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Was vom Tage übrig bleibt (104): die Usancen im Verein Doping-Opfer-Hilfe

Über die traurigen Vorgänge im Verein Doping-Opfer-Hilfe e.V. (DOH) hat Markus Völker in der taz einen geradezu bedrückenden Text veröffentlicht. Lesebefehl:

Er schreibt u.a.:

Es ist ein unheimlicher Streit, weil, vereinfacht gesagt, die Guten gegen die Guten kämpfen und den Bösen damit vielleicht in die Hände spielen. Es ist aber auch ein unheimlicher Streit, weil man als Rechercheur das Gefühl hat, knietief in einem Sumpf aus Vorhaltungen, Neidkomplexen und gekränkter Eitelkeit zu waten und nicht so recht weiß, wie man sich von da aus wieder auf eine Sachebene begeben kann. Neuerlich hochgekocht ist der Konflikt nach einem Bericht des in Neubrandenburg erscheinenden Nordkuriers: „Wie sauber ist die Hilfe für Opfer von DDR-Doping?“

Der Verfasser, Thomas Krause, hat sich bislang wohl eher nicht mit der Materie „Dopingopferhilfe“ befasst, er wurde zum Autor des Stückes, weil in seiner Stadt der stasi- und dopingbelastete Leichtathletiktrainer Dieter Kollark („IM Alexander“) arbeitet und weil Vorwürfe des Minderjährigendopings aufgekommen sind, die der 73-jährige Kollark vehement bestreitet; gegen die FAZ und den Tagesspiegel ist er deswegen juristisch vorgegangen.

Krause fiel schon vor ein paar Wochen als Sprachrohr Kollarks auf. Leider trifft er diesmal einen sehr wunden Punkt. Unlängst hat sich sogar der sehr verdienstvolle Anti-Doping-Aktivist Henner Misersky aus dem DOH zurückgezogen – im erbitterten Streit.

The IOC, the olympic family and the absolutely impeccable reputation of KGB/FSB agents

[caption id="attachment_26158" align="aligncenter" width="500"]vlad-vitaly KGB agents: Vladimir Putin and IOC honorary member Vitaly Smirnov – chair of a new „anti-doping commission“ and architect of the Soviet sports empire  (Photo: President of Russia)[/caption]

There are still astonishing deep links at the heart of the Olympic movement, the International Olympic Committee (IOC) and the secret services of the Soviet Union (KGB) and Russia (FSB). Even senior IOC members have told me repeatedly: the answers to many thrilling Olympic questions will be found in the Lubyanka archives. Additionally my Russian friends are telling me: it is all in the KGB files.

Will we ever get to know?

Recently we heard a lot about the major role of the Russian Federal Security Service (FSB) in the state-orchestrated doping scheme. According to Richard McLaren’s stunning report, the FSB agents responsible for the state-sponsored doping conspiracy were called „the magicians“.

Die obskure Welt des Gewichtheber-Bosses Tamás Aján (I): Geschäfte mit der Dopingkultur

[caption id="attachment_16010" align="alignright" width="199"]IWF-Supremo Tamás Aján (c) IWF Tamás Aján (c) IWF[/caption]

Dies ist der Auftakt zu einem Mehrteiler, der das Innenleben in einem der olympischen Weltverbände nachzeichnet, die weniger im Fokus stehen als FIFA oder UCI: in der International Weightlifting Federation (IWF) unter Tamás Aján, 74. Der Ungar wirkt seit Anfang der 70er Jahre in der IWF-Spitze, zunächst als Vizepräsident, seit 1976 als Generalsekretär, seit 2000 ist er Präsident. Im selben Jahr rückte er ins IOC ein, noch auf Vorschlag des greisen Juan Antonio Samaranch.

Nicht nur biografisch ist Aján ein Sportkarrierist; er gehört auch mental zu dem Typus, den man gern in irgendeinem entfernten Reich der autokratischen Fossile verorten würde – wüsste man nicht, dass die so genannte olympische Familie noch immer dieses Reich ist. Kritikern hält Aján beispielsweise entgegen, es brauche schon „ein Buch“, um all die „revolutionären Verbesserungen“, die er fürs Gewichtheben erreicht habe, auch nur „aufzulisten“.

Das Zitat stammt aus einem internen Rundbrief – Teil eines Stapels von Dokumenten, die ich seit Dezember zur IWF recherchiert habe, ursprünglich, weil ich über ein Dopingthema schreiben wollte. Das führte dann weiter, dazu in den nächsten Tagen mehr.

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Die obskure Welt des Tamás Aján, ein ganz normaler olympischer Weltverband:

Korruption in der IWF? Wo sind die IOC-Millionen?

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Aktueller Anlass dieses Mehrteilers: Am Pfingstmontag (20. Mai 2013), beim Wahlkongress der IWF im Radisson Royal in Moskau, dem legendären ehemaligen Ukraina, erlebt die Heberszene ein historisches Ereignis. Erstmals in beinahe vier Jahrzehnten bekommt Aján, der natürlich wieder Präsident werden will, Gegenkandidaten.

Dass der Dauerherrscher die IWF wie ein Familienunternehmen betreibt, inklusive obskurer Geldgeschäfte, hat eine bemerkenswerte Opposition hervorgebracht, mit Ideen, die für die Internationalen Sportföderationen neu sind. Die gute Rolle, die dabei der Bundesverband Deutscher Gewichtheber (BVDG) spielt, wird in diesem ersten Teil thematisiert – und auch, wie die deutschen IOC-Granden Thomas Bach und Walther Tröger auf Querdenker in den eigenen Reihen reagieren.

Aján übrigens hat auf eine Anfrage, auch zum Umgang seines Weltverbandes mit der Dopingfrage, nicht geantwortet.

* * *

Ordensverleihungen dürfen bei Kongressen in der Welt des Sports, wo es oft zugeht wie auf kommunistischen Parteitagen, nicht fehlen. Auch Tamás Aján sieht das ganz sicher so: In der vergangenen Woche jedenfalls hat er auf den Zeremonienpart beim Wahlkonvent in Moskau eingestimmt: Per Mail schlug er sieben Funktionäre („distinguished persons“) als künftige Träger des IWF-Ordens in Gold und Silber vor. Die Reaktionen kennzeichnen die aktuelle Stimmungslage unter den Gewichtheber-Funktionären recht gut: Ein Mitglied des Executive Boards protestierte gegen Ajáns Alleingang und fragte nach, warum über diese Personalien nicht in der letzten Sitzung des Gremiums debattiert worden sei. Einer der Ordensträger in spe lehnte ab, er habe schon genug Auszeichnungen. Ein dritter Offizieller quittierte einen der Aján-Vorschläge mit Spott – seine grafische Fingerübung mailte er an die IWF-Mitglieder, die Nationalverbände:

Hassan Akkus

Die rekordverdächtigen zwei Dutzend Dopingfälle unter dem Verbandspräsidenten Hasan Akkus zeigen systematisches Doping beim türkischen Hebernachwuchs an: Der Großteil wurde im letzten Dezember, bei und nach den U23-Europameisterschaften detektiert, Stanozolol-Fälle allesamt. Zu den Hintergründen ist bis heute nichts bekannt. Der altgediente Funktionär Akkus ließ auch gar keine Aufklärungsabsichten erkennen, er trat lieber eilig mitsamt seinem Präsidium zurück. Kuriose Begründung: „Wo Doping ist, da sind wir nicht.“ Akkus, muss man hinzufügen, steht auch der Medizinischen Kommission der IWF vor. 2011 spielte er in Istanbul den Gastgeber für die so genannte „IWF-Welt-Antidoping-Konferenz“ – eine Veranstaltung, für die Aján 250.000 Dollar verausgabte, nach Auffassung seiner Gegner (die vergeblich protestierten) aber bloß eine Beruhigungspille fürs Publikum, weil der Präsident öffentlich unter Druck geraten war in der Dopingfrage.

9. November

Das war die wichtigste Seite der Tageszeitung „Deutsches Sportecho“ vom 9. November 1989, den ich an meinem Roten Kloster in Leipzig verbracht habe. Der DTSB wollte das Ruder herumreißen, irgendwie. Das Sportecho war Bückware in der DDR, es war – wenn ich mich recht erinnere – Organ des Bundesvorstandes des Deutschen Turn- und Sportbundes (DTSB) der Deutschen Demokratischen Republik. Oder so.

Deutsches Sportecho, 9. November 1989: "Beitrag des DTSB in der Zeit der Erneuerung" (1/2)

IOC-Ehrenpräsident Samaranch und der KGB

JAS, Guatemala 2007

IOC-Ehrenpräsident Juan Antonio Samaranch hat einst dem Diktator Franco im Range eines Sport-Staatssekretärs gedient. Erst jüngst wurde in Spanien wieder über Fotos debattiert, die den 89-Jährigen mit erhobenem Arm zeigen – beim Faschistengruß. Nun behaupten russische Autoren, Samaranch sei Agent des sowjetischen Geheimdienstes KGB gewesen.

„Der KGB spielt Schach“ heißt ein auf Russisch frisch erschienenes Buch. Darin geht es vor allem um den Einfluss des Geheimdienstes auf die Schach-Elite der Sowjetunion, um atemraubende Machenschaften bis hin zu Mordkomplotten. Neben dem Historiker Juri Felschtinski zählen die Schach-Großmeister Wiktor Kortschnoi und Boris Gulko zu den Autoren – sowie Wladimir Popow, ehemals ranghoher KGB-Führungsoffizier. Popow hat einst hunderte Quellen und Agenten im Sportbusiness geführt und bearbeitet. Er behauptet: KGB-Sportagent war nicht nur der langjährige Schach-Weltmeister Anatoli Karpow (Deckname Raul), sondern auch Juan Antonio Samaranch, IOC-Präsident von 1980 bis 2001.

Die Verbal-Salti des Christoph Bergner

Mit welchen Methoden arbeitet die Abteilung Sport des Bundesinnenministeriums, mit welchen Methoden arbeitet der Sportminister Wolfgang Schäuble (CDU), wie sein Sport-Staatssekretär Christoph Bergner (CDU/SV Halle), wie die so genannten Kontrolleure des Sports und des BMI-Sports, also die Umfaller und MdB’s aus dem Sportausschuss?

Stammlesern sind diese Fragen nicht fremd. Es sind Kernfragen in diesem Theater. Und das Theater geht weiter.

Am vergangenen Montag, zwei Tage vor der letzten Sportausschuss-Sitzung, teilte Christoph Bergner, Parlamentarischer Staatssekretär im BMI, dem Sportausschuss-Chef Peter Danckert (SPD/Pferdesportverband Berlin-Brandenburg/Nada-Kuratorium) mit, dass von Sportverbänden, die Dopingtrainer mit Steuermitteln beschäftigt haben, durchaus Geld zurückgefordert werden kann. „Kann sanktioniert werden“, schreibt er.

Zwei Tage später stellte Bergner den Sachverhalt in der öffentlichen Debatte im Bundestags-Sportausschuss allerdings anders dar und behauptete, es gäbe „keine Möglichkeiten“, Fördermittel zurückzufordern. Er sehe es als „nicht gerechtfertigt“ an. Komisch.

Hier ist übrigens der Brief von Bergner:

Hat Bergner die Wahrheit gebeugt? Haben Abgeordnete der Regierungskoalition, die den Brief kannten, wider besseren Wissens entschieden, als sie den Antrag der Bündnisgrünen, die u. a. eine unabhängige Überprüfung entsprechender Sportfördermittel seit 1991 (insgesamt in Größenordnungen von mehreren hundert Millionen Euro) gefordert hatten, kollektiv abschmetterten? Steht es in der Macht des Innenministers und seiner Sportabteilung, sich selbst von der Kontrollpflicht zu befreien und dauerhafte Verstöße über beinahe 20 Jahre zu bereinigen?

Am 15. Juni schrieb Bergner, dass die Zuwendungsbescheide des BMI für Sportverbände zum Teil schon seit 1982 Anti-Doping-Klauseln enthalten. Der Deutsche Leichtathletik-Verband (DLV), um dessen sechs Trainer es derzeit geht, habe vorbildliche Arbeitsverträge abgeschlossen, die ausdrücklich das Recht auf außerordentliche Kündigung bei Dopingvergehen enthalten. Interessant, dass Bergner einen siebten Fall erwähnt, allerdings nicht namentlich. Es folgt ein Bandwurmsatz:

In Bezug auf den DLV ist festzustellen, dass auf der Basis der Nebenbestimmungen der gegenwärtigen Bewilligungsbescheide eine Weiterbeschäftigung von Trainern, bei denen ein Verstoß gegen die „Rahmenrichtlinien zur Bekämpfung des Dopings“ des DOSB vorliegt und der DLV nicht die nach den Nebenbestimmungen vorgesehenen Konsequenzen zieht, sanktioniert werden kann.

Noch einmal: Zwei Tage später behauptete Bergner in der Öffentlichkeit das Gegenteil.

„Dieser Widerspruch ist völlig inakzeptabel“, kommentierte Grünen-Sportsprecher Winfried Hermann im Deutschlandfunk im Gespräch mit Herbert Fischer-Solms. „Schriftlich erklärt Bergner: Es geht. Mündlich erklärt er: Es geht nicht.“ Das komplette Interview:

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Zur Information gern auch noch einmal die Stellungnahme von Martin Nolte.

Sportpolitisch und zuwendungsrechtlich birgt Bergners Brief enormen Zündstoff. Denn eigentlich müsste die Vergabe der Sportfördermittel überprüft werden, müsste der Verband wegen fortgesetzter Verstöße über einen Zeitraum von fast 20 Jahren sanktioniert werden. Das Parlament wäre in der Pflicht, eine solche Überprüfung anzuordnen. Doch der Antrag wurde abgelehnt. „Ein Allparteien-Kartell von CDU und SPD, bis hin zu FDP und Linken, ist nicht bereit, Konsequenzen zu ziehen“, rügt Hermann.

Der Sportausschuss soll ein Kontrollorgan der Regierung sein. In der Leistungssportförderung müssen also vor allem das Bundesministerium des Innern, Minister Wolfgang Schäuble und die in Bonn angesiedelte Abteilung Sport kontrolliert werden – und natürlich auch die Sportverbände. Doch immer, wenn es ernst wird, wird es im Ausschuss schnell peinlich. Das mag vielleicht auch an den Vielfach-Funktionen zahlreicher Abgeordneter liegen.

Nur einige Beispiele:

DOSB-General Michael Vesper schreibt …

Im Sport spielt die Glaub- und Vertrauenswürdigkeit seiner leitenden Mitarbeiter eine herausragende Rolle. Haupt- und ehrenamtliche Funktionäre im Sport sollten – orientiert an den in seinen Leitbildern formulierten Grundsätzen – Vorbildwirkung entfalten. Bundestrainern/-innen und Stützpunktleitern/-innen sind viele Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene anvertraut, so dass es gerade bei ihnen in besonderem Maße auf Vertrauenswürdigkeit und Vorbildwirkung ankommt. Dies gilt auch im Hinblick auf breite öffentliche Wirkung vieler Sportarten und die damit einhergehende Publizität jedes auftretenden Problemfalls.

— Michael Vesper, DOSB-Generaldirektor

Vorsorglich, falls die Propaganda darauf hinaus laufen sollte, dass künftig auch die Stasi-Richtlinien und die entsprechenden Überprüfungen gelockert oder ganz und gar aufgegeben werden sollten, stelle ich ein wichtiges Dokument zur Diskussion. Anbei also als pdf-Datei und nachfolgend komplett als jpg ein Brief aus dem Oktober 2006, in dem DOSB-General Michael Vesper (Bündnis 90/Die Grünen) ausdrücklich im Namen seines Vorgesetzten Thomas Bach (FDP) darum bittet, dem organisierten Sport im damals zu novellierenden Stasiunterlagengesetz weitere Überprüfungsmöglichkeiten einzuräumen. Momentan aber hört man, es gebe Bestrebungen, Überprüfungen für die kommenden Winterspiele in Vancouver nicht mehr durchzuführen.

Antje und Henner Misersky: „Erst die Medaillen, dann die Moral!“

Ich habe meinen Sport geliebt. Aber ich wollte nicht alles mitmachen, was man von mir verlangte.

— Antje Harvey-Misersky, 1999

Biathlon-Olympiasiegerin Antje Harvey-Misersky, ihre Schwester Heike sowie ihre Eltern Ilse und Henner Misersky schließen sich dem Aufruf der Dopingopfer vom 1. April an. Sie bitten mich, Ihre Stellungnahme zu veröffentlichen. Sehr gern, denn ich schätze die Familie Misersky außerordentlich.

Zur geplanten Erteilung einer „Generalamnestie“ für Doping- (und Stasi?)-Täter

Bereits 1991 haben wir in Briefen an den damaligen DSB-Präsidenten von Richthofen, den Sportausschuss des Bundestages, den Deutschen Skiverband sowie die Landesregierung Thüringen gegen die Übernahme eindeutig doping- oder/und stasibelasteter Personen aus dem DDR-Leistungssportsystem warnend protestiert und eine umfassende Überprüfung gefordert.