winfried gassmann

Grit Hartmann: Fragen zum „Morbus Pechstein“

Eine Hommage an Grit Hartmann:

Ihre hartnäckigen Recherchen und Texte haben die Diskussion über den Fall Pechstein und die Unkultur im deutschen Sport (am Beispiel Thüringen) neu befruchtet. Sie hat sich auch in beeindruckender Weise gegen die die juristischen Attacken der Olympiasiegerin gewehrt.

In der Hektik dieser Tage geht nun leider etwas unter, wer der Urheber dieser neuen Entwicklungen war. Manches, was derzeit von aufgeregten Reportern als exklusiv verkündet wird, hat sie längst schon ruhig und bestimmt vermeldet. Man muss nur lesen wollen. (Andere Journalisten zitieren seit Wochen aus ihren Beiträgen, ohne Quellen zu nennen. Manche tun beides. Aber so ist das Geschäft.)

Ich weiß, dass noch einiges kommen wird. Und ich freue mich drauf.

Zunächst ihre jüngste Recherche, dann die älteren Texte ab April vergangenen Jahres:

Neue Fragen zum „Morbus Pechstein“

Als Claudia Pechstein nach ihrer Dopingsperre aufs Eis zurückkehrte, rechnete einer ihrer eifrigsten Fürsprecher noch einmal ab mit den „Antidoping-Jägern“. Der Siegener Krankenhausarzt Winfried Gassmann schimpfte über die „Ungerechtigkeit“, die Pechstein durch den Weltsportgerichtshof CAS und ihre Kritiker widerfahren sei. „Ich bin froh, wenn ich mit dieser Szene nichts mehr zu tun habe.“

Das war vor einem Jahr. Längst hat es sich Gassmann, der wie andere Experten aus der Deutschen Gesellschaft für Hämatologie und Onkologie (DGHO) beim Schweizer Bundesgericht ein Gutachten für Pechstein vorlegte, anders überlegt. Vor kurzem flatterte dem Bundestags-Sportausschuss wieder mal ein Brief von ihm auf den Tisch. Die aktuellen, nach wie vor schwankenden Blutwerte bei Pechstein, belehrte Gassmann die Abgeordneten, hätten „bewiesen, dass die zentrale Aussage des Richterspruchs biologisch falsch ist“. Der CAS erklärte bekanntlich die Ausschläge bei den jungen roten Blutkörperchen, den Retikulozyten, mit Doping – die Hämatologen mit einer vererbten Anomalie.

Spannend dürfte nun werden, was die professoralen Parteigänger der Kufenläuferin zu Erfurt vortragen, zu Pechsteins Blutbestrahlung mit ultraviolettem Licht. „Für die Wissenschaft waren die Hämatologen-Auftritte blamabel“, sagt schon jetzt der Nürnberger Pharmakologe Fritz Sörgel, einer der Wenigen, der an der Anomalie-These zweifelte. Die DGHO sei wohl „der Prominenz Pechsteins und ihrem PR-Tross“ erlegen – statt „objektiv zu arbeiten und intensiv zu recherchieren“.

Sörgel wagt sich nicht nur eingedenk der Hinterlassenschaft der DDR-Doktoren so weit vor: Schon die setzten die Blutpraxis in mehrwöchigen Kuren zu Dopingzwecken ein. Österreichs Skandaltrainer Walter Mayer schätzte sie ebenfalls – 2002 in Salt Lake City flogen seine Athleten damit auf. Bei den Winterspielen in Turin stießen Carabinieri im Teamquartier dann auch auf UV-Lampen.

Zum Mysterium der UV-Lampen hat Sörgel einige der raren Arbeiten ausgegraben.

  • 1964 etwa legte ein Ärzteteam der Universität Göttingen Patienten mit diversen Hautkrankheiten unters UV-Licht. Resultat: Die Retikulozyten-Zahl fällt erst, zwischen dem 13. und 15. Tag aber kommt es zur „überschießenden Regeneration“, zu einem Plus von 36 Prozent. Hämatokrit und Hämoglobin, der rote Blutfarbstoff und wichtigste Sauerstofftransporter, bleiben unverändert.
  • 1976 experimentierten polnische Forscher an Ratten und Hasen. Die UV-Bestrahlung „steigerte die Blutbildung im Knochenmark“. Weil eine stärkere Dosis abgefeuert wurde, stiegen die Reti-Werte um mehr als 200 Prozent, aber auch der Hämatokrit.
  • Die dritte Arbeit schließlich, publiziert 1986 von der Ukrainischen Akademie der Wissenschaften, hält ebenfalls Interessantes fest: UV-Licht schädigt die Membranen der roten Blutkörperchen.

Anomalie der Membranen, verrückt spielende Retis – auf den ersten Blick verblüffende Parallelen zu Pechsteins Blutbild.

Allerdings: UV-Lampen wirken anders als Eigenblutmanipulation, wie der Arzt und Epo-Forscher Stefan Franz ergänzt: „Bei UV-Bestrahlung des Körpers kommt es durch eine Aktivierung verschiedener Mechanismen offensichtlich zur Freisetzung von Hormonen. Die wiederum aktivieren das Knochenmark.“

Bei der in Erfurt angewandten Prozedur hält Franz dies – auch er ein profunder Kritiker der DGHO-Gutachter – für unwahrscheinlich: „Obwohl Ausschließen in der Wissenschaft immer schwierig ist.“ Die Veränderung der Membranen sei „im Kontext jedoch ein interessanter Aspekt“.

Und wie wirkt direkte Blutbestrahlung?

Dazu kursieren viele von der Schulmedizin skeptisch beäugte Thesen. Einer ihrer bekannteren Vertreter ist Gerhard Frick. Er führt eine Naturheilkunde-Praxis und sitzt im Vorstand einer „Internationalen Ärztlichen Arbeitsgemeinschaft“, die der UV-Blutmethode Wunder zuschreibt. Heilkräfte soll sie bei Magen-Darm-Leiden, bei Lungen-, Nieren- und Herzkrankheiten entfalten sowie generell bei Altersbeschwerden. Zu DDR-Zeiten war Frick, damals Leiter der Transfusionsmedizin an der Universität Greifswald, noch bescheidener. In einem Artikel für die „Zeitschrift für Ärztliche Fortbildung“ sah er 1986 vor allem eine medizinische Indikation, nämlich das Kurieren arterieller Verschlusserkrankungen.

Das wichtigste Plus der UV-Strahlen: „Steigerung der Fließbarkeit und somit erhöhte Mikrozirkulation des Blutes“. Sogar der Physiker Manfred von Ardenne, einer der Entwickler von Stalins Atombombe und in der DDR hoch geehrter Erfinder, interessierte sich dafür. Ardenne fand angeblich „verbesserte Sauerstoffausnutzung im Gewebe“. Davon würden auch Athleten profitieren. DDR-Kliniken zögerten jedoch mit Einführung der UVB. Frick: „Weil die Wirkungen molekularbiologisch noch nicht ganz aufgeklärt sind.“

Kann die UV-Blutpraxis eine Erklärung für Werte wie die von Claudia Pechstein liefern? Das ist nun eine von vielen Fragen. Zumal:

Die DGHO-Gemeinde um Gassmann lavierte in der Causa schon hart an der Grenze der Glaubwürdigkeit.

Anfang 2010 attestierte sie zunächst eine Kugelzellanomalie, eine Sphärozytose. Die „neue Methode“, mit der diese angeblich sicher detektiert war, erwies sich indes als ungeeignet für Pechsteins Werte – das stellte sich Ende 2010 heraus, als sie publiziert wurde. Der Münchner Professor Stefan Eber entdeckte dann eine andere Anomalie, eine Xerozytose.

Schließlich einigte man sich auf eine Art Morbus Pechstein, eine „bisher unbekannte Mischform“ beider Zytosen.

Nach dem Gen, auf dem beide gemeinsam lokalisiert sein sollen, wird noch gefahndet.

(Erstveröffentlichung 1m 1. Februar 2012 in der Berliner Zeitung und in der Frankfurter Rundschau)

Die Vorgeschichte:

Claudia Pechstein und die Kugelzell-Anomalie

Ich komme gerade von der Pressekonferenz der Deutschen Gesellschaft für Hämatologie und Onkologie in Berlin zum Thema: „Der Fall Pechstein – aus medizinischer Sicht geklärt“. Einen kompletten Audio-Mitschnitt, Original-Unterlagen, soweit mir bislang verfügbar, und etliches mehr gibt es später jetzt in diesem Theater.

So, hier nun alle Dokumente zur heutigen Pressekonferenz. Ausführlicher geht nicht.

Der Audio-Mitschnitt, Vorträge und Fragerunde, 91 Minuten:

:

Die Ausarbeitungen, Folien, CVs: Wer mir nicht traut, nebenan bei der DGHO findet sich das alles ganz vorbildlich, so dass ich nicht mal etwas einscannen musste. Ich habe es der Pressemappe entnommen und einiges zusätzlich verlinkt:

Gerhard Ehninger:

Wolfgang Jelkmann:

Andreas Weimann:

Winfried Gassmann:

Pressetext der DGHO

Für alle, die zu faul sind, sich durch die mittlerweile 38 Beiträge und knapp 3000 Kommentare in diesem Blog zu klicken :), hier flugs noch die wichtigsten Dokumente bisher:

Ich habe nach der Pressekonferenz in der Hektik in 70 Minuten für verschiedene Zeitungen dieses Angebot gedichtet. Es gibt bessere Zitate, natürlich, ist mir beim Nachhören auch aufgefallen. Aber so ist’s Leben. Und über das in-der-Schnelle-dichten werde ich mich wohl endlich mal ausführlicher äußern müssen. Vielleicht morgen.

BERLIN. Führende deutsche Hämatologen behaupten, den Stein der Weisen gefunden und den Dopingfall Claudia Pechstein gelöst zu haben. Gemäß Professor Gerhard Ehninger, Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Hämatologie und Onkologie (DGHO), stehe „zu 99,99 Prozent“ fest, dass Claudia Pechstein nicht gedopt habe. „Das ist mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit bewiesen“, sagte Ehninger am Montag auf einer Pressekonferenz in Berlin, „für mich ist es jetzt geklärt, die Beweiskette ist geschlossen.“

Die unnormal erhöhten Werte an jungen roten Blutkörperchen (Retikulozyten), die für den Eislauf-Weltverband (ISU) und den Welt-Sportgerichtshof (CAS) auf Dopingmethoden zurückzuführen sind, weshalb eine zweijährige Sperre ausgesprochen wurde, begründen die Blutforscher mit einer erblich bedingten Krankheit. Angeblich leiden rund 800.000 Deutsche an dieser hereditären Sphärozytose, der so genannten Kugelzell-Anämie. Die Darlegungen der Wissenschaftler stützen sich auf umfangreiche Untersuchungen von Pechstein und ihrer Familie.

Was vom Tage übrig bleibt (50): Kommentar von Prof. Winfried Gassmann zum Fall Pechstein

In einer Email aus dem PR-Hause Powerplay AG bittet das Management von Claudia Pechstein um Beachtung eines neuen Schriftstückes. Professor Winfried Gassmann, Chefarzt an der Klinik für Onkologie des St. Marien-Krankenhauses Siegen, hat mit Datum vom 5. Januar 2010 einen 28 Seiten umfassenden Kommentar zum Fall Pechstein und zum CASUrteil verfasst. Pechsteins Management schreibt dazu:

Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass Prof Gassmann weder an dem ISU-Verfahren noch an der Verhandlung vor dem CAS beteiligt war. Er ist auch kein von Frau Pechstein nachträglich beauftragter Gutachter, sondern hat seinen Kommentar unentgeltlich aus eigenem Interesse an dem „Fall Pechstein“ geschrieben.

Winfried Gassmann ist nicht mit Max Gassmann (Zürich) zu verwechseln, der im Prozess als Gutachter „neutraler Experte“ aufgetreten war und sich medial desöfteren zu Wort gemeldet hat (Google-Suche). Nun zu den Dokumenten:

Außerdem hat die wegen angeblichen Blutdopings gesperrte Olympiasiegerin das CAS-Urteil ins Deutsche übersetzen lassen:

Zur besseren Übersicht noch dies:

Zurück zum Tagesgeschehen, die Essenz des Gassmann-Kommentars:

„Evidenzen gegen Epo-Doping“

  1. Es ist nicht sachgerecht, einzelne Retikulozytenwerte isoliert zu betrachten. Ziel des Dopings ist es, die Zahl der Erythrozyten zu erhöhen, ohne den Hämoglobin- und Hämatokrit-Grenzwert der Dopingkontrollen von 46% (für Frauen) zu überschreiten. Hätte Frau Pechstein Erythropoetin zur Steigerung der Blutbildung genutzt, hätte sich dies nicht nur in vermehrten Retikulozyten sondern auch durch „doping-optimierte“ Hämatokrit- und Erythrozytenwerte im oberen Normbereich dokumentieren müssen. Dies ist jedoch zu keinem Zeitpunkt der Fall; einmalig wurde bei ihr ein Hämoglobinwert von 16.5g/dl gemessen; drei Tage danach bei einer Wettkampfkontrolle wurde wieder 13.8 g/dl gemessen. In der verfügbaren Zeit seit 2000 wurden unmittelbar vor und während Europa- und Weltmeisterschaften sowie Olympischen Spielen insgesamt 37 Blutkontrollen durchgeführt. Bei 28 dieser Messungen lag sie mit dem Hämatokritwert in der unteren Hälfte des Normbereiches für Frauen. Dies gilt auch für die besonders auffällige WM in Hamar: Start- Hämatokrit bei 41%, am Folgetag 39% nach einem Wettkampf.
  2. Nach erhöhten Retikulozytenwerten wurde niemals ein Hämoglobinanstieg von z.B. 1 g/dl dokumentiert, wie es bei Epo-Doping zu erwarten ist. Vielmehr passt dieses Bild zu einer suklinischen Hämolyse. Vor den höchsten Hämoglobinwerten von Frau Pechstein über 15 g/dl wurde niemals ein Retikulozytenwert über der ISU-Grenze von 2.4% gemessen.
  3. Die Blutwerte von Frau Pechstein waren bei Top-Ereignissen identisch zu denen bei Weltcup-Wettbewerben und zu denen bei unangemeldeten Trainingskontrollen. Es gibt keinerlei Evidenzen für ein auf Top-Ereignisse zielgerichtetes Doping.