nachruf

RIP, Walther Tröger

Walther Tröger (†) auf der IOC-Session 2011 in Durban bei seiner Rede für die Münchener Olympiabewerbung. (Foto: IOC/Richard Juilliart)

Kurz vor Vollendung seines 92. Lebensjahres starb gestern Walther Tröger.

Walther Tröger hat den deutschen Sport ein halbes Jahrhundert lang geprägt. Auf Tröger’sche Art, wie sonst, mit allen Höhen und Tiefen. Er war NOK-Generalsekretär, NOK-Präsident, IOC-Sportdirektor (wirklich ehrenamtlich) und IOC-Mitglied. Gewiss, der liebe Walther war kein Visionär, sondern eher ein Verwalter. So habe ich es oft genug beschrieben – doch zwischen diesen Titulierungen liegen reichlich Grautöne. Vor allem: Es brauchte stets einen wie ihn.

Man muss sich das bewusst machen: Tröger hat mehrere Epochen mitgestaltet. Zu Beginn seiner NOK-Tätigkeit organisierte er gemeinsame deutsche Olympiamannschaften, mitten im Kalten Krieg. Als das IOC das ostdeutsche NOK voll anerkannte, reagierten Willi Daume & Co, dazu gehörte eben auch Tröger, mit dem Plan München 1972. Während dieser Spiele war Tröger Bürgermeister des Olympischen Dorfes. Dann organisierte er weitere zwei Jahrzehnte die (west)deutschen olympischen Belange und diente in der Phase der kommerziellen Umgestaltung Olympias (inklusive der Modernisierung und Öffnung des Programms für Profis) als IOC-Sportdirektor. Der Kalte Krieg tobte noch immer.

Die Mauer fiel – und Tröger organisierte 1992 halt wieder gemeinsame, nun die gesamtdeutschen Olympiamannschaften. Weiter, immer weiter, mit all den Problemen, die der Vereinigungsprozess mit sich brachte.

Eine atemraubende Vita. Von der Nachkriegsära bis ins dritte Jahrtausend.

Walther Tröger war, bei allen gestalterischen Schwächen in der Spätphase, ein großer Olympier.

Er war ein feiner Mensch. Stets korrekt, was im olympischen Umfeld keine Selbstverständlichkeit ist.

Meinen Respekt hat er vor vielen Jahren auch deshalb gewonnen, weil er denjenigen gegenüber, die ihm große Schmerzen zugefügt haben, geradezu erbittert loyal geblieben ist. Er hat, soweit es mir bekannt ist, eben keine belastenden Dokumente und Stories durchgesteckt. Einerseits missfiel mir das, besonders in meinen jungen und wilden journalistischen Jahren, andererseits wusste ich es mit der Zeit zu schätzen.

So war er halt. Ein Gentleman.

Don Mario Vázquez Raña (†)

[caption id="attachment_19795" align="aligncenter" width="1024"]Foto: PASO Don Mario Vázquez Raña (Foto: PASO)[/caption]

Da ist es nur noch einer aus dem einst so mächtigen Latino-Quartett, das den olympischen Weltsport ein Vierteljahrhundert beherrschte und viel länger prägte. Nach Primo Nebiolo († 1999) und Juan Antonio Samaranch († 2010) starb Don Mario Vázquez Raña am Sonntagmittag in Mexico City. Er wurde 82 Jahre alt, hinterlässt eine Frau, fünf Kinder, zahlreiche Enkel und eine große olympische Geschichte.

Don Mario, Medien-Tycoon, ein líder del olimpismo, ein Freund Fidel Castros. Ein Vertrauensmann der IOC-Präsidenten Samaranch und Jacques Rogge. Und einst auch ein Partner von Horst Dassler.

Bleibt Jean-Marie Faustin Goedefroid de Havelange, João genannt, der am 8. Mai seinen 99. Geburtstag feiert und im kommenden Jahr als 100-Jähriger die Olympischen Spiele in seiner Heimatstadt Rio de Janeiro erleben will.

† Anwar Chowdhry

Anwar Chowdhry

Kleine Nachtlektüre. Einer der korruptesten olympischen Sportfunktionäre aller Zeiten, das will schon was heißen, ist verstorben.

Anwar Chowdhry aus Pakistan, einst Mitglied der so genannten sportpolitischen Abteilung von Adidas (neben John Boulter, Jean-Marie Weber, Thomas Bach und anderen), wurde 88 Jahre alt.

Er war ein enger Kampfgefährte des kürzlich ebenfalls verblichenen IOC-Supremo Juan Antonio Samaranch, wurde 1986 von Adidas auf den AIBA-Thron gehievt, in einer sagenumwobenen Wahlschlacht in Bangkok, mit Sex und Huren und Geld und allem – blendend dokumentiert sind die Vorgänge übrigens in Stasi-Akten.

Ich habe in den vergangenen Jahren viel berichtet über Chowdhrys Machenschaften, u.a. in diesem Buch. Eine Reportage von den Olympischen Spielen 2000 in Sydney fasst seine Ära ganz gut zusammen, glaube ich. Es ist eine meiner Lieblingsgeschichten zu Anwar Chowdhry, der sich gern als „höchstdekorierten Sportführer der Welt“ bezeichnet hat. Ich finde es außerordentlich schade, dass ich damals noch nicht fotografiert habe. Dieses Gespräch mit ihm in den Katakomben der olympischen Box-Arena hätte ich auch ganz gern auf Video aufgenommen.

† Juan Antonio Samaranch

Er hat ein stolzes Alter erreicht. Er war der prägende olympische Sportfunktionär der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts. Neben dem IOC-Gründer Pierre de Coubertin war Juan Antonio Samaranch, der heute in seiner Heimatstadt Barcelona verstarb, sicher der wichtigste aller bisherigen acht IOC-Präsidenten. Der treue Diener des Caudillo, der überzeugte Franquist.

[caption id="attachment_28741" align="aligncenter" width="530"]Juan Antonio Samaranch, Francisco Franco Juan Antonio Samaranch, Francisco Franco (c) democracyanddignityinsport.cat[/caption]