tsunekazu takeda

Tokio 2020: Schmiergeld für IOC-Stimmen

Die Debatte, auf welchen Wegen Tokio an die Olympischen Spiele 2020 gekommen ist, erhält neue Nahrung. Die Nachrichtenagentur Reuters berichtet, auch unter Berufung auf das japanische Monatsmagazin Facta, von weiteren dubiosen Millionenzahlungen des vormaligen Bewerbungskomitees aus Tokio. Das Internationale Olympische Komitee (IOC) hatte die Sommerspiele auf seiner Session im September 2013 vergeben. Tokio gewann damals gegen Istanbul (60:36 IOC-Stimmen in der Finalrunde) und Madrid. 

Dokumentiert sind nun diese Zahlungen des Tokioter Bewerbungskomitees:

  • 8,2 Millionen Dollar flossen an eine Firma des einflussreichen Sportvermarkters Haruyuki Takahashi.
  • 1,3 Millionen wurden an das Kano Institut des ehemaligen japanischen Ministerpräsidenten Yoshiro Mori gezahlt, der heute als Präsident des Olympia-Organisationskomitees TOCOG amtiert. 

Putin-Freund Thomas Bach und das IOC in Not: Kampf um die Kommunikationsherrschaft

We are at a tipping point for international sport, whose future may well be in doubt.“
Richard Pound, IOC-Doyen

[caption id="attachment_19649" align="aligncenter" width="650"]Finale Fußball-WM 2014 Foto: President of Russia[/caption]

Es ist eine Flucht nach vorne. Der Vorstand des von spektakulären Doping- und Korruptionsfällen schwer erschütterten Internationalen Olympischen Komitees (IOC) geht nach einer Krisensitzung in die Offensive. Der Olympiakonzern unternehme alles, um „saubere Athleten zu schützen“, heißt es in einer länglichen Erklärung vom Dienstag. So teilte die IOC-Führung mit, bei Nachkontrollen eingefrorener Dopingproben von den Olympischen Sommerspielen 2008 in Peking seien 31 Athleten aus zwölf Ländern und sechs Sportarten des Dopings überführt worden. IOC-Medizindirektor Richard Budgett hatte die Analysen vor zwei Monaten angekündigt. Namen wurden nicht genannt, zunächst würden die betreffenden Nationalen Olympischen Komitees (NOK) zeitnah informiert, hieß es. Das IOC versprach weitere Nachtests der Proben von Medaillengewinnern 2008 und 2012 (London). 

Wenig später wurde ein Meinungsbeitrag des IOC-Präsidenten Thomas Bach auf der IOC-Webseite und mancher Tageszeitung veröffentlicht (in Deutschland übernimmt diese Posaunenfunktion traditionell die Frankfurter Allgemeine Zeitung: „Die Unschuldsvermutung könnte in Frage stehen“), in dem Bach von einer „schockierenden neuen Dimension“ und „beispielloser krimineller Energie“ sprach, sollten sich die Enthüllungen des russischen Whistleblowers Grigori Rodschenkow über das staatlich sanktionierte russische Dopingsystem bewahrheiten.

Woran kaum Zweifel bestehen.

Am Mittwoch versprach der UDIOCP Thomas Bach schließlich auf einer Telefonkonferenz mit ausgewählten Journalisten, es würden alle beteiligten Personen und Verbände zur Verantwortung gezogen – sogar lebenslange Sperren zog er in Erwägung, dabei hat er als Funktionär stets gegen lebenslange Sperren und sogar gegen Vierjahressperren gekämpft, die seiner Meinung nach gegen Menschenrechte verstoßen würden. Doch in Krisenzeiten wie diesen stellt sich Bach als Hardliner dar. Ausgerechnet er, der Wladimir Putins Propaganda-Winterspiele 2014 bisher stets in höchsten Tönen als „die Spiele der Athleten“ gepriesen hatte.

Bach ist weltweit unter Druck geraten, seine PR-Maßnahmen folgen in diesen Tagen einem altbekannten Muster, er nennt es gern „proaktive Kommunikation“ und bedient sich wie so oft Verbündeten in den Medien. (Von den üblichen Drohgebärden seiner Anwälte gegenüber Journalisten ist mir derzeit allerdings nichts bekannt.)

Der Reihe nach. Zunächst das Thema Peking: Es handelt sich nicht um die ersten Nachtests der Peking-Proben. Schon 2009 waren einem halben Dutzend Sportlern die Verwendung des Blutdopingmittels Cera nachgewiesen worden. Daraufhin wurde dem für Bahrain startenden Marokkaner Rashid Ramzi die Goldmedaille über 1.500 Meter aberkannt. Auch der italienische Radprofi Davide Rebellin musste seine Silbermedaille zurückgeben. Allerdings war bei der Auswahl der Proben, die in Paris, Lausanne und Köln auf Cera und Insulin untersucht wurden, offenbar selektiert worden. Auch bei den nun vom IOC bekannt gegebenen Fällen wurde selektiert: Man hat sich auf die Proben von Sportlern konzentriert, die für einen Start bei den Sommerspielen 2016 im August in Rio de Janeiro in Frage kommen. Von einer transparenten, unabhängigen Nachkontrolle aller Proben kann also keine Rede sein.

Barack Obama: „Let the Games begin!“

Ich habe kürzlich dargelegt, warum ein Wahlsieg von John McCain der Todesstoß für Chicagos Olympiabewerbung gewesen wäre. Mit Barack Obama bekommt die Bewerbung nun einen ernstzunehmenden Drive. Auch wenn Obama derzeit Wichtigeres zu tun hat, als über die Olympischen Sommerspiele 2016 zu schwadronieren: Chicago darf wieder hoffen, ist nicht mehr aussichtlos gegen Madrid, Tokio und Rio. Jürgen Kalwa meint, ich würde zuviel spekulieren (u. a. in einem Beitrag für die SZ und einem etwas längeren für die BLZ). Ich glaube nicht, dass zuviel spekuliert wird, aber ich verklage Jürgen Kalwa nicht gleich, sondern trage noch einige Argumente vor. Philip Hersh trägt in seinem Blog in der Chicago Tribune (und in der Los Angeles Times) beinahe deckungsgleiche Argumente zusammen: „Obama and the Olympis: the secret is out“. Sage nur niemand, ich hätte abgeschrieben. Meine Zeitungstexte waren schon gedruckt, als ich Hersh per Google alert las :)

Ich habe im Laufe des Jahres mehrfach mit Chicagos Bewerbern über Obamas Rolle gesprochen, im Juni in Athen und im August in Peking. Sie haben sich verständlicher Weise mit Zitierbarem zurückgehalten, um McCain nicht zu verprellen. Off the records aber haben sie klar gemacht, dass sie voll auf den Obama-Faktor setzen. Das kann man ihnen kaum verübeln. Hören wir Obama selbst, am 6. Juni 2008, kurz nachdem Chicago vom IOC-Exekutivkomitee zu den vier Finalisten (neben Tokio, Madrid und Rio) gewählt wurde – zur Candidate City. Er wohnt übrigens – vor seinem Umzug ins Weiße Haus – nur zwei Blocks von jener Stelle entfernt, wo das Olympiastadion gebaut werden soll. Und er sagt, er würde die Spiele gern eröffnen, im Sommer 2016, wenn seine zweite Amtszeit als US-Präsident zu Ende geht. Die zweite Amtszeit, sagt er – tatsächlich:

In the interest of full disclosure, I have to let you know that in 2016, I’ll be wrapping up my second term as President. So I can’t think of a better way than to be marching into Washington Park alongside Mayor Daley … as President of the United States and announcing to the world, ‚Let the games begin!‘