andrew jennings

Im Jahr der Sport-Schurkenstaaten: Was würde Jennings tun? Was ist Journalismus, was Propaganda?

Im Jahr der olympischen Schurkenstaaten, mit Mega-Events in China und Katar, bei denen das IOC und die FIFA ekelhafte Allianzen mit Diktatoren eingehen, ist der einflussreichste investigative olympische Journalist aller Zeiten gestorben: Was würde Andrew Jennings tun im Jahr 2022? Was ist Journalismus und was Propaganda? Mein Editorial aus SPORT & POLITICS, Heft 3, der Andrew Jennings Edition. Die englische Variante, in diesem Fall das Original, gibt es an dieser Stelle.

Diese Episode würde AJ gefallen, da bin ich mir sicher. Er will, dass wir lachen. Also: Andrews Alter Ego Juan Antonio Samaranch Sr. hat akribisch Buch über seine Amtsgeschäfte als Präsident des Internationalen Olympischen Komitees führen lassen. 1997 hat das IOC dazu sogar ein Statistikbuch des schwedischen Sporthistorikers und Samaranch-Fans Wolf Lyberg veröffentlicht: The seventh President of the IOC – facts and figures. Es ist eines meiner Lieblingsbücher. Darin wurde so ziemlich alles aufgeführt, was die Menschheit dringend über das Tagesgeschäft und die ersten 17 Amtsjahre Samaranchs wissen wollte: 

An wie vielen Tagen Samaranch geflogen ist (2.116), die Anzahl seiner Reisetage (3.520), seiner Flugstunden (4.805), der verteilten Olympischen Orden (679), der zurückgelegten Kilometer (3.480.280), die Zahl der besuchten NOK (193) und der Staatsoberhäupter, Könige, Königinnen, Fürsten, Emire, Sultane und Premiers, denen er die Hand geschüttelt hat (179). Manche darunter, so hielt Lyberg offensichtlich begeistert fest, hatte Samaranch „vier oder gar sechs Mal besucht“!

Wow.

Warum ich daran erinnere?

Ich habe flink noch die Fotos von Samaranch gezählt, die in dem IOC-Büchlein gedruckt wurden: 92. Natürlich hat das IOC keine Fotos veröffentlicht, die Samaranch Sr. mit seinem verehrten Caudillo und mit ausgestrecktem rechten Arm zeigen.

In diesem Magazin zu Ehren von Andrew Jennings gibt es aktuell – im Moment, da ich diese Zeilen schreibe – mein Editorial muss noch bebildert werden, 29 Fotos von Andrew. Es werden vielleicht einige hinzu kommen.

92-29 also für Samaranch gegen Jennings. Ein souveräner Sieg.

Dafür finden sie in diesem Heft aber, das hätte Andrew gewollt, vier Fotos, die den Franquisten Samaranch so zeigen, wie das IOC ihn nie gezeigt hat. Und das gehört sich auch so.

Wie gesagt, Andrew würde diese Statistik gefallen. Sie, liebe Leser, werden sich aber vielleicht fragen: Verdammt, warum beginnt dieser Weinreich seinen Text mit so einer blöden Statistik über Bilder?

Ich kann Ihnen darauf eine Antwort anbieten: Weil Andrew Jennings nicht nur ein Mann der Dokumente war, wie von vielen Autoren dieses Magazins zuallererst und zurecht beschrieben – Andrew war auch ein Mann der Bilder.

Neben dem Leitspruch get the documents!, von vielen Autoren oft beschrieben in diesem Heft, habe ich etwas anderes von Andrew gelernt, was ihm extrem wichtig war: we need colorful notes!

Ohne Dokumente hätte Andrew nie eine so fulminante Wirkung erreicht und mehrere Generationen von Journalisten prägen können. Ohne seine colorful notes aber auch nicht. Er hätte seine Leser, Zuhörer und Zuschauer sonst nie so mitreißen können. Dieser Aspekt wird oft vernachlässigt.

Let‘s get on with it!

The most important investigative Olympic journalist has died in the year of the sporting rogue states, with mega events in China and Qatar. We honour the legacy of Andrew Jennings by not letting 2022 go unchallenged.

My editorial in the Andrew Jennings Edition of SPORT & POLITICS magazine.

Andrew would like this, I’m sure. He wants us to laugh. So: Andrew’s alter ego Juan Antonio Samaranch Sr. has had meticulous accounts kept of his official activities as President of the International Olympic Committee. In 1997, the IOC even published a statistics book on this by the Swedish sports historian and Samaranch fan Wolf Lyberg: The seventh President of the IOC – facts and figures. It is one of my favourite books. It listed pretty much everything that mankind desperately wanted to know about the day-to-day business of Samaranch’s first 17 years in office:

How many days Samaranch flew (2,116), the number of days he travelled (3,520), the number of hours he flew (4,805), the number of Olympic medals distributed (679), the number of kilometres travelled (3,480,280), the number of NOCs visited (193) and the heads of state, kings, queens, princes, emirs, sultans and premiers he shook hands with (179). Some of them, Lyberg obviously noted enthusiastically, Samaranch had visited “four or even six times”!

Wow.

Why am I reminding you of this?

I nimbly counted the photos of Samaranch printed in the IOC booklet: 92. Of course, the IOC did not publish any photos showing Samaranch Sr. with his revered Caudillo and with his right arm outstretched.

In this magazine in honour of Andrew Jennings, there are currently – at the time I am writing these lines – my editorial has yet to be illustrated, 29 photos of Andrew. There may be a few more to come.

92-29, then, for Samaranch against Jennings. A commanding victory.

But instead, as Andrew would have wanted, you will find four photos in this issue that show the Franquist Samaranch as the IOC has never shown him. And that is how it should be.

As I said, Andrew would like this statistic. But you, dear reader, might ask yourself: Damn, why does this Weinreich start his text with such a stupid statistic about pictures?

I can offer you an answer to that: Because Andrew Jennings was not only a man of documents, as described first and foremost and rightly by many authors of this magazine – Andrew was also a man of images.

Besides the motto get the documents!, I learned something else from Andrew that was extremely important to him: we need colourful notes! (That is the wording as I have memorised it).

Without documents, Andrew would never have been able to achieve such a brilliant impact and shape generations of journalists. But neither would he have done so without his colourful notes. Otherwise, he would never have been able to captivate his readers, listeners and viewers. 

US-Justiz: Stimmenkauf bei Vergabe der Fußball-WM 2010, 2018 und 2022

Die amerikanische Justiz hat im Kriminalkomplex des Fußball-Weltverbandes FIFA weitere Anklagen erhoben. In der nunmehr dritten großen Anklageschrift, die an die beiden umfangreicheren Sammel-Anklagen aus dem Jahr 2015 und die zahlreichen inzwischen abgeurteilten Fälle anknüpft, werden drei Manager und eine Firma aus der TV-Rechtebranche (Full Play Group, Uruguay) wegen zahlreicher schwerster Vergehen angeklagt. Wegen bandenmäßigen Betruges, Geldwäsche und Korruption drohen den Sportrechtehändlern Hernan Lopez, Carlos Martinez und Gerard Romy Haftstrafen von mehreren Jahrzehnten. Dabei geht es nicht nur um TV-Rechte an den Kontinentalwettbewerben in Nord- und Südamerika, sondern auch um Rechte an Fußball-Weltmeisterschaften, erworben von der Firma 21st Centrury Fox.

„Die Anklagen spiegeln das anhaltende Engagement unserer Behörden wieder, Korruption auf höchster Ebene des internationalen Fußballs auszurotten“, erklärte Bundesanwalt Richard Donoghue in New York. „Unternehmen und Einzelpersonen sollten gleichermaßen verstehen, dass sie unabhängig von ihrem Vermögen oder ihrer Macht vor Gericht gestellt werden, wenn sie das US-Finanzsystem nutzen, um weitere korrupte Ziele zu erreichen.“

live aus PyeongChang (2): Olympische Systemfragen. Die Nähe zum organisierten Verbrechen

ALPENSIA. Habe gerade Ching-Kuo Wu begrüßt, kurz bevor er zur Eröffnung der IOC-Session chauffiert wurde. Herr Wu, war da nicht was? Klar, er wollte mal IOC-Präsident werden, führte von 2006 bis 2017 den Box-Weltverband AIBA und musste kürzlich wegen Misswirtschaft (mindestens) als AIBA-Boss zurücktreten, womit er auch seine Position als Vertreter der olympischen Sommersportverbände im IOC-Exekutivkomitee verlor. IOC-Mitglied ist und bleibt der Taiwanese natürlich. Vorerst? Oder solange, wie es die Regeln hergeben?

Einst schrieb mir Wu auf, warum er IOC-Präsident werden wolle …

… weil er die olympische Bewegung entwickeln könne.

Herr Wu war tatsächlich mal als Erneuerer angetreten, in der AIBA, als Nachfolger des schwer korrupten Pakistani Anwar Chowdhry † (hier finden sich einige zusammenfassende Beiträge von mir dazu, durchaus wichtig, wenn man die Zeitläufte verstehen möchte). Chowdhry wiederum diente einst in der sogenannten sportpolitischen Abteilung von Adidas unter Horst Dassler † und wurde 19086 auch von Dassler auch an der AIBA-Spitze installiert. Chowdhry werkelte für Dassler damals also an der Seite des IOC-Schmiergeldboten Jean-Marie Weber und des damaligen Adlatus von Horst Dassler, ein gewisser Thomas Bach war das. Heute ist er ein Mann, der nicht Freund von Wladimir Putin sein möchte, der unter Dassler ohnehin nie etwas mitbekommen hat von unsauberen Machenschaften (und selbstverständlich nie daran mitgewirkt hat), und der ganz ganz schlimm findet, wie sich das in der AIBA so entwickelt.

live aus Rio (22): † João Havelange und der Wert von Recherchejournalismus

[caption id="attachment_27674" align="aligncenter" width="1024"]Foto: Nationaal Archief Fotocollectie Anefo, CC BY-SA 3.0 nl Foto: Nationaal Archief Fotocollectie / Anefo, CC BY-SA 3.0 nl[/caption]

RIO DE JANEIRO. Es klingt pietätlos, dennoch: Der Tod des letzten Dinosauriers ist exakt getimt. Die Spiele der XXXI. Olympiade hier in Rio sollten eigentlich ein Freudenfest zu seinem 100. Geburtstag werden. Nun wird es einen Trauer-Gottesdienst und vielleicht noch während der Spiele die Beerdigung geben für Jean-Marie Faustin Goedefroid de Havelange, kurz João, der gestern Nacht im Hospital Samaritano gestorben. Havelange war einer der prägendsten Figuren in der Geschichte des Weltsports. Er war der Chef eines Kartells, der Boss einer global operierenden mafiosen Vereinigung.

Havelange hat Zeit seines Lebens viele Gesetze ausgehebelt. Den Gesetzen der Natur aber konnte er nicht ewig trotzen.

Hearing in Washington: FIFA as a „mafia style crime syndicate“

What has been revealed so far is a (FIFA) mafia-style crime syndicate in charge of the sport. my only hesitation in using that term is … it is almost insulting to the mafia.“

Senator Richard Blumenthal (D-CT)

Wer es gestern Abend verpasst haben sollte, sich aber für den Fortgang des FIFA-Krimis interessiert, sollte sich Popcorn holen und dann zwei Stunden in diesem Filmtheater genießen. Die Anhörung vor dem US-Senatsausschuss für Handel, Wissenschaft und Transport zum Thema „Examining the Governance and Integrity of International Soccer“.

In den Hauptrollen:

  • Andrew Jennings (seine Texte hier im Blog)
  • Dan Flynn (CEO US Soccer)
  • Sunjeev Bery (Amnesty International)
  • Michael Hershman (Fairfax Group, ICSS/Katar, ehemals Reformkomitee der FIFA)
  • Senator Richard Blumenthal (D-CT)
  • Senator Jerry Moran (R-KS, seine einleitende Rede)

Das Video-Protokoll:

Was von der FIFA übrig bleibt (16. Juni 2015): der Deal mit Chuck Blazer, John Oliver vs Jack Warner und andere Köstlichkeiten, Berichte von WADA und NADA

Fundstücke, Kurzkritiken, Lobeshymnen, Verrisse und Lesebefehle – aktuelle Notizen vom Tage aus dem olympischen Paralleluniversum. Freue mich über jede Ergänzung und Mitwirkung.

(1) Natürlich wieder ein netter Zusammenschnitt von extra 3, allerdings mit einem grundsätzlichen Fehler: Der Sepp ist längst noch nicht weg. Er treibt weiter im Home of FIFA sein Unwesen.

https://www.youtube.com/embed/HjmaCvUjcWk

(2) John Oliver hat im Gefecht mit Jack Warner, der ihn als comedian fool bezeichnete, ebenfalls nachgelegt:

https://www.youtube.com/watch?v=DQmGMJBHhaI

Und nun wieder eine Menge Stoff zum Selbststudium.

Was vom Tage übrig bleibt (86): FIFA, natürlich die FIFA

Moin, moin. Und es war auch wieder eine aufregende Nacht.

1) Das Geständnis von Chuck Blazer schon gelesen? Habe es noch in der Nacht zur Lektüre aufgearbeitet. Die herrlichsten Geschichten stehen ohnehin in der Anklageschrift und dem CONCACAF-Bericht von 2013 und einigen Medien, die darüber im Laufe der Jahre ausführlich berichtet haben. Mein Favorit ist, glaub ich, die Nummer, dass Chuck seiner Katze auch ein Appartment im Trump Tower gemietet hat – auf CONCACAF-Kosten.

2) Inzwischen hat sich auch Jack the Ripper wieder per Video zugeschaltet und eine weitere Lawine an Enthüllungen versprochen:

https://www.youtube.com/embed/Kt45bHlui9U

https://www.youtube.com/embed/ZcbuJVfhGnk

live-Blog: das Wunder von Zürich – Sepp Blatter tritt (tatsächlich) zurück

ZÜRICH. Bin noch den ganzen Tag hier. Am Tag nach dem angekündigten Rücktritt wird dieser Eintrag laufend ergänzt – mit Links, Anmerkungen und Dokumenten. Bis zum Ende scrollen …

https://www.youtube.com/embed/RxmJDP1Dn-4

2. Juni, 18.56 Uhr: Es ist aus. Das Spiel ist aus. Aus. Aus. Aus. Ciao, Sepp. Vor wenigen Sekunden ist Joseph Blatter (79) in Zürich zurückgetreten. Es soll so schnell wie möglich ein Außerordentlicher Kongress durchgeführt werden, um seinen Nachfolger zu wählen. Sitze gerade in den Büros des Schweizer Fernsehens, wo ich nachher in Der Club live diskutiere.

Ich habe nicht gejubelt. Ich schreie nicht. Ich nehme zur Kenntnis. Bei allem habe ich doch noch Respekt vor Sepp. Auf eine bestimmte Art. Wir haben viel erlebt, in gewisser Weise auch gemeinsam. Mir gehen zwanzig Jahre Arbeit durch den Kopf, viele Jahre und Bücher davon gemeinsam mit Thomas Kistner. Ich denke an Andrew Jennings, gerade vorhin haben wir wieder telefoniert und uns gefragt, wie lange es noch dauert.

Jetzt ist es soweit. Jetzt müssen weitere Rücktritte folgen. Die UEFA muss natürlich ebenso, sorry, gesäubert werden.

Was vom Tage übrig bleibt (84): FIFA, Warner, Jennings, Jauch, Oliver …

Fundstücke, Kurzkritiken, Lobeshymnen, Verrisse und Lesebefehle – aktuelle Notizen vom Tage. Freue mich über jede Ergänzung und Mitwirkung.

https://www.youtube.com/embed/sMy2HS5kESA

(1) Am jüngsten Video des Blatter-Stimmenbeschaffers und FIFA-Ganoven Jack Warner ist vieles lustig. Auch das:

(2) Ich beneide Peter Ahrens absolut nicht, die von der Jauch-Redaktion produzierte Inhaltsleere in Worte zu fassen. Er war sehr zahm, der Frühkritiker auf Spiegel Online, und gewiss auch ziemlich klug, es so sachlich und vorsichtig zu skizzieren.

live aus Zürich: der Tag danach im Home of FIFA

ZÜRICH. Moin moin. Nun geht es hier also doch noch mit mir weiter. Bin gleich unterwegs auf den Zürichberg, wo Sepp in Kürze sein neues Exekutivkomitee versammelt. Mit dem schweigsamen Wolfgang Niersbach, der gestern leider so heftig mit sich und seinem Innersten gerungen hat, dass er glatt vergaß, auf dem FIFA-Kongress irgendetwas zu sagen und überhaupt mal ein Zeichen zu setzen. Leute, vergesst all den Unsinn, all die vielen Interviews – gestern war wichtig. Und da war wieder mal Handlungsstarre bei DFB/DFL-Vertretern. Wie immer. Es zählen nicht Worte, sondern Taten.

Aber gefühlige Texte über den ach so schwierigen Spagat, der einem wie Niersbach die Männlichkeit zu zerreißen droht, ob nun in einer großen „Nachrichten“agentur oder anderswo, die hat der Wolle Niersbach natürlich bekommen. Gestern durfte er auch noch in einem „Interview“ seine Sicht der Dinge loswerden, nachdem sein rückgratsloser Pressechef einen Großteil des Kongresses neben den Reportern verbracht hatte. Das ist ganz einfach.

Halten wir kurz mal fest. Natürlich ist Niersbach kein „Blatter-Kritiker“. Nie gewesen. Er ist Teil des Systems, verwoben mit Blatter, mehr noch mit Platini – und all den anderen.

So geht das, wenn man Rückgrat hat (und was anderes).