thomas bach

The coalition of Olympic perpetrators

The IOC and the Olympic federations are obliged to do much more to punish Russia and its warmonger, Vladimir Putin, argues investigative reporter Jens Weinreich and provides a long list of examples. He calls for a comprehensive independent criminal investigation of the longstanding deep connection of the Olympic institutions with the Kremlin within the framework of the EU. (Comment first published by Play the Game)

A week after the Russian invasion in the Ukraine, world sport led by the International Olympic Committee (IOC) has largely cut ties with the aggressors Russia and Belarus.

Under great public pressure, the IOC gave direction in a statement on 28 February. A few hours later, the two federations with the highest turnover in the Olympic business besides the IOC acted: the International Federation of Association Football (FIFA) and the Union of European Football Associations (UEFA). Both excluded Russian teams from their competitions.

At the same time, in the middle of a war, UEFA terminated the sponsorship agreement with its long-time partner Gazprom. While the IOC decisions affect Russia and Belarus, FIFA and UEFA exempt Belarus from the sanctions.

This came a week after the first of so far five sanctions packages by the European Union – and two days after the Norwegian Olympic and Paralympic Committee and Confederation of Sports and the The National Olympic Committee and Sports Confederation of Denmark called for Russia and Belarus to be completely excluded from sports. Two days feel like two months in times of war, when events are overlapping. Two days are half an eternity. 

Compromat. KGB. FSB. GRU. A brief intelligence overview of Vladimir Putin’s relationship with the IOC

KGB officer and former FSB boss Vladimir Putin and Vitaly Smirnov, honorary member of the IOC, honorary president of the ROC, organizer of the 1980 Games in Moscow – head of the so-called investigation committee on doping in Russia, and, of course, a former KGB spy. (Photo: Imago/Evgeny Biyatov)

Once again, a dubious institution, the Court of Arbitration for Sport (CAS), has ruled in favour of the Russian doping system. Why is that? Why are the rules repeatedly bent in favour of the Russians? Why is Russian influence still so great after all the doping and corruption scandals?

The most important answer is, of course: Vladimir Putin and the oligarchs and Russian corporations in his thrall. You will find dozens, maybe even hundreds of articles on this in this theatre here. Two multi-billionaires, Alisher Usmanov and Vladimir Lissin, run the world Olympic federations in fencing (FIE) and shooting (ISSF). The millionaire Umar Kremlev is president of the World Boxing Federation (now IBA) and a member of the Putin-affiliated, nationalist motorbike rocker club Night Wolves. Russian corporations like Gazprom are also active and influential as the main sponsors of some international sports federations.

(You may know that it is risky just to mention the man of honour Alisher Usmanov. His lawyers are quite aggressive about it. Anyway, many other non-Russian current/former IOC members and IF presidents, always very close to Putin: René Fasel, Jean-Claude Killy, Sheikh Ahmad Al-Fahad Al-Sabah, Julio Maglione, Gianni Infantino, Lamine Diack and many more, most of them very dubious figures.)

Not to forget Roman Abramovich, who played a co-decisive role in the successful bid for the 2018 World Cup on Putin’s instructions. Of course, as in other nations (Qatar in particular, but also England, the USA and the Netherlands), this bid involved numerous intelligence agencies and some of the best-known spy firms on the planet (Kroll, for example).

So, another answer to the questions about Russia’s special Olympic role is: Compromat.

Compromised, possibly incriminating material. The classic, not only in Russia.

Putin and the IOC – a short intelligence review:

Bachs Vermächtnis – The legacy of Thomas Bach

(Geschrieben vor der Eröffnungsfeier. Written before the Opening Ceremony. See an English version below.)

Die Geschäfte laufen blendend. 4,2 Milliarden Dollar hat das Internationale Olympische Komitee (IOC) im vergangenen Jahr eingenommen. Am 31. Dezember 2021 lagerten 5,6 Milliarden auf den Konten des Olympiakonzerns. Viele Verträge mit TV-Stationen und anderen Sponsoren laufen bis 2032. Darauf sind sie mächtig stolz in Lausanne, der Capitale Olympique, und das lässt die Propaganda-Abteilung des IOC die Welt gern wissen.

IOC President Thomas Bach during the Opening Ceremony of Beijing 2022. (Photograph by IOC/Greg Martin)

Zum ersten Teil der 139. IOC-Vollversammlung in Peking verkündete zunächst der ehemalige UN-Generalsekretär Ban Ki-Moon, eine Art Maskottchen des IOC, in seiner Eigenschaft als Chef der sogenannten Ethikkommission ein paar salbungsvolle Worte. Der aktuelle UN-Generalsekretär Antonio Guterres tauchte auch wieder auf (und war im Olympiastadion an Bachs Seite). Dann wurde eine Videobotschaft von Papst Franziskus eingespielt. Am Freitag, wenige Stunden vor der Eröffnungsfeier, übergab IOC-Präsident Thomas Bach als einer der Fackelläufer die olympische Flamme an Abdulla Shahid, den amtierenden Präsidenten der Generalversammlung der Vereinten Nationen. Das IOC versucht alles, um das Projekt Peking 2022, das weltweit mit Begriffen wie Propagandaspiele oder Genocide Games beschrieben wird, im besten Lichte erscheinen zu lassen.

Doch die Milliarden auf den Konten und die bestellten Botschaften helfen wenig, es geht dem IOC wie einst dem Fußball-Weltverband FIFA: In demokratischen Nationen ist das Image dieser globalen Institutionen am Boden. Kein Geld der Welt kann diesen rasant Ansehensverlust aufhalten. Zumal auch die Eröffnungsfeier der Winterspiele zeigt, in welchen Kreisen sich das FDP-Mitglied Thomas Bach mit seinem IOC am wohlsten fühlt. Viele Politiker bleiben der Zeremonie fern und vollziehen den diplomatischen Boykott. Zu Gast waren allerdings zahlreiche Spezialdemokraten, Diktatoren und Despoten. Allen voran Russlands Präsident Wladimir Putin, der drauf und dran ist, nach 2008 (Georgien) und 2014 (Ukraine, Krim) zum dritten Mal die vom IOC (und den UN) stets pompös verkündete traditionelle olympische Waffenruhe zu brechen. Putin steht zudem für die irregulären Olympischen Winterspiele 2014, die das IOC längst nicht so aufgearbeitet hat, wie es im Interesse jener Sportler sein müsste, die von Putins gedopten Staatssportlern betrogen wurden.

Live-Blog von der Eröffnungsfeier der Propaganda Games in Peking – gegen die hässlichen Fratzen des Boykotts!

Moin moin. Wir haben eine Tradition zu verteidigen. Seit 2008 gibt es in diesem Theater Live-Blogs von olympischen Eröffnungsfeiern (Peking, Vancouver, London, Sotschi, Rio de Janeiro, PyeongChang, Tokio).

Zuletzt nannte ich es vor einem halben Jahr: Live-Blog von der Friedensnobelpreisgala der Corona Games. So könnte es heute wieder heißen. Anyway, einst von Trilliarden Menschen gelesen (auf jeden Fall von mehr Menschen, als sich in China neuerdings mit dem Wintersport-Virus haben anstecken lassen, das behaupte ich einfach mal so, sollen mich die IOC-Anwälte doch verklagen), zuletzt immer noch von mindestens zehn Milliarden Besuchern verfolgt, soll es auch diesmal einige Beobachtungen und Anmerkungen geben. Das bin ich mir schuldig, auch wenn ich diesmal daheim geblieben bin, das sind wir uns schuldig.

Auf geht’s, Freitagmittag, Punkt 12.10 Uhr – ich steige ein, wenn das ZDF die Übertragung beginnt.

Thomas Bach und Xi Jinping laden uns herzlich ein zu einer völlig unpolitischen, selbstlosen, ganz bescheidenen Messe für den Weltfrieden, die Menschheit und überhaupt – gegen jegliche politische Vereinnahmung des Sports. Gegen die Geister des Boykotts, die immer wieder ihre hässlichen Häupter erheben!

IOC President Thomas Bach, 139th IOC session, Beijing, February 3rd, 2022

Bis gleich.

Das Jahr der Schande: Katar und China sind Krebsgeschwüre der olympischen Bewegung

Olympische Würdenträger Xi Jinping, Tamim Bin Hamad Al-Thani. (Foto: IMAGO/UPI)

Reden wir Klartext, es wird zu viel beschwichtigt, verfälscht und gelogen. Vergessen wir das irreführende Geschwafel vom Soft-Power-Potential des Sports und von angeblichen Segnungen von Mega-Events, die in Diktaturen ausgetragen werden. Sagen, was ist:

2022 ist ein Jahr der Schande für den olympischen Sport.

Weder sollten die Winterspiele in China, noch die Fußball-Weltmeisterschaft der Männer in Katar stattfinden.

China und Katar sind Sport-Schurkenstaaten.

Beide Großereignisse hätten aus vielerlei Gründen nie dorthin vergeben werden dürfen. 

In China werden unter der Diktatur der kommunistischen Partei Menschen- und Bürgerrechte mit Füßen getreten. China verübt einen Genozid an den Uiguren. Die Sommerspiele 2008 in Peking, die von den Propagandisten Olympias als Öffnung des Landes gepriesen wurden, haben nichts zum Positiven verändert. Es ist viel schlimmer geworden: in Tibet, in Hongkong, in Xinjiang und anderen Regionen.

Das kleine aber steinreiche Katar ist eine Erbmonarchie, in der die Scharia gilt. Katar hat den Weltsport in den vergangenen zwei Jahrzehnten mit einem beispiellosen, engmaschigen korruptiven Netz überzogen. Katar kauft und infiltriert alles und jeden: Weltmeisterschaften, Verbände, Funktionäre, Sportler, Vereine, Staats- und Regierungschefs, Abgeordnete, Wissenschaftler und Nichtregierungsorganisationen, politische Gremien, Medien und Journalisten.

Black Card für den Modernen Fünfkampf

URAYASU. Einige Hintergründe zu einem der Aufreger aus deutscher Sicht: dem Modernen Fünfkampf, wo die Berlinerin Annika Schleu eine traumatische olympische Erfahrung machen musste, wie Sie alle längst wissen: Sie lag auf Gold-Kurs, dann verweigerte das ihr zugeloste Pferd die Arbeit. Rang 31 – von 36 – statt einer Medaille. So eine Situation möchte niemand erleben.

Ohne Worte. Das Drama kann jeder sehen und begreifen. (Foto: IMAGO/Sven Simon)

Da brechen Welten zusammen. Ähnlich erging es der Peking-Olympiasiegerin Lena Schöneborn 2016 in Rio de Janeiro.

Die bewegten bewegenden und erbittert diskutierten Bilder dazu finden Sie auf den Webseiten der TV-Rechteinhaber, auch die Interviews und die Tränen. Auf den Social-Media-Kanälen Ihrer Wahl finden Sie ebenfalls viel dazu – nebst allen Diskussionen über Tierquälerei u.a.m.

Klaus Schormann (75) aber sagt, es sei alles genial und super gewesen.Schormann ist Jahrhunderten Präsident der Union Internationale de Pentathlon Modern (UIPM), war sogar schon Präsident dieses Verbandes, als dieser gemeinsam mit Biathlon eine Föderation bildete – wer weiß das heute schon noch, deshalb gibt es diesen Newsletter und das Magazin SPORT & POLITICS für olympische Bildung.

Tokio, was vom Tage übrig bleibt: Athletenkommission, Terho, Isinbajewa, Timanowskaja, Mao Zedong, Talachadse

URAYASU. Beginnen wir mit dem sportpolitisch Aktuellen: Die Finnin Emma Terho ist zur Chefin der IOC-Athletenkommission gewählt worden. Eine offizielle Bestätigung und Mitteilung der Kommission/des IOC kam gerade via Twitter, Liam Morgan hat darüber bereits berichtet.

Warum ist das wichtig: Der Chef/die Chefin der Athletenkommission erhält automatisch einen Sitz im IOC-Exekutivkomitee. Zuletzt waren das Frankie Fredericks, Claudia Bokel, Angela Ruggiero und Kirsty Coventry. Mal schauen, wo sich Emma Terho da einordnet.

Im Newsletter 15 hatte ich in der Nacht dazu gedichtet, denn diese Wahl heute hatte eine gewissen Brisanz.

Putins Darling auf dem Weg in die IOC-Führung

Despoten und Politik. Hatten wir das nicht gerade? Und gab es da nicht ein Land, das irgendwie gar nicht zu sehen sein sollte bei diesen Olympischen Spielen? Hieß das Land Russland, die Staatsdopingnation, oh, Entschuldigung: man soll, ja nur ROC sagen. Jedenfalls, ein Bild aus besseren, aus noch besseren Zeiten: Der gewesene Sportminister und heutige Vize-Ministerpräsident Witali Mutko (knallhart gesperrt vom IOC), der Allmächtige Wladimir und eine seiner Lieblingssportlerinnen, Jelena Isinbajewa, Olympiasiegerin im Stabhochsprung. Das Foto entstand im Februar 2014 bei den irregulären Staatsdoping-Winterspielen in Sotschi, während derer Putin die Annexion der Krim vorbereitet hatte (ohne dass das IOC den Bruch des olympischen Friedens monierte). Isinbajewa war damals Bürgermeisterin des Olympischen Dorfes:

Staatsdoping-Architekt Mutko, Staatsdoping-Präsident Putin, Bürgermeisterin Isinbajewa. (Foto: IMAGO)

Was vom Tage übrig bleibt (2. August 21): Kristina Timanowskaja, das IOC und der mörderische olympische Diktator

TOKYO. Leute, es ist ein Wahnsinn. Die wichtigste und einzig wichtige olympische Frage des Tages lautet: Wie geht es Kristina Timanowskaja? Ist sie in Sicherheit? Wie geht es jener weißrussischen Sprinterin, die am Sonntagabend japanische Sicherheitskräfte und das Internationale Olympische Komitee (IOC) in einer dramatischen Aktion um Hilfe gebeten hat?

So habe ich heute morgen den Newsletter 14 begonnen. Inzwischen hat sich alles weiter zugespitzt. Zunächst das Wichtigste: Kristina Timanowskaja ist in Sicherheit – sie erhielt Asyl von der polnischen Regierung und befindet sich in der polnischen Botschaft in Tokio. Offenbar sind ihr Mann und ihr Kind aus Weißrussland geflohen, schreibt der Journalist Tadeusz Giczan, dessen Twitter-Kanal Pflichtlektüre in dieser Sache ist:

Vor drei Stunden berichtete Giczan unter Berufung auf Babuschka Timanowskaja, dass Häscher des Diktators Alexander Lukaschenko auf dem Weg zu den Eltern der Olympia-Sprinterin seien.

Inzwischen haben sich Polens Außenminister Marcin Przydacz und der Botschafter Polens in Japan, Paweł Milewski, zur Sache geäußert.

Tokio, was vom Tage übrig bleibt (31. Juli 21): Schneller als Flo-Jo, Wunderheilungen im Becken. Was darf man glauben?

Schneller als Flo-Jo: Elaine Thompson-Herah. (Foto: IMAGO/Panoramic International)

TOKYO/URAYASU. Zunächst Nachrichten aus dem Maschinenraum, muss sein, danach zum Wichtigen:

Es ist so lustig mit diesen Newsletter-Anbietern. Bei Nummer 12 streikte Revue, also musste ich mal eben zurück zu Mailchimp wechseln, das ich kurz zuvor für Revue verlassen hatte. Und eben, als Nummer 13 fertig war, streikt Mailchimp und erlaubt mir keinen Zugang mehr, weil der Server verdächtig erschien und meine vielen Anmeldeversuche aus Japan. Ach Leute. Also schnell zurück zu Revue. Die Auswahl und zwei Konten parallel zu haben, ist höchst praktisch. Dass bei diesen Instantwechseln allerdings so mancher Empfänger auf der Strecke bleibt, versteht sich leider von selbst. Schade, dafür kann ich mich nur entschuldigen – auch bei den wenigen Menschen, die diesen Newsletter abbestellt hatten und jetzt vielleicht doch wieder Nachrichten bekommen. Es ist komisch. Revue hat es kürzlich geschafft, rund 1.000 Empfängern einen der Newsletter nicht zuzustellen. Es haben zwar nicht 1.000 Leser nachgefragt, aber doch einige. So musste ich neulich nächtens einige Stündchen Emails verschicken.

Doch nun zurück zu den Olympischen Corona Spielen.

So sehr empört bin ich gar nicht nach dem 100-m-Finale der Frauen, falls das auf Twitter oder auf der Webseite (live-Blog: Wachstumshormon, Zahnspangendarling, und ihre wunderschnellen Gefährtinnenen) den Eindruck gemacht haben sollte. Nö, ich bin tiefenentspannt und durchaus belustigt. Das ging mir schon mal anders, 2016 in Rio zum Beispiel, als ich im damaligen Estádio Olímpico João Havelange (heute Estádio Olímpico Nilton Santos) den Weltrekord von Wayde van Niekerk im Rundenlauf sah und sofort das Weite suchte.

Gestern (Ortszeit) sah ich also im Olympic Stadium, wie einer der unwirklichen Fabel-Rekorde von Florence Griffith-Joyner (†) aus den Annalen getilgt wurde. Die Jamaikanerin Elaine Thompson-Herah brauchte 10,61 Sekunden für die 100 Meter und gewann vor Shelly-Ann Fraser-Pryce und Shericka Jackson.

Damit verbesserte sie den Olympischen Rekord der verstorbenen mutmaßlichen Doperin und Fabelläuferin Florence Griffith-Joyner von den Olympischen Spielen 1988 in Seoul um eine Hundertstel Sekunde.

Können diese Augen lügen? Kann dieses Lachen lügen? Kann dieser Körper lügen?

Quadratur des Kreises: das olympische Programm

Es gibt sie, die besinnlichen, die besonderen Momente im Olympic Village von Tokio. (IOC/Matthew Jordan Smith)

TOKYO. Karl Stoss hat einen der interessantesten Jobs bei den Olympischen Spielen. Der Österreicher ist Chef der Programmkommission des IOC. In dieser Funktion hat er auf der 138. Session vergangene Woche gerade die Einführung von Skibergsteigen für die Winterspiele 2026 in Mailand/Cortina durchgezogen. In Tokio, und im nächsten halben Jahr bis zur IOC-Session in Peking, ist er schwer damit beschäftigt, das Programm dieser XXXII. Sommerspiele zu evaluieren. Er schaut sich täglich mehrere Wettbewerbe an – am Tag, als wir telefonierten, war er beim Judo und Mountainbike -, er hat seine ersten Siegerehrungen gleich am ersten Wochenende absolviert, im Tokyo Aquatic Centre, und er koordiniert gemeinsam mit dem IOC-Sportdirektor Kit McConnell die Arbeit der Programmkommission.

Karl Stoss, seit 2016 in Rio de Janeiro IOC-Mitglied, gehört zu jener Minderheit von IOC-Mitgliedern, die stets ansprechbar und diskussionsbereit sind. Eine Whatsapp-Nachricht, die sofort beantwortet wird – und schon ruft er zurück. Das ist selten. In unserem Gespräch verspricht er, das IOC wolle erstmals nach vielen Jahren den Evaluierungsbericht für das olympische Programm von Tokio veröffentlichen. „Ich werde mich dafür einsetzen.“

Das werden vor allem jene Sportverbände gern hören, die nicht im Programm sind, aber teilweise modernere und globalere Angebote machen, die von mehr Menschen betrieben werden, als einige der ewigen Olympiasportarten. Und die nur selten wissen, woran sie sind, weil es keine eindeutigen Regeln gibt.

Die Basics, eine kleine Einführung:

  • In Tokio gibt es 28 sogenannte Kernsportarten. Wobei einer der 28 permanenten olympischen Weltverbände, die AIBA, vom IOC suspendiert wurde. Streng genommen also: 27 Weltverbände machen ihr Ding – und das IOC organisiert das olympische Boxturnier in Eigenregie.
  • In Tokio gibt es sechs Gastsportarten: Skateboarding, Sportklettern, Karate, Surfen sowie Baseball und Softball. Manche zählen Baseball (Männer) und Softball (Frauen) als eine Sportart, sie werden mittlerweile von einem Weltverband vertreten, was vor Jahren mal eine Bedingung des IOC für die Aufnahme ins Programm gewesen ist, so verschmolzen zwei Verbände.
  • Insgesamt reden für Tokio also 33 olympische Weltverbände mit. 28+5. Oder 27-1+5, wenn man die AIBA außen vor lassen möchte.
  • Ohne die Evaluierung der Tokio-Spiele abzuwarten, hat das IOC gemeinsam mit den Organisatoren 2024 in Paris bereits die diese vier Gastsportarten festgelegt: Sportklettern, Skateboard, Surfen und Breakdance. Karate sowie Baseball/Softball mussten weichen, ohne eine nachhaltige Chance bekommen zu haben. Das ist eine der vielen Absurditäten, von denen die Programmdiskussion seit Ewigkeiten geprägt ist.
  • Für 2028 hat Los Angeles natürlich schon klare Vorstellungen. Selbstverständlich wollen die Amerikaner, neben anderen Sportarten, auch wieder Baseball und Softball dabei haben.
  • Im Vergleich dazu: Das Programm Olympischer Winterspiele prägen traditionell sieben Weltverbände: Skisport, Biathlon, Eishockey, Curling, Rodeln, Bobfahren/Skeleton und Eislaufen. Für 2026 kommt die International Ski Mountaineering Federation (ISMF) hinzu. Endlich mal ein neuer Name.

Tokio, was vom Tage übrig bleibt (29. Juli 21): die rassistische Kehrtwende

URAYASU. Ich weiß nicht, ob es Kameltreiber auf Fidschi gibt. Mir ist egal, welchen rassistischen Spruch ein dummer deutscher Radsportfunktionär möglicherweise für die Rugby-Olympiasieger aus dem Pazifik parat hätte. Doch diese Banknote zu Ehren der Flying Fijians wollte ich Ihnen nicht vorenthalten, vielleicht wird der Schein nach dem zweiten Olympiasieg neu aufgelegt – oder die Reserve Bank of Fiji macht gleich eine Serie draus.

Reserve Bank of Fiji

Eine Sieben-Dollar-Münze wurde nach dem ersten Erfolg in Rio de Janeiro auch herausgegeben.

Und diese Nationalhymne erst!

Schweigen, lächeln, genießen.

Es wird kaum schöner werden bei diesen Olympischen Corona Spielen:

Tokio, was vom Tage übrig bleibt (27. Juli)

URAYASU. Olympia werde jünger, hieß es in den vergangenen Tagen bei den Auftritten der Skateboard-Teenies und der zwölfjährigen Tischtennisspielerin Hend Zaza aus Syrien. Die New York Times bemühte den Taschenrechner: 42 Jahre alt waren die drei Medaillengewinnerinnen beim Skateboard demnach.

Nun, die Beobachter dürfen sich wieder beruhigen: Die Olympischen Spiele sind und werden keine Veranstaltung für Kinder, so wie eine Mitgliedschaft im Internationalen Olympischen Komitee (IOC) längst nicht mehr an das Rentenalter und/oder blaublütige Abstammung gebunden ist – die Wahrheit liegt irgendwo dazwischen.

So gewann ja schon am ersten Tag der Iraner Javad Foroughi, Mitglied der mörderischen Iranischen Revolutionsgarde (IRGC) die Goldmedaille mit der Luftpistole. Foroughi feiert bald seinen 42. Geburtstag, dann ist er so alt wie die drei besten Skateboarderinnen zusammen. Und am Dienstag hat nun eine deutsche Reitersfrau bewiesen, dass man auch im sechsten Lebensjahrzehnt olympische Hochleistungen vollbringen kann. Okay, es war nur Dressurreiten, und es gibt tausend gute Gründe, darüber zu diskutieren, warum diese Art Sport nicht längst aus dem Olympiaprogramm verbannt wurde. Doch es ist, wie es ist, was wären die Deutschen ohne ihre Reiterinnen und Reiter und ohne deren Rekorde:

Isabell Werth, geboren am 21. Juli 1969, gewann mit dem Team heute Gold. Es ist bereits der siebente Olympiasieg für die Frau, die behauptet, nicht auf die Statistik zu schauen. Vier Silbermedaillen hat sie ebenfalls, und am Mittwochmorgen (Ortszeit) könnte sie in der Einzelkonkurrenz ihre achte Goldmedaille holen. Sie würde mit der Kanutin Birgit Fischer gleichziehen als erfolgreichste deutsche Olympiateilnehmerin aller Zeiten.

Reitersfrauen reiten naturgemäß nicht alleine, deshalb sollte man auch ihre Gäule zeigen. Hier also: Dorothee Schneider, Showtime, Isabell Werth, Bella Rose, Jessica Bredow-Werndl und Dalera. (Foto: IMAGO/Stefan Lafrentz)

Birgit Fischer wird am Mittwoch aufgeregt und womöglich auch etwas traurig sein, sollte sie ihren deutschen Rekord teilen müssen. Ich werde es live erfahren, denn unmittelbar vor der Einzelkonkurrenz im Dressurreiten diskutiere ich mit ihr und Gunter Gebauer und Thomas Ihm eine Stunde im Radiosender SWR2. Vielleicht möchten Sie mal reinhören, Mittwoch ab 17.05 Uhr MESZ.