Sportförderung zunehmend fraglicher: “Dysfunktionen des Spitzensports: Doping, Match-Fixing und Gesundheitsgefährdungen …”

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Es gibt etliche hochinteressante Dokumente aus den vergangenen Tagen nachzutragen. Ich finde, es diskutiert sich doch besser am Original. Hier also flink die Studie

  • “Dysfunktionen des Spitzensports: Doping, Match-Fixing und Gesundheitsgefährdungen aus Sicht von Bevölkerung und Athleten”

von Kirstin Hallmann und Christoph Breuer, erstellt im Auftrag der Stiftung Deutsche Sporthilfe.

Die Deutsche Sporthochschule Köln erklärt dazu:

Gefahren für die Werte des Spitzensports – Wissenschaftliche Studie in Berlin vorgestellt  

Gesundheitsgefährdungen und illegale Wettkampfabsprachen beeinflussen Bereitschaft der Bevölkerung zur Spitzensportförderung  

Köln, 21. Februar 2013 – Wie nimmt die Bevölkerung in Deutschland den Spitzensport wahr? Überwiegen die positiven Aspekte oder stehen die Schattenseiten, wie Doping oder Wettbetrug, im Vordergrund? Wie hoch ist in diesem Zusammenhang die Bereitschaft, den Spitzensport finanziell zu fördern? Erstmals stellt eine wissenschaftliche Studie die Dysfunktionen des Spitzensports in Deutschland aus Bevölkerungs- und aus Athletensicht dar. Untersucht wurde zum einen die Wahrnehmung der Bevölkerung zur Einnahme verbotener Substanzen und Gesundheitsgefährdungen durch den Athleten/die Athletin, zum anderen das Handeln und die Einstellung der Athleten und Athletinnen in diesem Kontext.

Die Studie, die 2012 im Auftrag der Stiftung Deutsche Sporthilfe von Univ.-Prof. Dr. Christoph Breuer und Dr. Kirstin Hallmann (Institut für Sportökonomie und Sportmanagement) durchgeführt und am Mittwoch in Berlin vorgestellt wurde, zeigt als zentrales Ergebnis sowohl Unterschiede als auch Gemeinsamkeiten aus Bevölkerungs- bzw. Athletensicht. Statistisch signifikant konnte nachgewiesen werden, dass die Bereitschaft in der Bevölkerung zur finanziellen Unterstützung des Spitzensports mit der wahrgenommenen Verbreitung illegaler Spielabsprachen sinkt, und mit dem Ausmaß gesundheitlicher Risiken, die die Athleten in Kauf nehmen, steigt. Andere Dysfunktionen, wie z.B. die Einnahme verbotener Substanzen, haben aktuell noch keine signifikante Auswirkung auf die Förderbereitschaft.

Die Wahrnehmung der einzelnen Dysfunktionen variiert stark. So glaubt die deutsche Bevölkerung, dass 29% der deutschen Spitzensportler regelmäßig zu Dopingmitteln greifen und etwa die Hälfte (49%) regelmäßig Schmerzmittel nimmt. 45,4% der Athleten nehmen, nach öffentlicher Wahrnehmung, in Zusammenhang mit ihrem Sport gesundheitliche Risiken bewusst in Kauf, 14% der Athleten sind bereits an illegalen Absprachen beteiligt gewesen.

Die Athletenbefragung weicht auf den ersten Blick signifikant von der Bevölkerungsumfrage ab. 6% der deutschen Spitzensportler geben die regelmäßige Einnahme von Dopingmitteln und 11% die Einnahme von Schmerzmitteln ehrlich zu. 40% nehmen nach eigener Aussage bewusst gesundheitliche Risiken in Kauf. 10% der deutschen Spitzensportler sagen, dass sie an Absprachen über den Spiel- bzw. Wettkampfausgang beteiligt waren. Allerdings gibt es eine erhebliche Anzahl von Athleten, die bei Fragen nach der Einnahme leistungssteigernder Substanzen, nach Wettkampfabsprachen oder Gesundheitsproblemen keine Antwort gegeben haben. Die Gründe dafür können vielfältig sein.

Die befragten Athletinnen und Athleten empfinden ihre eigene Lage insgesamt als sehr viel prekärer als die Bevölkerung – dies wird bei den Antworten auf Fragen nach möglichen Gründen für ein Fehlverhalten von Sportlern deutlich. Während nur 12,7% der Bevölkerung „Existenzangst“ als mögliches Motiv nennen, sind dies unter den Athleten 57,7%. „Druck durch das Umfeld“ nennen 26,9% der befragten Öffentlichkeit, aber 79,8% der Athleten; „Erfolgsdruck“ als mögliche Begründung nennen 63,6% der Bevölkerung, jedoch 88,6% der Athleten.

Einig sind sich die Öffentlichkeit sowie die Spitzensportler in Deutschland darüber, dass die Einnahme von Dopingmitteln klar gegen die Werte des Sports, wie Leistung, Fairplay oder Teamgeist/Solidarität, verstößt. Dabei gibt es graduelle Unterschiede: Während 99% der Athleten der Ansicht sind, dass Doping gegen Fairplay und Solidarität/Teamgeist verstößt, sind es auf Seiten der Bevölkerung nur 94%. Beim Leistungsgedanken herrscht Übereinstimmung: 90% beider Gruppen sind der Meinung, Doping stehe nicht im Einklang mit dem Leistungsprinzip des Sports.

HINTERGRUND

Univ.-Prof. Dr. Christoph Breuer und sein Team haben zum dritten Mal eine Studie im Auftrag der Stiftung Deutsche Sporthilfe durchgeführt. Im Rahmen dieser Studie wurden 2.008 Personen der deutschen Wohnbevölkerung (telefonische Befragung, Zufallsauswahl) und 1.154 von der Sporthilfe geförderte Athleten (Online-Befragung) befragt. Die Studie ist online abrufbar auf der Homepage des Bundesinstituts für Sportwissenschaft unter www.bisp.de in der Rubrik Aktuelles. Die beiden vorherigen Studien befassten sich mit einer sportökonomischen Analyse der Lebenssituation von Spitzensportlern in Deutschland und der gesellschaftlichen Relevanz des Spitzensports in Deutschland.  

Es geht offenbar ans Eingemachte der SPORTFÖRDERUNG:

Gesundheitsgefährdungen und illegale Wettkampfabsprachen beeinflussen Bereitschaft der Bevölkerung zur Spitzensportförderung  

Über die bemerkenswerten Ergebnisse dieser Studie, vorgestellt am Mittwoch hinter verschlossenen Türen im Sportausschuss des Bundestages, haben einige Medien berichtet. Bemerkenswert absurd auch die Reaktion des Deutschen Olympischen Sport-Bundes (DOSB) und seiner Propaganda-Abteilung.

Denn es kann nicht sein, was nicht sein darf!

Der Spitzensport ist gut!

Und UNSERE Sportler erst recht!

Wie so oft wurden die Athletensprecher vorgeschickt und betreiben quasi eine Richtigstellung der wissenschaftlichen Studie bzw der Befragungsergebnisse.

Der unvermeidliche Christian Breuer, der stets wie ein dressiertes Hündchen im Sinne der DOSB-Bosse agiert, in der Pressemeldung des DOSB vom 21. Februar 2013:

Athletenkommission fordert Schwerpunkt Duale Karriere

Nach Vorstellung der Studie „Dysfunktionen des Spitzensports: Doping, Match-Fixing und Gesundheitsgefährdungen aus Sicht von Bevölkerung und Athleten“ erklärt die Athletenkommission im DOSB mit ihrem Vorsitzenden Christian Breuer:

„Mit Verwunderung, aber großem Interesse hat die Athletenkommission die jüngste Veröffentlichung einer Befragung von Sporthilfe-geförderten Sportlern durch die Sporthochschule Köln zur Kenntnis genommen.

Wir distanzieren uns entschieden von Behauptungen in den Medien, dass Sportler korrupt seien und massenhaft manipulieren würden. Das geht aus der Studie nicht hervor.

Allerdings ist es längst an der Zeit, die Nöte und komplexen Belastungen unserer Sportler auf dem Weg in die Weltspitze ernst zu nehmen und durch angemessene Unterstützungs- und Fördermaßnahmen in den Mittelpunkt der Spitzensportförderung zu rücken.

300 Euro pro Monat der Deutschen Sporthilfe nehmen unseren Athleten nicht die Ängste um ihre spätere berufliche Existenz. Die Athletenkommission fordert Rahmenbedingungen für eine Duale Karriere, Ausbildung/Beruf UND Spitzensport sowie ein neues Trainerkonzept; dies alles mit der Zielstellung, Weltspitzenleistungen erreichen zu können.

Hierzu müssen die zuständigen Instanzen der deutschen Sportlandschaft – aus Politik, Sportorganisationen und Partnern (Bildung, Wirtschaft) – ein aufeinander abgestimmtes, flächendeckendes und schlüssig vom Nachwuchs bis zur Spitze strukturiertes Fördersystem entwickeln, um alle Ressourcen in Deutschland effektiv zu nutzen und damit unseren Athleten nicht nur die Hauptlast ihrer Sorgen zu nehmen, sondern verbindliche Lösungen für die Bewältigung der Doppelbelastung anzubieten.“

ha hat es in den Kommentaren bereits festgehalten:

Interessanter Randaspekt: der Autor Prof. Christoph Breuer hat 2011, ebenfalls im Auftrag der Sporthilfe, eine ganz andere Studie vorgelegt – danach sahen mehr als 90% der Deutschen in Sportlern Vorbilder. Das wurde damals angepriesen und euphorisch gefeiert, etwa von BMI Friedrich oder Thomas Bach. BMI Website:

Heute scheint da eine Art Schockstarre eingetreten zu sein ;)

Gewiss ergänzend zum Thema: Der Antrag der Fraktion von Bündnis 90/Die Grünen für eine Rente für Dopingopfer der ehemaligen DDR (warum nur für diese?)

Stefan #1

So glaubt die deutsche Bevölkerung, dass 29% der deutschen Spitzensportler regelmäßig zu Dopingmitteln greifen und etwa die Hälfte (49%) regelmäßig Schmerzmittel nimmt.

Hier stock ich schon. Das scheint mir unklar formuliert. Müsste es nicht heißen: “29% der Bevölkerung glauben, dass…”?

6% der deutschen Spitzensportler geben die regelmäßige Einnahme von Dopingmitteln und 11% die Einnahme von Schmerzmitteln ehrlich zu.

Hieran kann man nun übrigens gut den wirklichen Erfolg der NADA messen.

ha #2

#1
Ja, die Nada … sortiert sich umstandslos ein in den Reigen der oben zitierten absurden Reaktionen, via Handelsblatt:

Nada: kein Rückschlag im Anti-Doping-Kampf

Die NADA erklärte weiter, die Ergebnisse seien kein Beleg für die Ineffektivität des derzeitigen Kontrollsystems. “Wir alle wissen, wie schwer es ist, gedopte Sportler zu überführen. Aber wir wissen auch aus vielen Gesprächen mit überführten Athleten, dass es durch die qualitativ immer besser werdenden Kontrollen immer schwieriger wird, zu dopen”.

Amen! Die Pressearbeit ;) in Gestalt von Forderungen überlässt die Bonner Agentur dem DOSB:

DOSB und Sporthilfe fordern mehr Geld für Nada. Michael Vesper sagt:

… die Nada muss strukturell und finanziell noch besser unterstützt werden

Na, da kann ja nun gar ichts schief gehen, wenn der DOSB die Nada künftig “noch besser” strukturell unterstützt ;)

ha #3

@jw

Warum nur für diese?

Wahrscheinlich, weil ein Kriterium, das die Grünen für Rentenbewilligung vorschlagen, heißt: gedopt als Minderjährige. Unterschied zu den Kriterien, die bei der Einmalzahlung nach Dopingopfer-Hilfe-Gesetz galten. Minderjährigen-Doping hat in der alten Bundesrepublik, so viel man weiß, nur in Ausnahmefällen (Christel Justen) stattgefunden.

Zur Einordnung dieses Antrags kann man übrigens einen Satz heranziehen, den der enthält: Bleibende Schäden verlangen bleibende Hilfe. Er ist elf Jahre alt, war schon 2002 als Kritik daran gemeint, dass Dopingopfer bei allen Rentenregelungen für SED-Unrecht ausgeklammert wurden. Gesagt hat ihn damals: Wolf Biermann. – Also Dauerthema, nun erstmals in Antragsform gegossen, und man darf gespannt sein, ob sich dazu überfraktionelle Bündnisse finden. Den letzten (jetzt: vorletzten) Anlauf für Rente hatten 2011 von Cramon und Karin Strenz (CDU, Sportausschuss) unternommen …

M.M #4

“6. die Gewährung der Leistung an eine besondere Beeinträchtigung der wirtschaftlichen Lage zuknüpfen..”

Hab ich schon beim Stasiopferhilfegesetz nicht verstanden. Sind rechtwidrig, minderjährig gedopte Sportler in heutigen inakzeptablen wirtschaftlichen Verhältnissen andere Opfer, als solche, die es wenigstens in eine vernüftiges Erwebsleben geschafft haben? Oder geht es darum, dass die Bundesrepublik endlich dafür geradesteht, dass sie seit wenigstens 1976 von der Dopingpraxis im Osten wußte und sich jetzt “irgendwie” freikaufen will?

Es ko..t mich an, wenn vorbestrafte Trainer von staatswegen besoldet werden, gute Gehälter und eine ruhige Pension in Aussicht haben, während einst gedopte Kinder nach Fehlgeburten und über 20 Jahre Dauerschäden jetzt auch noch wirtschaftlich schlecht dazustehen haben, damit ihnen unter die Arme gegriffen wird.

Im übrigen sind derlei Gesetzesentwürfe nicht neu. Ich müßte mal im Keller suchen …. aber die Sache hat mit und ohne Grüne eine langen Bart, der nach Wahlen regelmäßig abfällt.

M.M

ha #5

In der Zentrale des Interview-“Journalismus” (dem DLF) durfte von Cramon heute ein bisschen für den Antrag werben – wenigstens mal für einen guten Zweck statt nur Propaganda.

@M.M.
Klar, hat das einen langen Bart. Relativ interessant finde ich, dass die anderen Fraktionen zwar nicht mitzeichnen, aber auch nicht gänzlich verprellt worden sind, offensichtlich. – Und, bei allem Respekt, ich glaube nicht, dass ein solcher Antrag den Grünen eine nennenswerte Anzahl Wählerstimmen zuschaufelt. Sie hatten es schon mal versucht, als 2011 im Rahmen der SED-Unrechtsbereinigungsgesetze (schrecklicher Begriff) neuer “Opfergruppen” aufgenommen wurden, etwa verfolgte Schüler. Die soziale Bedürftigkeit – ist hier so fragwürdig wie in der gesamten ziemlich beschämenden finanziellen “Bereinigung” des SED-Unrechts, sie gilt immer als Kriterium.

Mein Lieblingsvergleich ist übrigens noch immer der: MfS-Mitarbeiter können eine „Dienstbeschädigungsteilrente“ erhalten, wenn sie während ihrer aufopferungsvollen Tätigkeit (i.e. Unterdrückung der DDR-Bürger) verletzt wurden. Die ist nicht an Bedürftigkeit geknüpft.

Ralf #6
ha #7

Ex-Doper Eberhard Gienger als Experte zur Opfer-Rente:

Die Dopingopferrente ist das falsche Signal

Nach juristischen Maßstäben lässt sich der Nachweis, dass in der DDR Sportler ohne ihre Zustimmung gedopt wurden, im Einzelfall nur schwer führen. Ein ähnliches Problem ergibt sich beim medizinischen Nachweis einer gesundheitlichen Schädigung durch ein konkretes Dopingmittel.

“Nach juristischen Maßstäben” lassen sich alle möglichen Nachweise schwer führen – es sei denn, ein Parlament zeigt Bereitschaft, diese Maßstäbe der (in diesem Fall: historisch belegten) Realität anzupassen. Aber mit parlamentarischen Initiativen hat es die Union im Sportausschuss ja generell nicht so.

Ralf #8