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Was vom Tage übrig bleibt (2. August 21): Kristina Timanowskaja, das IOC und der mörderische olympische Diktator

TOKYO. Leute, es ist ein Wahnsinn. Die wichtigste und einzig wichtige olympische Frage des Tages lautet: Wie geht es Kristina Timanowskaja? Ist sie in Sicherheit? Wie geht es jener weißrussischen Sprinterin, die am Sonntagabend japanische Sicherheitskräfte und das Internationale Olympische Komitee (IOC) in einer dramatischen Aktion um Hilfe gebeten hat?

So habe ich heute morgen den Newsletter 14 begonnen. Inzwischen hat sich alles weiter zugespitzt. Zunächst das Wichtigste: Kristina Timanowskaja ist in Sicherheit – sie erhielt Asyl von der polnischen Regierung und befindet sich in der polnischen Botschaft in Tokio. Offenbar sind ihr Mann und ihr Kind aus Weißrussland geflohen, schreibt der Journalist Tadeusz Giczan, dessen Twitter-Kanal Pflichtlektüre in dieser Sache ist:

Vor drei Stunden berichtete Giczan unter Berufung auf Babuschka Timanowskaja, dass Häscher des Diktators Alexander Lukaschenko auf dem Weg zu den Eltern der Olympia-Sprinterin seien.

Inzwischen haben sich Polens Außenminister Marcin Przydacz und der Botschafter Polens in Japan, Paweł Milewski, zur Sache geäußert.

Tokio, was vom Tage übrig bleibt (24. Juli 21): Gruß von der iranischen Revolutionsgarde

TOKYO. Und nun zum Sport, dem nicht apolitischen aber politisch neutralen – wie es in der IOC-Diktion heißt. Da hatte der erste Tag der Corona Games doch einiges zu bieten.

Zum Beispiel gleich drei Goldmedaillen für China, Gastgeber der Winterspiele 2022 und Betreiber von Internierungslagern für Uighuren – sagen wir besser Konzentrationslager. Als ich Thomas Bach Ende 2019 in Lausanne, nicht apolitisch aber politisch neutral, mal nach diesen Konzentrationslagern gefragt habe, hat er mich nicht korrigiert. Ich fand das erstaunlich, denn normalerweise reagiert der deutsche IOC-Präsident von der FDP bei derlei unbequemen Fragen routiniert, wenn er sachliche Unstimmigkeiten oder gar Fehler ausmacht, da ist er gedanklich sehr behände. In diesem Falle kam nicht etwa dieses Was erzählen Sie denn da, das mit den Konzentrationslagern ist doch gar nicht bewiesen!, was man sonst so oft hört von irgendwelchen Propaganda-Heinis, gekauften Lobbyisten, Spindoktoren oder wichtigen Sportfunktionären. Er hat den Begriff erduldet oder erdulden müssen.

Dreimal Gold für China – läuft also für Xi Jinping, den Geschäftspartner des IOC, der übrigens mit seinen weisen Ratschlägen und Anordnungen ganz allein dafür verantwortlich ist, dass es so glänzend vorangeht mit den Vorbereitungen auf die Winterspiele 2022, auf die Human Rights Abuse Games. Dafür fällt mir bis 2022 bestimmt ein besserer Titel ein. Aber dass Xi Jinping persönlich alles auf Kurs bringt, das hat auf der IOC-Session vor ein paar Tagen das Pekinger Organisationskomitee (POCOG) berichtet – und zwar genau so. Die Direktorin für Internationale Beziehungen, Zhang Qian, die offenbar vom nordkoreanischen Staatsfernsehen ausgeliehen ist, hat jedes ihrer Worte hochoffiziell und energisch rausgepresst, wie mit der Pistole geschossen, sagt man so? Ach, sehen Sie selbst, eine halbe Minute reicht:

Tokio, was vom Tage übrig bleibt (21. Juli 21)

Für diesen Newsletter, der aus Tokio bis 10. August täglich erscheint, können Sie sich hier anmelden, dann erhalten Sie den kompletten Newsletter aktuell. Im Blog veröffentliche ich tags darauf jeweils eine eingedampfte Variante. Nach den Spielen erscheint der Newsletter wöchentlich. Nach diesen Spielen ist schon vor den Olympischen Winterspielen in Peking und der Fußball-WM in Katar – machen Sie sich aus etwas gefasst!

Wer zuletzt lacht: Rheinländer Mronz, Rücker, Laschet – Profi Bach. (Foto: IOC/Greg Martin)

Tokio Newsletter 3

URAYASU/TOKYO. Ich hatte eigentlich vor, mit einem anderen Bild aufzumachen. Aber herrje, Ehre wem Ehre gebührt – konzentrieren wir uns zunächst auf die deutsche Tragödie, die sich hinter der heutigen Vergabe der Spiele der XXXV. Olympiade an Brisbane versteckt. Hat ja genug Schlagzeilen über die sportpolitischen Narrenspiele gegeben in den vergangenen Monaten. Drei der vier Deutschen da oben waren noch vor wenigen Wochen absolut davon überzeugt, das IOC würde frühestens im Sommer 2022 die Olympischen Spiele 2032 vergeben. Oder eben später. Irgendwann.

Jetzt stellen Sie sich vor, eine Person von den vieren dort oben würde demnächst Bundeskanzler, eine andere Person schaffte es tatsächlich, den Friedensnobelpreis zu akquirieren, eine dritte Person nähme für Olympia 2036 neuen Anlauf, wahrscheinlich sogar mit Bundesmitteln unterstützt, und eine vierte Person bliebe im Amt an der Spitze der DOSB-Administration, obwohl sie Unfähigkeit hinreichend unter Beweis gestellt hat und mitverantwortlich ist für ein Klima der Angst in der Belegschaft.

Sie möchten sich das nicht vorstellen? 

Sie wollen lieber auswandern?

Es ist Ihre Entscheidung. Handeln Sie bitte nicht übereilt!

live von der 138. IOC-Session (Tag 1)

TOKYO. Ich bleibe in meiner Herberge an der Tokyo Bay in Urayasu, obwohl ich erstmals ins MPC könnte. Denn die IOC-Herrschaften tagen in Tokio im Okura Hotel. Dort darf kein Journalist rein, nicht einmal in die Nähe, verbotene Zone. Das heißt, vielleicht lassen sie einige rein, die ihnen genehm sind, who knows. Mit bedeutungsschwerer Stimme hat Jochen Färber als Zeremonienmeister die Session eingeleitet. Japans Premier Yoshihide Suga und TGIOCLOAT Thomas Bach (FDP) kamen selbstverständlich gemeinsam – und das gesamte IOC erhob sich.

So mag es der Thomas.

Leaders of the World in einem Leading Hotel of the World. (Screenshot IOC/Youtube)

Wer es noch nicht mitbekommen haben sollte:

  • TGIOCLOAT steht für The Greatest IOC Leader Of All Time.

Es kann nur einen geben.

Auf geht’s, viel Spaß heute in diesem Theater!

Und noch das: Es ist die 138. IOC-Session. Davon habe ich 31 vor Ort erlebt – und zehn weitere vom Schreibtisch aus betreut. 41 von 138. Ich bin ein Fossil.

Tokio, was vom Tage übrig bleibt (19. Juli 21) – weitere Einschränkungen für Pressevertreter

URAYASU. Einige Anmerkungen zur Nachtruhe. Doch zunächst: einen täglichen Olympia-Newsletter gibt es jetzt auch: Hier zu buchen.

Da ich noch mit anderen Themen beschäftigt bin, bin ich noch nicht im Nachrichtenflow. Aber dafür gibt es ja Twitter – und weltumspannende Agenturen. Bei Olympia ist es unmöglich, alles zu überblicken. Kein Genie schafft das. Jeder, der sich auf dem Raumschiff Olympia herumtreibt, muss aufpassen, dass er nicht nur mitgetrieben wird, sondern etwas mehr als nur das mitbekommt, was ihm im Mikrokosmos zwischen Hotel, Medienzentrum, Venue widerfährt. Mag sein, dass in der Corona-Blase von Tokio die Ablenkung viel geringer ist als sonst, wenn man sich halbwegs frei bewegen kann. Dafür geht viel Zeit mit anderen Dingen drauf.

Dass einige Arbeitswochen für die Vorbereitung verloren gingen, habe ich mehrfach skizziert. Bei gewöhnlichen Olympischen Spielen akkreditiert man sich mit einem Einzeiler beim DOSB, als Firma (ob großes Medienunternehmen oder Freelancer), irgendwann kommt die Bestätigung oder die Ablehnung, danach sind im Grunde nur noch zwei oder drei Termine wichtig: Unterkunft buchen, meist geht das nur über die Organisationskomitees, dann die namentliche Meldung der Akkreditierten – manchmal gibt es Nachfragen. Das war’s dann schon. Normalerweise kostet das vielleicht 1-2 Arbeitstage über einen Zeitraum von 1,5 Jahren gestreckt. Diesmal waren es viele Tage bis mehrere Wochen in der heißen Phase seit Ende Mai. Verlorene Zeit. Aber an diesem Punkt war ich bereits.

Es zeichnet sich ab, auch das hatte ich bereits angedeutet, dass so wenige Pressevertreter in Tokio sein werden, wie seit Jahrzehnten nicht. Das Gros derjenigen, die unter dem Label „Medien“ akkreditiert sind, gehört ja zum Fernsehen, inklusive der IOC-Firmen unter dem Dach OBS.

Die Quote, also die Obergrenze, für die E-Akkreditierungen (Press) liegt bei 6.000 für Tokio. Die Zahl der TV-Akkreditierungen (größtenteils Techniker, Produktion) beträgt ein Mehrfaches. Die Fotografen will ich nicht unterschlagen, kommen auch dazu. Bin gern bereit das zu korrigieren und mir an dieser Stelle wirklich nicht sicher, ich glaube aber, insgesamt lag die Zahl der „Medien“-Akkreditierungen schon mal bei mehr als 30.000. Ich hole diese Angaben nach.

Ich hatte vergangene Woche bereits geschrieben, dass über den DOSB 260 Presse-Akkreditierungen verteilt wurden – bis Ende Juni gab es fast ein Viertel Rückläufer, so viel wie nie. Inzwischen sollte sich die Zahl der Absagen weiter erhöht haben. Auch das wird aktualisiert.

Nun mal der internationale Aspekt, und hier wird es richtig spannend:

IOC und TOCOG rechneten noch mit 5.000 Pressevertretern in Tokio (von ursprünglich 6.000).

Am Montagmorgen waren lediglich 1.700-1.800 Pressevertreter eingereist.

Ich hatte es beschrieben: Die Abschreckungstaktik wirkt.

Vom Wert des Journalismus bei den Propagandaspielen in Tokio

Ich bin dann mal weg. Der nächste große Text, ähnlich lang wie dieser Riemen hier, kommt am Freitag aus Tokio. Und darauf freue ich mich sehr – auf den nächsten Text, weniger auf das Abenteuer in Nippon. Ich bin zwar gern in Tokio, doch diesmal ist alles anders, aber es muss dennoch sein, das versuche ich, Ihnen an dieser Stelle in 23.000 Zeichen und etwa 17 Minuten Lesezeit zu begründen. Hoffe, dass Sie so lange durchhalten.

Olympische Spiele in der Pandemie sind ein unkalkulierbares Risiko. Dennoch ziehen das Internationale Olympische Komitee (IOC), Japans Regierung und das Tokyo Organising Committee of the Olympic and Paralympic Games (TOCOG) das Projekt Corona Games durch – gegen den Willen der Mehrheit der japanischen Bevölkerung (dazu frische Zahlen). Doch in bestimmten Medien und von gewissen Journalisten wird der Supreme Leader des IOC, der den Personenkult pflegt, schon wieder in eine Art Heldenstatus versetzt. Er tut und macht nun wirklich alles für die Athleten, der Thomas Bach (FDP), der unermüdliche Diener am Weltfrieden. Am Freitag, zum Beispiel, macht er in Hiroshima alles für die Sportler, und ja, ein klitzekleines bisschen für den Friedensnobelpreis.

Und am Tag vor Hiroshima dies:

Kurzum: Sie tragen weiter dick auf. Sie kennen keine Grenzen. Sie sind schamlos. Sie briefen Reporter in ungezählten sogenannten Hintergrundgesprächen. Alles folgt einem großen Skript.

Licht am Ende des Tunnels. Sichere Spiele. Weltfrieden.

So Sachen.

Mir graut schon vor der Eröffnungsfeier. Es wird immer schlimmer. Das lässt sich eigentlich nur an der Seite von Holger Gertz ertragen, wie so oft bei Eröffnungsfeiern. Weiß gar nicht, ob er sich das antut. Würde mir aber gefallen.

Und dabei sind die Corona Games nur die Overtüre für die nächsten Propagandaspiele in einem halben Jahr in China, die Winterspiele 2022 bei Bachs Sportkameraden in Peking. Deren Büttel, als Reporter getarnte Geheimdienstler, dürfen seit Jahren sogar ungestraft in Lausanne im Palace Hotel des IOC Journalisten angreifen:

Lausanne 2015: Chinesischer Stasimann mit Medien-Akkreditierung schlägt Tibet-Protest nieder – und schlägt mir auf die Kamera.

Baron Nepp in Hiroshima: „entsetzliches Ego“ auf der Jagd nach dem Friedensnobelpreis

Vorbemerkung des Hausherrn: Zu den Corona Games kooperiere ich mit dem Journalisten und Japanologen Andreas Singler. Stammgäste in diesem Theater werden Andreas als ausgewiesenen Fachmann in Dopingfragen (Aufarbeitung, Prävention) kennen. Ich sage nur: Freiburger Sportmedizin. Andreas Singler hat gerade in zweiter Auflage sein Buch „Tôkyô 2020. Olympia und die Argumente der Gegner“ herausgebracht, das auch hier im kleinen aber feinen Shop zu haben ist. Das E-Book „Tôkyô 2020″ ist zudem Teil des Tokio-Olympiapasses, mit dem Sie unabhängige und fachgerechte Berichterstattung während der Corona Games finanzieren können. Darüber hinaus gibt es das exklusive Tokio-Superpaket „Licht am Ende des Tunnels“ mit insgesamt sieben E-Books und vier E-Papern.

Aber dazu morgen zu meiner Abreise nach Tokio mehr, im ab dann täglich erscheinenden Olympia-Newsletter und in einem ausführlichen Blogbeitrag. Auf geht’s!

Exclusive: A leaked list discloses how much cash the IOC has paid for the 2016 Olympics in Rio

SPORT & POLITICS, Heft 2

For the first time it can be revealed in detail how much cash the IOC paid to an Olympic host. Investigative journalist Jens Weinreich publishes the list of 117 payments to Rio 2016 in a worldwide exclusive in his magazine SPORT & POLITICS. The revelation helps to understand one of the most fundamental questions around the Olympic movement these days:

What kind of contribution can Tokyo 2020 really expect from the IOC?

EXCLUSIVE: How dependent federations are on the revenues of the Olympic Games

IOC President Thomas Bach receives a $ 8.8 million donation from FIE president Alisher Usmanov: The Original Manuscript outlining the revival of the Olympics by Pierre de Coubertin. (Photograph by Greg Martin/IOC)

How does IOC President Thomas Bach manage the crisis around the Tokyo Games? Criticism is stifled and there is no financial plan for sports federations affected by the postponement.

Tokio 2020: Schmiergeld für IOC-Stimmen

Die Debatte, auf welchen Wegen Tokio an die Olympischen Spiele 2020 gekommen ist, erhält neue Nahrung. Die Nachrichtenagentur Reuters berichtet, auch unter Berufung auf das japanische Monatsmagazin Facta, von weiteren dubiosen Millionenzahlungen des vormaligen Bewerbungskomitees aus Tokio. Das Internationale Olympische Komitee (IOC) hatte die Sommerspiele auf seiner Session im September 2013 vergeben. Tokio gewann damals gegen Istanbul (60:36 IOC-Stimmen in der Finalrunde) und Madrid. 

Dokumentiert sind nun diese Zahlungen des Tokioter Bewerbungskomitees:

  • 8,2 Millionen Dollar flossen an eine Firma des einflussreichen Sportvermarkters Haruyuki Takahashi.
  • 1,3 Millionen wurden an das Kano Institut des ehemaligen japanischen Ministerpräsidenten Yoshiro Mori gezahlt, der heute als Präsident des Olympia-Organisationskomitees TOCOG amtiert.