und vom Sepp, etwa kürzlich in einem, ja was eigentlich: Interview? PR-Geleier?, mit dem Handelsblatt. Da greinte er:

„Ich weiß: Es gibt einen Kreuzzug gegen die Fifa in einigen Ländern von einigen Journalisten. Wenn Sie das wollen, gerne. Aber ich werde dieses Spiel nicht mitmachen, mit keinem Medium.“ Die Medien hätten vieles schlechtgemacht, an der Organisation und am Ausrichterland – und vieles getan, „um die Menschen davon abzuhalten, nach Südafrika zu fliegen“, erzürnte sich Valcke. (…)

Der ehemalige TV-Journalist, der als rechte Hand des Fifa-Präsidenten Joseph Blatter gilt, war insbesondere auf Deutschland schlecht zu sprechen: „Deutschland arbeitet gegen diese Weltmeisterschaft, seit Südafrika die Austragung gewonnen hat. Und ich wäre sehr interessiert zu erfahren, warum Deutschland gegen diese WM in Südafrika war“, sagte er.

Ach Gottchen.

Es ist schon komisch, ich gebe mir ja nun wirklich Mühe, diese Typen zu verstehen und mache und tue und sitze schon wieder an der FIFA-Bar und versuche, ins Gespräch zu kommen und so colourful wie nur möglich die Mechanismen und Typen zu beschreiben, versuche sogar, ausgewogen zu berichten, was manche Journalisten überhaupt nicht verstehen können, und immer wenn ich einen dieser, sagen wir: ausgewogenen/abwägenden Texte gedichtet habe, echt jetzt :), wie heute Morgen auch, dann kommt garantiert die nächste Entgleisung und ich sage mir: Eigentlich haben die nichts anderes verdient als Verbaldresche und viel hübsche kleine Entzauberungen und Enthüllungen.

Fedor Radmann, der wieder hier ist und mit dem ich gestern ausgiebig plauderte, findet übrigens, dass die Medienvertreter ganz generell schlechte Arbeit abliefern und auch nicht mehr das sind, was sie früher einmal waren.

Und während ich das erzähle und versuche, die aufziehende Erkältung mit Gin-Tonic (sehr ungesund) zu bekämpfen, kommt auch schon die Meldung rein, dass Nigerias Regierung eingelenkt hat. Der Sportinformationsdienst berichtet:

Den Bannstrahl im letzten Moment aufgehoben, die FIFA gerade noch besänftigt: Nigerias Regierung hat unmittelbar vor dem Ablauf des Ultimatums auf den drohenden Ausschluss aus der Fußball-Familie reagiert und den „Super Eagles“ sowie allen weiteren Nationalteams wieder die Teilnahme an internationalen Wettbewerben ermöglicht. Staatspräsident Goodluck Jonathan handelte damit am Montag, gut eine Stunde vor Ende des Ultimatums um 18.00 Uhr, doch noch im Sinne des nigerianische Fußball-Verbandes NFF. (…)

Mensch, ist Sepp mächtig. In seinem Reich ist er fast so mächtig wie Kim Jong Il in seinem. Sepp aus Visp im Wallis. Kim, die Sonne der Menschheit.

31 Gedanken zu „Südafrika, Tag 31: Ein Gruß aus Nordkorea“

  1. lieber herr weinreich,

    auch wenn ich glaube, dass die spurenelemente anfliegender resignation in ihrem post der aufkommenden erkältung zu schulden sind, hoffe ich doch, dass sie sich nicht durch die dreistigkeit des beschriebenen polit-profit-profisport-regimes entmutigen lassen, ihren konsequenten und manchmal auch (um-)weg des kritischen journalismus weiter zu beschreiten.

  2. Ah, ein Artikel zum Lieblingsthema des Hausherrn, JSB for Friedensnobelpreis. Tja, kein Wunder dass er so gegen Deutschlands WM war, da lassen sich halt schlecht Bilder mit glücklichen Elendsviertelbewohnern machen(bitte keine Gegenbeispielwitze machen, danke). ;) Was das sportliche angeht, hoffe ich das du Jens mit deiner Prognose zu Spanien genauso baden gehst wie mit der zu Brasilien…

  3. Wieso vorhersage? Habe nur beschrieben, was nach den jeweiligen spielen zu sagen war. Ausser jetzt zum ersten mal mit meinem kleinen sohn habe ich nie getippt und nie vorhergesagt.

  4. Bei aller fehlenden Sympathie für Sepp Blatter ist gerade das Ende dieses Artikels (oder nennen wir es Glosse) mal wieder ein Beispiel für schlechten, meinungsüberfrachteten Journalismus. Wohl bei all der Aktivität für SPON zuviel Henryk M. Broder gelesen?

    Ist doch gut, dass Nigerias Staatspräsident einen Rückzug macht. Ihr alberner Kommentat dazu tut dem keinen Abbruch.

  5. @ Marc: Sie missverstehen etwas grundsätzlich. Das hier ist nur ein Beitrag in einem Blog, das ist gar kein journalistischer Beitrag und kann deshalb auch kein alberner, schlechter und meinungsüberfrachteter journ. Beitrag sein. Panimajete? Wenn Sie mehr wissen wollen und objektive Informationen lieben, dann besuchen Sie doch bitte http://www.fifa.com.

    Ach so, eins noch, da Sie sich ja so auskennen. Schon mal was vom Schlächter Sani Abacha gehört? Der war auch mal Präsident Nigerias. Mit dem machte die FIFA aber glänzende Geschäfte. Aber wissen Sie, selbst Ihnen kann ich nicht in jedem albernen Blogbeitrag die ganze Geschichte servieren. Denken müssen Sie schon selbst.

    Ich frage mich im Übrigen, wie dumm Menschen sein müssen, die aus einer gelegentlichen Tätigkeit für ein Medium, wofür ich SpOn gerade in diesen Tagen dankbar bin, derart kranke Ableitungen treffen.

  6. Keine Vorhersage? Na denn:

    Es ist nicht ganz korrekt, diese Partie gegen Oranje am Freitag in Port Elizabeth (16 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) als Schlüsselspiel für Brasilien auszurufen. Was heißt hier Schlüsselspiel? In der K.-o.-Runde ist jede Partie ein Endspiel – nur der Sieg zählt. Auch für Brasilien gilt, dass Siege nicht nach Haltungsnoten vergeben werden, sondern Tore entscheiden. So simpel ist das. Ja, man darf Brasiliens Spiel in Südafrika für eine kühle Effizienz, für Professionalität und seine „aktiven Erholungsphasen“ (Süddeutsche Zeitung) bewundern. So spielt ein Weltmeister.

    Von da: http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,703493,00.html

  7. @chris
    Hier liegt ein Mißverständnis vor! ;-)
    Die Aussage

    So spielt ein Weltmeister.

    impliziert ja keinesfalls, dass der Weltmeister Brasilien heißen wird, sondern eben nur, dass sie spielen einer. Das heißt ja nicht, dass andere Mannschaften das nicht auch könnten. Als Vorbild könnten hier ja beispielsweise die Italiener vor 4 Jahren herhalten.

    @jens
    Gereizt? Das Problem mit der Nigeria-Posse ist, denke ich, dass sich das eigentliche Problem erst durch entsprechendes Hintergrundwissen erschließt. Eben wenn man weiß, dass — wie du schreibst — die FIFA auf der anderen Seite keine Probleme damit hat, mit brutalen Diktatoren Geschäfte zu machen, und dieselben Geschütze ja wohl zum Beispiel auch gegen den polnischen Verband aufgefahren wurden, als dessen korrupte Spitze abgesetzt werden sollte, der Herr Verbandspräsident aber dummerweise ein Spezl vom heiligen Sepp war…

    In der Sache finde ich es eigentlich auch gut, richtig und begrüßenswert, dass da zurückgerudert wurde. Was ich mich ja vor allem frage: Worin bestand eigentlich das Drohpotential? Mir kommt das ja so vor, als ob man hier einem Selbstmörder mit der Todesstrafe drohen wollte?! Insofern wundert mich vor allem, wie das funktionieren konnte? Hängen da noch größere Geldzahlungen an der FIFA-Mitgliedschat?

  8. Meine Güte, wirklich etwas gereizt? Muss die Erkältung sein. ;)
    Ich komme eigentlich immer sehr gerne auf diese Seite. Fand nur den Zynismus in Sachen Nigeria ein bisschen beliebig. Kein Grund, sich aufzuregen.

    Bis bald!

  9. Kleiner Nachtrag: Nachdem ich ihn mir nochmal durchgelesen habe, möchte ich mich doch wenigstens für den unbedachten Kommentar entschuldigen. War ein Schnellschuss und sollte so nicht wieder vorkommen.
    Ich weiß wirklich zu schätzen, was sie hier leisten.

  10. Ihr habt mich noch nie gereizt erlebt.

    @ cf: Nach einem Spiel wie dem Dreinull gegen Chile, ich glaube, das war nach diesem Spiel, würde ich das als Analyse immer wieder schreiben.

    @ Marc: Auch Sie müssen sich nicht entschuldigen, nur meine Schelte ertragen.

  11. @jens
    genau genommen hätte man die Analyse sogar in der Halbzeit des Holland-Spiels noch genau so schreiben können. Sie waren bis dahin ja wirklich erschreckend effizient. Hatten nur keine Antwort auf den plötzlichen Ausgleich. (Und bei der Torgefahr, die Holland an dem Tag ausgestrahlt hat, grenzt es eigentlich auch an ein Wunder, dass sie überhaupt zweimal getroffen haben — mit tollem Angriffsfußball hatten die (Gegen)Tore ja auch nichts zu tun.)

    Aber kannst du mir das noch erklären mit dem Motiv für den nigerianischen Rückzieher? Womit kann die FIFA einem Land drohen, das sagt, dass es (eine Zeit lang) nicht mehr mitmachen will?

  12. @Marc, die 10. Das mit den Konsequenzen habe ich mich ehrlich gesagt seit der Ankündigung, die Mannschaft bis auf Weiteres zurückzuziehen, auch gefragt. Irgendwie ist der Ausschluss sinnfrei… Die einzige Idee bisher ist das eventuelle Ausbleiben von „Entwicklungshilfezahlungen“ in der Zukunft. Im letzten Jahrzehnt tauchen Zahlungen in Höhe von 800000 US-Dollar von der FIFA an den Verband auf. Zum einen wurden Mitte Oktober 2003 400000 USD von der FIFA zum Bau eines „Nationalen Technischen Zentrums“ bewilligt. Das ist jetzt schon eine Weile her und wahrscheinlich auch weniger interessant.

    Die andere Hälfte der „Entwicklungshilfe“ wurde am 1. Dezember 2009 bewilligt. Und zwar für eines der zentralsten Projekte, die ein Fußballlandesverband stemmen kann: Den Neubau des Verbandssitzes. Ich kann jetzt aus hiesiger Sicht nur schwierig einschätzen, wie lange es in Nigeria dauert, bis so ein Bau geplant, gestartet und abgeschlossen ist und wie hoch der „finanzielle Bürokratieaufwand“ an dieser Stelle ist. Nichtsdestotrotz kann ich mir durchaus vorstellen, dass es bedingt durch vielfältige Lebenssachverhalte (hieß doch so, oder?) dazu kommen kann, dass der eine oder andere Politiker, Funktionär oder beides zugleich ein gesteigertes Interesse daran hat, dass dieses Projekte weiterhin von der FIFA gefördert wird. Was sag ich da eigentlich… Nicht FIFA, sondern Sepp, denn wie heißt es in der Projektbeschreibung so schön:

    […] für die Errichtung eines modernen Verbandssitzes, mit dem die Vision eines „Hauses des Fussballs“ von FIFA-Präsident Joseph S.
    Blatter auch in Nigeria wahr wird.

    Im Rahmen der Kampagne „In Afrika mit Afrika gewinnen“ bekommt Nigeria scheinbar nicht so viel ab. Zentrales Element des Projektes ist die Errichtung eines Kunstrasenfeldes in jedem afrikanischen Land (ausgenommen Südafrika). Wenn ich die Informationen richtig deute, sollte dies bis zum Sommer 2009 erledigt worden sein. Die übrigen Bestandteile des Acht-bis-zehn-Punkte-Programms (Anzahl je nach Quelle) scheinen Nigeria nicht zentral zu betreffen.

    Quellen:

    Goal-Bericht Nigeria

    „In Afrika mit Afrika gewinnen“-Kampagne

    Dies sind natürlich nur die friedensnobelpreisverdächtigen Projekte, die die FIFA in Nigeria unterstützt und die u.U. schon alle abgeschlossen sind. Ich kann mir durchaus vorstellen, dass es darüber hinaus hier und da noch den einen oder anderen zufälligen vielfältigen Lebenssachverhalt gibt, der in einer für alle Seiten erfreulichen Geschäftsbeziehung mündet. Oder so…

    Und jetzt habe ich keinen Schimmer mehr, wie ich noch die Kurve zu meinem eigentlichen Anliegen hinbekomme… Eigentlich habe ich bisher das zentrale Stück an Qualitätsjournalismus des Hausherrn zu dieser Großveranstaltung vermisst. Auf der Suche nach dem richtigen Ort, bzw, der richtigen Kammer, stelle ich überdies fest, dass mein Anliegen bereits erfüllt ist und die Grundintention zum Verfassen eines bzw. dieses Kommentars weggefallen ist… Aber deswegen lösche ich jetzt nicht meinen ganzen schönen Kommentar ;-)

  13. Und da habe ich noch eine nette Kleinigkeit bezüglich des neuen nigerianischen Verbandssitzes gefunden. Auf der Homepage des nigerianischen Fußballverbandes gibt es eine Pressemitteilung vom 4.6.2010 bezüglich des neuen Verbandssitzes. Im Gegensatz zum offiziellen Goal-Bericht, der insgesamt 650000 USD vorsieht, steht in dieser Pressemitteilung die Summe von 1 Millarde nigerianischer Naira (etwa 5,3 Mio. EUR) im Raum. Aber diese Pressemitteilung hat noch das eine oder andere Schmankerl im Petto.

    Zunächst die Geldquelle:

    […] the grant of $250,000 that FIFA gives to each Federation on annual basis.

    und dann hätten wir noch dieses Zitat, welches ich etwas kryptisch finde:

    “As a result of this, FIFA has given us the start –off of $400,000. That is the total of $1.4 million that is being talked about�.

    Ich vermute einfach mal, dass damit gemeint ist, dass die 400000 USD nur ein Anfang sind und am Ende ca. 1,4 Mio. aus der Schweiz kommen sollen.

    Und wo eine Geldquelle ist, sind die Abnehmer meist nicht weit. In diesem Fall ein Zitat, welches sich auf die ausführende Baufirma bezieht:

    “The firm will have some benefits for the partnership�

    Ich empfehle diese Pressemitteilung im ganzen zu lesen. Ich hatte beim Lesen das Gefühl, dass sie (Achtung, Wortwitz!) bestechend ehrlich formuliert ist.

    Offensichtlich scheinen die Bauarbeiten noch nicht wirklich angelaufen zu sein, also kann man vermuten, dass das Interessensgemengelage in Nigeria nicht nur von sportlichen Aspekten bestimmt wird.

  14. @lutz
    nur eine kurze Anmerkung zu den $1.4m — da verstehe ich die PM eher so, dass sie die letzten 4 Jahre ihre jährliche FIFA-Zuwendung von $250.000 nicht angetastet und folglich genau $1m „angespart“ hätten, was zusammen mit der „start-off“-zuwendung von $400.000 … voila!

    Lustig an der PM finde ich ja vor allem, wie „schockiert“ man sich ob des Verdachts zeigt, man wöllte nur 210 Millionen Naira für den neuen Prunkbau ausgeben — selbstverständlich koste das Ding eine volle Milliarde!

  15. @cf: Klingt plausibel. Hab das Zitat nicht in den richtigen Zusammenhang gerückt und zu sehr gegrübelt, was gemeint sein könnte.

    Der Schock wegen der zu geringen Kosten ist auch mein persönliches Highlight der Pressemitteilung.

  16. Die Pressemitteilung ist wirklich scharf. Es fehlen also 4/5 der geplanten Baukosten. Wenn man dort Baukosten so „genau“ plant wie in Deutschland, dann fehlt real vermutlich das Zweifache der geplanten Kosten.

    Das muss der Sepp noch häufiger einen Koffer (symbolisch gemeint) mit Geld vorbei bringen. Persönlich oder durch Beauftragte. Da ist sicher eine Ehrenbürgerschaft und ein Orden drin.

  17. Erhellende Infos zum nigerianischen Verband – besten Dank.
    Ach, so ein Ultimatum. Zum Glück wissen wir nicht was darin stand…. – zum Glück wurde es angenommen.

  18. Spätabends kam noch diese Mitteilung (die landete in meinem Spam-Ordner, deshalb jetzt erst entdeckt):

    FIFA statement regarding Nigerian Football Federation

    The Nigerian Government has today confirmed in a letter to FIFA that it revokes its decision to withdraw Nigeria’s participation in all FIFA and CAF organised competitions of the next two years. In addition, the Nigerian Government also recognises the currently elected executive of the Nigerian Football Federation (NFF).

    The letter was received by FIFA before the deadline set last Friday 2 July, and follows mediation talks between FIFA Executive Committee member Dr Amos Adamu and the Nigerian Government. Therefore, the NFF remains vested with all its statutory rights.

    FIFA Media Department,
    Johannesburg, 5 July 2010

  19. @ Marc: Weil ich das nur in dem oben #12 verlinkten Radiobeitrag mit einem Satz erwähnt habe – im Blog finden sich einige Beweisstücke für die These, dass die FIFA gewöhnlich ganz gern mit der Politik zusammenarbeitet bzw. nichts dagegen hat, wenn Schlächter den Fußball missbrauchen bzw. Schlächtern und anderen Diktatoren gern Gelegenheit gibt, den Fußball als Bühne zu nutzen. Guckst Du hier, u.a.: Die FIFA, Coca-Cola, Massenmörder Robert Mugabe und der Fußball-Weltpokal. Das passt, glaube ich, ganz gut, es geht auch um die WM, und Simbabwe liegt ja in der Nähe.

    @ cf:

    Worin bestand eigentlich das Drohpotential? Mir kommt das ja so vor, als ob man hier einem Selbstmörder mit der Todesstrafe drohen wollte?!

    Das kommt schon hin, glaub ich. Ist aber ein blödes Bild.

  20. Da im Moment Tour de France und Fussball Wm gleichzeitig sattfinden, HIER einmal ein ganz interessanter Vergleich beider Sportarten in Hinblick auf „Werte“.

  21. @jens
    Hallo? Erde an Weinreich. Erde an Weinreich:
    Bist du noch online? Der Kollege Gödecke hat für SpOn mit Müh und Not noch ein „Südafrika teilweise vom Internet abgekoppelt“ nach Hause kabeln können…
    Da scheint ein ziemlich wichtiges Datenkabel zwischen Indien und Kenia in die Brüche gegangen zu sein — und kann wohl auch nicht auf die Schnelle ersetzt werden.

  22. Weinreich an Erde. Melde mich aus Durban von der Zeitung The Mercury, in deren Büros ich gerade Unterschlupf gesucht und gefunden habe. Mein kleiner Jabulani, also per UMTS/HSDPA, funktioniert noch tadellos (besser als Sticks in Deutschland, wirklich), kann also nicht klagen!

  23. Ah, das hört man gerne. Da scheinst du ja mit deinem Provider wirklich Glück zu haben. Und sage nochmal einer was Schlechtes über den Jabulani, diesen wunderbaren Teufelsball! :-)

  24. @23 anonymator
    2 Kritikpunkte an dem Beitrag, ohne Fußball schönreden zu wollen:

    1.) Fairness beim Radfahren = z.B. gestürzten Fahrer wieder aufholen lassen.
    Ein Gegenbeispiel wird aber nicht mal gesucht.

    2.) Ein Teil des Textes baut darauf auf, dass das Publikum Schummeln (Schwalben, Täuschung, etc.) guthieße: „the media glorifies it, the fans idolize it, and in general, it is praised rather than condemned.“
    Ich kann das für meine Umgebung nicht bestätigen und ein Kommentator (darklajid) dort auch nicht, der das noch etwas ausführlicher beschreibt. Als Antwort kommt dann leider nichts, sodass ich das Gefühl habe, dass der Autor von der Universalität seines Eindrucks überzeugt ist und kein Interesse daran hat, Gegenbeispiele zu finden. Eine Nachfrage „Source?“ hätte mir schon gereicht.

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